Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 Natur aus stehen. Wir müssen zuerst national werden. Zionismus ohne nationale Grundlage ist Philantropi.e oder Territorialismus mit Palästina als Territorium. Das Streben zur Vollexistenz ist nicht, wie Böhm sagt, ein unbewußtes, sondern ein bewußtes. Er sei mit dem Referenten einverstanden soweit er sich von der alten Auffassung, wie sie Nordau vertritt, emanzipiert hat, nicht aber soweit bei ihm noch vielleicht taktische Momente vorhanden sind, die ihn verhindern die letzten Konsequenzen aus seinen Auffassungen zu ziehen. Neu mann verbreitet sich über mit dem Thema nicht im Zusammenhang stehende Dinge. Er sagt, es sei nicht gut wenn in den zionistischen Wochenblättern theoretische Debatten abgeführt würden. Dadurch werden jene Zionisten, die noch nicht fest im Zionismus sind, verwirrt. ln vorgerückter Stunde vertagte der Vorsitzende die Debatte. Fiasko der Gremiumclique in Tarnöw. ' (Von unserem Korrespondenten). War das eine Woche heißen Ringens, wie sie das ruhige, fast schwerfällige Tarnöw seit langem nicht durchlebt hat. Das Schlagwort „Kaufmännisches Gremium“, das wie ein Blitz vom heiteren Himmel in die Oeffentlichkeit geschleudert wurde, entfesselte einen solchen Sturm der Entrüstung, daß es zu einer, in Galizien leider so seltenen spontanen einheitlichen Protestkundgebung der ganzen Tamöwer jüdischen Kaufmannschaft kommen konnte, die das Handvoll „Gremianer“ mit Verachtung von der Oberfläche wegfegte. Ein Trifolium gewissenloser Streber ließ sich in der Jagd nach neuen Ehrenstellen und Korruptionsquellen zu dem schändlichsten Verrat am eigenen Volke hinreißen. Mit der Gründung eines kaufmännischen Gremiums sollte der jüdischen Kaufmannschaft nicht nur der Befähigungsnachweis aufgehalst und somit ihr vollständiger wirtschaftlicher Ruin vorbereitet werden. Auch den letzten Rest politischer Freiheit, der dem Kaufmannsstande nach der sprichwörtlichen Schlachzizenherrschaft in Galizien übrig geblieben ist, wollten einige Handlanger für ein Linsengericht, das ihren egoistischen Zwecken zuzuwinken schien, dem unersättlichen Moloch des polnischen Chauvinismus verkaufen. Man höre und staune! Um die ahnungslosen jüdischen Kaufleute in die gefährliche Falle zu locken, verfaßte man zweierlei Statuten. Das eine, ganz harmlosen Charakters, ausgeschmückt mit einigem allgemeinen Gefasel von „Zusammengehörigkeitsgefühl“ etc. war ■ zum Ködern der indolenten Masse bestimmt. Hinterrücks aber lauerte ein zweites, das der Behörde als vom Gros der Kaufmannschaft eigentlich genehmigtes Genossenschaftsstatut überreicht werden sollte und das — um nur ein drastisches Beispiel anzuführen — unter anderem den geheimgehaltenen Paragraphen enthielt, daß den christlichen Kaufleuten ohne Rücksicht auf deren Anzahl und Steuerleistung eine angemessene Vertretung im Präsidium und in den Ausschüssen des Gremiums gesichert werden müsse. Was ein solcher, für einen modernen Rechtsstaat geradezu unglaublich erscheinende Diktaturparagraph bedeutet, braucht nicht erst gesagt zu werden, wenn man den niedrigen Kulturstand der jüdischen Kaufmannschaft Galiziens und die „liebevolle“ Behandlung, die ihr von seiten der polnischen Machthaber zuteil wird, in Erwägung zieht. Und einer solch gefährlichen