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Jüdische Zeitung · 1910-03-11 · 10 (11.3.1910) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
10 (11.3.1910)
Date
1910-03-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 IÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 10 die Welt durchzogen habe“ — und statt der heiligen roten Internationale wehte vom Pariser Stadlhause die noch heiligere Nationalflagge. Und in der preußischen Proklamation, die nach den furchtbaren Berliner Straßen kämpfen in der Nacht vom J8. zum 19. März erlassen wurde, hieß es: „Ich habe heute die alten deutschen Farben angenommen ...“. So wurde wohlweislich allenthalben der nationale Ton angeschlagen, um die entfesselten Elemente zu sänftigen. Aber diese nationale Gebärde des Auferstehungsjahres war kerngesund. Die Entwicklung nach dem Jahre 1848 zeigte immer klarer die Notwendigkeit einer nationalen Eigengestaltung der einzelnen Völker und das dringende Erfordernis, daß jedes Volkstum „Herr im eigenen Hause“ ist. Und wenn uns auch der 13. März die wahre Gleichberechtigung vorenthielt, dieses „Recht auf die eigene Nation“ hat er auch uns erstritten. Darum neigt sich das älteste Volk, das sich seine alte Heimat wieder aufrichtet und einst gesundet und erneut mit den anderen Völkern brüderlich an der Zukunft wirken will, dankend vor den Gräbern der Märzgefallenen. “ Dr. O. A. Demokratie und Freiheit bei den Juden. Von Reichsratsabg. Prof. Dr. Mahler. Es ist einer der häufigsten und von den verschiedensten Seiten wiederholter Vorwurf, die Juden seien undemokratisch. Und gegenüber dem bewußten Nationaljudentum hört man vielleicht noch öfter die Anklage, es sei rückschrittlich und gegen die Freiheit, wenigstens des Gedankens gerichtet. Woher stammen diese Urteile oder besser gesagt Vorurteile? Wie ich glaube kann man ruhig sagen, daß sie von Unkenntnis und Böswillen eingegeben sind. Wenn wir die Geschichte des jüdischen Volkes, besonders auch im heroischen Zeitalter betrachten, so finden wir, daß sie geradezu von einem fanatisch-demokratischen Zuge beherrscht wird. Man denke nur an Samuel und Saul. Es verschlägt für unseren Fall wenig, daß Wellhausen die historische Auffassung dieser Epoche durch die Quelle leugnet — für uns ist der aus dieser Form der Darstellung sprechende Gedankeninhalt maßgebend und dieser ist rein demokratisch. Allerdings — und damit kommen wir zur Wurzel der Irrtümer — ist der Jude auch durchwegs individualistisch. Er ist hatte er in dem Spalt zwischen Tfir und Wand den Laternenschein erblickt. Ein krankhafter Hoffnungsschimmer, der Verwirrung seines Hirns entspringend, brachte sein ganzes Wesen in Aufruhr. Er schleppte sich zu der ungewohnten Erscheinung hinl Und mit großer Behutsamkeit einen Finger in den Spalt steckend, zog er die Tür sachte an sich . . . O Staunen! Durch einen seltsamen Zufall hatte der Familiär den schweren Schlüssel beim Zuschließen der Tür etwas zu früh abgedreht, so daß der verrostete Schloßriegel nicht gefaßt hatte. Die Tür drehte sich aufs neue in ihren Angeln. Der Rabbiner wagte einen Blick hinaus. Mit Hilfe eines fahlen Scheins erkannte er zunächst einen Haibkreis erdiger Mauern, in die spiralenförmig Stufen eingelassen waren, und* vor sich, über fünf oder sechs steinerne Stufen hinweg, eine Art von schwarzem Säulengang, der zu einem riesigen Korridor führte, von dem er nur die ersten Bogenstellungen erblickte. Er kroch bis zu dieser Schwelle. Ja, es war wirklich ein Gang, aber von ungeheurer Länge. Ein bleicher Schein, ein Traumesschimmer, erleuchtete ihn. Lampen, die in Abständen vom Gewölbe niederhängen, brannten bläulich in der trüben Luft. Der tiefe Hintergrund war nichts als Schatten. Keine Seitentür in dieser endlosen Flucht. Nur linker weniger als jedes andere Volk der Massensuggestion zugänglich. Er sucht sich sein eigenes