Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 9 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 JÜDISCHE ZEITUNG. ... Pardon, das ist kein Almosen! Als Bürger des Staates, die wir dem Staate Soldaten und Geld geben, haben wir die Pflicht, das zu verlangen und jede Konfession bekommt es — da gibt es kein Almosen! (Zwischenrufe.) Wenn wir zum Beispiel die Anstellung der Beamten ansehen, so finden wir, daß auf diesem ganzen Gebiete die Juden überhaupt ausgeschaltet sind. Auf dem Gebiete der politischen Verwaltung gibt es überhaupt keinen Juden. Beim Militärauditoriat... (Rufe: Oho!) .. . Bei der politischen Verwaltung? ... (Abgeordneter Malik: Dafür haben Sie etwas, was Ihre Macht vollständig kompensiert!) . .. Nämlich? ... (Abgeordneter Malik: Ihre Presse!) ... Die schenken wir Ihnen. Die greift uns mehr an als Sie. Ich bitte, in Galizien z. B. haben Sie in der Statthalteret keinen Juden und auch hier nicht... (Abgeordneter Dr. Ritter v. Korytowski: Meschumodim gibt es genug! — Zwischenrufe.) ... Meschumodim gibt es genug, wie Exzellenz Korytowski sagt. Aber, meine Herren, tauschen wir einmal: Nehmen Sie sich die Meschumodim und geben Sie dafür wirklichen Juden die Posten! Exzellenz Korytowski sagt: Meschumodim — das heißt Getaufte — sind genug. Das ist aber das Traurige, daß man von einem Menschen verlangt, daß er zuerst eine Ehrlosigkeit begehe und seine Nation beschimpfe und ihn dann erst anstellt. Sie machen gerade .die minderwertigsten Elemente, das heißt die Renegaten, zu Beamten und das ist gerade dasjenige, wogegen wir uns nicht nur in finanzieller, sondern auch ' in - ethischer Hinsicht-wenden. Die Meschumodim sollten ganzausgeschaltetwerden.(Lebhafte Zwischenrufe.) Exzellenz, Sie haben recht — aber ich meine die politische Verwaltung^ ich meine das Militärauditoriat. . . . (Abgeordneter Mali k: Wie schaut es in der Arbeiterschaft aus? Unter 39.000 Arbeitern in Nordböhmen sind 7 Juden! — Heiterkeit und lebhafte Zwischenrufe.) . . . Schauen Sie sich die Talesweber in Kolomea an, gehen Sie nach Brody und Tarnopol, Herr Malik, kommen Sie nach Boryslaw, da werden Sie sehen, wie die Juden in den Gruben arbeiten. Die hebräischen Schulen. Für unsere kulturellen Bedürfnisse wird überhaupt nicht gesorgt; dafür finden wir im Staatsbudget keinen einzigen Heller. Auf diesem Gebiete ist aber noch etwas ganz Eigenartiges wahrzunehmen. Nicht nur, daß uns kein Heiler gegeben wird, werden wir auch noch in jeder Hinsicht bedrängt und bedrückt. Was tun die Juden? Das Stammesbewußtsein hat sich speziell in den östlichen Ländern soweit gehoben, daß gerade die ärmeren Schichten — die anderen, die Reichen haben ganz andere Sorgen, die kümmern sich gewöhnlich nur um Orden, Titel und um ihre privaten Angelegenheiten — daß hebräische Schulen gegründet werden. Sie errichten in jeder kleinen Stadt mit geringen Mitteln und großen Opfern solche Schulen. Wenn der Staat aber schon keinen Heller dazu hergibt, so soll er wenigstens nicht stören. Da zeigt sich aber auf einmal die Staatsautorität. Wenn eine solche Schule entsteht und die Kinder hebräisch, unsere Nationalsprache, lernen, da plötzlich sehen und spüren wir in Galizien die sanitären Kommissionen. Sonst ist Schmutz und Unflat überall. Wenn es sich aber darum handelt, eine gute Einrichtung aufzuheben, da kommt sofort die Sanifätskommission und sagt: die Lokale sind nicht gut, sie sind nicht gehörig ventiliert, die Bänke sind nicht schön. Es besteht überh'aupt ein großer Unterschied zwischen dem Westen und Osten. Auch im Westen gibt es Sanitätskommissionen. Während sie aber dort einen hohen sozialen Zweck erfüllen, indem sie die Volkswohlfahrt und die Gesundheit der Bevölkerung heben, dienen sie speziell in Galizien größtenteils nur reaktionären und antisozialen Zwecken. Im Westen sind sie kulturfördernd, im Osten kulturvernichtend, im