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Jüdische Zeitung · 1910-03-11 · 10 (11.3.1910) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
10 (11.3.1910)
Date
1910-03-11
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 10 mal mehr verstanden wird. Diesen gefährlichen Prozeß, der unsere Organisation und unsere Sache aufs Schwerste bedroht, wollen wir aufzuhalten suchen. Durch Wort und Tat die Gemeinschaft aufzubauen, soll unsere vornehmste Aufgabe sein. II. Die Palästinaarbeit bildet den Kern unserer politischen und praktischen Tätigkeit. Sie ist Voraussetzung und wesentliche Unterlage unserer Politik, die ohne sie erfolglos bleiben muß. Die Palästinaarbeit ist in großzügiger Weise zu führen, alle finanziellen und sonstigen Machtmittel der Organisation sind ihr in größtmöglichem Umfange zur Verfügung zu stellen. Damit ist scheinbar nur eine Wahrheit ausgesprochen, die man bereits für programmatisches Gemeingut der Gesamtorganisation halten könnte. Aber nur scheinbar. Es genügt eben nicht, ja es liegt eine große Gefahr darin, daß diese Wahrheit mit Worten jetzt allgemein zugegeben wird. Die entweder mit geänderten taktischen Verhältnissen begründete oder mit allerhand politischen Vorbehalten verklausulierte, ja auch die vorbehaltlose Proklamierung dieser natürlichen Forderung ist wertlos, wenn nicht die treibende Kraft zu fühlen ist, wenn nicht die Tat folgt Eben dieser Mangel an Impuls, an Plan und Aktivität, dieses nur gezwungene, unfreudige Begleiten der paar Unternehmungen des Palästina-Ressorts ist es, was die Zionisten, was insbesondere die Palästinenser trotz aller Worte schmerzlich fühlen. Durch die Tat soll bewiesen werden, daß man in Palästina in gemeinsamem Wirken aller dortigen Faktoren vorwärtsschreitet. III. Wir benötigen eine reale, moderne Politik. Real, indem sie die diplomatische Aktion auf die tatsächlichen moralischen und materiellen Grundlagen unserer Organisation stellt Modern, indem Sie sich auf die wirklichen Machtfaktoren der konstitutionellen Türkei, auf die Zustimmung und Mithilfe der türkischen Völker stützt. Unsere Politik ist keine Geheimwissenschaft, bedeutet nicht Hofgängerei. Sie lautet: Stärkung unserer türkischen Positionen, unermüdliche, tiefeindringende Aufklärung von türkischen Juden und Nichtjuden, von Volk und Regierungen. Ihr Gewinn wird sich aus rastloser Arbeit vieler, nicht aus der Geschicklichkeit eines einzelnen Unterhändlers ergeben. IV. Es ist eine selbstverständliche Forderung jeder organisierten Körperschaft, daß ihre Hauptfunktionen von ihrer Leitung erfüllt werden können. Die zionistische Organisation muß vor allem volkstümlich sein, und so war sie auch gedacht. Die eigentliche Leitung gehört dem Großen Aktionskomitee, das Engere Aktionskomitee ist nur der geschäftsführende Ausschuß des Großen AK. Diese leitenden Gesichtspunkte müssen wieder zur Geltung kommen. Die rückständige, alle Initiative und Aktivität tüchtiger und alterprobter Zionisten verletzende Bevormundung, die allmählich in Alleinherrschaft ausartet, ist eine Mißbildung, die nicht den Notwendigkeiten und Lebensbedürfnissen einer modernen nationalen Bewegung entspricht — und sie entspricht nicht einmal, ja sie widerspricht unseren Statuten. Diese Mißbildung ist es, die das persönliche Element in die Bewegung trägt, die alle Parteibegriffe verwirrt. Loyalität gegen die Idee wird verkehrt in Loyalität gegen Personen, Rücksichten für die Organisation werden in Opportunitätsrücksichten für die Führung verwandelt Wir verwerfen diesen verderblichen Personenkultus, wir verwerfen den Streit gegen Personen. Was wir erstreben, ist die Verwirklichung des organisatorisch - volkstümlichen Gedankens in der Leitung unserer Bewegung. Diese Forderung bedeutet für uns geradezu eine Lebensfrage. Wir sind daher für die Verlegung des Zentrums nach einem Orte, der vielen Kräften die Möglichkeit zur Mitarbeit gibt, sodaß auf der Grundlage kollegialen Zusammenarbeitens alle Tätigkeitsgebiete entsprechend versorgt werden. * * * Wir bitten alle, die sich mit uns in den hier ausgesprochenen Grundtendenzen eins wissen, sich uns anzuschließen und uns ihre Zustimmung mitzuteilen. Rechtsanwalt Dr. Ascher- Dessau, Dr. Elias Au erb ach-Haifa (Palästina), Dr. Israel Auerbach - Konstantinopel, Dr. Julius Becker- Charlottenburg, Herbert