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Jüdische Zeitung · 1910-02-25 · 8 (25.2.1910) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
8 (25.2.1910)
Date
1910-02-25
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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■ Seite 6 -JÜDISCHE- ZEITUNG. Nr. 8 Redner fügt noch hinzu, daß er trotz seines Palästinazentrums die Arbeit in der Diaspora nicht nur nicht unterschätzt, sondern diese noch ausgedehnt wünscht auf alle wichtigen Fragen, welche das jüdische Volk bewegen. Vor allem gilt dies für die Regelung der Emigration. Haben wir uns in jeder Richtung zu Führern des Volkes aufgeschwungen, dann werden auch die großen jüdischen Organisationen zionistisch werden. Redner resümiert schließlich seine Ansichten in einigen Leitsätzen und spricht die Hoffnung aus, daß wir durch die Arbeiten des Seminars, welche die geistige Arbeit im Zionismus organisieren soll, durch Mitwirkung von Theoretikern zu einem neuen und brauchbaren System des Zionismus kommen werden. Der Vorsitzende dankte dem Referenten unter dem lebhaftesten Beifall der zahlreich besuchten Versammlung für seine interessanten Ausführungen und gab bekannt, daß die Diskussion über den Vortrag Böhm auf dem nächsten Seminarabend (am 3. März) slattfinden wird. Die Gemeinderatswahlen in der Leopoldstadt. Eine Versammlung des Jüdischen Nationalvereines. In der Leopoldstadt wütet ein Froschmäusekrieg. Die letzten Ueberreste der liberalen Partei raufen um die „Volksmandate" des ersten Wahlkörpers. Klüngel steht Klüngel gegenüber und die liberalen Blätter leisten publizistische Dienste. Diejenigen, die es am meisten angeht, die Leopoldstädter Juden, schauen diesem „männermordenden“ Kampfe zwischen „Donauklub“ und „Freiheitlichsozialen“ verständlislos zu. Alle Versammlungen der „freiheitlichen“, „deutschdemokratischen“ Parteien (lies: israelitische Kaffeetischgesellschaften) bieten dasselbe Bild. Irgendein lendenlahmer Freiheitsdusler leiert abgestandene Phrasen herunter, im Hintergründe schnarcht ein alter Gleichheitsveteran Beifall und der Kellner gähnt. Der Jüdische Nationalverein für Oesterreich“, der unter der Leitung unseres rührigen Gg. Abg. Dr. Gabel intensive Werbearbeit leistet, hat in dieses öde Einerlei den Leopoldstädter Juden willkommene Abwechslung gebracht. Sonntag vormittags fand im Hotel Stephanie eine Versammlung statt, die von beinahe 500 Personen, fast ausschließlich Juden aus der Leopoldstadt, besucht war. Abg. Dr. Gabel eröftnete die Versammlung. Abg. Gg. Adolf Stand ließ in einer groß angelegten, meisterhaft aufgebauten Rede die Ereignisse des letzten Jahres Revue passieren. Die Schaffung einer Landtagskurie für die Juden Bosniens ist ein Erfolg des Jüdischen Klubs“, dem es trotz großer Schwierigkeiten gelang, die Behörden von der Notwendigkeit einer eigenen Vertretung der bosnischen Juden zu überzeugen. Wenn der gleiche Erfolg den Juden der Bukowina nicht beschert war, so liegt die Schuld nicht an . dem Jüdischen Klub“ und der jüdischen Nationalpartei. Als nach dem einmütigen Beschlüsse des Bukowinaer Landtages den Juden eine eigene Vertretung gesichert erschien, da haben wir plötzlich unsere Hofräte zu spüren bekommen. Sie erhoben ihre Stimme und haben auf die „Gefahren“ hingewiesen, die Oesterreich durch die Anerkennung der jüdischen Nation drohe: Sie erscheinen immer dann auf der Bildfläche, wenn es gilt, im Judentum etwas Lebendiges zu ersticken. Wo waren sie t»ei der Dreyfusaffäre, dem Hilsnerprozeß, bei den russischen