Westen sind sie ein soziales Instrument und im Osten das letzte Ueberbleibsel des Polizeistaates. . . . (Abgeordneter Schuhmeier: Dieser Schwindel mit den sanitären Kommissionen kommt auch bei unseren Versammlungen vor!) ... Ja, er kommt überall vor. Bezüglich dieser hebräischen Schulen kann ich einige klassische Fälle Vorbringen. In Grzymalow, einer kleinen Stadt Galiziens, ist eine solche hebräische Schule gegründet worden. Kaum hat sie eine kurze Zeit bestanden, da kamen die beiden Grafen Pininski, der gewesene Statthalter und sein Bruder, und diktierten dem Bezirkshauptmann Szydlowski, er solle diese Schule auflösen. Seit wann haben denn Adelige überhaupt das Recht, dabei mitzureden, wenn eine Schule aufgelöst werden soll? Die Schule wurde aufgelöst und obwohl Abgeordnete in dieser Angelegenheit interveniert haben, will der Vizepräsident des Landesschulrates Dembowski die Schule absolut nicht öffnen, weil die Grafen Pininski dagegen sind. Der „jüdische“ Referent. Wenn wir schon von den kulturellen Angelegenheiten sprechen, so muß ich noch auf eines hinweisen. Wir in Galizien haben etwas Besonderes in dieser Beziehung erlebt, ln Galizien ist ein sogenannter jüdischer Referent für jüdische Angelegenheiten, ein gewisser Professor Sternbach. Ich muß sagen, daß wir mit der Tätigkeit dieses Herrn . durchaus unzufrieden sind. Dieser Herr arbeitet 1 nicht so wie die anderen Referenten, zum Beispiel I der Referent der Polen oder der Ruthenen "oder wie [ die Referenten in anderen Ländern. Die Referenten t der einzelnen Nationalitäten trachten, daß gerade ihre Nationalität aller Rechte teihaftig werde, damit sie sich kulturell erheben könne. Hier ist es gerade umgekehrt. Dieser Herr ist ein blindes Werkzeug der regierenden Clique. Er tut, obwohl er sich Jude nennt, alles, um unsere Schulen zu vernichten. Er j hat es dazu gebracht, daß zum Beispiel an den ' Gymnasien den Juden verboten wird, hebräisch zu unterrichten. Wer etwas gelernt hat, speziell die Herren Geistlichen werden wissen, daß man, wenn s man hebräische Religion unterrichten will, deshalb,! weil ja alle Gesetzbücher in hebräischer Sprache > abgefaßt sind und die Gebete in hebräischer Sprache 1 gesprochen werden, auch in dieser Sprache unterrichten muß. Da wird aber immer ein Unterschied zwischen der Religion und der hebräischen Sprache gemacht. Was das Menschenmaterial der Lehrer anbelangt, so erachtet dieser Herr immer, in dieser Hinsicht das minderwertigste Menschenmaterial anzuhäufen. Er sucht nur minderwertiges Material; wenn ein Lehrer sich meldet, fragt er ihn nicht, welche pädagogischen Qualifikationen er hat, welchen moralischen Wert er hat, sondern die erste Frage ist, wie er sich zum Judentum verhält, Und wenn er nun sein Judentum, ich meine das aktive, das lebendige, das produktive Judentum verleugnet, wird er angestellt und wir erleben es heute in Galizien, daß sich unter den Lehrern neben vielen hochachtbaren Personen eine ganze Reihe anrüchiger Subjekte befindet und die fähigsten, tüchtigsten Köpfe müssen das Land verlassen, weil sie nicht leben können; und wenn ich Namen nennen soll — sie werden den Herren nicht bekannt sein, wohl aber denjenigen, die sich mit jüdischer Wissenschaft befassen — die großen Schriftsteller und Gelehrten, wie Ehrenpreis, Neumark, Chajes, welche auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft einen großen Ruf erlangt haben, mußten alle ins Ausland, einer nach Sofia, der zweite nach Florenz, der dritte sogar nach Cincinatti und sie haben dort schöne Posten bekommen und stehen in großem Ansehen. Diese haben das Land nur verlassen, weil Herr Sternbach Leute, welche sich zum wahren Judentum bekennen, nicht anstellen will. Wir # verwahren uns gegen eine solche Mithilfe und wenn uns der Staat schon überhaupt nichts gibt, so soll er uns wenigstens nicht solche Referenten