Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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'Nr. 8 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 1. Bezüglich der Heimstättenfrage der palästinensischen Arbeiter in dem Sinne, daß man in den schon jetzt vorhandenen Kolonien für die landwirtschaftlichen jüdischen Arbeiter billige Häuser erbauen soll; 2. die jüdische Kolonialbank soll unverzüglich sich bemühen, wirtschaftliche Konzessionen in Palästina zu erwerben; 3. die praktische Durchführung des Agrarkredits in Palästina, und 4. die Begründung einer landwirtschaftlichen Kooperativgenossenschaft. Instinktiv hat der Kongreß die Richtung für die in der nächsten Zeit zu leistende Arbeit gezeichnet. Und jetzt handelt es sich um die Realisierung dieser Resolutionen. Da liegt die dringendste zionistische Arbeit. Und ist sie durchgeführt, so wird der IX. Kongreß tu einem der wichtigsten Kongresse werden. Denn die begonnene Arbeit wird die nachherige automatisch bestimmen. Wird die jetzige Leitung die vorhergenannten Resolutionen energisch durchführen oder durch passiven Widerstand wie bisher paralisieren? Das weiß ich nicht. Aber in dem einen und dem anderen Falle wird dadurch die endliche Lösung der Frage bezüglich der Leitung auf dem X. Kongreß erleichtert werden. Entweder die jetzige Leitung ist fähig und gewillt, Arbeit zu leisten oder aber sie demonstriert nochmals ihre bloße „Kaufmännigkeit“. Aber jetzt müssen alle Zionisten energisch mitarbeiten. Vor allem müssen wir in diesem Jahre zwei Institutionen konsolidieren: die Land Development Company und die landwirtschaftliche Kooperativgenossenschaft. Für beide Institutionen können und sollen wir auch nicht zionistische Kreise heranziehen. Jeder bewußte Zionist soll sich zur Pflicht machen, wenigstens eine Aktie des P. L. D. C. zu besitzen und einen gewissen Beitrag zur Oppenheimerschen Sammlung beizusteuern. Unsere ganze Agitation und Propaganda müssen sich jetzt auf diese zwei Objekte konzentrieren. Und wenn unsere „Großen“ sich sehr lau oder gerade negierend zur P. L. D. C. verhalten, so wird unsere eigene Anstrengung am besten die neue Richtung im Zionismus demonstrieren. Die Konsolidierung dieser zwei Institutionen aber ist die unumgänglichste Voraussetzung eines heilbringenden Agrarkredits, denn wir sollen nicht darnach streben, in Palästina jüdischen Großgrundbesitz, sondern jüdische Landwirtschaft zu entwickeln. Dazu sind aber nicht bloß Geld, sondern auch für den Ackerbau vorbereitete Menschen notwendig, deren wir jetzt nur wenige besitzen. Die P. L. D. C., die Kooperativkolonie, sowie die Heimstätten für die Arbeiter in den Kolonien sollen diesem Zwecke dienen. Unser Agrarkredit wird sich unmittelbar an die P. L. D. C. und an die gelungene landwirtschaftliche Genossenschaft anschließen. Also der Kongreß hat uns tatsächlich ein konkretes Arbeitsgebiet gegeben — uns, allen Zionisten, ohne Ausnahme. Es mag da eine Arbeitsteilung platzgreifen: die bürgerlichen Zionisten werden mehr für die P. L. D. C., III. Eine der interessantesten Fragen, die Zollschan zu lösen sucht, ist die des Wertes der jüdischen Nation für die geistige Kultur der Menschheit. Hier auf dem Gebiete von naturgemäß mehr oder weniger subjektiv gefärbten Abschätzungen und Werturteilen wurde stets uns gegenüber besonders viel gesündigt — und zwar nach beiden Richtungen hin. Die einen, die „Phöben“, wollten uns jeden positiven Kulturwert absprechen und uns im Gegenteil eine äußerst negative Rolle aufbürden. Die anderen, die „Philen“, suchten wieder unseren Volkswillen und das Volksgewissen mit dem Märchen über unsere prädestinierte „Ato-Bechartonn“-Rolle mit ihren verschiedenartigsten „Missionen“ einzulullen. Leider hat es auch unser Autor nicht immer vermocht, der Versuchung zu widerstehen, hie und da die Farben in einseitig-rosiger Kolorierung auf das Bild aufzutragen. Haben wir denn tatsächlich nicht genug Großes geleistet, daß wir zur apologetischen Schönfärberei und historischen Kosmetik greifen mußten? Zollschan hätte nur auf den von Werner Sombart so objektiv und einleuchtend dargestellten Anteil der Juden am Ausbau der modernen Volkswirtschaft*) hinweisen müssen, um dem „wissenschaftlichen“ Antisemitismus seine ohnehin stumpfe Spitze abzubrechen.