Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 12 (25.3.1910)
- Date
- 1910-03-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 12 vornherein eine wenig erfolgversprechende. Immerhin wird es gut sein, nicht wieder die Organisationsformen zu ändern, sondern den vor zwei Jahren geschaffenen Verband und sein Statut aufrechtzuerhalten. Wir müssen endlich nach jahrelangem Herumbessern an der Organisation zu. einem kontinuierlichen Zustand kommen. Die Integration selbständiger Glieder, wie sie der westösterreichische Distriktsverband darstellt, ist zweifellos ein gesundes Prinzip für die zionistische Organisation. Es wird sich wohl auch mit der Zeit in der Praxis immer mehr bewähren. Wir heißen den Parteitag in-Wien herzlich willkommen!^ Von der Woche. Purim. Einst stellte das Purimfest den Höhepunkt jüdischer Ghettofreude dar. An diesem Tage getraute sich der jüdische Schalk ans Tageslicht. Was in der jüdischen Ghettoseele an Verspottungs- und Schabemakslust lag,' machte sich in Liedern und Gesangsspielen, welche die Purimsage zum Inhalt hatten, Luft. Hamaii wurde hundertfach verspottet, Ahasver der Lächerlichkeit preisgegeben, seine Hofschranzen giftig verhöhnt. Aber auch lustige Volkslieder voll Ungebundenheit und Frohsinn hielten an diesem Tage ihren Einzug in die Judengasse und arm und reich ergötzte sich an ihnen. Wie ein leuchtender Punkt auf dunklem Hintergrund hob sich das Purimfest von der Schwermut ab, welche auf dem Ghetto lastete. Darum sehnte sich alt und jung nach dem strahlenden, glänzenden Purimfest. Heute hat das Purimfest viel von seinem Glanze eingebüßt. Andere Zeiten, andere Lieder! Nicht nur die dem Judentum Entfremdeten, sondern auch die gläubigen und nationalen Juden stehen diesem Fest mit anderen Gefühlen gegenüber. Heute ist das Chamikafest in die Ehren eingesetzt worden, welche es als Gedenktag jüdischer Selbsthilfe verdient. Ein neuer'Geist lebt im jüdischen Volke, der Geist des nationalen Stolzes, der Zukunfshoffnung. Dieser Geist sucht nach Beispielen in der Geschichte, welche Zeugnis von der Tatkraft des jüdischen Volkes ablegen. Solche Beispiele gaben die Makkabäer, ein leuchtendes Vorbild ist das Leben Mosche Rabenus. Was aber sagt uns heute J noch das Intriguenspiel am Hofe des persischen Königs? Dem listigen, geduckten, furchtsamen Ghettojüden gefiel Mordechai, wir aber beugen uns in Ehrfurcht vor Moses und Juda Makkabi. ♦ Neustadtls Klage. Herr Bezirksrat Neustadtl, gegenwärtig der drolligste jüdische Gemeinderatskandidat der Leopoldstadt ist sehr traurig und niedergedrückt. Es wurde ihm beim Leichenbegängnisse Luegers nicht der gebührende Platz eingeräumt, er war zu weit nach rückwärts verlegt. Diese Zurücksetzung hat ihn tief gekränkt. Er hat einer Sitzung der Bezirksvertretung bitter Beschwerde geführt und der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß er bei künftigen Trauerkundgebungen weiter nach vorne komme. Wir wünschen Herrn Neustadtl aus vollem Herzen, daß seine Bitte weitgehendst berücksichtigt werde. Er soll gleich hinter Bielohlavek, Steiner und Gregorig gehen dürfen und von allen dreien tüchtige Fußtritte bekommen. * * * Totgeborene Hoffnungen. Seit der Gründung des „Deutschen Nationalverbandes“ und dem Tode Dr. Luegers huldigt man im deutschfreiheitlichen Lager wieder allerlei Illusionen über die Möglichkeit einer neuen „freisinnigen“ Aera. In assimilatorisch-jüdischen Kreisen, wo man systematisch den deutschnationalen Antisemitismus übersieht und lange Zeit den Antisemitismus ausschließlich mit den Christlichsozialen und speziell mit Dr. Lueger identifizierte, glaubte mancher sogar an einen bevorstehenden Zerfall derChristlichsozialen. Man verkennt noch immer die Motive des Niederganges der deutschfreiheitlichen Gruppen, sowie des Siegeszuges Dr. Luegers, die sowohl nationaler wie ökonomischer Natur sind. Die