Pogromen, als Oesterreich die russische Anleihe kotierte? Diesmal gelang es ihnen noch, unsere5’• Arbeit 1 zuzerstören. Auch in Galizien ist' gfegenWärtigdie LandtagswahIreform:;aktuell: i:Wönn'fder Förderung nach einer eigenen Kurie nicht statte gegeben wird, so wird eine entsprechende Vertretung der gälizischen Juden verlangt werden. Eine andere wichtige Frage, die die gälizischen Juden beschäftigt, ist die Schenkerfrage. Das Propinationsrecht läuft in diesem Jahre ab und 17.000 jüdische Familien sind in ihrer Existenz bedroht. Der jüdische Klub konzentriert seine ganze Aufmerksamkeit auf diese Frage und es ist bereits gelungen, in der Schenker-Vorlage einige Milderungen durchzusetzen. Redner bespricht dann noch die Hausiererfrage. Er fordert die Versammelten auf, den jüdisch-nationalen Organisationen beizutreten. Nur wenn diese stark sein werden, werde es möglich sein auch in die Kultusgemeinden den demokratischen jüdischen Geist hineinzutragen. Dann werden solche Aeußerungen, wie die des Wiener Kultuspräsidenten Dr. Stern: „Es fällt mir nicht im Traume ein, das Wahlrecht zu reformieren“ unmöglich sein. Und hat er solche Träume, dann wird er die jüdische Wirklichkeit zu fühlen bekommen. (Stürmischer Beifall). Herr Lucian Brunner sprach zu den Gemeinderatswahle n in der Leopol d s t a d t. Der Aufstieg und die Macht der Luegerpartei ist kein Ereignis von rein lokaler Bedeutung. Sie bedeutet den größten Triumph,den der internationalejesuitismus in Oesterreich erzielt hat. Die klerikale Partei hat sich über ganz Oesterreich ausgebreitet, und es gibt heute keine deutsche Landeshauptstadt, die nicht eine antisemitisch klerikale Mehrheit besitzt. Das Wort „Jude“ war das Schlagwort, mit dem sie die Massen gewonnen haben. Sie haben wohl die Versprechungen, die sie der Bevölkerung gemacht haben, nicht erfüllt. Dagegen haben sie sich selbst ausgezeichnet geholfen. Sie haben in Wien ein System der Korruption und der allgemeinen Dekadenz aufgebaut. Redner weist an einer Reihe von praktischen Beispielen nach, .welche enorme Lasten die christlichsoziäie Partei der Wiener Bevölkerung durch eine verfehlte und korrupte Wirtschaftspolitik aufgehalst hat. Er bespricht eingehend .die Verstadtlichung der Gasgesellschaften und der Tramway. Die Juden sind allerdings nicht erschlagen worden, manche haben sogar ganz gute Geschäfte gemacht. Lueger hat sich einen Spaß daraus gemacht, arme Juden zu beschenken. „Gnade, so viel Ihr wollt, Recht werdet Ihr aber nicht bekommen!“ Was haben nun die Liberalen getan, um den Siegeszug dieser Partei aufzuhalten? Ich habe nur eine Funktion der Liberalen im Gemeinderat gesehen, die bestand’ darin, den Liberalismus zu dißkreditieren. Die liberale Partei hat nun abgewirtschaftet, weil sie in Wirklichkeit niemals liberal war., Hermann Bahr hat diesen Liberalismus gekennzeichnet: „Da kam über Wien der Liberalismus, aber es war ein außerhalb der Wirklichkeit entstandener Liberalismus.“ Die frühere liberale Partei hat in Wien nichts geleistet, sie hat dem jüdischen Wähler nicht geholfen, sich seiner Haut zu wehren. Redner charakterisiert die in der Leopoldstadt sich befehdenden verschiedenen liberalen Parteien, die wohl unter neuerMaske segeln, im Wesen aber nicht besser sind, als die Altliberalen. Ofner ist immer noch ein Deutscher. Sein Judentum steckt wohl nur inseineinMandat. Neu- Stad tl mag vielleicht ein tüchtiger Agitator sein, politisch ist er jedoch unzuverlässig und ist absojut nicht geeignet, Vertreter der Leopoldstädter Juden zu sein. Wenn die Juden