^ *) Vgl. „Die neue Rundschau“, 1910, Nr. 2 ff. die proletarischen Zionisten hauptsächlich für die landwirtschaftliche Genossenschaft arbeiten, was deren verdammte Pflicht ist. Nun ist für mich die Bedeutung dieser zwei Institutionen eine noch viel größere: kommen sie zustande und beginnt die praktische Arbeit in Palästina, so wird von selbst auch die prinzipielle Klarheit in unsere Anschauungen dringen. Es wird klar werden, daß: a) der Zionismus, wie jede andere gesellschaftliche Bewegung, nicht mechanisch, sondern evolutionistisch zu seinem Ziele gelangen kann; b) der Zionismus nur dann eine Massenbewegung werden wird, wenn er imstande sein wird eine schaffende und aufopferungsvolle Elite hervorzubringen, die den anderen als aufmunterndes Beispiel voranleuchten wird; c) der ganze und allumfassende Zionismus nur von Palästina selbst kommen muß, denn nur dann wird er jede Spur der Philantropie verlieren uud zu einer für die eigene Existenz kämpfenden nationalen Bewegung werden; d) auf dem Gebiete der praktischen Kolonisation sich eine Verbindung zwischen den verschiedensten Klassen und Organisationen des Judentums hersteilen läßt; e) der politische Charakter des Zionismus weder in juridischen Normen eines Programmes, noch im Diplomatisieren, sondern in der systematischen Arbeit für die wirtschaftliche und kulturelle Wiedergeburt der jüdischen Nation besteht. Offen gestanden: ich glaube nicht, daß man durch theoretische Auseinandersetzungen Klarheit schaffen kann. Die Theorie ist grau und nur das Leben ist grün. Das neue .Leben müssen wir alle schaffen. Darunter aber verstehe ich etwas mehr, als Schekelsammlung. Für mich reduziert sich das zionistische Schaffen des gegebenen Momentes auf drei Sachen: national-kulturelle Propaganda, Konsolidierung der die unmittelbare Palästinaarbeit vollziehenden Institutionen (PLDC, Kooperativgenossenschaft) und direkte Uebersiedlung nach Palästina. Die Bedeutung des letzten Postulates muß doch einleuchten, wenn man bedenkt, daß die Juden in Palästina schon jetzt 12—14 7® der gesamten Palästina-Bevölkerung ausmachen, daß, wenn die schon jetzt in Palästina ansässigen Juden ein gesundes, kräftiges Element bilden, der Zionismus einen Riesenschritt vorwärts machen würde. Dazu aber ist notwendig, daß frische, gesunde Elemente hinzukommen. Mit einem Worte, da die Leitung uns bis jetzt im Stiche gelassen hat und wir vorläufig keine Herzls in unserer Mitte besitzen, so müssen wir selbst die Arbeit leisten. Vielleicht findet sich dann ein neuer Herzl, oder aber vielleicht wachsen aus den „kleinen“ Soldaten „große“ Generäle heraus. Aber hypnotisieren wir uns nicht durch die Frage bezüglich der Leitung. Der Zionismus ist jetzt nicht von einem Monarchen abhängig: er braucht jetzt eine kräftige I Aristokratie, die eigene Initiative besitzt. Zum Schluß eine Bemerkung: meine man ja nicht, die Wiedergeburt des'jüdischen Volkes hänge ausschließlich vom „offiziellen“ Zionismus ab. Da Wenn man aber bei Zollschan liest: „Die Aufhebung der Sklaverei und Leibeigenschaft, die Gleichheit der Staatsbürger, die Schulbildung (!!), die Zurückdrängung der rohen Kraft, die Wertschätzung der wahren Sittlichkeit — sind jüdische Ideen“ (p. 40), da drängt sich jedem naturgemäß die Frage auf: Ja, gibt es denn auf diese Weise auch „nichtjüdische“ Ideen? Können denn alle diese elementaren Kulturfaktoren, die mit der allgemeinen kulturellen Evolution zu einer gewissen Zeit unvermeidlich bei jedem Volke wirken, überhaupt irgend einer Nation zugeschrieben werden? Und wenn unser Autor dieselben Ideen auch bei den übrigen Völkern selbständig entstehen sieht, so erklärt er das ganz einfach: all diese Freiheitsgedanken seien eben von der jüdischen Bibel überall ausgesät worden. — Ferner erscheint uns die Charakteristik des Judaismus als „die These von der Autonomie des Geistes und von der Kulturaufgabe der Nation wie der Menschheit“ so allgemein und so wenig bezeichnet für die Juden als solche, daß sie mit demselben Erfolge auf die Mehrheit der Kultumationen bezogen werden kann. Ich will übrigens