Urteil zu wahren. Individualismus ist nur die Folge hoher Kultur und alter kultureller „Engramme“. Nur darf der Individualismus nicht zur Atomisierung führen. Indem so der Jude zähe — vielleicht zuweilen mehr als zulässig—an seiner Einzelmeinung festhält, sich einem sich zeigenden oder bildenden Massen willen nicht sofort fügt, gerät er in den Verdacht undemokratisch, respektive ochlokratischzu sein. Dieser Eindruck wird durch zwei Umstände verstärkt: die große Hochachtung vor der Tradition, insbesondere wenn sie Geisteswerte in sich enthält und die daraus folgende Wertschätzung der traditionellen Autorität, die ihrerseits wieder der Anerkennung neuer Autoritäten (demokratischer Wille) hindernd im Wege steht. Aber auch die Wertschätzung der Tradition ist etwas, was dem jüdischen Volke nur zur Ehre gereicht. Das bedarf, wie ich meine, keines Beweises. Das einzige, was man nach dieser Richtung sagen kann, ist folgendes: Das jüdische Volk, das durch Jahrhunderte von jeder politischen Betätigung ausgeschlossen war, das durch jahrhundertelange Geistesarbeit höchste Individualisierung erreichte, kann und wird erst durch das politische Leben selbst die Ueberindividualisierung abstreifen. Wir sehen unter unseren Augen diesen Prozeß sich vollziehen — eine fortschreitende Demokratisierung. Die schwerste, am häufigsten gedankenlos wiederholte Anklage gegen das Natianaljudentum ist, es sei rückschrittlich gegen die Freiheit des Gedankens. Auch darüber nur einige Worte. Erst das Nationaljudentum gibt dem Juden die volle Freiheit. Da es ihn aus der nur geduldeten Verbindung mit anderen Nationen befreit; die er nur gar zu oft durch anderweitige Gesinnungsopfer erkaufen muß, gibt es ihm die volle individuelle Anschauungsfreiheit. Da es ferner die volle Gleichberechtigung verlangt, so anerkennt es keine Vorurteile — predigt also volle Freiheit. Indem es ihn sein eigenes Volkstum hochschätzen lehrt, spricht es damit die Hochschätzung ehrlichen Volkstumes auch jeder anderen Nation aus. Das Nationaljudentum verlangt volle Entwicklungsfreiheit und erklärt damit jeder Rückwärtserei den Krieg — nicht nur für sich. Der kategorische Imperativ ist streng genommen die Prämisse der Freiheit und das Bekenntnis zu‘:seinem Volkstum und muß auch ein kategorischer Imperativ für jeden Juden sein. Hand, in Vertiefungen der Wand, Luftlöcher mit vergitterten Fenstern, die einen Dämmerschein hereinließen. Es mußte wohl Abend sein, wegen der roten Streifen, die hin und wieder über die Fliesen fielen. Und welches schreckliche Schweigen! . . . Trotzdem könnte dort unten in der Tiefe dieser Dämmerung ein Ausweg zur Freiheit führen! Die bebende Hoffnung des Juden war hartnäckig, denn es war die letzte. Ohne Zaudern schritt er also über die Steinfliesen hin und hielt sich an der Wand mit den Luftlöchern, bestrebt, mit der Schattenfarbe der langen Mauern zu verschmelzen. Langsam kroch er auf der Brust vorwärts und unterdrückte einen Schrei, als eine wiederaufgehende Wunde ihn schmerzte. Plötzlich drang der Schall einer nahenden Sandale im Widerhall dieser steinernen Allee bis zu ihm. Ein Zittern ergritf ihn, die Angst erstickte ihn; seine Augen trübten sich. Ach, nun war gewiß alles aus. Er schmiegte sich in eine Vertiefung und wartete, mehr tot als lebendig. Es war ein Familiär, der eilig daherkam. Er trug eine Zange zum Muskelzerreißen in der Hand und verschwand wieder, in seine Kutte gehüllt, eine furchtbare Erscheinung. Der Schatten hatte die Lebenskräfte des Rabbiners gleichsam gelähmt. Fast Wir und Fischhof. Von Dr. H. K a d i s c h. (Zum 13. März.) 62 Jahre sind seit jenen herrlichen Tagen verflossen, da in die ehernen Burgen des alten feudalen Oesterreich die erste Bresche geschlagen wurde. Wieder nahen sie nun, die Märztage, die uns die Kämpfe des Jahres 1848 mit aller ihrer Begeisterung und ihren