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Jüdische Zeitung · 1910-03-04 · 9 (4.3.1910) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
9 (4.3.1910)
Date
1910-03-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JUDECHE ZEITUNG Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn; Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Gahijähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk.3.—. Für das übrige * Ausland ganzjähr. Frcs. 15,—. Einzelexempldre20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *♦♦*******■«■*■•»■ Nr. 9. Wien, Freitag deii 4. März 1910. IV. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Eine Mißgeburt. Der IX. Kongreß. Die jüdischen Mandate in Bosnien. Die Deiges vom Franz Josefs-Kai. Gedicht von Beda. Von der Woche. Budgetrede des Abg. Stand. Den Manen Mosche Lob Lilienblums. Von N. Sokol ow. Sport. Der Jüdische Nationalerem für Oesterreich veranstaltet Dienstag den 15. März 1910 eine Märzfeier bei deF die-Reichsratsabgeordneten. Dr. Ernst Breiter, Dr. Eugen Lewicki und die. Mitglieder des jüdischen Klubs sprechen werden. Das Programm und der Ort werden in der nächsten Nummer bekanntgegeben werden. Eine Mißgeburt. Zur selben Zeit, da Dr. Lueger, der Führer der Christlichsoziälen mit dem Tode ringt und seinen Nachfolgern als Testament die Mahnung „zusammenzühalten“ hinterläßt, haben auch die .veruneinigten deutsch „freiheitlichen“ Fraktionen sich zu einem „Deutschen National verband“ zusammengeschlossen. Darob in der ganzen freisinnigen Presse aller Schattierungen ungeheuerer Jubel, der schreiendste und grellste natürlich in der jüdischen Assimilantenpresse. Eine Trauerrede aberstünde den deutschtümelndenjuden besser zu Gesicht. Innerhalb dieser neuen „freisinnigen“ Organisation sind nämlich die Deutschradikalen nicht nur ein sehr maßgebender Faktor, sondern sie behalten auch ihre alte Parteiformation bei; nicht sie, sondern die sogenannten „Fortschrittler“ haben kapituliert und sich aufgelöst. Wie die Deutschradikalen über die: Judenfrage auch weiterhin denken, setzte: einer ihrer Wortführer, der Abgeordnete v. Stransky im „Neuen Wiener Tagblajt“ (!) auseinander: „Nach wie vor stehen i|nr auf streng antisemitischem Standpunkte:' Wir erblicken die schwerste Schädigung unseres Volkes im Judentume.“ Aber nicht nur in der Judenfrage ist der „Deutsche Nationalverband“ reaktionär, auch seine Stellung zum Nationalitätenproblem und zur sozialen Frage verdient diese Bezeichnung eher als den Namen „freiheitlich“. Der „Deutsche Nationalverband“ vertritt eben weder das Programm der nationalen, noch das der sozialen Gerechtigkeit, er ist vielmehr ein Anwalt der nationalen und Klassenherrschaft, also genau so reaktionär wie die christlichsoziale Partei. Mit dieser zusammen hat ein großer Teil der deutschfreiheitlichen Abgeordneten für den Schulantrag Schmieds gestimmt, mit den Christlichsozialen zusammen wird er auch in Zukunft nicht einen freiheitlichen, fortschrittlichen, sondern einen deutschnational-antisemitischen Kurs einschlagen. Hock, Ofner und Kuranda aber sitzen auf den Trümmern ihres nicht anerkannten Deutschtums und weinen wie einst ihre Vorfahren an den Wassern Babels. Wir kondolieren tief erschüttert zur Nichtaufnahme in den „Deutschen Nationalverband“ . . . Die Motive, die gerade jetzt zur Bildung des „Deutschen Nationalverbandes“ führten, sind nicht etwa nationale, und noch weniger freiheitliche, sondern ausschließlich parteitaktische. Die Erkenntnis, daß die Deutsch-,,freiheitlichen“ in Gefahr schweben, zwischen den beiden Mühlsteinen der Christlichsozialen und Sozialdemokraten zermalmt zu werden, hat ebenso wie der Umstand, daß sich die parlamentarische Entwicklung bisher ohne und gegen die „Deutschfreisinnigen“ vollzog, zu deren Zusammenschluß geführt. Aber die neue Firma kann nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, daß es sich wieder nur um den schon oft gemachten Versuch, Totes zu beleben, nur um Galvanisierung eines Kadavers handelt . . . Ein solches Gemengsel von Konservativen, Pseudoliberalen und Scheindemokraten. von „Gemäßigten“ und Chauvinisten, Juden und Antisemiten, Zünftlern