B e n t w i c h - London, Dr. Martin Bub er-Zehlendorf b. Berlin, Berthold Feiwel- Berlin-Westend, Dr. Georg H a 1 p e r n - Hamburg, Richard Lichtheim -Charlottenburg, Ed. Poo 1- Hengeloo (Holland), Dr. Aron Sandler-Breslau, Wladimir Schabotinski-Konstantinopel, Hugo Schachtel -Breslau, Julius Simon-Mannheim, Dr.S. Soski n-Wilmersdorf-Berlin,Dr.J. Strauss- München, Davis Trietsch-Schmargendorf b. Berlin, Prof. Dr. Ch. Weizmann -Manchester, Arnold Wiener- Kattowitz. Vorläufige Adresse für Zuschriften: Hugo Schachtel, Breslau, VI, Königsplatz. Oeffentliche Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes vom 6. März 1910. Präsident Dr. Stern berichtet, daß die vom Kultusvorstand seinerzeit verfügte Unterdrückung der Betversammlungen des Vereines „S c h o m r e Hadath“, welcher dem Tempelverein Brigittenau eine vollständig unberechtigte, schädliche Konkurrenz gemacht habe, nun auch vom Kultusministerium gebilligt und daß von diesem auch das Verlangen des „Schomre Hadath“ nach Einberufung eines Schiedsgerichtes abgewiesen worden sei. (Bleibt die Frage offen, ob auch die Wählerschaft diese Unterdrükkungspolitik billigt.); Der Präsident berichtet ferner, daß der diesjährige Zyklus der vom Kultusvorstand veranstalteten Vorträge aus jüdischer Kultur und Geschichte mit dem 13. Vortrag erfolgreich abgeschlossen wurde. (Mit diesen Vorträgen hat der Vorstand eine der zionistischen- Forderungen erfüllt.) Auch heuer wieder sind — ein Zeichen des erwachenden Interesses am Gemeindeleben — „Erinnerungen“ zum Budgetvoranschlage eingelangt, u. zw. vom Advokaten Dr. Jakob Kohn, Präsidenten des Zionistischen Zentralvereines. Der ersten Anregung, es möge in dem zur Versendung an die Kultuswähler bestimmten Rechenschaftsbericht der Gemeinde nicht bloß eine Detaillierung der Todesfälle, sondern auch der Geburten nach Geburtsort und Zuständigkeit des Kindesvaters sowie nach der Zahl der Beschneidungen platzgreifen, will das Vertreterkolleg nach Tunlichkeit Folge geben. Nicht so der zweiten, von Dr. Kohn als Privatmann gegebenen, Anregung, die Gemeinde möge die Wohltätigkeitsagenden den Privatvereinen zuwälzen, um ihr Budget voll den eigentlichen Aufgaben der Gemeinde, Kultus und Unterricht widmen zu können. Bei dieser Gelegenheit erfährt man — ein Fingerzeig für die klägliche Zersplitterung des jüdischen Lebens in Wien — daß es hier 39 Bethaus-, 15 Bildungs- und Unterrichts- und 150 Wohltätigkeitsvereine, zusammen also über 200 jüdische Vereine gibt. Dr. Stern hebt die Verdienste hervor, die er, der Gemeindebund und Abg. Kuranda sich um das Zustandekommen der jüdischen Kurie in Bosnien erworben haben. Wir haben die Darstellung Gg. Abg. Dr. Straucher vorgelegt Dr. Straucher erklärte, daß diese Darstellung tendenziös und einseitig ist. Der jüdische Klub hat ganz unabhängig von den „Offiziellen“ eine Aktion eingeleitet, um den bosnischen Juden zu ihrem Rechte zu verhelfen. Es wirkt geradezu komisch, daß Dr. Stern die besonderen Verdienste dds Abg. Kuranda hervorhebt, weil dieser „als Mitglied des Annexionsausschusses naturgemäß daselbst besser Gelegenheit hatte, der Sache zu dienen“. Der Annexionsausschuß, erklärte Dr. Straucher weiter, hat sich mit dieser Frage überhaupt nicht beschäftigt. So sieht die „Objektivität“ des Präsidenten aus. Dieselben Herren, die den Juden der Bukowina in den Rücken fielen, haben sich plötzlich der bosnischen Juden erbarmt. Wir möchten diese vor solchen „Freunden“ warnen. Schließlich polemisiert der Präsident gegen den Brigittenauer Tempelverein, in dessen letzter Generalversammlung schwere Anklagen gegen den Kultusvorstand wegen Vernachlässigung des XX. Bezirkes und die Mandate von den Vereinsfunktionären zum Zeichen des Protestes niedergelegt worden; seien. Der Kultuspräsident meint launisch, daß die am 1. März 1908(1!) gemachte Eingabe jenes Vereines, um Aenderung des Kultusstatuts zwecks Ermöglichung einer Vertretung des XX. Bezirkes im Kultusvorstande und zwecks Errichtung einer eigenen Bezirkskommission nicht länger unerledigt bleiben als viele andere solche Eingaben, „welche die verschiedenartigsten und divergierendsten Wünsche hinsichtlich Statutenänderung beinhalten“. Der Statutenänderungsausschuß sei nach wie vor mit der intensivsten Beratung befaßt. Masel tow! Im übrigen sind wir überzeugt, daß der Groll der