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Jüdische Zeitung · 1910-03-18 · 11 (18.3.1910) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
11 (18.3.1910)
Date
1910-03-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. II und gesellschaftliche Fortschritt in der Bukowina seit 20 Jahren ununterbrochen sich auf Kosten der Juden vollzogen hat und sich vollzieht“. Er rechnet ferner aus, daß in etwa 10 oder 20 Jahren di ese Katas tr o p h e unzweifelhaft eintreten müsse und sagt (liest): „Von den 100.000 Juden der Bukowina haben vielleicht 10.000 Steilungen und Berufe, die ihre wirtschaftliche Grundlage und Berechtigung haben. 90.000 haben ihre Stellung der Zurückgebliebenheit des Landes zu verdanken.“ Und zum Schlüsse erklärt Seine Magnifizenz (liest): „Das ist mir vollständig klar, daß sie nicht alle Advokaten, Aerzte, Beamte und Professoren werden können. Die Flucht in die gelehrten Berufe wird daher auch aufhören müssen, je früher desto besser. Denn auch hier ist eine Katastrophe im Anzug.“ Angesichts dieser unsäglich traurigen wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden in der Bukowina appelliere ich ganz eindringlich an die Regierung, sich der Judenschaft im Lande Bukowina und in Galizien anzunehmen; die gleichen proletarischen, ökonomisch-traurigen Verhältnisse und Zustände herrschen auch in Galizien. Ich empfehle den geehrten Herren, sich mit dieser Frage vertraut zu machen und da insbesondere die ausgezeichnete Schrift des ehemaligen Abgeordneten Szcepanowsky zu studieren, in welcher er ein ergreifendes, düsteres Bild über die ökonomische Lage der Bewohner Galiziens überhaupt und derjudenschaft im besonderen und geradezu grausige Bilder des Elends und der Not der Juden, über ihre physische Verkümmerung, ihre jammervolle Lage entrollt. Sie werden dann auch gerechter über die Juden urteilen! Derzeit vollziehen sich speziell in Galizien und in der Bukowina einschneidende wirtschaftliche Veränderungen. Das veraltete Propinationsrecht ist in Galizien bereits aufgehoben, in der Bukowina erlischt es mit Ablauf des gegenwärtigen Jahres. Tausende und abertausende Familien wurden nun brotlos. (Zustimmung). Auf ihre alten Tage können sie keinen anderen Erwerb ergreifen uud wenn ihnen die Regierung da nicht helfend unter die Arme greift, schützend beispringt, sei es auf die Weise, daß ihnen entsprechende Gewerbekonzessionen verliehen werden oder daß in anderer zweckentsprechender Weise für sie ausreichend gesorgt wird, würde man das traurige Schauspiel erleben, daß tausende Familien direkt zum Bettelstäbe greifen müßten. (Zustimmung). Lügenhafte Gerüchte von einer angeblichen Auflösung des „Jüdischen Klub.“ Die Regierung hat die Verpflichtung, in sozialer Fürsorge sich auch dieser unglücklichen Existenzen so anzunehmen wie anderer unglücklicher Staatsbewohner und es ist meine heilige Pflicht — und ich erfülle da auch eine mir gewordene Mission seitens meiner Kollegen und Gesinnungsgenossen aus dem „Jüdischen Klub“, bei welcher Gelegenheit ich konstatieren will, daß all die ausgestreuten Gerüchte einer angeblichen Klubauflösung völligunwahr sind (Zustimmung) —, indem ich diese eindringliche Bitte der Regierung unterbreite und erwarte, daß sie, die so oft in ihren Erklärungen von Gleichberechtigung, Wohlwollen, Gerechtigkeit ur.d Recht überfließt, pflichtgemäß dieses Recht, dieses Wohlwollen und diese Gerechtigkeit auch der jüdischen Bevölkerung gegenüber durch die Tat dokumentieren werde! Damit schließe ich. (Lebhafter Beifall). Von der Woche. Wie der Wiener Kultusvorstand die Würde der Juden wahrt. Vom Präsidium der israelitischen Kultusgemeinde Wien erhalten wir, wie alle anderen Blätter, die Abschrift eines Kondolenzschreibens, das wir vollinhaltlich zur Kenntnis unserer Leser zu bringen uns beeilen. An das hochlöbliche Präsidium des Gemeinderates der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien beehrt sich, anläßlich des Ablebens Seiner Exzellenz des Bürgermeisters Dr. Karl Lueger dem hochlöblichen Gemeinderats-Präsidium die herzliche Anteilnahme an dem für unsere Vaterstadt so