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Jüdische Zeitung · 1910-03-11 · 10 (11.3.1910) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
10 (11.3.1910)
Date
1910-03-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 10 Die Reichen ließ er unbehelligt, ja er arbeitete mit ihrem Golde — die Armen aber hat er dem Boykott und der Verzweiflung ausgeliefert. Erst nahm er ihnen das Recht und als sie völlig wehrlos und geknebelt waren — gab er ihnen die Gnade . . . Mit Ekel wenden wir uns von der entarteten jüdischen Bourgeoisie und ihren Leiborganen, die sich an sein Schmerzenslager drängten und ihm förmlich die Füße leckteH — ihm, der noch vor vier Jahren mit einem Pogrom gedroht und von den Juden gesagt hatte, sie hätten die Pest nach Wien gebracht. . . Das Projekt des Jüdischen Kolonisationsvereines in Wien. Endlich ist der Schleier gelüftet, der über die Absichten des Vorstandes des „Jüdischen Kolonisationsvereines . in Wien“ so lange gebreitet war. Nach vier Jahren sind die Mitglieder wieder zu einer Generalversammlung gebeten worden, wo ihnen Andeutungen über ein Projekt des Vorsitzenden gemacht wurden. Dieser, Herr Baurat Stiaßny, hat seinen Plan als Broschüre veröffentlicht und ihn damit der öffentlichen Kritik zugänglich gemacht. Wir haben bisher über das Projekt geschwiegen, weil der Verfasser in der Broschüre ersucht, dasselbe nicht öffentlich zu besprechen. Nachdem aber das Schweigen von einem Blatte durchbrochen wurde, das Herrn Stiaßny nahe steht, und das Projekt darin in den Himmel gehoben wird, sind wir gezwungen, die bisher geübte Schonung aufzugeben. Baurat Stiaßny, dem niemand Palästinaliebe absprechen wird, möge uns das harte Wort verzeihen. Sein Plan ist einfach absurd. — Er will nichts anderes als — eine Stadt gründen! Seine Broschüre ist eine Beschreibung, wie schön diese Stadt sein wird, wobei er sich an das Vorbild der bekannten englischen Gartenstädte anlehnt. Ec zeichnet eine schöne Utopie, die allerdings keine neuen Züge aufweist, sagt aber nicht ein Sterbenswörtchen darüber, w i e er sich die Duchführung denkt. Leider aber sind wir so neugierig veranlagt, durchaus wissen zu wollen, wie man eine große und schöne Stadt aus dem Nichts erstehen läßt. Es ist uns bekannt, wie Städte langsam auf Grundlage landwirtschaftlicher Ueberschüsse der Umgebung entstehen, wir kennen auch das Emporblühen reiner Handelsstädte bei Vorhandensein eines auch nur kleinen Kerns, ja wir wissen sogar, daß sich Industriestädte über Nacht gründen lassen — wie die vom amerikanischen Stahltrust 1906 angelegte „Stahlstadt“ Gary, die 1908 schon über 10.000 Einwohner hatte, da der Trust seine Hochöfen und Stahlwerke dahin verlegte — aber wie in Palästina eine große neue Stadt aus dem Nichts entstehen soll, darüber möchten wir gerne aufgeklärt sein. und wie er sanft gegen eine Brust gedrückt ward. Eine hohe Gestalt stand neben der seinen. Vertrauensvoll senkte er den Blick zu dieser Gestalt — und er stand keuchend, irr, mit erloschenen Augen, am ganzen Leibe bebend und die Backen aufblasend, während ihm vor Schrecken der Speichel herablief. O Graus! Er war in den Armen des Großinquisitors selbst, des ehrwürdigen Pedro Arbuez d’Espila, der ihn, dicke Tränen in den Augen, und mit der Miene eines guten Hirten, der seine verirrten Schafe wiederfindet, anblickte ... Der finstere Priester drückt den unglücklichen Juden mit einer so glühenden Nächstenliebe an sein Herz, daß die Stacheln des mönchischen Büßerhemdes unter seiner Kutte in die Brust des Dominikaners drangen. Und während Rabbi Äser Abarbanel mit geschlossenen Lidern und verdrehten Augen vor Angst in den Armen des asketischen Don Arbuez röchelte und dunkel begriff, daß alle Vorgänge an diesem Schicksalsabend nichts als eine beabsichtigte Marter, eine Marter durch Hoffnung waren, flüsterte ihm der Großinquisitor mit dem Tone bitteren Vorwurfs und mit betroffenem Blicke ins Ohr, so daß sein brennender, durch Fasten verdorrter Atem ihn an wehte: „Wie, mein Sohn, am Vorabend eures noch möglichen Heils ... wolltet ihr uns verlassen?