Hoffnungen für die Modernisierung des Donaureiches für den Völkerfrieden und die Völkerfreiheit in diesem Staatswesen ins Gedächtnis rufen. Für uns Juden, die mit der allgemeinen Freiheit ihre eigene zu erkämpfen gehofft hatten, sind es bittere Reminiszenzen, eine traurige Rückschau auf sechs Dezennien. Die Prinzipien, welche der Revolution des Jahres 1848 zugrunde lagen, die deren Vorkämpfer, und allen voran unser Volksgenosse Dr. Adolf Fischhof — dieser allerdings durch sein ganzes Leben — vertraten, sind bis heute noch nicht vollständig verwirklicht worden. Die Ghettomauern, die wir nationalen Jungjuden angeblich neu errichten wollen, bestehen trotz aller Tiraden noch ■ immer just für alle jene, die ihnen entronnen zu sein wähnen. Die Epigonen der Märzhelden führen das Wort „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ noch immer im Munde, aber sie wollen die Freiheit nur für sich, um andere zu unterdrücken, zu entnationalisieren und auszubeuten, eine Freiheit, die zur Unfreiheit aller andern, also zum Gegenteil der Gleichheit führt und daher auch jede Brüderlichkeit zwischen Individuen, Nationen und Rassen ausschließt. Das hat ja die Pseudoliberalen gerade von Fischhof getrennt, daß dieser Veteran der Demokratie immer den Grundsätzen der nationalen und sozialen Gleichberechtigung treu blieb und in ihnen allein — wie schon aus seinem Werke „Oesterreich und die Bürgschaften seines Bestandes“ ersichtlich —, das Heil des Reiches und seiner Völker erblickte. Auf diesem Grundgedanken sollte die von Dr. Adolf Fischhof im Jahre 1882 mit Baron Robert Walterskirchen, Dr. Theodor Hertzka, Dr. Ferdinand Krönawetter und — Dr. Karl Lueger geplante „österreichische Volkspartei“, eine Vereinigung der Demokraten sämtlicher Nationalitäten, aufgebaut sein. Die konstituierende Versammlung dieser Partei wurde jedoch von den Vätern des „Deutschen Nationalverbandes“ und den assimilatorischen Juden unter dem Jubel der Börsenpresse, der Schönerianer, sowie aller übrigen Chauvinisten und Reaktionäre gesprengt. Die Bahn war nun frei für den deutschnationalen und christlichsozialen Antisemitismus, der nach und nach die Gemeinde Wien, die Länder und das Reich eroberte. Die Juden haben aber nichts aus dieser Entwicklung von 1848 bis 1882 gelernt, und auch die trüben Erfahrungen von 1882 bis 1910 sind — wie verschiedene Vorgänge der letzten Zeit beweisen — an einem großen Teil unseres Volkes spurlos vorübergegangen. Sie begreifen auch weiters nicht, daß die ganze Entwicklung Oesterreichs Fischhof eine Stunde blieb er so liegen, ohne ein Glied rühren zu können, ln der Furcht vor Verschärfung der Foltern, wenn er gefaßt wurde, kam er auf den Einfall, in seinen Kerker zurüokzukehren. Doch die alte Hoffnung flüsterte ihm in die Seele jenes göttliche Vielleicht, das auch in der schlimmsten Trübsal Kraft verleiht. Ein Wunder war geschehen! Daran war nicht mehr zu zweifeln. Er fuhr also forj, der möglichen Rettung entgegenzukriechen. Vor Schmerz und Hunger erschöpft und vor Angst bebend, kam er doch vorwärts. Und dieser grabartige Gang schien sich geheimnisvoll hinzudehnen. Und er kroch immer weiter, den Blick stets auf das Dunkel geheftet, wo ein rettender Ausweg sein mußte. 0, o! Da schallten aufs neue Schritte, aber diesmal langsamer und dumpfer. Die schwarz-weißen Gestalten zweier Inquisitoren mit hohen Hüten und aufgerollter Krämpe tauchten aus der trüben Luft auf. Sie unterhielten sich flüsternd und schienen im Streit über einen wichtigen Punkt; denn ihre Hände fuhren hin und her. Bei diesem Anblick schloß Rabbi Äser Abarbanel die Augen; sein Herz pochte zum Zerspringen und kalter Todesschweiß netzte seine Lumpen. Er blieb unbeweglich und verstört längs der Mauer liegen, gerade unter dem Strahl einer Lampe, und rief den Gott Davids an.

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