Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 recht gab und daß wir jüdischen Modernen die einzigen Erben seiner Traditionen sind. Denn gerade unser moderner Nationalismus gab uns das Verständnis für die neuösterreichische Reichsidee und für die großen kulturellen und ökonomischen Probleme, die immer stürmischer zur Lösung drängen. Die jungjüdische Demokratie schreibt die Worte ihres Meisters Fischhof auf ihr Banner, die er im Jahre 1869 in dem vorerwähnten Hauptwerke ausgesprochen hat: „Keine der großen Nationalitäten Oesterreichs kann für sich den Bestand der Monarchie sichern, aber jede derselben vermag durch ihren Widerstand das Reich zu gefährden, destruktiv kann jede einzelne, konstruktiv vorgehen können nur alle vereint.“ Adolf Fischhof hat den ganz anderen Anschauungen huldigenden deutschbürgerlichen Politikern und ihrem assimilatorisch-jüdischen Anhang prophezeit, daß ihre Nationalitätenpolitik der Reaktion und speziell auch dem Antisemitismus die Wege ebne. Er hat aber genau so tauben Ohren gepredigt wie wir: Unsere Gegner, die A s s i m i 1 a n t e n, ereifern sich nach wie vor gegen die „klerikale Reaktion“, die sie in beiden Reichshälften durch Förderung des deutschen und tschechischen, des polnischen und magyarischen Chauvinismus galvanisieren. Darum wird der unparteiische Historiker einst ebenso den politischen Scharfblick und Charakter Fis-hhofs feiern, wie er sein Verdammungsurteil über die jüdische Assimilantenpolitik fällen wird. Eine Erklärung des „Jüdischen Klub“. Der Jüdische Klub“ übersendet uns folgende von sämtlichen vier Klubmitgliedern Unterzeichnete Erklärung. Gegenüber den in der Oeffentlichkeit verbreiteten Gerüchten von einer angeblich bevorstehenden Auflösung des „Jüdischen Klub“, erklärt der reichsrätliche Jüdische Klub,“ daß er nach wie vor ungestört weiterbesteht und daß gerade die derzeitige triste politische Lage der österreichischen Juden diese legitime parlamentarische Vertretung des jüdischen Volkes immer fester zusammenschließt. Dr. Benno S t r a u c h e r, m. p. als Obmann. Dr. Heinrich Gabel, m. p. Prof. Dr. Arthur Mahler, m. p. Adolf Stand, m. p. Als die beiden Inquisitoren gegenüber waren, blieben sie beim Schein der Lampe stehen — das war ein Zufall, den ohne Zweifel ihre Diskussion veranlaßt hatte. Einer von ihnen, der den Worten des andern zuhörte, blickte gerade auf den Rabbiner. Und bei diesem Blick, dessen zerstreuten Ausdruck er anfangs nicht begriff, fühlte der Unglückliche noch einmal die glühenden Zangen sein armes Fleisch zwicken. Er sollte also wieder zu einer Klage und zu einer Wunde werden. Ohnmächtig, mit stockendem Atem und zuckenden Lidern, schauderte er, wie diese Kutte ihn streifte. Aber seltsam und doch natürlich: die Augen des Inquisitors schienen die eines Menschen, der nur daran denkt, was er antworten will, und der in dem Gedanken an das, was er anhört, ganz aufgeht. Sie waren starr und schienen den Juden anzublicken, ohne ihn zu sehen. In der Tat setzten die beiden finsteren Sprecher ihren Weg nach einigen Minuten fort, langsam, wie sie gekommen waren, und stets leise miteinander redend. So verschwanden sie nach dem Säulengang hin, von wo der Gefangene gekommen war. Sie hatten ihn nicht gesehen!... In der furchtbaren Verwirrung seiner Empfindungen schoß ihm der Gedanke durch den Kopf: Wäre ich wohl schon tot, da man mich nicht sieht? Eine grausige Emp- Aus dem Parlament. Die Rede des Abg. Stand. Namens des „Jüdischen Klubs“ hielt der Abg. Stand anläßlich der Budgetdebatte eine große Rede, die wir in der vorigen Nummer im Wortlaute veröffentlicht haben. Die großangelegte Rede machte im Hause den denkbar besten Eindruck. Kennzeichnend für die Achtung, die man den Enunziationen des „Jüdischen Klub“ entgegenbringt, ist, daß hervorragende Vertreter aller Parteischattierungen, wie die Abg. Korytowski, Schuhmeier und Pacher, den Ausführungen des Abg. Stand mit Interesse lauschten. Auch die unserer Bewegung nicht freundlich gesinnter Blätter, gaben die Rede ziemliah ausführlich wieder, was einen Beweis