deutschnationalen Parlamentarier erblicken ihre Hauptaufgabe in der Wahrung ihres nationalen Besitzstandes und glauben noch immer an die Möglichkeit einer deutsch-polnisch-magyarischen Vorherrschaft über die anderen Nationalitäten — an superiore und inferiore Rassen — diese Anschauung, die mit logischer Konsequenz zum Rassenantisemitismus führt und auch im kontradiktorischen Gegensatz zum wohlverstandenen österreichischen Reichsgedanken steht, ebnet dem Klerikalismus und Schönerianismus den Weg. Und in der Tat ist auch der Rassenantisemitismus deutschnationalen Ursprunges; sein erster, radikalster und konsequentester Propagator war Georg Schönerer und ist es auch bis heute geblieben. Die geistigen Waffen, mit denen er und seine Erben im „Deutschen Nationalverband“ die österreichischen Juden bekämpfen, wurden im preußischdeutschen Reiche der ,Tugend und frommen Gottesfurcht“ von — Duhrin g, Stöcker und Treitschke etc. geschmiedet. Später hat der Klerikalismus sich der antisemitischen Schlagworte bedient und mit Hilfe des christlichsozialen Programmes wurde die jungklerikale, vulgo christlichsoziale „Reichspartei“ geboren, deren seinerzeitiger Parteichef Prinz Liechtenstein ist, deren derzeitiger Führer der Klerikalen, der sich später mit Dr. Lueger und dessen engeren Anhang verband. Die Annektierung des österreichischen Reichsgedankens und des Fischhofschen nationalen Versöhnungsprogrammes durch die Christlichsozialen hat diesen zur heutigen Macht verholten, die ihnen durch eine modern-demokratische Reichspartei, bestehend aus den Modernen aller Nationen, keineswegs aber durch jenen „Deutschen Nationalverband“ entrissen werden kann, der durch Dieselben Leute greifen das Zentralkomitee auch deshalb an, weil es vor dem Parteitag keine Thesen oder dergleichen verlauten ließ. Wir sind nicht die Verteidiger des Zentralkomitees, aber diesen Angriff müssen wir dennoch als völlig verfehlt bezeichnen. Das Aufstellen von Thesen ist an und für sich eine Sache von sehr zweifelhaftem Wert. Die meisten Dinge, die verhandelt werden, stellen einen Komplex von Fragen dar, die alle im Flusse sind, und mit ihrer Entwicklung ändert sich auch der Standpunkt, den man zu ihnen einnimmt. Nachdem der Zionistentag alle zwei Jahre Zusammentritt, hat es wenig Sinn, Thesen aufzustellen, welche durch die Entwicklung schon in wenigen Monaten gegenstandslos werden. Nur dort, wo es sich um prinzipielle Fragen handelt, ist das Aufstellen von (Thesen, das scharfe Festlegen von Prinzipien, von Wert. Daher hat auch der Kultusgemeindenreferent Thesen aufgestellt und veröffentlicht. Die anderen Referenten erklärten, keine Thesen aufstellen zu wollen. Soll das Zentralkomitee sie etwa dazu zwingen? Haben vielleicht die Referenten am Kongreß Thesen aufgestellt? Es wird auch gesagt, der Parteitag hätte in der Presse besser „vorbereitet“ werden sollen. Damit wird die Diskussion der Fragen verstanden, die den Parteitag beschäftigen. Ja, was tut denn die Presse sonst das ganze Jahr? Beschäftigen wir uns nicht ausschließlich mit diesen Fragen, mit Kultusgemeinden, Kongreß, Nationalfonds, Palästina, etc.? Wer seine Stimme am Parteitage in die Wagschale werfen will, muß die Probleme, zu denen er Stellung nimmt, als Zionist kennen, nicht zuletzt aus der fortgesetzten Lektüre der Parteipresse. Die Referate über Nationalfond und Palästina werden wohl kaum Anlaß zu größeren Meinungsverschiedenheiten geben. Die österreichische Landsmannschaft steht schon seii Jahren auf dem Standpunkt, daß eine energische und systematische Palästinaarbeit von unserer Organisation geleistet werden müsse und ihre Wortführer haben sich dafür stets mit aller Energie eingesetzt Die Einmütigkeit in dieser Frage wird umso erfreulicher sein, als die überragende Bedeutung, welche die palästinensische Entwicklung für den Zionismus hat, immer klarer erkannt