Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5nar diesbezüglich fruchtbare Arbeit leisten wird. Er freue sich, als erstem dem Initiator des Seminars das Wort geben zu können. Hierauf folgte der einleitende Vortrag des Gg. Adolf Böhm über „Die Revision des Zionismus“, den wir nur in den Hauptzügen -wiedergeben können. Der Redner führte die Gründe an, die ihn dazu geführt haben, die Einrichtung eines zionistischen Seminars zu beantragen, und meint, daß wir an der mangelhaften Weiterbildung unserer Parteitheorien kranken und mit veralteten Werkzeugen arbeiten. Ein gut Teil der verminderten Anziehungskraft der zionistischen Partei sei dadurch verschuldet. „Nur wenn wir uns selbst klar sind, können wir auf andere wirken.“ Dem Uebelstand abzuhelfen, müßten sich alle vereinigen. Dies soll auf dem Boden des Seminars geschehen. Zur Eröffnung stellt Redner die Frage nach dem System der Parteipolitik zur Diskussion. Es bestünden zweierlei Arten von Zionisten und Zionismus. Den einen ist der Zionismus bloß eine staatsrechtliche Idee, die sie aus Stolz und Charakterfestigkeit ausführen wollen (die Judenstaatler), den anderen bedeutet Zionismus das Streben nach einer jüdischen Vollexistenz, die ihnen im Golus versagt ist. (Diese Richtung nennt Redner Evolutionisten.) Gg. Böhm legt die historischen und individualpsychologischen Ursachen dieser Erscheinung bloß und führt dann den Inhalt beider Anschauungen näher aus. Der rein politische Zionismus eines Nordau, Dr. Marmorek, Dr. Motzkin, der noch immer die Machtmittel der Bewegung in Händen hat, wolle warten, bis das ganze Volk gewonnen sei, um dann mit ein paar großen Aktionen den judenstaat zu schmieden. Will man die andere Richtung kennzeichnen, so ergeben sich die verschiedensten Anschauungen, die bis auf die Betonung der Notwendigkeit der Palästinaarbeit einander entgegengesetzt seien. Es sei daher nötig, um zu einer klaren Parteitheorie zu kommen, von Grund aus aufzubauen und sich vor allem begrifflich klar zu machen, was Zionismus ist. . Was ist Zionismus? Redner zeigt, welche Verwirrung dadurch entsteht; daß man die Baseler Programmformel als D e f i n i t i o n des Zionismus ansieht, während sie nur eine Parteiplattform sei. Als solche genüge sie nicht einmal, sie enthalte z. B. gar nichts über den Kampf gegen die Assimilation etc. Redner sagt, daß sogar assimilatorische Gesellschaften, wie der |üdische Kolonisationsverein Wien, der politische Autonomie für die von ihm geplante jüdische Kolonie in Palästina verlange, nach dem Baseler Programm als zionistisch angesprochen werden mußten. Dem Baseler Programm müsse zumindest eine Definition des Zionismus vorausgehen. Und diese müßte ungefähr lauten: Der Zionismus ist das Streben des jüdischen Volkes nach Erhaltung seiner nationalen Individualität und nachderen freier Entfaltung auf dem Boden Palästinas. Die zionistische Organisation ist der zum Zwecke einer bewußten und planmäßigen Förderung dieses Strebens gebildete jüdische Volksbund. Redner sagt, daß jene Definition in jeder Hinsicht das Richtige treffe und das gewünschte Kriterium dafür, was zionistisch ist, nur darin zu suchen sei, ob es die Erhaltung der jüdischen Nation als solche zu fördern geeignet sei oder nicht, was er an Beispielen erläutert. Daß der Zionismus nicht als eine Idee, als ein Einfall, wie bisher im Baseler Programm, sondern als eine real vorhandene Kraft, als der Wille zum Leben von etwas Seiendem definiert werde, sei die Umkehrung, welche Redner für nötig und für ungemein fruchtbar hält. Redner beleuchtet nun auf Grund dieser Definition den Unterschied der westlichen Zionisten (Judenstaatler) und der östlichen. Bei den Westjuden sind es vorzüglich intellektuelle Motive, welche den zionistischen Willen hervorrufen, im Osten ist er ein unbewußtes Streben, das mit Naturnotwendigkeit sich Bahn brechen muß. Aus dieser Differenz fließen auch die Fehler der Propaganda. Die Westzionisten, welche den Parteiapparat heute beherrschen, arbeiten vor allem mit Argumenten. Bevor Redner untersuchen will, was besser