Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 9 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 9 Nichtdeutschen und überdies von den deutschen Christlichsozialen und Sozialdemokraten, seine politischen und ökonomischen Anschauungen dagegen von allen Modernen, ohne Unterschied der Zunge, erfolgreich bekämpft werden. Der „Deutsche Nationalverband“ mit seinem lebensunfähigen, antisemitischen, chauvinistischen, undemokratischen, reaktionären Programm ist eine Eintagsfliege. Umso siegreicher muß jetzt, da die „deutschen“ Juden von der sauberen liberalen Presse der Fürsorge eines Dr. von Stransky, Dr. Weidenhoffer und K. H. Wolf ausgeliefert werden, der gesunde, bewußt jüdische, nationalsoziale Gedanke Vordringen. Der IX. Zionistenkongreß. (Eine Rundfrage*.) III. Dr. Osias Thon, Krakau: Sehr geehrter Herr Redakteur! Ihre freundliche Einladung, in der „Jüdischen Zeitung“ über den neunten Kongreß, seinen Verlauf und seine Ergebnisse zu schreiben, kommt mir sehr gelegen. Sie begegnet sich nämlich mit meinem lebhaften Wunsche, vor der breiten zionistischen Öffentlichkeit über den letzten Kongreß so zu sprechen, um tüchtig nach rechts und nach links anzustoßen. So aber darf man nur sprechen, wenn man ein g eladener Gast ist. Ihre Einladung, Herr Redakteur, schützt mich gegen Hinauswurf oder gegen Wortentziehung. . . . Sie gestatten mir wohl, Herr Redakteur, daß ich nicht punktweise Ihre Fragen beantworte. Es ist mir lieber und der Klärung förderlicher, wenn ich einige zusammenhängende Bemerkungen vorbringe. Fangen wir vom Anfang an — von der Präsidentenwahl. Diese erste Heldentat des Permanenzauschusses war nämlich nicht bloß der Anfang aller Irrungen und Wirrungen, sondern sie ist auch typisch für das ganze untaktische und prinzipienreiterische Vorgehen der Opposition. Als im Permanenzausschusse Nordau’s Kandidatur aufgestellt wurde, sprach ich dagegen .Aus manchen eingestandenen und manchen uneingestandenen Gründen. Erstens wollte ich nicht, daß der Kongreß, auf dem sehr viel Zündstoff angehäuft war, mit einer persönlichen Ranküne und Reizung eröffnet werde. Reformen, auch wenn sie dringender sind, als dieser Durchbruch der — allerdings nicht gerade sympathischen — Gepflogenheit, daß der Präsident des EAC. auch den Kongreß leitet, — pflegt man auf ruhigere Zeitläufte zu verlegen. Zweitens wollte ich gerne die Blamage vermeiden, daß Nordau, wie es schon einmal geschah, die Wahl ablehnt. Drittens — das hätte eigentlich erstens, und letztens stehn sollen — konnte ich mir bei aller Anstrengung meines Gehirns nicht erklären, warum gerade Nord?.u vor aller Welt als der Vertrauensmann der ganzen zionistischen Organisation ausgerufen werden soll, mehr als Wolffsohn? Wohlgemerkt: Die Kandidatur Nordau’s haben die Praktischen, die Evolutionisten beantragt und mit knapper Not durchgedrängt. Hat Nordau je ein Wort, auch nur ein einziges Wort für die praktische Arbeit in Palästina gesprochen? Ist er nicht der allerkonsequenteste, der extremste Verfechter des unverfälschten politischen Zionismus? Steht nicht Nordau mit der ganzen Breite seiner Autorität hinter Wolffsohn und hinter all dem, was wir Wolffsohn auf dem Kongresse mit so schweren Worten zum Vorwurfe gemacht haben? Genug: Boris Goldberg — er war nämlich der große Wortführer der russischen Vertretung im Permanenzausschusse, er, der sicherlich ein ganz vorzüglicher Mensch aber ein unwahrscheinlichschlechter Politiker ist — und Genossen siegten und hatten ihren Präsidenten. Ich aber empfand dabei: Die Herren haben die erste Probe von politischer Unklugheit und Unreife gegeben! Nordau hielt dann seine politische Rede, deren ersten Hälfte sicherlich die Mehrheit des Kongresses — tatsächlich war nämlich die überwiegende Mehrheit des Kongresses sachlich oppositionell gestimmt, was ich noch