wird. Was das Zentralkomitee selbst betrifft, so wird der Parteitag sich vor allem darüber klar werden müssen, ob sich seine Einrichtung bewährt hat Die Personen, aus denen es besteht, haben gewiß ihr bestes getan, die ganze Institution ist aber angesichts der Autonomie der Distrikte von über sein junges Weib Frime in holder Gemütsruhe. Eine weiche, trauliche Atmosphäre schwebte über den schlichten Einrichtungsgegenständen der weiß getünchten Stube. Es war Nachmittagsruhe. Da wurde die Tür aufgerissen und herein stürzte ein rotbackiges Bauernmädchen. „Verkleidete sind da!“ rief sie wie jemand, der eine Feuersbrunst meldet, „sie sind zum Herrn Verwalter gegangen, dort sind auch Musikanten und lustig geht’s zu.“ Damit verschwand sie wie der Wind. Frime erhob sich indessen behende, daß der Staub aus dem alten Herrschaftssofa sprühte, und trat leise zu ihrem Manne mit einem bittenden Lächeln um den weichen Mund. Der rauhe, schwarzbärtige Schaffer starrte auf dies anmutige Frauenbild mit den weichen und runden Formen wie entzückt, zumal da ihre Augen so sonderbar strahlten, als kämen sie aus dem Lande der Ahnungen und der Träume. „Du, Frime, ein Junge muß es sein!“ flüsterte er heiß, indem er sie zart und behutsam an den weißen Händen faßte. „Schon wieder, du Kindemarr!“ sagte sie neckisch; „aber wenn du schon ja so lieb und gut bist, führe mich zum Verwalter hinüber, ich will Musik hören, sonst werde ich noch so trüb wie ein altes, verlassenes Weib und dies könnte jemandem schaden ...“ : r „Nein, das geht nicht“, unterbrach er sie, „wirst dich erkälten, aufregen und weiß Gott was noch ...“ Und sie, schmollend: „Den ganzen Winter hältst du mich wie in einem Kerker. Zwei Unterhaltungsabende mit Tanz waren schon hier, ich durfte nicht hingehen, ich wollte auch nicht, schon des Tanzes wegen. Aber heute, wo es bloß eine unschuldige Belustigung gibt, heute will ich hingehen. Es ist ja Purim. Mein Gott, was war das für eine Fröhlichkeit bei meinen Eltern ... alle die Maskierten, der eine als Haman, der andere als Ahasverus, und das Spiel ..Dabei schlüpfte sie in den Mantel, der mit Pelz umbrämt war. Und bald darauf trippelte sie, beinahe vermummt, auf dem glattgetretenen Schnee dem stattlichen Wohnhaus des Verwalters zu. Unwillig, wie verschämt, hielt der ungeschickte Schaffer seine Hand unter ihrem Arm, denn daran war er nicht gewöhnt, und auch sie konnte sich eines Gefühles des Staunens nicht erwehren. Es berührte sie schier peinlich, daß der plumpe Mensch so folgsam und so zärtlich war, denn sie fühlte, daß es nicht ihr zuliebe geschah. Er war kein schlechter Mensch, aber roh und rauh. Wo hätte er auch weiche, feine •' Umgangsformen hernehmen sollen. Zu ihr war er ja sehr gut, doch zärtlich sein war ihm fremd. „Die Frau ist der Kinder wegen da“, wiederholte er. Eine Ehe ohne Kinder wäre kein richtig Ding. Er gestand es selbst ein, nach einem Kinde sehnte er sich wie ein Durstiger nach einem Tranke. Wie hatte er nach dem Tode des erstgeborenen — vor einem Jahre war’s — geschluchzt und gegen Gott gegrollt! Wie ein Heide hatte er in seiner Verzweiflung Gott gehöhnt, bis sie das erlösende Wort fand: „Gott hat’s gegeben, Gott hat’s genommen.“ Diese Erinnerungen abschüttelnd, trat sie in den heiteren Wohnraum, wo Musikanten spielten und Maskierte ihr tolles Wesen trieben. Die beleibte, schwerfällige Frau Verwalterin tat ganz verwundert und erfreut, wies der „Schaffnerin“ freundlich den Platz neben sich und bewirtete sie mit Wein und Lebkuchen. Selbstverständlich hatten beide Frauen über dies und jenes zu flüstern. Der Schaffer stand an einen Kleiderschrank gelehnt und ließ seine Frau nicht aus dem Auge. Das Estherspiel war eben zu Ende. Ein verkleideter Junge johlte noch, mit den Händen vor einer rotgekleideten Kreatur fuchtelnd. „Lieber hob ech gar ka Numen, Wie zu heißen Rosche Humen ..."