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Jüdische Zeitung · 1910-03-18 · 11 (18.3.1910) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
11 (18.3.1910)
Date
1910-03-18
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 11 JÜDISCHE ZEITUNG. jeder Nationen, deren Mitglieder sich als wahlwerbende Parteien an dem? Wahlkampf beteiligt haben. Zu diesem Behüte sind die Mitglieder des Wahlgerichtshofes nach der nationalen Zugehörigkeit in acht nationale Teillisten einzuteilen. (Deutsche, Tschechen, Polen, Ruthenen, Slowenen, Serbo-Kroaten, Italiener und Rumänen).“ Darnach wären wir Juden wieder, wie bei der Bukowinaer Landtagsreform, von der Anerkennung als Nation ausgeschlossen. Es ist klar, daß dies nicht nur eine moralische Niederlage wäre, sondern in Hinblick auf obige Bestimmungen, wonach der oder die zionistischen Mitglieder des Wahlgerichtshofes etwa der polnischen Teilliste zugewiesen würden, auch eine Gefahr für die gerechte Ueberprüfung jener Wahlen, bei denen zionistische Interessen im Spiele sind. Auffallend ist nur, daß gerade Dr. Liebermann an die Existenz der jüdischen Nation vergessen konnte, er, der sich zur Zeit der Reichsratswahlen mit Emphase gerade zu dieser. Nation bekannt hat. Der „Jüdische Klub“ wird gewiß nicht verfehlen, das Gedächtnis des Herrn Dr. Liebermann aufzufrischen und uns vor der drohenden Nullifizierung der jüdischen Nation im Wahlgerichtshof-Gesetz zu schützen. Parteinachrichten. Der zweite ordentliche westösterreichische Zionistentag findet am Sonntag, den 27. und Montag, den 23. März d. J. in Wien — im Festsaal des Hotel Zentral, II., Taborstraße 8, statt. Tagesordnung: 1. Begrüßung durch den Präsidenten. 2. Bericht des Zentralkomitees. 3. Das Verhältnis der zionistischen Organisation zu den Kultusgemeinden und das zionistische Kultusgemeindeprogramm. Referenten: Dr. Egon Zweig (Wien) und Dr. Robert Lichtwitz (Troppau). 4. Aufgaben der Landesorganisation: a) Ueber die durch den IX. Kongreß geschaffene Situation. Referent: Dr. Emil M a r g u 1 i e s (Prag). b) Die nächsten Arbeiten des Zentralkomitees. 5. Palästinareferat. Referent: Adolf Böhm. 6. Bericht der österreichischen Sammelstelle des J. N. F.“. 7. Bericht des Palästina-Informationsbureaus. . 8. Budget des Zentralbureaus und des Informationsbureaus. 9. Neuwahlen. Beginn der Tagung: Sonntag, den 27.'März um 10 Uhr vormittags. "Zum Zwecke der Information für die auswärtigen Delegierten wird für Samstag, den 26. d. M., ein Permanenzdienst im Zionistischen Bureau, IX., Türkenstraße 9, eingerichtet. Die Delegiertenkarten sind daselbst während des ganzen Tages zu beheben. Das zionistische Zentralbureau für Westösterreich. Der Präsident: Dr. Isidor Margulies. . . * Sitzung des Zentralkomitees. Samstag den 26. März um 8 Uhr abends findet in Wien IX., Türkenstraße 9, eine Sitzung des westösterreichischen Zentralkomitees statt. Tagesordnung: Der Parteitag. * * * Oeffentliche Distriktsversammlung des Innerösterreichischen Distriktskomitees. Montag den 7. d. M. fand die erste diesjährige Distriktsversammlung des Innerösterreichischen Distriktskomitees statt. Der Vorsitzende Dr. Meisei, berichtete über die bisherige Tätigkeit des Distriktskomitee. Dasselbe habe seine erste Aufgabe darin gesehen, einen innigen Kontakt mit den Vereinen aufrecht zu erhalten. Zu allen Veranstaltungen der Vereine sei ein Vertreter des Distriktskomitees erschienen, in wichtigeren Fällen habe das Distriktskomitee auf die Veranstaltung selbst Einfluß genommen (Bezalel-Ausstellung). Dies soll in Zukunft in stärkerem Maße der Fall sein, indem von den Vereinen gefordert wird, bezüglich Ort, Zeit und Programm ihrer beabsichtigten Veranstaltungen stets mit dem Distriktskomitee das Einvernehmen zu pflegen. Hiedurch