Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 8 fordert Die Nationalitätenfrage kann eben nicht auf . Grund des Herrschaftsprinzipes von den wechselnden, deutschen, slawischen und magyarischen Majoritäts- Parteien mittels ultrareaktionärer Wahlordnungen und auf Basis toter Staatsrechte und der historischen Landesindividualitäten, sondern — wie wir nicht oft genug wiederholen können — nur durch die Se 1 b s tverwaltung aller elf Reichsvölker gelöst werden. * * * Ein neuer Ratgeber. In Dr. Gustav Morgensterns Zeitschrift „Das Forum“ läßt sich ein . neuer Ratgeber der Juden hören. Es ist der ehemalige schlesische Landespräsident, Herr Dr. Josef v. Jaeger, und die Gemeinderatswahlen geben ihm Anlaß . dazu ... Gegen den Rassenantisemitismus der Schönerianer und den wirtschaftlichen Antisemitismus der Christlichsozialen hätten sich — so führt er aus — zwei Fronten gebildet Die Antwort auf Schönerer sei die von Herzl begründete jüdischnationale Bewegung. Sie habe große Verdienste erworben, insbesondere um den jüdischen Osten, sei aber als „ideale“ Bewegung politisch untauglich. Der „Jüdische Klub“ bestehe zwar aus tüchtigen Männern, Ehrenmännern, aber sie seien durchweg „Idealisten“. Die zweite Front — gegen Luegers Partei — werde von den „vernünftigen nichtnationalen“ Juden . gebildet die sich ihr deutsches Wesen nicht nehmen lassen wollen. Diesen könne er den Vorwurf nicht ersparen, daß sie es übersehen hätten, wie die christlichsoziale Partei allmählich vom Antisemitismus abkomme. Sie habe mit Taussig und mit der Länderbank Geschäfte gemacht, ja, Lueger sei am Leichenbegängnis Goldschmidts und Klebinders erschienen. Die einzige vernünftige Politik sei Abfindung mit den übrigen bürgerlichen Parteien. „Auch mit den Christlichsozialen?“ schließt der Aufsatz. „Jawohl, auch mit den Christlichsozialen. Ein zweites gibt es nicht. Das ist die volle Wahrheit.“ Wir verzeihen Herrn Dr. v. Jaeger die krasse Unkenntnis des Wesens unserer jüdischen Moderne, die er auf eine Reaktion gegen Schönerer reduziert und nehmen es in den Kauf, wenn ihm die großen moralischen und greifbaren praktischen Erfolge dernationaljüdischen Politik fremd blieben. Was wir aber einem uns Juden gutgesinnten' Arier — und das scheint Dr. v. Jaeger zu sein — nicht ver- : zeihen können, ist die entwürdigende und beleidigende Auffassung von „vernünftiger“ jüdischer Politik. Er scheint in uns noch immer jene „königlichen Kammerknechte“ zu sehen, die überall dort unterzukriechen haben, wo jeweilig Judenschonzeit ist. Solche Ratschläge gibt man einer verlotterten, käuflichen Bande oder einer verächtlichen Sklavenhorde, aber keinem Volke, das man angeblich schätzt! Für das bestgehaßte Volk kann nur eine moralische Politik vernünftig sein. Und eine kadenz zu führen. So klingen denn auch die „rehabilitierenden“ Ausführungen unseres Autors über den Kulturwert der Juden — besonders am Schlüsse — gewissermaßen als Epitaph, als Würdigung eines Dahinscheidenden. Auch scheinen die Ansichten Zollschans über die Repatriierungsmöglichkeit der jüdischen Nation hie und da recht pessimistisch zu klingen. Doch kann der Pessimismus keineswegs als vorherrschender Ton des Werkes aufgefaßt werden. Denn Zollschan sieht einen historischen Ausweg für die Juden. Es ist — „d i e R ü c k" kehr der breiten Schichten der Rasse zur Urproduktion in einem geschlossenen Gebiete, unter freien kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten“ (p. 424). Nur die territoriale Zusammenfassung eines bedeutenden Teiles der Nation kann eine Gesundung und Höherbildung der jüdischen Rasse herbeiführen. Mehr als diesen Fingerzeig konnten wir von einem wissenschaftlichen Werke auch nicht erwarten. Aus den theoretischen Erörterungen] die praktischen Schlüsse zu ziehen und