“ Bis dahin wird Herr Baurat Stiaßny schon verzeihen, wenn wir sein sogenanntes Projekt für eine Utopie halten und glauben, daß jeder Heller, der auf Aussendung einer „Studienkommission,“ wie er sie zwecks des Aussuchens eines geeigneten Terrains dem „JCV“ vorschlägt,: ausgegeben wird, ein verschleudertes Geld ist, das nur einigen Herren zu einer billigen Palästinareise verhelfen würde. Wenn der „JCV“ übrigens sachverständigen Rat will, dann findet er genug Fachmänner in Palästina. Wir sind dem „JCV“, der eine Gründung der Kultuspartei ist, von jeher mit wenig Vertrauen in seine Arbeitsfähigkeit begegnet. Die Veröffentlichung dieses „Projektes“ nach vierjährigem Nichtstun des Vereines ist geeignet, unsere Ansicht voll zu bestätigen. Es ist an der Zeit, einen zionistischen Palästinaverein zu gründen, der sich all der Institutionen, die im Lande aufblühen, annimmt und die Propaganda für Palästina energisch in die Hand nimmt. Wie wir hören wird ein solcher Verein mit Zustimmung des Palästinaressorts in Kürze ins Leben treten, was wir aufs lebhafteste begrüßen. Die Katzbalgerei in der Leopoldstadt. In der Leopoldstadt gab es Mittwochden 3. d. M. eine große Versammlupg des „Jüdischen Nationalvereines“ mit einem köstlichen Finale. Die beiden wahlmachenden Cliquen („Donauklub“-„Freiheitlichsoziale“ einerseits, „Fortschrittler“ anderseits) waren unklug genug, sich gegenseitig die Wahrheit zu sagen. Dem „Jüdischen Nationälverein“ blieb es so erspart, die Leopoldstädter Schmutzwäsche zu waschen. Die Herren besorgten das selbst auf das Gründlichste. Ihre eigenen Leute gingen kopfschüttelnd von dannen und dachten wohl: „Es will uns schier bedünken, daß alle beide stinken.“ Der Obmann des „Jüdischen Nationalvereines, Reichsratsabgeordneter Dr. Gabel, eröffnete mit dem Hinweis auf das Programm des „Jüdischen Nationalvereines für Oesterreich“ und erteilte Abgeordneten Dr. Straucher, dem Leiter des reichsrätlichen „Jüdischen Klubs“ das Wort zu seinem Referate: Die parlamentarische Situation. Dr. Straucher führt in großangelegter Rede aus, wie es zur Bildung des „Jüdischen Klubs“ gekommen sei. Die Judenschaft hätte spontan, ohne daß eine richtige Parteiorganisation vorhanden war, bewußt-jüdische Männer gewählt und wenn man die Wahlschikanen und den Terrorismus der Feinde in Betracht ziehe, müsse man die Wahl dieser vier Männer „Zufallstreffer“ nennen. Dr. Straucher schildert nun das Verhalten der assimilatorischen „israelitischen“ Abgeordneten und weist nach, daß sie in der ganzen Zeit seiner parlamentarischen Tätigkeit (er sitzt seit 1897 als Nationaljude im Abgeordnetenhause) das Judentum zwar häufig geschädigt, niemals aber gefördert hätten. Er erklärt den schädlichen Einfluß eines Löwenstein, eines Kuranda, bespricht die gegenwärtige Situation und übt scharfe Kritik am den Judensfämmlingen Doktor Licht und Dr. R e d 1 i c h, die sich nicht entblöden, mit den ärgsten Antisemiten in dem neuen „Deutschnationalen Verband“ zu sitzen. Er verliest auch den bezüglichen Artikel Dr. Lichts aus der „Neuen Freien Presse“ unter lebhaften Entrüstungs- und Pfuirufen. Der „Jüdische Klub“ dagegen habe sich die Achtung des ganzen Hauses erworben: Er habe die Resolution Schmid hintertrieben, sei antisemitischen Auswüchsen (zum Beispiel Fall Uriel) wirksam entgegengetreten und hätte die Einfügung der jüdischen Kurie in die neue Bukowinaer Wahlordnung sicher durchgesetzt, wenn es Kuranda und Genossen nicht hintertrieben hätten. Dagegen sei es dem Klub gelungen, für Bosnien eine eigene jüdische Kurie zu erwirken, indem er sich sofort nach Promulgierung der Verfassung mit aller Energie für Schaffung wahrhaft jüdischer Mandate eingesetzt habe. Doktor Straucher gedachte noch der Tätigkeit seines Klubs für die wirtschaftliche Hebung im Osten, entrollte ein erschütterndes Bild der verzweifelten Situation unseres Luftproletariats, das jetzt mit Erlöschung des Propinationsrechtes einen erschreckend starken Zufluß erhalten solle. Es werde hoffentlich dem Klub gelingen, die ärgsten Härten zu beseitigen. (Lebhafter, lang andauernder Beifall.) Hierauf sprach ungemein wirkungsvoll Gg. Ob.