Waffe bedienten sich die Gremiumarrangeure, die sich leider Juden nennen, um das gegen ihre eigenen Brüder geplante Attentat meuchlings in Ausführung zu bringen. Glücklicherweise konnten diese ruchlosen Pläne durch die immer wachsame zionistische Partei noch rechtzeitig durchkreuzt werden. Urter der mutigen Führung unserer Genossen Dr. S a 1 z, Ed. Schwager, Jehel Leser und Joachim Neiger, die in öffentlichen Versammlungen und durch Flugschriften die jüdische Kaufmannschaft auf die ihr drohende Gefahr aufmerksam machten, sammelte sich rasch eine starke, zur Gegenwehr entschlossene Opposition und so wurden die Initiatoren des Gremiums im eigenen Lager aufs Haupt geschlagen und moralisch total vernichtet. Um der Form Genüge zu tun, mußte man sich nämlich aus der Geheimtuerei hinauswagen und wenigstens die Komödie einer Oeffentlichkeit zum besten geben. Man veranstaltete eine „Versammlung“ von Kaufleuten auf Einladungen, die selbstredend an Oppositionsverdächtige nicht versendet wurden. Abgesehen davon, bestellte man sich einen Kommissär in Uniform und den Gewerbeinspektor, welche Funktionäre durch die Macht ihrer Erscheinung und durch ihr persönliches Eingreifen zugunsten des Gremiums dazu beitragen sollten, die etwaigen Abwehrversuche im Keime zu ersticken und die armen Juden mürbe zu machen. Aber die ungeschickten Arrangeure machten die Rechnung ohne Wirt. Alles war schön abgekartet und klappte großartig, solange nicht die Kaufmannschaft im Saale erschien. Kaum stammelte der unbeholfene Vorsitzende in seinem radebrechenden Polnisch einige Worte über den Zweck der Versammlung, als sich auf den energischen Protest unseres wackeren Gg. Ed. Schwager ein Orkan von Verwünschungen und lebhaften Protestrufen gegen die Usurpatoren politischer Machtbefugnisse erhob und das auf Lüge gebaute Kartenhaus war schmählich eingestürzt. Zwar ist es bekanntlich in Galizien nicht üblich, eine Sache wegen des Beschlusses einer Majorität, und mag sie noch so groß und imposant sein, für verloren zu geben und auch unsere „Beglücker“ der Kaufmannschaft ließen es an verzweifelten Versuchen nicht fehlen, durch „Abstimmungswunder“ das Ergebnis zu ihren Gunsten auszulegen und auf diese unlautere Weise die Situation zu retten. Aber die erprobten galizischen Wahlpraktiken bewährten sich diesmal nicht und die versuchte Verwandlung der Minorität in eine Majorität mißlang kläglich den sonst geübten Metamorphosekünstlern. So stark und so eindrucksvoll war der Protest, der im Zeichen der nahenden Gefahr wie ein Mann zusammenhaltenden jüdischen Kaufmannschaft. Die Handelskammer-, kommerzial- und sonstigen Räte werden es sich künftighin wohl überlegen, bevor sie es wagen werden, gegen die wirtschaftliche und politische Freiheit des jüdischen Kaufmannsstandes Attentate zu verüben. Chen. Parteinachrichten. Bukowinaer zionistischer Landesparteitag. Sonntag den 27. Februar fand der Bukowinaer zionistische Landesparteitag statt. Aus Czernowitz und den anderen Orten der Bukowina waren zirka 50 Delegierte erschienen. Der Präsident des D.-K. Gg. H. Weißglas hielt zuerst dem tags vorher verstorbenen Mitgliede des D.