Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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März 1910 _ im Hotel Zentral, II.,-Tatrorstraße 8, eine Märzfeier. . Ansprachen werden halten: Abg. Ernst Breiter, Abg. Dr. Heinrich Gabel, Abg. Eugen Lewicky, Abg. Prof. Dr. Arthur Mahler, Abg. Adolf Stand, Abg. Dr. Benno Straucher. Jedermann hat Zutritt. 53tv:I Zum 13. März. Was brachte uns das kalte Menscbheitslieben, Was der verlog’ne Freiheitsglorienschein? Zu viel, daß wir — wir selber blieben, Zu wenig, um beglückt zu sein ... Theodor Zlozisti. Eine kleine Märzremjniszenz: Als nach den großen Februartagen yon Paris und den denkwürdigen Bürgerverpammlungen von Mannheim und Heidelberg die Flamme in ganz Deutschland und Oesterreich aufschoß, Stand in den ersten Reihen der Rebellen der Jude Moritz Hartmann. Da geschah es, daß er sich gegen ,die eigenen Kombattanten wenden mußte. Die Scharen, die durch die Straßen stürmtep, kamen nämlich auch an das Ghetto und dem Sehnen nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, dem Verlangen nach „Organisierung der Arbeit“ gesellte sich plötzlich der Wutschrei der entfesselten Rasseninstinkte. Mit Wollust hätten sie die verhaßten Fremdlinge gewürgt, während ihr Mund die „konstitutionellen Bürgschaften“ verlangte, und Moritz Hartmann mußte, statt sie, wie sonst, mit seinen ehernen, Liedern zu begeistern, die Judengasse vor ihnen schützen ... An diese Episode mag erinnert sein, wenn der Tag naht, der uns die „konstitutionellen Bürgschaften“ bescherte. Jauchzend zog das fremde Volk aus den Ghettotoren — in die Gemarkungen von Erbfeinden. Ein kleiner Bruchteil brachte das gute, gewichtige Ghettogold mit, erkauft sich Duldung, verleugnet die, mit denen er in der Gasse lebte und litt, und kriecht unter, wo ihm gerade der Taler unterzukriechen erlaubt. Die große Masse aber ward zum Freiwild, das die „Befreier“ schießen dürfen, wenn ihnen die Jagdlust kommt. Und züngelt dann und wann wieder das blutrote Feuer der Empörung gegen die grausame Gesellschaftsordnung auf, dann hat die Reaktion als trefflichen Köder das Volk bereit, das einst mit dem Pergamente der konstitutionellen Bürgschaften“ in Händen auf die Landstraße gejagt ward, damit es die „Wirtsvölker“ vor künftigen Revolutionen bewahre. Ein Jude, der einen Seherblick hatte, Ludwig Börne, sah das anno 1831 voraus und schrieb: „Wenn man in Indien die greuliche Boaschlange erlegen will, jagt man ihr einen Ochsen entgegen; den trißt sie ganz auf, und dann, wenn sie sich nicht mehr rühren kann, tötet man sie. Die Juden werden die Ochsen sein, die man der Revolution in den Rachen jagt ... * * Gleichwohl feiern wirBetrogenne unsere jüdischen Märzgefallenen. Nicht nur,weil]wir stolz sind auf diese selbstlosen Helden, die ihr Herzblut für einen Frühling gaben, der ihren jüdischen Brüdern kaum ein Stäubchen Sonnenschein gönnte, sondern weil die beglückende Emanation des jüdischen Volkes in der Gegenwart aus dem Geiste des Sturmjahres, aus dem Geiste der Ideen geboren wurde, für die ein Blum, ein Spitzer ihr junges Leben opferten. Wer das Jahr 1848 kennt, weiß, daß um ein Doppeltes gekämpft wurde: Um die politische Mündigkeit des Einzelnen, aber auch um die nationale Gestaltung der Völker. Ungeheure nationale Energieen hatten sich in den vom Feudalismus zermürbten Völkern angesammelt und während man von einer „universellen europäischen Republik“ schwärmte, lohte in den Herzen eine nationale Begeisterung, die ihresgleichen suchte und die damals von den Feinden der Freiheit gerade so ausgebeutet wurde, wie heute von den nationalen Chauvinisten. Als in Paris am 26. Februar der Arbeiter Marche der Menge das Dekret überbrachte, in dem sich die Regierung unter anderem verpflichtete, „allen