Brigittenauer und alle ihre sachlichen Forderungen im Nu gegenstandslos geworden sein werden, wenn Dr. Stern unter der Hand den seinerzeit von ihm aus dem Kultusvorstand hinausbugsierten Präsidenten des Brigittenauer Tempelvereines Eltbogen in Gnaden wieder aufnimmt. Aus dem jüdischen Leben. Schaffung einer allgemeinen russisch-jüdischen Organisation. Vom 18. bis 20. Februar fanden hier Beratungen von führenden Persönlichkeiten der russischen Judenheit statt. Im Vordergründe der Erörterungen stand die von den jüdischen Dumaabgeordneten ausgearbeitete Gesetzesvorlage wegen Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsrayons. Weitere Verhandlungspunkte bildeten die Sabbathruhe, in Verbindung mit dem Gesetzesprojekt bezüglich des Ruhetages für Angestellte, und die Rabbinerfrage, im Zusammenhänge mit derRabbinerkonferenz. Betreffs der letztgenannten Frage wurde der Beschluß gefaßt, eine Enquete folgenden Inhalts abzufassen: Soll das gegenwärtig herrschende System der Trennung von Kultus- und Kronrabbiner beibehalten werden? Wenn ja — welcher Bildungszensus soll dann von den Rabbinern verlangt werden? Wie ist die Ausstellung von Rabbinerdiplomen zu regeln? Welche allgemein gültigen Bestimmungen sind für die Wahlen und die Gehälter der Rabbiner festzusetzen? — Diese Rundfrage soll an alle kompetenten jüdischen Persönlichkeiten im Reiche versandt und in der jüdischen Presse publiziert werden. Die Erwiderungen sollen dann der im nächsten Monat stattfindenden Beratung zugrunde gelegt werden. Bis dahin sollen auch in allen größeren jüdischen Gemeinden die Wahlen für die allgemeine russischjüdische Organisation vorgenommen werden, als deren Hauptaufgabe die einheitliche und planmäßige Regelung aller innerjüdischen Fragen gedacht ist. * * * Vom jüdischen Theater. Der neugegründete jüdisch-literarische Verein „Hasomir“ veranstaltete am Montag, den 7. d. M., im jüdischen Theater in der Taborstraße (Hotel Stephanie) eine literarische Soiree, deren Programm sich aus Gesangsvorträgen, einer Conference des bekannten hebräischen Schriftstellers A, Loubetzky und aus der Aufführung des Stückes „Zirickgekimmen“ von Schalom Asch zusammensetzte. Die Liedervorträge wurden von Herrn Spiwakow eröffnet, welcher zuerst ein selbstkomponiertes und dann einige Volkslieder in wirkungsvolle? Weise vortrug. Der nächste'Sänger, der begabte Herr Podzamcze, sang mehrere chassidische Lieder und erzielte großen Erfolg. Herr Rosenstein trug zwei Goldfaden sehe Lieder vor und riß das Publikum sowohl durch Temperament als auch durch seine machtvolle Tenorstimme hin. Herr A. Loubetzky sprach in gewohnt geistreicher Weise über jüdische und hebräische Literatur im Gegensätze zur sogenannten jüdischen Literatur in europäischen Sprachen. Seine Ausführungen wurden mit starkem Beifall aufgenommen. Die Aufführung des Stückes „Zirickgekimmen“ bildete einen stimmungsvollen Abschluß der gelungenen Veranstaltung. Die im Stücke beschäftigten Schauspieler Herr und Frau Siegler, Fräulein Weintrau b und Herr Podzamcze boten ihr Bestes und entzückten durch ihr gelungenes Zusammenspiel. Durch diese in jeder Hinsicht erfolgreiche Veranstaltung hat der Verein „Hasomir“ bewiesen, daß er der Aufgabe, jüdische Kunst und Literatur in Wien zu fördern, gewachsen ist. ♦ * * Generalversammlung des Hilfsvereines der deutschen Juden. Am 6. März fand unter Vorsitz [des Herrn James Simon eine Sitzung des Zentralkomitees sowie die Generalversammlung des Hilfsvereins der Deutschen juden im Hotel Prinz Albrecht statt, die sich eines guten Besuches aus allen Teilen Deutschlands zu erfreuen hatten. ln der Tagung des Zentralkomitees wurde der Geschäftsbericht erstattet. Mit lebhaftem Beifall nahmen die Anwesenden Kenntnis von den Fortschritten des Vereines auf allen Gebieten seiner Wirksamkeit. In das Zentralkomitee wurden die Herren Julian M e is e 1, Berlin; Justizrat P1 acz e k, Posen; Julius Cohn, Berlin; Bankier Max Strauß, Karlsruhe und Justizrat Holz, Königsberg einstimmig gewählt, die sich sämtlich in verschiedeuen Richtungen im hohen Grade um den Hilfsverein der Deutschen Juden verdient gemacht haben. An die Sitzung des Zentralkomitees schloß sich die ordentliche Versammlung der Mitglieder. Herr James Simon stellte zur lebhaften Befriedigung

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