sich solcher Leute entledigen wollen, dann müssen sie das System, sich immer aiüf Söldner zu verlassen, aufgeben. Sie müssen ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen. Der Jüdische Nationalverein“ ist die Plattform, auf der sich alle Juden zusammenfinden müssen. Der Redner erklärt, um jMißverständnissen vorzubeugen, daß er nicht kandidiere und auch der „Nationalverein“ nicht beabsichtige, in den Wahlkampf einzugreifen. Wir wollen die Juden des Bezirkes wieder zum Bewußtsein ihrer Pflicht zurückführen. Die ausgezeichnete Rede löste minutenlangen Beifall aus. Gg. Dr. Schalit erinnert an den anläßlich seiner Kandidatur in diesem Bezirke vor drei Jahren geführten Wahlkampf seitens der jüdischnationalen Partei. Von allen Seiten wurd e damals bekämpft, von den Orthodoxen als radikal fortschrittlich, von den Liberalen als orthodox verschrien. Die damals geleistete Aufklärungsarbeit sei nicht auf fruchtbaren Boden gefallen. Die Verhältnisse seien heute nicht um vieles besser. Die Freiheitlichsozialen sind nichts als eine verschlechterte Auflage der Deutschliberalen. Ein altes Geschäft mit einem neuen gleißenden Titel. Die Kandidaten dieser Partei, die sich demokratisch nennt, Dr. Sch warz-Hiller und N e u s t a d tl, haben bei den letzten Kultuswahlen gegen die demokratische Opposition, welche das allgemeine und gleiche Wahlrecht auf ihre Fahne geschrieben hat, gekämpft. Sie haben die reaktionäre Khiilepartei unterstützt. So sieht der Freisinn dieser „Demokraten“ aus. Redner präzisiert den Standpunkt derjüdischnationalen Partei.Auch diese Rede weckte stürmischen Beifall. Nachdem noch einige Redner gesprochen, schloß der Vorsitzende die Versamm- , lung mit der Mitteilung, daß der Jüdische Nationalverein“ in der nächsten Zeit noch eine Reihe von Versammlungen in der Leopoldstadt veranstalten werde. Parteinachri chten. An die Leitungen und Vorstände ■=; der zionistischen und judjschnationalen Vereine und? Organisationenin Wien! Einladung zu der am Sonntag den 27. d. M. IX., Türkenstraße 9, stattfindenden Zusammenkunft behufs Stellungnahme zu dem in Nr. 7 der „Welt“ erschienenen Artikel des Dr. Franz Oppenheimer. Beginn präzise 10 Uhr. Für den zionistischen Zentralverein: Dr. Jakob Kohn, Präsident. * * * Freies zionistisches Seminar. IX., Türkenstraße 9. Donnerstag den 3. März 1910, präzise 8 Uhr abends, beginnt die Diskussion über das Referat des Gg. Adolf Böhm: „Die Revision des Zionismus.“ Das innerösterreichische Distrikfskomitee. * * * Oeffentliche Distriktssitzung. Montag den 7. März 1910, präzise 8 Uhr abends, findet im Zionistischen Bureau in Wien die erste öffentliche Distriktskomiteesitzung dieses Jahres statt. Tagesordnung: 1. Bericht des D.-K. über seine bisherige Tätigkeit. 2. Schekelagitation. 3. Westösterreichischer Zionistentag. Das innerösterreichische Distriktskomitee. Aus dem jüdischen Leben. Siebente Tagung der Deutschen Konferenz- Gemeinschaft der Alliance Israelite Universelle. Am Dienstag den 8. Februar hat die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Israelite Universelle, ihre siebente Jahrestagung in Berlin gehalten. Den Vorsitz führte der Präsident Goldberger, der den ausführlichen Rechenschafts- und Arbeitsbericht für 1909 erstattete. Nicht weniger als 27 neue Lokalkcmitees sind 1909 geschaffen worden. Die Mitgliedschaft der Alliance [in Deutschland hat sich seit der Reorganisation der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft, d. i. seit vier Jahren, um 46°/W

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