später beweisen werde — als Peitschenhieb oder als kalte Douche empfunden hat. Da waren die Worte vom „Warten“, das bloß eine Kleinigkeit ist, nämlich: ein Kummer. Da war die erquickende Lehre, daß man in Palästina arbeiten mag, wenn man will. Man — das heißt: jeder für sich, wir als Organisation haben damit nichts zu tun. Da kam die plumpe Abrechnung mit den Jungtürken. Kurz, so kam die ganze Rede, die zu zwei Dritteilen in markigen Sätzen und kraftvollen Schlagern alles das verneinte, was wir bejahen und alles das bejahte, was wir verneinen. Aber tut nichts: Boris Goldberg und Genossen hatten ihren Präsidenten. Wer aber bei dem Ernst der Lage, wie er sich schon nach dieser ersten oppositionellen Kraftleistung gezeigt hat, noch soviel Humor behalten hatte, um sich einigermaßen belustigen zu können, der konnte sich daran ergötzen, wie dann ein Oppositionsredner nach dem andern — seine Texte zur Polemik *) Siehe Nr. 5, 7, und 8 der Z.“ aus Nordau’s Rede zog, und wie die Angriffe gegen das EAC. zunächst gegen dessen Wortführer, Nordau, zielten. Die Opposition triumphierte aber doch, daß sie ihren Präsidenten hatte und tat so, als ob sie nicht wüßte, daß sie diesen „Triumph“ ausschließlich der Gnade Wolffsohns verdankte: denn hätte er dem Dr. Nordau nicht dringend die Annahme der Wahl angeraten, dann hätte er sie eben brüsk abgelehnt. Zweifellos — die Präsidentenwahl war ein eklatanter Beweis für die Unsachlichkeit und politische Unklugheit der Opposition. Sie hat im Laufe der Tagung sowohl im Permanenzausschusse als auch auf offenem Kongresse dieser Beweise noch viel mehr geliefert. Ich möchte noch eine kurze Weile beim Permanenzausschusse verbleiben. Da ich jede persönliche Verschärfung des unvermeidlich scheinenden Konfliktes vermeiden oder wenigstens abschwächen wollte, stellte ich gleich am ersten Tage im Permanenzausschusse den Antrag auf Delegierung eines kleinen Komitees, das sich mit Wolffsohn in Verbindung setzen und über die Lösung der Leitungsfrage verhandeln soltte. Ich ging von der Ansicht aus, daß zur Erledigung, solcher heikler Fragen reichlich Zeit und eine ausgiebige Aussprache dringend nötig ist. Ich machte aber die Rechnung ohne den Wirt, das heißt: ohne Boris Goldberg. Kaum habe ich den Antrag gestellt, da stand der Sprecher der russischen Vertretung auf und erklärte, ohne sich der Mühe einer weiteren Begründung zu unterziehen: „Ich spreche dagegen!“ — Und der Antrag fiel. Er fiel in vier Tagen etwa zehn Mal, immer in derselben Weise. Nach jedem Abschlüsse irgend einer nebensächlichen inzidenten Debatte, von denen es in den fürchterlich schlecht geleiteten Beratungen des Parmanenzausschusses'geradezu wimmelte, wiederholte ich den'Antrag, und immer brachte ihn derselbe Boris Goldberg mit irritierender Eintönigkeit und Kaltblütigkeit zu Falle. Ich aber behaupte mit aller Entschiedenheit, daß eine rechtzeitige Entsendung eines solchen Komitees — die Entsendung am 1 e t z t e n Kongreßtage konnte bei der inzwischen eingetretenen Abspannung und Erregtheit aller Beteiligten naturgemäß bloß zu einer sehr oberflächlichen Abmachung führen — uns die entsetztliche Aufregung, Verbitterung und — Kompromittierung der letzten Nachtsitzung erspart hätte. Nun aber zum Kongreß selbst! Ich stelle fest, daß die sachlichen Oppositionsreden, so weit sie in halbwegs urbaner Form vorgebracht wurden, nicht den geringsten Widerspruch hervorriefen. Der Kongreß wehrte sich nur gegen plumpe und zügellose Ausfälle. Leider gab es solche, wenn auch nicht viele. Sie genügten aber, um das zu verderben, was die Opposition bewirkt hat, und um den Koig.