Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 9 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 9 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 Für mich steht es fest, daß der neunte Kongreß eine entscheidende und entschiedene Wendung zur praktischen Palästinaarbeit, zum Evolutionismus hin, gemacht hat. Und so war die Opposition sachlich auf der ganzen Linie siegreich. Was tut es dem gegenüber, daß die persönliche Opposition gegen Wolfsohn — auch wenn sie innerlich berechtigt und begründet wäre, was ich durchaus leugne! — eine Schlappe erlitten hat? Jawohl, ich leugne die innere Berechtigung der persönlichen Bekämpfung Wolfsohns, einer Bekämpfung, die in den extremsten Ausläufern der Opposition zur Gehässigkeit ausartete. Gegen sein Autokratentum sich wehren — gewiß! Ihn von einer falschen Richtung abdrängen — gewiß! Aber ihn stürzen — warum? Sind wir denn überreich an Arbeitskraft, daß wir auf seine zweifellos sehr bedeutsame Kraft leichten Herzens verzichten könnten? Wir tun ja seit Jahren nichts mehr als unsere Talente und Begabungen auffressen, ln keiner Partei der Welt wirtschaften die leitenden Persönlichkeiten so rasch und so gründlich ab wie bei uns. Lernen wir doch endlich etwas ökonomischer mit Begabungen wirtschaften! Nun ist der Kongreß mit seinen Aufregungen vorüber. Unsere nächste Aufgabe muß es jetzt sein, die Gemüter zu beruhigen. Die Anfeindungen von außen, und das frohlockende Totsagen unserer herzallerliebsten Gegner werden uns nichts anhaben, aber die gegenseitige Verhetzung und Verketzung innerhalb der Partei werden uns zerschlagen! Dann aber setzen wir. die Arbeit fort, dort, wo wir stehen geblieben sind. Unabhängig von allen möglichen Zwischenfällen innerhalb der Partei, ebenso unabhängig von allen Fraktionierungen innerhalb der zionistischen Organisation scheint mir doch immer nur eine Aufgabe im Vordergründe des Interesses zu stehen — die Propaganda für die zionistische Idee in ihrer ganzen Tiefe und Breite. Die Juden für unser Ideal zu gewinnen, das ist unsere große Aufgabe. Und die Aufgabe, die indifferentenjuden zu gewinnen, scheint mir wichtiger, als die, die jüdischen Gegner zu besiegen. Das ist einerseits eine unaufhörliche, anderseits eine nur in mühseliger Agitation und langer, ausdauernder Arbeit zu lösende Aufgabe, darum darf sie nie in die zweite Linie gerückt werden. Konkrete Arbeiten, die jetzt außer der laufenden gewöhnlichen Tagesarbeit zunächst in Angriff genommen und nach Möglichkeit durchgeführt werden müssen, sehe ich jetzt besonders. zwei: Die Herstellung eines intimen Kontaktes zwischen dem Zionismus Und der türkischen öffentlichen Meinung, und den endlichen Ausbau der PLDC. Mag man die gegenwärtige Lage in der Türkei für dauerhaft oder für veränderlich halten, das scheint mir zweifellos zu sein, daß eine Rückbildung in der Türkei nach der Richtung hin, daß dort wieder einmal die öffentliche Meinung ganz verschwinden wird, nicht mehr wahrscheinlich ist. Ob das Regime jungtürkisch bleiben oder irgend eine andere Farbe annehmen wird — das Volk mit seinem bereits angefachten Herrschaftswillen und seinem geweckten Machtgefühl wird nicht mehr zur früheren Bedeutungslosigkeit herabsinken. Mit diesem Volke muß man nun im Wege der Presse eine intime Verbindung zu gewinnen und zu erhalten suchen. Das sei jetzt unsere politische Arbeit. Als nächste praktische Palästinaarbeit gilt mir der Abschluß der Gründung der PLDC. Freilich würde ich wünschen, daß man selbst mit dieser hervorragend wichtigen Arbeit noch eine kurze Weile aussetzt, bis die Siedlungsgenossenschaft ihr Betriebskapital zusammengebracht haben wird, was doch hoffentlich, bei der verhältnismäßigen Geringfügigkeit des Erfordernisses und bei der Stärke des ersten Ansatzes nicht lange auf sich wird warten lassen. Dann aber sollte alle Energie auf die PLDC. verwendet werden. Der große und verhängnisvolle Fehler in unseren Aktionen ist das große „Vielerlei“, das immer gleichzeitig in der Arbeit ist. Man sollte aber erst das eine zum Abschluß bringen, bevor man ein anderes in Angriff nimmt. Die PLDC. aber eröffnet ein weiteres