sollen zeitliche Kollisionen, sowie unangenehme Nachklänge Vermieden werden. Das Distriktskomitees ist überzeugt, daß eventuelle Divergenzen in Wünschen oder Anschauungen in rein freundschaftlicher Weise zu allseitiger Zufriedenheit ihre Lösung finden werden. Von den Beschlüssen des Distriktstages konnte der auf Schaffung eines Parteisekretariats noch nicht realisiert werden, da die wenigsten Gesinnungsgenossen bisher ihren Beitrag zum Distriktsfond geleistet haben. Hingegen wurde das Zionistische Seminar aktiviert. Ein Bezalel-Verein, ein Verband jüd. Frauen für Kulturarbeit in Palästina, sowie eine Jüd. Palästina-Gesellschaft werden demnächst unter Mithilfe des Distriktskomitee gegründet. Zur Förderung des Hygienischen Instituts werde einer Anregung Kremenetzkys entsprechend die Schaffung eines Komitees jüdischer Aerzte versucht werden. Für die PLDC. gedenke das Distriktskomitee unter den wohlhabenden Juden Wiens durch Besuch derselben Propaganda zu machen. Desgleichen wolle es die Agitation für die Sicdlungsgeriossenschaft in nächster Zeit aufnehmen. — Der Obmann besprach sodann die Verhältnisse in der Provinz und berichtete über seine persönlichen Wahrnehmungen in Graz. — Der Bericht wurde ohne Debatte zustimmend zur Kenntnis genommen. Eine längere Diskussion entstand über die Schekelagitation. An der Aussprache hierüber beteiligte sich auch der neugewählte, von der Versammlung herzlich begrüßte Obmann des Bukowinaer Distriktskomitees Herr Prof. Dr. Kellner. Der fast einmütige Wunsch ging dahin, die Schekelagitation in derselben Weise wie im Vorjahre durchzuführen. Eine kurze Debatte über die Vorbereitung des westösterreichischen Zionistentages beschloß den Abend. Thesen Doktors E. M. Zweig zum Kultusreferat des Parteitages. Der 2. Zionistentag für Westösterreich, Wien, 1910, legt die Ste 11 ung der Zionisten zu den Kultusgemeinden fest, wie folgt: I. Wir erstreben die Gewinnung der Kultusgemeinden, weil wir in ihnen ein wichtiges Machtmittel erkennen, unser auf die Erhaltung und Förderung des jüdischen Volkes in seiner Eigenart gerichtetes Programm zu verwirklichen, II. Die israelitischen Kultusgemeinden sind zu jüdischenVolksgemeinden auszugestalten und haben sohin alle zur geistigen wirtschaftlichen und körperlichen Hebung der Juden dienlichen Einrichtungen, soweit hiefür besondere Vorsorge nottut, zu organisieren, eventuell selbst zu verwalten und sich die schon bestehenden jüdischen Organisationen nach Möglichkeit anzugliedern. Als Voraussetzung dieser Zentralisation fordern wir das allgemeine gleiche Wahlrecht mit Minderheitsvertretung. III. Wir fordern zur Sicherung der staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Konfessionsautonomie, zur Vertretung der Juden nach außen und zur Leistung jener Aufgaben, welche die Kraft der Einzelgemeinden übersteigen, deren Zusammenfassung zu einer staatlich — womöglich auch gesetzlich — anerkannten und normierten öfientlichrechtlichen Reichsorganisation, welche sich in den Einzelgemeinden übergeordnete Provinzgemeinden gliedert Wir stimmen dem Entwürfe der Reichsorganisation, wie er von dem letzten, durch den israelitischen Gemeindebund einberufenen Judentag beschlossen’worden ist, grundsätzlich zu, beharren jedoch auf der Forderung, daß an Stelle des dort vorgeschlagenen indirekten Wahlrechtes durch die Kultusvorstände das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht durch die Mitglieder der Kultusgemeinden trete. Seite 5 IV. Es ist Pflicht der Zionisten und ihrer Organisationen, allerorten die Kulturvorstands-Mitglieder mit den zionistischen Bestrebungen zu befassen, so wie anderseits zu allen Gemeindefragen Stellung zu nehmen. Dem Zentralkomitee und den Distriktskomitees obliegt die planmäßige Leitung