-ei vor vornherein für den maßlos Angegriffenen umzustimmen. So hat ein Teil der Opposition den Boden vorzüglich für Wolfsohn vorbereitet. Dann kam Wolfsohns große Rede. Sie hätte eine Verteidigungsrede werden sollen und ist, dank den Exaltados von der Opposition, eine Anklagerede geworden. Diese Rede war — gestehen wir ehrlich und aufrichtig! — eine oratorische Meisterleistung. Es drückte sich in ihr eine starke — wohl eine viel zu starke! — Persönlichkeit aus. Aber ich möchte wahrhaftig nicht um eine Königskrone diese Rede gehalten haben. Stellenweise sprach Wolfsohn so, als ob er, wie der selige Simson im Dagontempel an den Mittelsäulen rüttelte und nur den einen brennenden Wunsch hätte: „Es sterbe meine Seele mitsamt den Philistern!“ So durfte ein Präsident nicht sprechen, auch ein gestürzter nicht. Aber immerhin — die Rede hatte eine starke Wirkung, sie riß viele hin, ob die Mehrheit, vermag ich allerdings nicht zu sagen. Als später das Kesslersche Vertrauensvotum' eingebracht wurde, hatten viele, sehr viele das bestimmte Gefühl: dieser Hymnus entspricht nicht der Stimmung des Kongresses. Und doch wäre es wohl angenommen worden, bei vielen Stimmenthaltungen, bei reichlicher Opposition und jedenfalls — ohne Enthusiasmus und ohne Tücherschwenkcn und Begeisterungsparoxismus. Aber wozu hätte Gott eine kopflose, ungeschickte Opposition geschaffen, wenn nicht, damit sie der angefeindeten Regierung zu einem eklatanten Triumphe verhelfen soll? Da kamen sie, die klugen Oppositionsführer, richtig in zwölfter Stunde heran, diesmal unter Führung Temkins, und beantragten die Erteilung der Decharge in einer Stilisierung, wie man einem nicht ganz in Gnaden entlassenen Buchhalter ein Abgangszeugnis ausstellt. Dieser Antrag war nicht nur ein Unsinn, er war auch geradezu eine Verwerflichkeit. Als der Antrag eingebracht wurde, stand ich gerade in der Nähe der Präsidententribüne — ich war betäubt wie vom Schlage einer schweren Bärentatze. Nun rannte ich zur Präsidententribüne und bat mit gefalteten Händen Temkin und Ussischkin, daß sie diesen wahnsinnigen Antrag zurückziehen, da er doch nicht einmal eine nennenswerte Minorität-erreichen wird und nur geeignet sei, die ganze -Opposition zu kompromittieren. Darauf erhielt ich von Ussischkin den hochdiplomatischen Bescheid: „Wenn wir wüßten, daß unser Antrag angenommen wird, würden wir ihn nicht stellen!“ Da sagte ich mir: „Quem Deus perdere yult, dementat!“ ... Eine Opposition, die so geführt wird, kann nicht siegen und — soll nicht siegen! Wer am Kongresse war, wird es bezeugen: seit diesem Augenblicke war die Opposition gebrochen und Wolfsohn war der unbeschränkte Herr des Kongresses. Wenn ich also die Frage beantworten soll: welchen Eindruck ich von der Opposition am Kongresse, insbesondere der .russischen, empfangen habe, so werde ich sagen: sie war kopflos, unklug und — taktlos. Die persönliche Niederlage, die sie erlitt, hat sie reichlich verdient. Freilich, die Gegenseite, d. h. die Regierungspartei, genauer gesagt: die deutsche Landsmannschaft, hat wohl geschickter, aber sicherlich nicht korrekter und vornehmer manövriert. Wohl haben die Vertreter der deutschen Landsmannschaft im Permanenzausschusse vom ersten bis zum letzten Augenblicke konsequent auf der Erklärung beharrt, daß kein Mitglied der deutschen Landsmannschaft aus der Hand der Opposition ein Mandat in das EAC. annehmen werde, und die Herren von der Opposition hätten der zionistischen Organisation sehr wohl die Blamage ersparen können, daß in offener Kongreßsitzung Herrn Dr. Hantke — einem gewiß sehr braven Menschen und treuen Zionisten, aber zur Führerrolle schwerlich prädestinierten Manne! — eine nach unserem Gefühl sehr hohe Würde angeboten wird' und er sie ausschlägt. Wenn die Herren Deutschen also — bloß von Prof. Warburg war die Ablehnung ebenso unerwartet wie unbegründet, da er sich doch mehrmals mit der Opposition solidarisch erklärt hat und auch kurz vorher im Permanenzausschusse die Annahme der Wahl in Aussicht stellte, trotzdem die Ablehnung Hantkes außer Zweifel stand!.