für die Berechtigung und allgemein empfundene Anerkennung der jüdischen Forderungen darstellt. Die Bedeutung der jüngsten Budgetrede steigert sich, wenn man bedenkt, daß während mehreren Dezennien im Abgeordnetenhause von den „Israeliten“ aller Schattierungen kein mannhaftes Wort gesprochen wurde, das wahrhaft jüdischen Interessen gewidmet gewesen wäre. Großes Interesse erweckte auch der gediegene echt demokratische allgemeine Teil der Ausführungen Stands. Einem Worte Nordaus zufolge ist unerläßliche Bedingung für die Erreichung irgend eines verenthaltenen Rechtes das Fordern. Durch den Mund der jüdischnationalen Abgeordneten erfüllt die jüdische Bevölkerung Oesterreichs diese Bedingung nachdrücklichst. Gesetzwidrigkeiten in Galizien. Der Abg. Gg. Gabel hat an den Minister des Innern folgende Interpellationen gerichtet: In jüngster Zeit haben sich Fälle gehäuft, in denen es die galizischen autonomen Behörden versuchten, die jüdischen Gemeindemitglieder von den der politischen Gesamtgemeinde zustehenden Rechten undVermögensobjekten einseitig auszuschließen und diesen Genuß bloß den römisch-katholischen Gemeindemitgliedern zuzuwenden. Insbesondere wurde diese Angelegenheit bezüglich der den Juden entzogenen Gemeindeweiden, erst kürzlich publizistisch erörtert und bedurfte es erst eines Erkenntnisses des k. k. Verwaltungsgerichtshofes, um die betreffenden gesetzwidrigen Beschlüsse zu kassieren. Nunmehr hat sich ein Fall ereignet, in welchem sogar versucht wurde, das Eigentum des Gemeindevermögens einer politischen Gesamtgemeinde bloß den römisch-katholischen Gemeindemitgliedern zuzuwenden und sogar eine Umänderung der bisherigen Bezeichnung und gesetzlichen Zweckbestimmung dieses Gemeindevermögens herbeizuführen. Der Gemeinderat in Mikolajow am Dniester in Galizien hat am 22. April 1898 beschlossen, die Bezeichnung, das Eigentumsrecht und die Zwecksbestimmung des Gemeindevermögens, einseitig dahin zu ändern, dieses gesamte Gemeindevermögen, welches der politischen Gemeinde Mikolajow als solcher gehört und dessen Genuß somit auch den jüdischen Gemeindemitgliedern gesetzlich zugänglich sein soll, auf die bis nun überhaupt nicht gebildete, geschweige denn konstituierte römisch-katholische Gemeinde, als eine konfessionelle intabulieren zu lassen. Zu der betreffenden Sitzung des Gemeinderates in Mikolajow, bei welcher dieser sonderbare Beschluß gefaßt wurde, wurde gesetzwidrig kein einzigerjüdischerGemeinderat, vielmehr wurden nur die christlichen Stellvertreter der jüdischen Gemeinderäte geladen. Im Rekursweg ist dieser Beschluß vom Ausschüsse des Bezirksrates in Zydaczow mit Beschluß vom 5. April 1899, Z. 1569/98 bestätigt worden. Dagegen hat eine Anzahl von jüdischen Einwohnern in Mikolajow eine gehörig motivierte Beschwerde an den galizischen Landesausschuß in Lemberg überreicht, welche jedoch bis nun nicht erledigt wurde. In dieser Beschwerde wurde insbesondere darauf hingewiesen, daß die politische Gemeinde in Mikolajow als solche tabularmäßige Eigentümerin der Immobilien Einlage Nr. 1071 und 1076 in Mikolajow ist und überdies ein bedeutendes bewegliches, und zwar auch ein bares Vermögen besitzt. Ferner, daß zur politischen Gemeinde der Stadt Mikolajow die Gesamtheit ihrer Einwohner ohne Unterschied des Glaubens gehört und daß somit der obige, die jüdischen Gemeindemitglieder vom Genüsse des Gemeindevermögens ausschließende, im Rekurswege bestätigte Beschluß an und für sich illegal zustande kam, wie dies in dieser Beschwerde des Näheren dargetan wurde, zumal die beabsichtigte Transaktion gegen das Gesetz öffentlich nicht kundgemacht worden ist und eine besondere katholische Gemeinde in Mikolajow bis nun nicht einmal konstituiert ist, als rechtlich nicht besteht und überdies nach dem Gesetze zu solchen Transaktionen die Intervention des Landtages selbst erforderlich ist. Dabei ist der Umstand zu erwägen, daß wenn man obige Objekte aus dem Vermögen der allgemeinen politischen Gemeinde ausschalte, dieselbe passiv wird, so daß die jüdischen Mitglieder an Steuern erheblich mehr