Programmaufgaben für die gesellschaftliche Aktivität des jüdischen Volkes aufzustellen — ist Aufgabe der Publizistik. Der Entwicklungsgang eines Volkes darf nicht mit dem mechanischen Dahinrollen einer Lawine identifiziert werden. Haben wir die Gefahr eingesehen, die gewisse objektive Tendenzen des jüdischen Lebues in sich bergen, und sehen wir vor uns irgend Verständigung mit den anderen Völkern des Reiches ist nur dann möglich,:wenn das jüdische Volk sichnicht anderen Parteien als schwere, hemmende Last anhängt, sondern dep Weg der Selbsthilfe betritt, und allen jenen - die Hände reicht, die seinen modernen, demokratischen Defensivnationalismus innerhalb ihrer Volksgemeinschaft teilen. *• * * ■ Max Nordau^über den IX. Kongreß. Samstag den 5.- Februar fand in Paris die Jahreskonferenz der französischen Zionisten statt, welcher unter anderen auch Dr. Max N o r d ä ü beiwohnte. Dr. Nordau1 hielt’ im Laufe der Verhandlungen eine kurze Rede, der wir folgendes ent-; nehmen: „Die Hoffnungen die an das Jungtürkentum geknüpft wurden, erweisen sich als reine Illusion. Die Aufgabe, den Kongreß darüber aufzuklären, war. ziemlich undankbar. Wir wollen nicht eine Provinz] von der Türkei loslöten, um dort Juden anzusiedeln.: Wir suchen Freiheit 'für die jüdische Nationalität. Die praktischenZionisten behaupten, es sei. jetzt notwendig, nach' Palästina zu gehen. Sie vergessen aber, daß Palästina geschlossen ist. Wissen Sie nicht, daß die Institution des „roten Zettels“ in Palästina noch in Kraft ist? Das ist die beste Ant-; wort, die wir den russischen Freunden geben können. Es wurde beschlössen, eine Agrarbank zu begründen und Herr Wolffsohn gab seine Zustimmung. Ich aber sage Ihnen, claß diese Operation von vorneherein verfehlt ist, solange das türkische Gesetz die Gründung derartigerTnstifute nicht ermöglicht. Ich wäre am Kongresse gegen die Agrarbank] aufgetreten, aber durch die Wahl zum Präsidenten des Kon-. gresses ist es mirr unmöglich geworden, an der Diskussion teilzunehmen. Gegenwärtig ist unsere wichtigste Aufgabe: Vergrößerung unseres Materials und Kräftigung unserer Organisation. Außerdem müssen wir auf die Erziehung des jüdischen Elementes in der Türkei bedacht sein.“ Wir <- halten es für überflüßig zu konstatieren, daß wir;die Ansichten des geschätzten Führers nicht teilen, i V« * Kremenezkys 60. Geburtstag. Die allgemeine Beliebtheit, deren sich der Direktordes jüdischen - Nationalfonds Herr Johann; Kremenezky erfreut,- kam in der großen Anteilnahme an seinem 60. Geburtstage zum Ausdruck. Sonntag empfing der Jubilar die Abordnungen des Innerösterreichischen DK und der NF Landessammelstelle für Oesterreich, welche ihre Glückwünsche und das Diplom seiner Eintragung in das Goldene Buch des NF überbraehten. Kremenezky sprach seinen Dank für diese Ehrungen und seine i warme Anerkennung für die unverdrossene Arbeit der Wiener Gesinnungsgenossen aus. i Er betonte, daß dieselben mit ihrer praktischen Palästinaarbeit am rechten Wege seien, denn zu großen Kolonisationserfolgen könne man nur schrittein Gegenmittel, irgend eine Rettung, so muß der Wille zum Leben und; die Sehnsucht nach dem sozialen Schaffen alle lebensfähigen Elemente der Nation auf diesen Weg führen, mag dieser noch so steil und schwierig sein. Wer unserem Volke noch nicht gänzlich verlöret ist, wer nicht im Sumpfe der Trägheit stumpf' dahinbriiten kann, zu dem muß und wird das Zollschansche Buch eine beredte Sprache sprechen. Es muß, wie gesagt Emotionen erwecken, die zum nationalen und sozialen Schaffen anspornen. „Wenn ihr wollt,’ ist es kein Märchen“. Der Wert dieses Buches ist es eben, daß es wollen lehrt, ja zwingt. Wenn Zollschan von den großen positiven Leistungen unseres Volkes spricht, ruft er in uns unwillkürlich den Gedanken