anstellen und wenn wir heute die Wahl hätten, ob wir solche Juden, wie Herrn Stembach, an der Spitze des Landesschulrates haben wollen oder gar keine, so muß ich sagen, daß mir die früheren Verhältnisse lieber wuren, wo Nichtjuden und Christen gerecht entschieden haben. Wir verwahren uns gegen solche Personen wie Professor Sternbach. Galizische Kultuswahlen. Und so ist es auch bei den Kultusgemeinden. Wenn wir zum Beispiel die verwaltungstechnische Seite betrachten, so werden seit einer ganzen Reihe von Jahren, ja Jahrzehnten die Wahlen überhaupt nicht durchgeführt, weil die herrschende Clique es nicht will. Zum Beispiel, um einen Fall zu zitieren, wurde in Kuty in Ostgalizien die letzte Wahl in der Kultusgemeinde noch im Jahre 1898 durchgeführt. Seitdem sind zwölf Jahre vergangen und man kann es absolut nicht zur Wahl bringen. Die Herren sind herübergekommen und ich hatte Gelegenheit, die Herren zu Exzellenz Beck zu führen. Ich glaube aber, ich werde sie noch zu vielen Ministerpräsidenten führen müssen, bis eine Wahl stattfinden wird. Nun, endlich im vorigen Jahre, nachdem die Herren bei Exzellenz Beck waren, haben sie erreicht, daß im Jänner 1909 die Wahl durchgeführt werden sollte. Da kam ein gewisser Markowski aus Kossöw hin, um die Wahl durchzuführen. Statt darauf zu sehen, ob alle Wähler wahlberechtigt seien und ob sie sich gehörig legitimieren könnten, war seine erste Frage: „Sind sie Zionisten? Ich werde keine Zionisten zulassen. In Kuty werde ich keinen einzigen Zionisten zum Kultusrat machen.“ Nun wurde die Wahl vollzogen, der Wahlakt wurde aber für nichtig erklärt, weil einige Zionisten gewählt wurden. Er sagte: die nächste Wahl werde er im Februar vollziehen. Seit Februar ist ein Jahr vergangen und wenn die Bürger fortwährend den weiten Weg nach Kossöw gehen, so sagte er: So lange Zionisten sein werden, wird in Kuty keine Wahl sein. Was ist das für ein Standpunkt? Gibt es in Oesterreich Staatsgrundgesetze oder nicht? Darf so irgend ein Konzipist, der überhaupt jeder Bildung und jeden Charakters bar ist, etwas derartiges sagen, steht der über den Staatsgrundgesetzen? Es ist Sache der Regierung, da einmal einzugreifen und diesen Kerl, der die Gesetze mit Füßen tritt, hinauszujagen und ihm zu sagen, daß das Gesetz herrschen muß. Antisemitische Richter. Wie auf dem Verwaltungsgebiete ist es auch in der Justiz. Die Beamten benehmen sich manchmal in ganz unqualifizierbarer Weise. Erst gestern habe ich einen Brief aus Mielnica, einer kleinen Stadt in Galizien, bekommen. Da ist ein Richter namens Tadeusz Jurkiewicz . . . (Abg. Dr. Ritter von Korytowski: Das ist ein Schlemasl! Heiterkeit!) Sette 3 — Ja ein Schlemasl, wie Seine Exzellenz sagt — das ist sicher, aber befreien Sie uns von eiesem Schlemasl. Versetzen Sie ihn in einen anderen Ort — dieser-Mann benimmt sich auf eine ganz unqua- Ufizierbare Weise, sowohl Juden wie Bauern gegenüber. Er spricht jeden per „Du“ an und Ausdrücke wie lotr, szubrawiec, pies sind auf der Tagesordnung. Ich schäme mich diese Ausdrücke ins Deutsche zu übertragen, wie ein Richter überhaupt zu den Leuten spricht. Erst vor einigen Tagen kam zu ihm der Advokaturskandiüat Dr. Feuermann, der einen Bauern verteidigte. Zu diesem Bauern sagte nun dieser Richter: „Du bist ein Schwein, ein Zigeuner, Du bist noch ärger wie ein Jude.