Arbeitsfeld und ist wirklich des Schweißes unserer Edelsten wert. Noch einmal zum Schlüsse ein Wort über die Lage des Zionismus: Mir scheint jetzt viele und schöpferische Energie aus der zionistischen Organisation heraus zur Entladung kommen zu wollen, und ich war noch nie so zionismusfroh, wie gerade jetzt nach dem vielgeschmähten neunten Kongresse. Wer sich aber jetzt zionismusmüde fühlt, der verrät eine sehr schwache Seele, oder — er war nie rechter Zionist. Von der Woche. Ein unerhörter Fall. Ein ganz unerhörter Fall hat sich in Mielnica (Galizien) zugetragen. Während der Leitung einer Gerichtsverhandlung in einer Rechtssache zwischen zwei nichtjüdischen Parteien beliebte der amtierende, mit der Toga bekleidete Richter Tadeusz Jurkiewicz in Gegenwart eines starken Auditoriums einem der beiden Streitteile zururufen: Ty swinia, ty cyhan, ty szcze hirsza jak zyd!“ („Du Schwein, du Zigeuner, d u bist noch ärger alsein Jude“). Als der zufällig anwesende Advokaturskandidat Dr. Moses Feuermann gegen diese Ausdrucksweise auf das heftigste protestierte, erwiederte der genannte Richter: „Obstaje przytem, com möwil“ („Ich beharre auf meiner Aeußerung“). Herr Dr. Moses Feuermann machte sofort eine Eingabe an den jüdischen Kultusvorstand in Mielnica, in der er den Vorfall wiedergab und fortfuhr: „ ... Es bedarf wohl nicht erst betont zu werden, daß ein derartiger Ausdruck eines Richters während seiner Amtshandlung durch welchen die größte Verachtung des Judentums vor zahlreichen Personen dokumentiert wurde und der geeignet ist die Würde der Juden in den Augen der christlichen Bevölkerung tief herabzusetzen und zu verhöhnen, zumal derselbe hierauf vollbewußt aufrecht erhalten wurde, von uns Juden, wenn wir von unserem einstigen Stolze noch etwas behalten haben, nicht stillschweigend hingenommen werden darf. Die größte Entrüstung in unserer Gemeinde, ja sogar schon auch außerhalb ihrer Grenzen, gibt sich bereits kund. Es müßte jedoch diese Entrüstung auch bei den maßgebenden Stellen den gehörigen Wiederhall finden, damit uns zunächst für die uns zugefügte Schmach Genugtuung zuteil werde und um ferner einem derartigen Vorgehen eines Richters, eines auch von unseren Steuergeldern besoldeten Staatsbeamten, gegenüber den Juden auch in Zukunft vorzubeugen. Der verwerfliche und verabscheuenswürdige Fall hat sich hier zugetragen und daher ist in erster Reihe die löbliche Kultusvorstehung zur Stellungnahme dawider berufen. Der Gefertigte glaubt deshalb berechtigt und verpflichtet zu sein auf den obgeschilderten Fall den löblichen Kultusrat in der Erwartung aufmerksam zu machen, daß die jüdische Repräsentanz in Mielnica für den moralischen Schutz der Juden das Geeignete veranlassen werde. — Mielnica, den 13 Februar 1910. — Dr. Moses Feuermann mp. Die Mielnicaer Kultusgemeinde faßte nun auf diese Eingabe hin folgende Protestresolution: „Die israelitische Kultusgemeinde in Mielnica als Repräsentantin des Judentums in Mielnica und den zu diesem Sprengel gehörigen Ortschaften protestiert feierlichst gegen die fragliche Ausdrucksweise des Richters Herrn Tadeusz Jurkiewicz, wodurch das ganze Judentum der Herabwürdigung und Verachtung vonseiten eines öffentlichen Funktionärs ausgesetzt wurde und gegen eine solche Verletzung der Pflichten, die einem Staatsbeamten obliegen sowie gegen eine derartige an das Vergehen des § 302 St.-G. hart streifende zum Ausdruck gebrachte Verachtung des Judentums — weist dieselbe in vollster Entrüstung zurück und beauftragt den Vorstand, diesen Protest zur Kenntnis des hohen k. k. Justizministeriums und des hohen k. k. Oberlandesgerichtes in Lemberg zu bringen, mit der Bitte, daß diese hohen Stellen das Geeignete verfügen, damit ein solcher Vorgang sich nicht wiederhole und dem beleidigten Judentum Mielnicas die entsprechende Genugtuung verschafft werde. Simon Steinholz m. p., Kultusvorsteher; Sigmund Hermann m. p., Schriftführer.