schweren Verluste zum Ausdruck zu bringen. Möge eine heilige Friedensstimmung, wie sie in letzerer Zeit Kundgebungen des Dahingeschiedenen durchleuchtete, zu seinem ehrenden Gedenken in unserer Vaterstadt dauernd walten, sowie auch unsere Glaubensbrüder, sich beugend vor der Majestät des Todes vereint mit allen unseren Mitbürgern tiefbewegt an dieser Bahre stehen. Erster Sekretär: Der Präsident: Dr. Theodor Li eben m.p. Dr. Alfred Stern m.p. Mit tiefer Beschämung und Erbitterung muß man dieses Schreiben wieder und immer wieder lesen, um daran zu glauben. Es wäre begreiflich, wenn der Kultus Vorstand dem Gemeinderat als der Vorgesetzten politischen Behörde erster Instanz unter Hervorhebung dieser Beziehung in dürrem Amtssfil die übliche' Kondolenz ausspräche,’ doch widerwärtig ist es.’die herzliche Anteilnahme an dem schweren Verlust des Menschen Lueger namens aller Juden Wiens “zu heucheln und die ehrliche Trauerstimmung der“ Antisemiten dahin ausbeuten zu wollen, daß man um den heiligen Frieden für die Zukunft schnorren kömmt. Dieser Kondolenzbrief ist die Fortsetzung jener unwürdigen Politik, die am Grabe Sonnenthals, Theodor Ritter von Goldschmidts und Klebinders vom Kultusvorsteher Stiaßny und Rabbiner Schmiedl, der den „edlen Lueger“ anhimmelte, eingeleitet worden ist und welche ein Nachruf Stiaßny’s für Lueger im „Neuen“ Wiener Tagblatt“ weiterverfolgt hat. Wer hat angesichts solcher Erfahrungen den Mut, der „Neuen Freien Presse“, diesem Leiborgan des Wiener Kultusvorstandes, den Glauben zu versagen, wenn sie meldet, daß eine Deputation dieses Kultusvorstandes dem Sarge Luegers in die Stefanskirche das Ge- 1 e i t e g a b. . . . Würdelos kriechen vor den Feinden des jüdischen Volkes und herrisch auf die eigenen Volksgenossen zu treten, daß ist das Leitmotiv unserer Kultusgrößen. Wie lange noch werden wir Juden diese doppelte Schmach ertragen?! *, * * Eine jüdische Marzfeier auf dem Friedhof. Sonntag, den 13. d. M. vereinigten sich Vormittag die jüdisch-proletarischen Organisationen Wiens zum gemeinsamen Gang aufs Grab der Märzgefallenen. Es war im Vergleiche mit den Tausenden, welche Nachmittag hinausgezogen, nur eine kleine Schar, die bei diesem ersten Versuche dem Rufe der Veranstalter folgte, aber alle hatten] den Mut der Ueberzeugung, den* Mut,, sich ohne Schielen nach links und rechts als das zu geben, was sie sind — als' Juden und Proletarier. Am Grabe richtete der Obmann der Poale Zion, Dr. Karl Hahn, eine kurze Ansprache an die Versammelten, in der er sie aufforderte, aus der Erinnerung an den Opfermut der Märzgefallenen Kraft und Begeisterung für ihre Arbeit in eigener Sache zu schöpfen. Nach ihm sprach namens des Vereines der jüdischen Handels- und Privatangestellten „Achwah“ der Obmann derselben, Samuel Strauß. Vom Grabe der Märzgefallenen ging es in geschlossenem Zuge zum Grabe Fischhofs. Diese Veranstaltung, welche auf alle Teilnehmer sichtlich einen tiefen Eindruck machte, zeigt uns deutlich, daß der mit dem Märzgang beschrittene Weg der richtige ist. Das jüdische Proletariat muß lernen, daß numerische Schwäche keine Schande ist, daß das wichtigste, worauf es. einzig und allein ankommt, die Stärke der Ueberzeugung ist. * * * Polnische „Fortschrittler“ über die Juden in Polen. Das „Slowo polskie“ veröffentlichte vorige Woche in der Rubrik „Preßstimmen“ Auszüge aus zwei Aufsätzen über die Judenfrage in Polen, die gegenwärtig Gegenstand eifriger Diskussion in der polnischen Publizistik bildet. Beide zitierten Aufsätze sind vom Geiste unversöhnlichsten, blindwütendsten polnischen Chauvinismus getragen und können sich nicht zu einer objektiven Betrachtung der Judenfrage aufschwingen. So heißt es im ersten Aufsatze: „Wie können wir es zugeben, daß unser Vaterland, dessen Boden wir mit unserem Blute und Schweiße gedüngt haben, nicht mehr polnisches, sondern ein polnisch-jüdisches Land sein soll?