dem Autor aus den angeführten wenigen Ueberschätzungen keinen Vorwurf machen. Sie sind psychologisch ganz erklärlich als Reaktion gegen die unermüdlichen, ebenso grundlosen wie kategorischen „Dekrete“ der Chamberlains et tutti quanti über die absolute Inferiorität, vergißt man die ungeheuere nationale Energie, die in der Seelentiefe der jüdischen einfachen Masse aufgespeichert ist. Der Zionismus ist unzerstörbar. Wohl können wir beschleunigen oder verlangsamen den Prozeß der Wiedergeburt unseres Volkes, aber glaube man ja nicht, von Köln komme die Thora und von Paris das Licht. Das sind lächerliche Vorstellungen. Genf (Schweiz), 17. Feber 1910. Von der Woche. Parlamentseröffnung. Nach mehr als zweimonatlichen Ferien tritt das österreichische Abgeordnetenhaus am 24. wieder zusammen. Nicht mit Hoffnung, nicht mit Furcht, sondern mit Gleichgültigkeit sieht man in ganz Oesterreich seiner Tagung entgegen, und insbesondere die österreichischen Juden wissen genau, daß sie von den gegenwärtigen Volksvertretern nichts anderes als neue Steuern zu erwarten haben. Der parlamentarische Apparat wird trotz der ultrareaktionären Geschäftsordnungsreform nur von Fall zu Fall fungieren und seine Aufgaben ausschließlich als Budgetbewilligungsmaschine erfüllen. Das Parlament hat keine parlamentarische Majorität, es ist daher auch keine parlamentarische Regierung möglich und alles Gerede von einer Parlamentarisierung des Kabinettes, von einer großen oder kleiner Rekonstruktion ist müßiges Geschwätze. Käme es aber trotzdem zu einer neuen Majoritätsbildung und zur Bildung eines parlamentarischen Kabinettes, dann wären die Juden die letzten, die davon einen Vorteil hätten; denn ein solcher Systemwechsel würde nur im ausgesprochen klerikal-antisemitischen Sinne möglich sein, da die „Freisinnigen“ aller Zungen infolge ihres nationalen Chauvinismus keine österreichische Regierung stützen können, nachdem sie sich untereinander nicht zu einigen vermögen. Das beweist die politische Entwicklung der letzten Zeit deutlich genug; sowohl die in Ziswie die in Transleithanien demonstriert den Bankerott des Freisinnes. Die Obstruktion in den Landstuben von Prag, Graz, Lemberg und Zara hat überdies auch gezeigt, daß die heutigen Landtage genau so lebensunfähig sind, wie das jetzige Abgeordnetenhaus und daß sie ebensowenig wie dieses die Nationalitätenfrage zu lösen vermögen. Man kann eben nicht, wie die deutschen „Freisinnigen“ es wollen, die nationale Autonomie nur für Böhmen fordern, sie aber in Steiermark den Slowenen und in Tirol den Italienern verweigern, man kann aber auch anderseits ebensowenig in einem Atemzuge für die Tschechen in Wien die nationale Autonomie und den Schutz der Minorität begehren, den Deutschböhmen gegenüber als Landeszerreißung jedoch dasselbe vorenthalten, was man in Niederösterreich selbst „Seelenlosigkeit“ und Sterilität der jüdischen Rasse Die ungeschmückte, ganz objektiv gezeichnete Wirklichkeit würde allerdings der „Rehabilitation“ der Juden — wenn sie einer solchen überhaupt bedürfen — mehr dienen. IV. Wie man den potentiellen Kulturwert der Juden auch abschätzen mag, stets muß bei dieser Abschätzung, insbesondere bei der Betrachtung der tatsächlichen Leistungen der Juden, als korrigierendes Moment ein äußerst wichtiger Faktor berücksichtigt werden — nämlich der Golus, der der Entfaltung der im JudentUme enthaltenen Tendenzen kraftvoll entgegenwirkt. Der Golus ist es, der den Kulturwert der Juden durch seine Dissoziationstendenzen bedeutend vermindert und — historisch betrachtet — zu vernichten droht. Die äußerste Verschärfung des Depossedierungs¬ und Deklassierungsprozesses bei den Juden, sowie die Unmöglichkeit für sie, sich dauernd den veränderten wirtschaftlichen Verhältnissen anzupassen, haben gegenwärtig überall die Judeiifrage bis auf das Aeußerste zugespitzt und eine Reihe sehr bedenklicher Degenerationserscheinungen bei ihnen erzeugt. Dabei treten noch die in letzter Zeit — besonders in Westeuropa — so häufig gewordenen Taufen und Mischehen hinzu. Alle diese negativen Faktoren scheinen das Judentum im Golus zur historischen Auflösung durch die teilweise Assimilation und zur physischen De-