-Ing. Fried über die Leopoldstädter „Gemeinderatswahlen“. Er zeigte zunächst, wie ein Klüngel entarteter, ihrem Volke längst entfremdeter „Israeliten“ seit Jahrzehnten mit den Worten Freiheit und Fortschritt Schindluder treibe, dem jüdischen Volke zum Schaden, der ganzen Oeffentlichkeit zum Spott. Der Marasmus dieser Auchjuden trete anläßlich der Gemeinderatswahlen wieder zutage. „Wir kommen Euch aufklären, wir wollen Eure Selbstachtung wecken, damit Ihr Euch zur Selbsthilfe' aufrafft und Euch das nächstemal nicht mehr verschachern lassen müßt.“ Wie zur Illustration seiner Schilderung des Kuhhandels mit Mandaten jenseits des Donaukanals begannen nun die Mandatswerber K1 e b i n d e r, N e u s t a d 11 und Beer einander die unsaubersten Dinge vorzuwerfen. „Lüge“, „anonyme Briefe“, „Erpressung“ waren der Tenor dieser höchst aufgeregten gegenseitigen Agklagereden. Dabei betonte jeder einzelne, insbesondere Herr K1 e b i n d e r, sein Judentum. Aus diesen deutschen Israeliten hatte die Angst um das Mandat plötzlich Nationaljuden gemacht. Wir nehmen diesen löblichen Wandel zur Kenntnis und werden die Herren gelegentlich an ihre Beteuerungen erinnern. Mit Herrn Neustadtl bekommen wir wirklich Mitleid. Seine Gegner im Bezirke entwarfen ein derartiges Bild von der Gesinnung dieses Mannes und von seiner Kampfesmethode, daß er wohl für immer erledigt ist. Die Gg. Brunner undDr. Schalit wußten die Versammlung wieder auf ihr ursprüngliches Niveau zu heben und entwickelten das zionistische und jüdisch-politische Programm. Es war die.lehrreichste Versammlung in den letzten Jahren und wohl auch die erfolgreichste. Freies zionistisches Seminar in Wien. Donnerstag den 3. d. M. wurde in den Räumen des zionistischen Seminars die Diskussion über den Vortrag des Gg. A. Böhm: „Die Revision des Zionismus“ eröffnet. Den Vorsitz führte Dr. Leopold Mefs'el. Als efeter Sprach'ein "russischer Sözialist- Territorialist, Herr D a n i e 1 i, der weit vom Thema . abschweifte und die Anschauungen seiner Partei unter heftiger Kritik an den Ausführungen Böhms und am Zionismus überhaupt darlegte. Die Krise des Zionismus liege in Zion selbst. Palästina sei durchaus ungeeignet für eine planmäßige Kolonisation. Es ist ein besetztes Land mit teueren Bodenpreisen, jede Aufwendung bereichere nur die Araber. Die Arbeiterfrage sei nicht zu lösen. Der Jude könne als Arbeiter mit dem Araber nicht konkurrieren Eine Lösung der Emigrationsfrage sei vom Zionismus, der aus diesen Gründen keine Großkolonisation zu erwarten habe, nicht zu erwarten. Dr. G o 1 dh a m m e r sagte, er sei der Anschauung, daß der Mangel eines politischen Systems der Grundfehler im Zionismus sei. Betreffs der Debatte schlage er vor, zu den von Böhm angeregten Fragen Einzelreferate halten zu lassen. Böhm bemerkt gegenüber Danieli, daß dieser weit vom Thema abgewichen sei, er aber durchaus einer Diskussion über dessen Ansichten nicht ausweiche. Nur müsse man sich zuerst über den Gang der Diskussion einig werden. Mit dem Vorschlag Goldhammer ist er einverstanden. Gegenüber Danieli bemerke er, daß Palästina durchaus kein so „besetztes“ Land sei, sondern sehr dünn und streckenweise gar nicht besiedelt sei, ähnlich wie Mesopotamien, das die Territorialisten aussuchen. Werden diese dort oder wo anders Großkolonisation treiben, so wäre das nur zu begrüßen. Dr. Ernst Müller spricht über den Zweck des Seminars. Es gibt bei uns kein „Endziel“. Wir müssen für unsere Zwecke unsere Wege finden und für unsere Wege unsere Zwecke. Die ganze Frage ist: Inwieweit können wir planmäßig in eine natürliche Entwicklung eingreifen? Dr. Kadis ch sieht in dem Standpunkt Böhms, den er fast vollständig teilt, einen sehr großen Fortschritt. Nur gehe er bezüglich der Revision über Böhm hinaus. Redner entwickelt seine Anschauungen in längerer Rede. Es gibt kein Endziel bei uns und keine Gegenüberstellung von Gegenwartsarbeit und Endzielarbeit. Auch die Palästinaarbeit ist Gegenwartsarbeit. Unsere Aufgabe ist, die Westjuden erst auf jene Stufe zu bringen, auf welcher die Ostjuden von

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