-K. Herrn Ing. Misales einen warmen Nachruf, der stehend angehört wurde. Dann erstattete er den Rechenschaftsbericht. Die Bewegung in der Bukowina sei zurückgegangen. Doch treffe die Schuld nicht die Leitung, sondern die einzelnen Vereine. Hierauf wurde über Antrag Israel Taubes Gg. Dr. Josef Ellenbogen (Suczawa) zum Vorsitzenden, Gg. Dr. Werber zum Stellvertreter und Dr. Rath und Retter zu Schriftführern gewählt. In der Debatte über den Rechenschaftsbericht des Präsidenten sprach zuerst Gg. Sommer („Zephira“), welcher die zionistischen Verhältnisse bespricht und Anregungen für die weitere Arbeit gibt. Gg. Dr. Fleischer ist für die Trennung der zionistischen von der landespolitischen Tätigkeit. Gg. B i c k 1 (Nepolokoutz) beklagt sich darüber, daß die zionistische Tätigkeit stark unter der politischen leide. Gg. adv. cand. Simon Holdengräber (Suczawa) bespricht die mangelhafte Organisation in der Bukowina und entwickelt einen Plan für die weitere Arbeit. Gg. Dr. Berl Kinsbrunner tritt für eine rege Agitation für die palästinensischen Institutionen ein. Gg. Meier Teich („Tikwah“) wendet sich gegen die bisherige Leitung. Die Bukowinaer Organisation kranke an den Separationsbestrebungen einzelner Vereine. Gg. Israel Taubes („Emunah“) hebt hervor, daß die Propagandaarbeit nur von einzelnen wenigen Gruppen, nicht aber von der Leitung geleistet wurde. Redner unterbreitet dem Parteitage mehrere Vorschläge betreffend die Verwirklichung aller Aufgaben der zionistischen Partei, welche der Kongreß dem Palästinaressort zugewiesen hat. Die Hauptaufgabe der zionistischen Organisationen sei die reine palästinensische Arbeit; man dürfe jedoch nicht und besonders heute in der Bukowina, an die realpolitische Arbeit vergessen, die sich jedoch auf zionistischer Grundlage entwickeln müßte. Zwecks besserer Ausgestaltung der Propaganda sei die Herausgabe von zionistischen Broschüren in jüdischer Sprache erforderlich. Zum Schluß besprach er das Verhältnis der Nationalfondszentrale Wien zum Bukowinaer D.-K. Gg. Retter (Bojar) erklärt, man dürfe nicht das D.-K. angreifen, während die Vereine selbst nichts tun. Gg. Krämer („Zephira“) spricht für die Errichtung einer Auskunftei für Palästinaangelegenheiten. Gg. Schnee („Hasmonea“) verlangt die Wahl eines tüchtigen L.-K., das die vom Parteitage gemachten Anregungen zu verwirklichen imstande sein solle. Gg. Löbl Taubes verlangt die Zentralisierung der zionistischen Arbeit und bespricht die Aufgaben der Zionisten in der Politik des Landes. Redner verweist auf den unlängst stattgefundenen Bukowinaer Judentag, auf welchem die Zionisten ihre Stellung zu den landespnlitischen Fragen präzisiert haben. Es sprachen noch Gg. Gottfried („Chermonia“), Frl. Taubes (Sadagora) und Gg. G.-R. Abraham Körner (Suczawa). Gg. Dr. M. Kinsbrunner gibt im Namen des Präsidenten W e i ß g 1 a s die Erklärung ab, daß dieser infolge Zeitmangels eine Wiederwahl nicht annehmen könne und stellte den Antrag, dem D.-K. das Absolutorium zu erteilen und dem Präsidenten für seine unermüdliche achtjährige Tätigkeit im Bukowinaer zionistischen D.-K. den Dank auszusprechen. Der Antrag wurde angenommen. Behufs Besprechung über die Neuwahl des L.-K. wurde die Sitzung unterbrochen. Nach Wiedereröffnung um 8 Uhr abends wurde über Antrag des Gg. Weißeiberger („Emunah“) Gg. Univ.