“ ... (Heiterkeit. — Abgeordneter Dr. Mahler: „Das ist nicht zum Lachen, das ist zum Weinen, wenn österreichische Richter zu einer solchen Rohheit heruntersinkea können.) ... In dieser Angelegenheit überreichte die Kultusgemeinde Mielnica einen Protest an das Justizministerium und das Oberlandesgericht in Lemberg. Wenn irgend ein Beamter so zu dem Volke spricht: dient das zur Hebung des Volkes, kann sich ein Volk heben, wenn man sich fortwährend in den beleidigendsten Ausdrücken an dasselbe wendet? Dagegen müssen wir uns auf das allerschärfste verwahren. Die Pflicht der Regierung ist es, solche Leute hinauszujagen, in die Volksschule zurückzuschicken, damit sie etwas Bildung und Sitte lernen. Die Schenkerfrage. In Galizien sehen wir auch oft in anderen Gebieten das Hinübergreifen einzelner Personen auf die Verwaltung und eine Beeinflussung derselben. Sie wissen, meine Herren, daß das Propinationsrecht heuer zu Ende geht. Nun trachten die Schenker in Galizien, die Konzession aufs neue zu bekommen. Ich will diese Frage nicht berühren, aber ein Fall ist von großer Bedeutung. Wenn die Schenker die Konzession zu erhalten trachten, so sollten sie zu den Behörden gehen. Da spielen aber verschiedene Vermittler eine große Rolle. Die Eigentümer von Brauereien und Raffinerien versenden Zirkulare an alle bisherigen Schenker und sagen ihnen, daß sie mit diesen Eigentümern einen Kontrakt machen'und darin sich verpflichten sollen, von diesen Eigentümern zu einem gewissen Preise das Bier oder überhaupt die Spirituosen abzunehmen; dann werden sie die Konzession bekommen, sonst nicht. (Hört!) Wenn Sie sagen, das ist eine Erfindung, so nenne ich Ihnen Namen. Graf Tarnowski aus Dzikow, Szeliski aus Kozowa, das Brauhaus in Wojnik, das Brauhaus in DolnaWies beiMyslenice und eines gewissen Rauch. Ich nenne Juden und Nichtjuden, wir treten gegen alle Ausbeuter ohne Unterschied der Konfession auf. Allen diesen Herren soll verwehrt werden, die Vermittler zwischen den armen Schenkern und den Behörden zu spielen. Die Behörde hat die Konzession zu verleihen. Es ist eine ganz gemeine Ausbeutung, wenn diese Herren die Schenker in ihre Hand bekommen und einen Profit machen wollen. Das Hausiergesetz. Die Herren in der christlichsozialen Partei, wenn sie schon einmal sich erinnern, daß sie christlichsozial sind und den Antisemitismus praktisch ausüben wollen, da suchen sie immer ein Opfer. Das sind nicht die Großjuden, mit diesen leben sie ausgezeichnet gut, sie verhelfen ihnen zu Orden und Stellungen. Aber wo es sich um arme Hausierer handelt, da trachten sie, diesen armen paar tausend Existenzen an den Kragen zu gehen, daß diese nicht mehr lebensfähig sein sollen. Was den Hausiererstand anbelangt, werden in jeder Session nicht nur Initiativanträge seitens der Mitglieder jenes Klubs eingebracht, sondern auch die Regierung, die doch nur eine Expositur des christlichsozialen _ Klubs ist, bringt verschiedene Vorlagen ein, welche sich gegen diesen Hausiererstand wenden. Da muß ich sagen -- ich habe das hiereinmal schon erklärt — das istnicht christlichsozial, daß man sich gerade gegen die Aermsten der Armen wendet, welche den ganzen Tag über schwer arbeiten, um die paar Groschen für sich und ihre Familie hereinzubringen. Speziell in der XIX. Sess'on ist eine Vorlage eingebracht worden, welche die Beschränkung und Untergrabung des Hausiergewerbes zum Gegenstände hat. Das Hausiergewerbe sinkt aber ohnedies von Jahr zu Jahr. So haben zum Beispiel vom 1. Jänner bis 31. August 1908 die Steuern, welche das Hausiergewerbe eingebracht hat, einen Betrag von K 128.683, im Jahre 1908, auch vom 1. Jänner bis 31. August, nur einen Betrag von K 123.000 ausgemacht und doch ist diese Partei, weiche 96 Herren zählt, immer so mutig, gerade gegen diese Aermsten aufzutreten. Was die von der Regierung eingebrachte Vorlage betrifft, so wird darin verlangt, daß der Hausierer mindestens 33 Jahre alt sein müsse. Es ist merkwürdig: Wähler kann man in Oesterreich mit 24 Jahren, Abgeordneter mit 30 Jahren, aber Hausierer kann man erst mit 33 Jahren werden. Woher kommt diese hohe Sozialpolitik? ln Deutschland verlangt man ein Alter von 25 Jahren für die Hausierer, bei uns aber ist das Altersminimum 33 Jahre. Ich erwarte, daß in der nächsten Legislaturperiode eine Vorlage eingebracht wird, welche von den Hausierern Universitätsstudien verlangen wird (Heiterkeit).