“ Der Autor ist einer der fortschrittlichsten Polen, Herr Swietochowski. Die Auslassungen im zweiten Agfsatze reihen sich würdig an die Aussprüche eines Schönerer oder Gregorig. Und trotzdem ^gibt es Faselhänse, die eine Verschmelzung von Juden und Polen zum politischen Ideal erheben wollen. ,J;Und doch entblöden sich nicht Herren ä la Merwin und Löwenstein, das Heil des jüdischen Volkes in der Assimilation an die edlen Polen zu bezeichnen, deren „fortgeschrittene“ Elemente beim Gedanken erschauern, Polen könnte polnisch-jüdisch werden. * * * Verbot der jüdischen Sprache. Aus Czernowitz wird uns geschrieben: Der Verein „Jüdisches Theater“ hatte für den vorletzten Samstag eine allgemein zugängliche Vereinsversammlung einberufen. Daraufhin hatte die Polizeidirektion die Leitung des Vereines verständigt, die Versammlung werde aufgelöst werden müssen, wenn, wie bei vorausgegangenen Versammlungen, jüdisch gesprochen werden würde. Der Erlaß war mit der Vereitelung der polizeilichen Kontrolle durch den Gebrauch einer nicht landesüblichen Sprache begründet. Nun tagte zwar trotz dieses Erlasses die sehr gut besuchte Versammlung ungestört bis zu Ende. Aber die Vereinsleitung beschrift dessenungeachtet den Beschwerdeweg und außerdem berief ein Komitee eine Volksversammlung zum Proteste gegen den Erlaß der Polizeidirektion ein. Diese Versammlung fand nun letzten Sonntag im Saale des Kommis- und Buchhaltervereines statt und wies einen Massenbesuch von Angehörigen der verschiedensten Klassen und AHersstuien auf. Zum Vorsitzenden wurde Herr Dr. Birnbaum, zum Stellvertreter Herr Dickstein, zum Schriftführer Herr Flohr gewählt. Der Vorsitzende legte in den einleitenden Worten den Zweck der Versammlung klar. Dann sprachen die Herren Dr. Diamant, der speziell die Rechtslage auseinandersetzte, Locker, Kaswan, Dickstein, Tropper, David Taubes. Sämtliche Redner wendeten sich in den schärfsten Worten gegen den Erlaß der Polizeidirektion und gegen die in der jüdischen Gesellschaft bestehenden Voraussetzungen für die Möglichkeit eines solchen Erlasses und fanden leidenschaftliche Zustimmung. Die von Herrn Locker vorgeschlagene Resolution wurde mit begeisterter Einhelligkeit, der Antrag des Herrn David Taubes, dem „Jüdischen Klub“ die Resolution mitzuteilen und ihn aufzufordern, eine Interpellation im Abgeordnetenhause einzubringen, ebenfalls einstimmigangenommen. Nachdem noch ein Gast aus dem Westen, Herr Spiegel, die Veriämmlühg beglückwünscht hatte, schloß der Vorsitzende mit einer kurzen, von Beifallsstürmen begleiteten Ansprache die Massenvei Sammlung. Drohende Nullifizierung der jüdischen Nation bei Schaffung des W ahlgerichtshof es. Im Aufträge des Legitimationsausschuß-Subkomitees hat der sozialdemokratische Reichsratsabgeordnete Dr. Liebermann die Grundzüge eines Gesetzes über die Schaffung eines Wahlgerichtshofes ausgearbeitet. So warm die bei den letzten Reichsratswahlen in Galizien so unerhört vergewaltigten und nachher vom Legitimationsausschuß im Stiche gelassenen Zionisten die Idee eines Wahlgerichtshofes begrüßen, müssen wir doch unsere lebhafte Besorgnis über jene Punkte des Gesetzentwurfes aussprechen, welche uns eine Nullifizierung der jüdischen Nation androhen. Der Gerichtshof soll aus 52 Mitgliedern bestehen und mit Beginn jeder Wahlperiode des Reichsrates für die ganze Dauer derselben vom Hause der Abgeordneten im Wege einer Proportionalwahl bestellt werden. Darnach könnte also grundsätzlich auch der „Jüdische Klub“ zum Zug kommen. Weiter aber heißt es: „Wenigstens 14 Tage vor jeder Verhandlung ist eine Dienstliste von 24 Wahlprüfungsrichtern und 6 Ersatzmännern vom Präsidenten in Gegenwart der Parteien oder ihrer Vertreter auszulosen. Die Hälfe der Richter ist aus der Gesamtliste auszulosen, die andere Hälfte ist, wenn es sich um einen Wahlkampf innerhalb einer Nation handelt, aus der Teil.liste dieser Nation, bei Wahlkämpfen zwischen zwei oder mehreren Nationen zu gleichen Teilen aus den betreffenden nationalen Teillisten auszulosen. Erreicht die Teilliste einer Nation [nicht die ihr im besonderen Falle zustehende Zahl von Richtern, so wird die ganze Teilliste der Dienstliste eingereiht und die noch übrig bleibende Zahl aus der Gesamtliste, jedoch unter Ausschluß der Richter

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