-Prof. Dr. Leo Kellner unter großem Beifall der Delegierten und des Auditoriums zum Präsidenten des Bukowinaer zionistischen Landeskomitees einstimmig gewählt. Prof. Kellner wurde hiervon telegraphisch verständigt. Der Antrag des Gg. Holdengräber (Suczawa), daß da die zehn Delegierten in das L.-K. nur Czernowitzer seien, aus der Provinz zehn Vertrauensmänner gewählt werden, die Sitz und Stimme im L.-K. haben, wurde angenommen. Hierauf erfolgte bei geheimer Abstimmung die Wahl des L.-K. Es gingen als gewählt hervor: Dr. Mayer Ebner, Löbl Taubes, Dr. Mendel Kinsbrunner, Ass. Leo Krämer, Dr. Ellenbogen, Dr. Hauer, Komm. Kormann, Dr. Fleischer, Hermann Gottesmann und Josef Hornstein. Hierauf wurden zehn Vertrauensmänner aus der Provinz gewählt. Als Parteisteuer wurde für jeden Verein der Mindestbetrag von zwei Kronen monatlich festgelegt. Die betreffend die Regulierung der Nationalfondskommission gemachten Anregungen wurden dem neuen L.-K. zur Erledigung zugewiesen. Ebenso eine große Zahl von Anregungen und Vorschlägen betreffs den Arbeitsplan für das kommende Jahr. An dieser Debatte beteiligten sich die Gesinnungsgenossen Löbl Taubes, Essner, Israel Taubes, Teich, Sommer, Krämer, Weiß eiberg u. v. a. Hierauf schloß der Vorsitzende Dr. Josef Ellenbogen den Delegiertentag. Er forderte die Anwesenden auf, die Streitaxt zu begraben, alle persönlichen und kleinlichen Streitigkeiten zurückzustellen und zum Wohle und Gedeihen des Zionismus zu arbeiten. Mit der Absingung des Hatikwaliedes schloß der Parteitag. it-mt. Ein bemerkenswerter Aufruf. Uns geht der Aufruf eines reichsdeutschen zionistischen Komitees zu, der sich an jene Zionisten außerhalb Oesterreichs und Rußlands wendet, die mit dem gegenwärtigen System der Leitung nicht einverstanden sind. Wegen Raummangels übergehen wir den einleitenden Teil und reproduzieren nachstehend den programmatischen: Wir halten es in diesem Augenblicke für entbehrlich, ein detailliertes Programm aufzustellen. Wir haben vor allem das Aktuellste im Auge und formulieren im Nachfolgenden die vier Hauptthesen, die die wesentliche programmatische Grundlage unserer Bestrebungen bilden sollen. Es sind damit zugleich jene unterscheidenden Gesichtspunkte charakterisiert, die, durch die leider so sehr persönliche Zuspitzung der Frage verdunkelt, in Wahrheit der Scheidung der Gruppen auf dem Kongreß zugrunde liegen.“ I. Die innere Kraft der zionistischen Bewegung beruht auf einer einheitlichen, geschlossenen nationalen Grundanschauung. Sie kann nicht erhalten werden ohne gegenseitiges Verständnis, ohne Zusammenarbeit und ohne fruchtbare Wechselwirkung zwischen Ost und West. Dieser unentbehrliche Zusammenhang, auch früher von der zionistischen Organisation noch lange nicht erreicht, ist in den letzten Jahren auf das Empfindlichste geschwächt worden. Der Streit zwischen Ost und West ist ebenso bedauerlich, wie es im höchsten Interesse aller Beteiligten liegt, ihn zu einem klaren Austrag zu bringen. Es ist ein bequemes Mittel, ihn auf persönliche Motive zurückzuführen, den unseligen Riß, der sich zwischen Ost und West geöffnet hat, der sich immer mehr erweitert, durch schablonenhafte Parteischlagworte erklären zu wollen. Es ist heute schon soweit gekommen, daß das Ostjudentum, noch immer vom Pulsschlag des nationalen Judentums belebt, im Westen nicht nur ausgeschaltet, sondern nicht ein-