— nicht ins EAC. eintreten wollten, kann man ihnen daraus keinen Vorwurf eines unfairen Vorgehens machen. Wohl aber wird es ihnen nicht so bald vergessen werden, daß sie bei den letzten Abstimmungen am Kongresse eine nicht sehr erbauliche und dem Prestige dieses „Judenparlaments“ nicht gerade förderliche Komödie aufführten. Erst erklärt Dr. Heinrich Löwe mit der fettigsten Salbung: Wir stimmen nicht mit! Bei der nächsten Frage schon — übrigens bloß durch einen Zufall und eine unklare Formulierung aufgeworfenen Frage der Präsidentenwahl durch den Kongreß — tritt Dr. Friedemann auf und erklärt: „Diesmal stimmen wir aber wieder mit!“ Das heißt nicht nobel kämpfen, das heißt ein Bein stellen. Ich glaube, sogar im Ringkampf disqualifiziert eine solche Methode ... Hier Unklugheit und Ungeschicklichkeit, dort viel zu spitzfindige, mitunter nicht sehr vornehme Taktik — das ist das Bild des äußeren Kongreßgetriebes. Ein ganz anderes Bild aber tritt mir vor die Augen, wenn ich den in n eren Gehalt des neunten Kongresses betrachte. Da muß ich entgegen allem Gekrächze und Gejammer es mit aller Entschiedenheit aussprechen: der neunte Kongreß war einer der schönsten und erfolgreichsten unserer Kongresse. Als Manifestation nach außen — diese Bestimmung der Kongresse daif durchaus nicht unterschätzt werden! — war er geradezu prachtvoll. Tagend in einem wichtigen europäischen Kulturzentrum, beschickt von einer verhältnismäßig großen Anzahl von Delegierten aus den fernsten Ländern, getragen von einem großen und tiefen Ernst aller Beteiligten, konnte er einen starken Eindruck auf die öffentliche Meinung nicht verfehlen. Tatsächlich hat ihn ja auch die europäische Presse viel glimpflicher behandelt, als ein Teil der zionistischen. Dann aber das wichtigste: die gefaßten Beschlüsse. Keiner der bisherigen Kongresse hat noch so entschieden seinen ah Einmütigkeit grenzenden Mehrheitswillen zum Palästinismus kundgegeben wie der neunte. Allen sachlichen Vorwürfen gegenüber, die doch alle mehr oder weniger darauf hinausliefen, daß das EAC. die Palästinaarbeit vernachlässigt hat, befand sich Wolfsohn durchaus bloß in defensiver Stellung, und allen' sachlichen Postulaten gegenüber, die wieder nichts anderes ausdrückten als das Verlangen nach energischer Arbeit in Palästina, war er durchaus entgegenkommend oder sich unterordnend. Das kühl ablehnende Wort Nordaus: „Will man arbeiten in Palästina, so mag man arbeiten!“ hatte am neunten Kongresse einen schlechten Resonanzboden. Mag man die Siedlungsgenossenschaft mit manchen für die Lösung des jüdischen Kolonisationsproblems halten, oder, wie ich, für eine der Lösungen und auch nicht der allerersten und besten, — immerhin ist die Einmütigkeit, mit der sie der Kongreß beschlossen hat, und die Bereitwilligkeit, mit der auch enragierte politische Zionisten namhafte Beträge für dieses Unternehmen gaben, ein klarer Beweis für die Stimmung, die am Kongresse herrschte. Die Annahme des, Antrages auf allmähliche Hinüberleitung unserer Fonds nach Palästina, trotzdem die Geschäftsleute — sogar, wenn ich nicht irre, — Podlischewsky, — dagegen gesprochen haben, bezeugt auch die feste Entschlossenheit des Kongresses, nunmehr mit der eigentlichen Arbeit in Palästina Ernst zu machen. Die Einsetzung der Kommission zur Vorbereitung des Agrarkredit-Institutes in Palästina beweist auch dasselbe. Wie sehr alles palästinensische am neunten Kongresse ein Noli me tangere war, an dem sich keiner zu vergreifen wagte, sieht man auch aus dem, was abgelehnt wurde. Wolfsohn war tatsächlich der Herr des Kongresses, aber seinen Antrag auf Besteuerung der Nationalfondssammlungen war er gezwungen zurückzuziehen, weil er für ihn auf diesem Kongresse unmöglich eine Majorität hätte zusammenbringen können.