“ Damit kann natürlich die Sache nicht erledigt sein. Dieser neuerliche krasse Beitrag zu dem Kapitel „Behandlung der Juden und des jüdischen Volkstumes vor den galizischen Gerichten“ muß uns zu einer energischen Aktion aufrütteln. Selbstverständlich wird die Angelegenheit auch unseren „Jüdischen Klub“ im Abgeordnetenhause sowie den „Jüdischen Nationalverein für Oesterreich“ beschäftigen. * * * Ein Anblick für Götter. Es war in der ersten Sitzung des neugegründeten „Deutschen Nationalverbandes“. Die Stimmung war gehoben. Den getauften Juden Dr. Redlich und Dr. Licht waPs feierlich ums Herz, wie einst ihren Großvätern am Freitag-Abend. Zum erstenmale durften sie brüderlich neben K. H. Wolf und Dr. Stransky sitzen. Da trat ein würdiger Greis vor und überbrachte als Bote des deutschen Volkes in Oesterreich dem Initiator des Verbandes, Herrn Doktor Prade einen herrlichen Strauß blühender Eriken: Es war der jüdische Journalist Manni Singer!... Hofrat Kuranda soll die rührende Szene — — durch das Schlüsselloch mitangesehen haben . . . * ♦ * Eisenbach im „Apollotheater“. Wie antisemitisch die europäische Gesellschaft ist, beweisen, nach einem Ausspruch Theodor Herzfs, am deutlichsten das Sprichwort und die Volkslieder. Man könnte hinzufügen auch der Witz und die Karikatur Oft machten wir gegen die ungebührliche Verhöhnung alles Jüdischen in den Machwerken verschiedener „Schriftsteller“ und Varietestückeverfasser aufmerksam, die den Geschmack des Publikums (darunter ist auch eine gewisse mosaisch-gemütsrohe Schichte inbegriffen) leider nur zu richtig erraten. So haben wir gegen das famose Budapester Orpheum und die darin gebotene „Kunst und Unterhaltung“ Stellung nehmen müssen. Nun wird uns von einem Freunde unseres Blattes berichtet, daß das Apollo- Theater, welches von Juden stark besucht wird, in die Fußstapfen des Herrn Eisenbach tritt. Der Direktor des Etablissement erachtete es nämlich für notwendig, die roheren Instinkte des Pöbels, der sich etwa unter den Besuchern seines Varietes befindet, zu reizen und präsentiert ihnen allabendlich in der Parodie zum Chanteclair einen mauschelnden Herrn „Rebhuhn“. Diese Figur geberdet sich derart beleidigend und roh antisemitisch, daß selbst Nichtjuden über diese taktlose Verunglimpfuug des Judentums empört sind. Gegen die Rücksichtslosigkeit des Apollotheaters muß man sich mit allen zulässigen Mitteln wenden und dem Herrn Ben Tieber klar machen, daß er die Rolle des Herrn Rebhuhn gründlich ändere, wenn er auf den Besuch anständiger Juden reflektiert. ♦ * * Wohltätigkeitskonzert des Ersten Wiener zionistischen Frauenvereins. Am 23. v. M. veranstaltete unser Wiener zionistischer Frauenverein ein Konzert zu wohltätigen Zwecken, das einen glänzenden Verlauf nahm. Der bekannte Pianist Julius Wolfsohn erfreute das überaus zahlreiche Publikum mit seiner reichen Kunst. Reichster Beifall folgte der von ihm selbst komponierten „Hebräischen Phantasie“. Nicht minder beifällig wurden die Vorträge des Geigenvirtuosen Herrn Rudolf Weinmann aufgenommen, der Beethovens anmutiges G-dur-Menuett wiederholen mußte. Opernsänger Herr Robert W y s s. (Mitglied der Volksoper), ein hervorragender Liedersänger, brachte Lieder von Schumann, Schubert und Balladen von Löwe. Der Künstler war Gegenstand herzlicher Ovationen. Der rührige zionistische Frauenverein, der während der ganzen Saison sehr anregende Vorträge veranstaltet, bat auch mit diesem Konzertabende einen vollen Erfolg zu verzeichnen. Die Deiges vom Franz- Josef s-Kai. In dem „Klub der Fortschrittsfreunde“ Hielt Kuranda einen Speech: „Deutsche Brüder, seht die Feinde! Doktor Kramaf sagte: Pric! Und der treue Volksmann Schreiner Ging so jämmerlich wie keiner — Wehe, waltender Wotan l“ Die versammelten Germanen Blickten dumpf-erbittert drein, Und gedachten ihrer Ahnen An dem Rhein, bei Großwardein; Und beweinten den genannten Märtyrer (sprich: Nebochanten) —- Wehe, waltender Wotan! Hinterher jedoch erhob sich Stolz der „zweite Referent“, Und ereiferte darob sich, Was man „Straßenpflege“ nennt; Voller Staub sei jede Ecke, Wien versinke schier im Drecke — Wehe, waltender Wotan! Dieses Wort war mir plausibel, Als ich die Berichte las: Schmutz ist allerdings ein Uebel, Das man allzu oft vergaß; Insbesondere ein abstrakter Unrat, wie ein Clowncharakter — Heil dir, deutscher Kuranda! Beda.