und Ueberwachung dieser Agitation und die Evidenzhaltung ihrer Erfolge. Unsere nächste agitatorische Aufgabe ist die Einleitung einer allgemeinen Wahl rech tsb ewegung. Die Taktik bleibt den Lokalorganisationen überlassen, doch dürfen Wahlkompromisse nur mit Genehmigung des Distriktskomitee abgeschlossen werden. Die Märzfeier des Jüdischen Nationalvereines. Die Dienstag, den 15. <L M. vom Jüdischen Nationalverein veranstaltete Versammlung zur Erinnerung an die Märzgefallenen war eine der imposantesten Kundgebungen des jüdisch-nationalen Gedankens, welche je in Wien stattgefunden haben. Die Ankündigung, daß alle vier Mitglieder des „Jüdischen Klubs“, sowie Vertreter des ruthenischen Reichsratsklubs sprechen werden, lockte ein vielhundertköpfiges Publikum herbei, welches mit gespannter Aufmerksamkeit den glänzenden Ausführungen der einzelnen Redner folgte. Der Obmann des Nationalvereines Reichsratsabgeordneter Dr. Heinrich Gabel eröffnete die Versammlung mit einer feierlichen Ansprache, indem er einige markante Stellen aus den Werken Fischhofs zitierte und die volle Uebereinstimmung unserer modernen nationalen Bestrebungen mit den politischen Ansichten Fischhofs nachwies. Der nächste Redner, Reichsratsabgeordneter Dr. Straucher zog zwischen den Verhältnissen im Jahre 1848 und 1910 eine Parallele und wies darauf hin, daß heute das gesamte Bürgertum klerikal und reaktionär sei. Er entwickelte das nationalsoziale Programm unserer Bewegung, beleuchtete die jüdisch-nationale Politik des „Jüdischen Klubs“, welche getreu beim Fortschritt und der Freiheitsidee verharre. Zum Schlüsse gedachte er unserer ruthenischen Bundesgenossen, welche so wie die Juden freiheitlich und demokratisch gesinnt seien. Reichsratsabgeordneter Dr. Mahler sprach über die traurige Entwicklung seit dem Jahre 1848. Aus dem nationalen Ideal von damals sei der reaktionäre, chauvinistische „Nationalismus“, aus der Demokratie die Demagogie entstanden. Er weist den Weg, wie sich die einzelnen Völker aus ihrer Zersplitterung erlösen könnten — und wie es unser stolzester Wunsch wäre, wenn unserer jüdischen Märzfeier künftighin nicht nur das ruthenische, sondern auch die andern Völker Oesteireichs gastlich beiwohnten. Von stürmischem Beifall begrüßt, betrat der ruthenische Abg. Pctrycki als Vertreter des ruthenischen Klubs die Tribüne und führte folgendes aus: „Wir Ruthenen haben wichtigere Gründe als jedes andere Volk in Oesterreich, an die Märtyrer der Freiheit vom Jahre 1848 mit Verehrung zurückzudenken, da wir dank der Wiener Revolution die Befreiung unserer Bauernschaft vom schlachzizischpolnischen Joche nach vielen Jahrhunderten schamloser Ausbeutung erlangt haben. Die konstitutionellen Rechte sind für die österreichischen Völker erst später gekommen, aber die Helden der Wiener Revolution, welche am 13. März ihr Leben gelassen haben, schossen in das feste Gefüge des Absolutismus die erste Bresche, so daß das absolutistische Oesterreich früher oder später Zusammenstürzen mußte. Die Freiheitshelden des Jahres 1848 haben für die bürgerlichen Rechte gekämpft — die nationalen Rechte für die unterdrückten Völker müssen erst erkämpft werden. Die heutige Feier soll daher nicht nur der Erinnerung an die Märztage, sondern auch der Aufstellung eines Kampfprogramms für die Zukunft gewidmet sein.“ Ruthenisch fortfahrend, erklärte er, daß das ruthenische Volk, vereinigt mit dem jüdischen, gegen Gewalt und Unterdrückung so lange kämpfen werden, bis jedes von ihnen sein Zion erobern wird. Als letzter Redner sprach Reichsratsabgeordneter Stand. Er erinnerte daran, daß im Jahre 1848 drei Stände für die Freiheit gekämpft haben: die Bürger, die Arbeiter und die Studenten. Die

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