Bürgern Arbeit zu garantieren“, wollten einige Hitzköpfe am Stadthause die rote Flagge hissen. Der kluge Lamartine aber erschien auf der Freitreppe, sprach von der Trikolore, „welche Die Marter durch Hoffnung. Von Villiers de l’Isle Adam. Es war eines Tages in der Abenddämmerung, als der ehrwürdige Pedro Arbuez d’Espiia, sechster Prior der Dominikaner von Segovia und dritter Großinquisitor des Königreichs Spanien, von einem fra redemptor (Foltermeister) begleitet, unter Vorantritt zweier laternentragenderi Familiären durch die Gewölbe des Offizials von Saragossa zu einem finsteren Verließe schritt. Das Schloß einer schweren Eisentür knarrte; sie drangen in ein verpestetes Kerkerloch, in dem ein matter Lichtschein eine Folterbank, von Blut geschwärzt, ein Kohlenbecken und einen Krug sowie an der Wand angeschmiedete Ringe erkennen ließ. Auf einer Streu von Dünger saß, von Ketten hochgehalten, das Halseisen um den Nacken, mit verstörter Miene ein in Lumpen gehüllter Mann von unbestimmtem Alter. Dieser Gefangene war kein anderer als Rabbi Äser Abarbanel, ein aragonesischer Jude, der seit mehr als Jahresfrist täglich gefoltert wurde. Gleichwohl war „seine Verblendung so hart wie sein Fell“, und er hatte sich geweigert, seinem Glauben abzuschwören. Stolz auf eine mehrtausendjährige Abkunft und auf seine biblischen Vorfahren — denn alle dieses Namens würdigen Juden sind eifersüchtig auf ihr Blut — stammte er nach dem Talmud von Othoniel und folglich von Ipsiboe, dem Weibe des letzten Richters in Israel ab; ein Umstand, der seinen Mut auch in den größten Qualen der unablässigen Foltern hochhielt. Darum trat der ehrwürdige Pedro Arbuez d’Espiia auch tränenden Auges auf den erbebenden Rabbiner zu, voller Bedauern, daß diese so feste Seele sich dem Heil verschlösse, und sprach die folgenden Worte: „Freut euch, mein Sohn! Morgen wird eure irdische Prüfung ein Ende haben. Wenn ich angesichts von so viel zähem Widerstand auch seufzend zulassen mußte, daß ihr viel erduldetet, so hat meine Aufgabe der brüderlichen Besserung doch ein Ende. Ihr seid der widerspenstige Feigenbaum, der, so oft ohne Frucht befunden, Gefahr läuft, zu verdorren ... Doch Gott allein steht es zu, über eure Seele zu entscheiden. Vielleicht wird euch die unendliche Gnade noch im letzten Augenblick erleuchten! Wir müssen es hoffen! Es gibt Beispiele dafür ... Amen! — Ruht diese Nacht also in Frieden. Morgen werdet ihr an dem Autodafe teilnehmen; das heißt, ihr werdet dem Quemadero überliefert werden, dem Vorschmack der ewigen Flammen. Dieses Kohlenbecken brennt, wie ihr wißt, mein Sohn, nur in etlichem Abstand, und es dauert mindestens zwei, oft auch drei Stunden, bis der Tod eintritt, wegen der feuchten und eiskalten Tücher, mit denen wir Stirn und Herz des Brandopfers sorglich bedecken. Ihr werdet bloß dreiundvierzig sein. Bedenkt, daß ihr in der letzten Reihe seid und Zeit genug habt, Gott anzurufen, um durch diese Taufe mit Feuer, das vom heiligen Geiste kommt, zu ihm einzugehen. Hoffet also auf das Licht und schlafet.“ Als Don Arbuez diese Rede beschloß, gab er einen Wink, den Unglücklichen aus seinen Ketten zu befreien und umarmte ihn zärtlich. Nun kam der fra redemptor an die Reihe, der den Juden ganz leise bat, ihm alles zu verzeihen, was er ihn mit der Absicht, ihn zu erlösen, habe erdulden lassen. Dann umarmten ihn die beiden Familiären in ihren Mönchskutten mit schweigendem Kuß. Nach Beendigung dieser Zeremonie blieb der Gefangene allein und sprachlos im Dunkeln zurück. Rabbi Äser Abarbanel starrte mit trockenem Munde und schmerzverstörtem Gesicht gedankenlos die geschlossene Tür an. „Geschlossen! . . .“ Das Wort erweckte in seinen wirren Gedanken geheime Traumvorstellungen. Dann einen Augenblick