Agrariern und Manchesterleuten ist nicht, lebensfähig. Dieser Homunculus kann weder in der Bevölkerung, noch im Abgeordnetenhause festen Boden fassen. Seine nationalen Aspirationen werden von alien Den Manen Mosche Lob Lilienblums. Von Nahum Sokolow. Das jüdische Volk hat einen seiner edelsten Söhne, die Zionsidee einen ihrer ausgezeichnetsten Vertreter verloren. M. L. Lilienblum, eines Kridaner frommen Juden Sohn, geboren am 22. Oktober 1843, entschlief am 6. v. M. in Odessa zur ewigen Ruhe. Er war ein Jüdisch-Intellektueller durch und durch, seine Seele war angefüllt von den Reichtümern der biblischen und talmudischen Literatur, die er durch unablässiges Studium beständig mehrte. Eine Volkstümlichkeit, wie Wenige sie beseßen, war der kostbare Schatz, den Lilienblum besaß. Ein warmes Herz, eine ehrliche, schlichte Ansicht bildete den ursprünglichen Kern seines Wesens und ein Leben, das in der Jugend wechselvolle, schwere Ereignisse über ihn verhängte, ihn später durch einen schweren Kampf prüfte, diente dazu, Jene ursprünglichen Eigenschaften immer inniger mit seinem ganzen Dasein und Denken zu verschmelzen. Seine Jugend fiel in die Zeit gewaltiger innerer Umwälzungen im Leben der literarischen Juden. Wie jeder von uns war er ein Kind der Uebergangsperiode. Man mußte sehr viel lernen. Und er lernte sehr viel. Er wurde einer der mutigsten Freiheitskämpfer der jüdischen Gasse. Doch nicht der Erfolg wares, der seinen Mut und seine Kraft erhöhte: der Mißerfolg, die Armut, die Leiden waren es. Ein feindliches Milieu forderte dem verfolgten Maskil die ganze Anspannung der geistigen Kräfte ab. Aus seinem Haupt entsprangen in jener Zeit Reformgedanken, aber auch in origineller Motivierung und nicht protestantisch wie in Deutschland. Es war auch manches Richtige darunter. Seine Bekenntnisse („Chatoth Ni’urim“) gefielen mir nicht, nichtsdestoweniger bleiben sie als Dokument als kulturgeschichtlicher Beitrag wertvoll. „K’hat R’faim“ hat manche gute Stellen und ist als Sotise noch jetzt lesenswert. Ich geher über diese Jahre hinweg. Mit dem wachsenden Ernst des Alters und vollends mit dem schweren Ernst der Zeit verbrauste der flüchtige, schäumende Most und es begann sich ein dem Edleren empfänglicher Geist immer freier und kräftiger herauszuklären. Doch der jugendliche warme Geist ist ihm geblieben. Er hat schon am Beginn der SOer-Jahre die gewaltigen jüdischen Zeitfragen, die zur Entscheidung gekommen, mit Klarheit und Energie aufgefaßt. Er hat sie früher als wir, die anderen, aufgefaßt. Er war auch weniger nuanciert und hatte eine naive Unmittelbarkeit. Unerschütterlich gegen alles, was dem Ideal im Wege stand, unerbittlich und ein leidenschaftlicher Streiter vertrat er mit einem ehrlichen Fanatismus den eingenommenen Standpunkt. Von Palästinaliebe erfüllt, stand er in den ersten Reihen der Wortführer und der organisatorischen Gründer. Er war eine Macht nicht nur durch seine immer wache Geistesgegenwart und die stets schlagfertige Gewandtheit der Polemik, sondern auch durch die Wärme seiner Gesinnung. Er vereinigte glänzende Fähigkeiten in einem Grade, wie sie nur wenigen zuteil werden. Er war ein tüchtiger Publizist, schrieb ein wunderbares Hebräisch, besaß einen ausgezeichneten russischen Stil, beherrschte das alljüdische Gebiet und war auch in der allgemeinen Literatur sehr belesen. Er war einer der wenigen Taltnudchochamim, die wir im Zionismus haben und ohne die die ganze Organisation eine langweilige Vereinsmeierei wäre. Er trug eine geistige, tiefe jüdische Gesinnung und eine Palästinaliebe in der gesunden Vereinigung in sich, die allein imstande ist, das wahrhaft Guie und Heilsame zu fördern. Und auch als Mensch war er eine gerade, allem Schein- und Formwesen abholde Natur, die im Innersten einen Schatz von Güte und Weichheit trug. Ein solcher Mann mußte uns entrissen werden! Er läßt freilich ein Leben hinter sich zurück, auf das er in seiner Todesstunde, hätte er sie geahnt, mit Befriedigung zurückblicken konnte. Aber für uns ist der Verlust ein schwerer. Ehrendes, unvergängliches Andenken diesem Würdigen!

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