zu zahlen haben werden, als sie jetzt zahlen um die Passiven zu decken, während die übrigen Gemeindemitglieder im Genüsse des Gemeindevermögens verbleiben und schon jetzt gewillt sind, aus den Einkünften dieses Gemeindevermögens nicht nur die erhöhten Steuern, sondern auch die gewöhnlichen zu decken. Da derlei Attentate auf die Rechte der jüdischen Gemeindemitglieder in Galizien seit einiger Zeit auf der Tagesordnung sind und geradezu eine Aufhebung der betreffenden staatsgrundgesetzlichen Bestimmungen den jüdischen Gemeindemitgliedern gegenüber involvieren, es aber untunlich ist, daß die Beobachtung des Staatsgrundgesetzes^in jedem einzelnen Falle erst durch Provozierung” der Entscheidungen des Verwaltungsgerichtshofes erzwungen werden muß, es vielmehr Sache der staatlichen Behörden ist, im Aufsichtswege diesen unhaltbaren Zuständen eidlich einmal zu steuern, richten die Gefertigten hiemit an den Herrn Minister des Innern die Anfrage, ob derselbe geneigt sei, im Wege der k. k. galizischen Statthalterei in Lemberg die politischen Bezirksbehörden in Galizien anzuweisen, darüber zu wachen, daß derlei gesetzwidrige Beschlüsse der autonomen galizischen Behörden in Zukunft unterbleiben sollen. Dr. Karl Lueger. Der Bürgermeister von Wien, das Haupt der christlichsozialen Partei, liegt auf der Bahre. Während diese Zeilen geschrieben werden, hat sich das Grab über ihn noch nicht geschlossen und die Majestät des Todes verbietet es, Zusagen, was wir empfinden, wenn wir das Wirken dieses furchtbaren Feindes unseres Volkes überblicken. findung riß ihn aus seiner Starre: indem er die Mauern vor seinem Angesicht anstarrte, wähnte , er dicht vor seinen Augen zwei wilde Blicke zu sehen, die ihn beobachteten ... Er warf den Kopf zurück in einer plötzlichen verzweifelten Angst; die Haare standen ihm zu Berge!... Nein, nein. Seine Hand hatte sich versichert, indem er über die Steine tastete: es war der Widerschein der Augen des Inquisitors, den er noch in seinen Augäpfeln hatte; den hatte er auf zwei Flecken im Mauerwerk geworfen. Vorwärts! Er mußte eilen, nach jenem Ziele zu kommen, das er sich — in zweifellos krankhafter Phantasie — als die Befreiung dachte! Nach jenem Dunkel, von dem er nur noch etliche dreißig Schritte entfernt war. Er nahm also seinen Schmerzensweg wiederauf und kroch nun schneller dahin auf Händen, Knieen und Bauch. Bald kam er in den dunklen Teil jenes furchtbaren Korridors. Plötzlich fühlte der Unglückliche etwas Kaltes auf seinen Händen, die er auf die Fliesen stützte: es war ein heftiger Windstoß, der unter einer kleinen Tür hinfuhr, an der die beiden Wände endeten. — O Gott! Wenn diese Tür sich nach außen öffnete! Das ganze Wesen des beklagenswerten Flüchtlings ward von einem Schwindel der Hoffnung erfaßt. Er betrachtete sie von oben nach unten, ohne sie wegen! der herrschenden Finsternis recht sehen zu können Er tastete: keine Riegel, kein Schloß, — ein Schieber! ... Er richtete sich auf: der Schieber gab seinem Daumen nach; die schweigende Pforte ging vor ihm auf. „Halleluja!“ murmelte der Rabbiner in einem ungeheuren Dankesseufzer; er stand jetzt aufrecht auf der Schwelle und spähte um sich, was er erblicken konnte. Die Tür hatte sich nach den Gärten geöffnet, über denen sich der Sternenhimmel wölbte. Frühling, Freiheit, Leben! Er blickte auf die nahen Felder, die sich bis zu den Sierras erstreckten, deren geschwungene, blaue Höhenzüge sich vom Horizont abhoben. Dort war die Rettung! 0, entfliehen! Er wollte die ganze Nacht unter diesen Zitronenbäumen laufen, deren Blütenduft ihm entgegenwehte. Einmal in den Bergen, war er gerettet! Er atmete die gute heilige Luft, der Wind belebte ihn, seine Lungen begannen zu arbeiten. Er hörte in seinem sich weitenden Herzen das „Stehe auf“ des Lazarus. Und nun Gott zu danken, der ihm diese Barmherzigkeit erwies, streckte er die Arme aus und erhob die Augen gen Himmel. Er war verzückt. Da glaubte er den Schatten dieser Hände auf sich selbst zurückfallen zu sehen; er glaubte zu fühlen, wie diese Hände ihn umarmten, umschlangen