sei als Argumente, möchte er sagen, daß, wenn man schon mit solchen kämpfte, die Argumente möglichst umfassend und bedeutungsvol sein müßten, was heute nicht der Fall sei. Redner verweist hier auf das Buch Zollschans, mit dessen Nachweis der kulturellen Bedeutung der Erhaltung des jüdischen Volkes Propaganda gemacht werden kann. Ein völlig neuer Gedanke wäre auch der Hinweis, daß mit der Assimilation die biotischen Vorteile, welche der jüdischen Rasse eignen, verlorengingen. Wichtiger für die Propaganda als der Kampf mit Argumenten sei aber 1. die Darlegung der objektiven und subjektiven Tendenzen, die zum Zionismus treiben, 2. die nationale Arbeit in der Diaspora und 3. die Schaffung neuer jüdischer Werte in Palästina. Letztere zwei Punkte will Redner in anderem Zusammenhang besprechen. Bezüglich der Tendenzen, die zum Zionismus treiben, seien die subjektiven schon erwähnt worden, es sei das Streben der noch jüdisch fühlenden Juden nach nationaler Vollexistenz, die objektiven liegen vor allem in der ökonomischen Lage der östlichen Juden. Diese werden fortdauernd als Kleinhandwerker und Kleinhändler depossediert, werden aber keine Fabriksarbeiter und müssen emigrieren. Die Massenemigration der Ostjuden hat viel mehr ökonomische als politische Ursachen, muß daher andauern. Sie richtet sich naturgemäß nach Ländern industriellen Aufschwungs, d. h. solchen mit starkem Bedarf von gewerblichen Hilfskräften. Nachdem diese sich nunmehr absperren, bleibt nur mehr ein Uebergang zur Agrarkolonisation möglich. Von allen Ländern, die in Betracht kämen, eigne sich dafür aber nur Türkisch-Asien. Redner sagt, daß all dies nicht nur Propagandamittel sei, sondern gleichzeitig natürlich Begründung des Zionismus. Haben wir die Grundlagen des Zionismus flüchtig skizziert, so können wir nun einerseits zur Kritik der rein politischen Richtung und hierauf zum Aufbau der neuen übergehen. Redner zeigt die Schwächen des rein politischen Zionismus auf. Der fortwährende Appell an das Volk muß immer wirkungsloser werden, so daß der politische Zionismus, sofern er glaubt, nur nach Eroberung des ganzen Volkes handeln zu können, zur Selbstverneinung führt, wenn die Zahl der Anhänger, wie es der Fall war unter der Herrschaft des rein politischen Zionismus, immerfort zurückgeht. Er ist auch in seinen Methoden verfehlt, da rechtliche Garantien wertlos Sind ohne Machtunterlage und die beste und einzige Garantie für die Erhaltung einer Nation ihre Verwurzelung mit dem Boden ist. Die Vorstellung, nach Erlangung der papierenen Garantien eine Massenkolonisation ausführen zu können, sei absurd. Kolonisation sei eine schwere Kunst und könne nur langsam vonstatten gehen. Sei der Zionismus in den letzten Jahren weitergekommen, so sei dies nur der auf Drängen der anderen Richtung erfolgten praktischen Arbeit in Palästina zu danken. Wollen wir nun auf Grund jener Definition ableiten, welches die richtige Politik der zionistischen Partei sein muß, so ist nach ihr klar, daß der Erfolg des Strebens der jüdischen Nation nach Vollexistenz einzig und allein von seiner Kraft abhängt. Der Theoretiker des Zionismus wird die Elemente prüfen müssen, welche die Intensität und Energie jenes Strebens stärken oder schwächen, der Politiker wird daraus folgern. müssen, welche Handlungen er setzen muß, um jene Energien zu verstärken. Kampf gegen Assimilation, nationaljüdische Politik, wo sie möglich ist, wirtschaftliche Organisierung etc.; all das sind Stärkungsmittel. Je stärker aber das nationale Leben sein wird, desto stärker das Streben nach voller Entfaltung. Diese ist aber im Golus nicht möglich, sondern nur in Palästina. Es ist also noch die Frage zu untersuchen, in welcher Wechselwirkung die Arbeit im Golus und jene in Palästina stehen und wie der Aufbau unseres nationalen Lebens in Palästina zu erfolgen bat. Erst dann können wir zu einem geschlossenen System kommen. Redner sagt diesbezüglich: „Ich behaupte, und das ist der Kernpunkt meiner zionistischen Auffassung, die These, die ich heute zur Diskussion stelle: Die Evolution in