hervor: Dieses Volk, daß so vieles geschaffen hat, wird noch manches neue Wort verkünden, wird noch manchen neuen Weg der kulturellen Machtentfaltung der Menschheit eröffnen. Wenn er anderseits die negativen Tendenzen der Dekadenz im jüdischen Leben aufdeckt, so weckt er uns eo ipso zur Mobilisierung aller unserer Kräfte für den Kampf ]gegen diese Tendenzen, für die Schaffung von freien Entwicklungsbedingungen für unser Volk. Also — wollet, denn ihr müsset wollen! Wollet/ denn einzig ist die R e.t t u n g! weise Vordringen und die; der bisherigen zionisti sehen Aufklärungsarbeit Unzugänglichen werden sich nur durch den Hinweis auf bereits in Palästina erzielte Erfolge gewinnen lassen. Hiefür spreche schon die Wirkung der „BezaleP-Aussteilung. Ihm aber schwebe der Plan einer großen Kolonialausstellung vor, welche die europäischen jiiden über den Stand unserer agrikulturellen Entwickelung in Palästina — und auf diese komme es vor allem an — unterrichten soll. Jeder Jude — und scheine er uns noch so entfremdet — lasse sich so für den Zionismus schließlich gewinnen. Die erfreulichste Erscheinung in Palästina sei, daß die Juden heute schon, weit entfernt davon, ihre Eigenart einzubüßen, durch ihre kulturelle Ueberlegenheit sich die Nichtjuden in Sprache und Gesinnung zu assimilieren beginnen. Sollen jedoch die Unternehmungen der Partei fortschreiten, dann müssen sie in straffer Ordnung geleitet werden. Deshalb sei er apch für die Beibehaltung der Leitung in Händen Wölffsöhns, dessen Opferwilligkeit und Disziplin schon unter Herzl erprobt und dessen Geschäftstüchtigkeit in dem strengen Norddeutschland geschult worden sei. Er, Kremenezky, schätze nur jene als Gesinnungsgenossen,' welche, ob jung ob alt, wacker mitarbeiten, er perborresziere jeden'persönlichen Zwist in der Partei und sei stets bereit, auf eine Versöhnung von Gegensätzen hinzuwirken.: Die Abordnungen, deren Abschied vom Jubilare der herzlichste war, nahmen die frohe Ueberzeugung mit, daß Johann Kremenezkys Begeisterung für den Zionismus und das Palästina- Werk womöglich noch gewachsen ist und daß die Partei von seiner opferfrohen Tatkraft noch manchen Fortschritt zu erwarten hat. „Das Recht“ redigiert von Dr. Rosner und Dr. Ingwer, hat in seiner letzten Nummer sich traditionell meschumodemokratisch geberdet. Doktor Rosner ist aus Polen Doktor I n g.w e r ist es auch; Beide schwärmen von Idolen,n: - a....*>; Beide mästen ihren Bauch! Doktor R o s n e r ist Hebräer,; Doktor Ingwer gleichermaß; Beide zieh’n der Taufe näher. (Seelisch, keineswegs e n face!) Rosner ist ein „Demokrate“, Ingwerleben ebenfalls; Trotzdem sind sie obligate Zierden des Konkordiaballs. Rosner fabriziert „Artikel“, Ingwer kann das auch nicht schlecht; Jedes Stückei für das Cliquel- Und die Zeitung heißt „Das Recht“! Kurz, es wird mir schwer ein Tau sc hei, Gleich bewerte ich die zwei: Beide sind halt edle — — Polen, Polen aus der Polakei! Beda. Freies zionistisches Seminar in Wien. (Eröffnungsabend.) Donnerstag den 17. d. M. abends wurde in den Räumen des Wiener zionistischen Bureaus das Freie zionistische Seminar, dessen Einrichtung vom letzten Wiener Distriktstag auf Antrag Böhms beschlossen wurde, eröffnet. Der Obmann des Distriktskomitees, Dr. Leopold Meise I, führte den Vorsitz und erläuterte den Zweck des Seminars. Dieses soll zunächst nicht wissenschaftlicher Forschung dienen, sondern den Boden abgeben, auf dem wir unsere zionistischen Anschauungen klären können. Seit 12 Jahren sei nichts geschehen, um das geistige Leben innerhalb der Partei wachzuhalten, die vielen neüentstandenen Probleme zu untersuchen, prinzipielle Stellung zu ihnen zu nehmen, unsere Theorie äuszubauen etc. Er hoffe, daß durch Mitwirkung aller am Zionismus geistig Interessierten das Semi-