Palästina, das organische, systematisch unterstützte Wachstum einer freien jüdischen Siedlung in Palästina, das Emporblühen jüdischer Kulturwerte ist nicht nur gut für die Propaganda, wie heute die „rein politischen“ Zionisten sagen, nicht nur eines der Mittel für die Erreichung des Endzieles, wie die „Palästinapraktiker“ meinen, nicht nur ein Glied in der Reihe gleichwertiger Aufgaben des Zionismus, wie die „Synthetiker“ glauben, sondern sie ist gleichzeitig Selbstzweck, ihre Forderung die zentralste Aufgabe des Zionismus, ihr Vorhandensein ist die umwälzende, das Judentum im Sinne des Zionismus revolutionierende Tatsache. Gg. Böhm grenzt diesen Standpunkt von jenem Achad Haams ab, der glaubte, eine einzige Musterkolonie könne eine neue Kultur schaffen etc. Redner nimmt den Faden wieder auf und sagt, daß alle nationale Arbeit im Golus, so wünschenswert sie auch sei, vergebens wäre, wenn nicht gleichzeitig die neuen jüdischen Kulturwerte in Palästina geschaffen würden, welche erst den nationalkulturellen Inhalt jener Bestrebungen im Golus schaffen würden. Als Beispiel führt Redner an, daß die hebräische Sprache im Golus erst im Momente lebendig werden konnte, als sie in Palästina ihre Renaissance erlebte. Das Aufblühen der neuen Kulturwerte in Palästina wird überdies die Tatsache sein, welche die Juden des Golus zum Zionismus bekehren wird. Ohne sie ist der Kampf gegen die Assimilation aussichtslos, weil wir den Juden, welche ihre starken Kulturbedürfnisse in den Kulturen des „Wirtsvolkes“ befriedigen, nicht bieten können. Selbstverständlich wird im Golus ein volles Aufleben der nationaljüdischen Kultur nie möglich sein, weil die Kultur der Umgebung, wie Recht, Sitte etc., zum großen Teile angenommen werden muß. Wie haben wir uns die Erreichung des Endzieles in Palästina vorzustellen, welche Bedeutung hat die Evolution daselbst für sie? Redner wendet sich gegen die fortwährende Haranguierung der Türkei als nutzlos und gefährlich. Er sagt in Bezug auf die „Garantien“, welche der politische Zionismus von der Türkei verlangt: Es gibt nur eine Gewähr gegen den physischen Untergang einer Nation: Ihre Verwurzelung mit dem Boden, nur eine Gewähr gegen ihren geistigen Untergang: Den Besitz und die Behauptung einer eigenen starken Kultur. Es gäbe daher nur einen Weg, die Position des Zionismus gegenüber der Türkei wirklich zu stärken und der ist, die Juden der Türkei zu nationalisieren, ihre Zahl, Wirtschaft und Kultur zu stärken. Auch von diesem Gesichtspunkte aus ist die planmäßig geforderte Palästina-Evolution alles. Diese sei aber auch das Einzige, was momentan anzustreben sei. Ein ansehnlicher jüdischer Bauernstand ist nicht im Handumdrehen zu schaffen. Redner verweist auf die preußische Ansiedlungskommission, die in 20 Jahren unter Aufwand enormer Mittel erst 10.400 Ansiedler kolonisieren konnte. In Palästina entwickeln sich die Juden in jeder, auch in kultureller Beziehung frei. Daher ist jede nationale Schule, Kolonie etc. in Palästina nicht nur Mittel zum Zweck, sondern auch Selbstzweck, insofern sie ein Stück Lösung der Judenfrage bedeutet. Redner wendet sich gegen die Ansicht, daß ohne die Judenstaatsidee nichts geworden wäre, er meint, das nationale Streben hatte sich eben andere Instrumente geschaffen. Die Judenstaatsidee müsse ebenso überwunden werden, wie die Zukunftsstaatsidee bei den Sozialisten, wenn auch beide nötig waren, um die Massen zu organisieren. Redner entwickelt auf Grund seiner Anschauungen das Bild, das er sich von der Entwickelung zum Zionismus macht. Dabei legt er das Hauptgewicht auf die immer stärker werdende Verflechtung der Gedanken, Hoffnungen, Wünsche, persönlichen Beziehungen des Golusjudentums mit dem palästinensischen: Die Pioniere in Palästina werden die Ideale der Jugend (Aaronsohn, Schatz etc.) werden, Palästina wird den Golus erobern, nicht Golus Palästina, wie man früher glaubte. Diese Vorstellung ist ebenso anfeuernd und beruhigend, als jenes ewige Warten auf den papierenen Messias (der Garantien) die Zionisten hysterisch machen mußte.