Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Sr. 8 rat über Denunziation eines jüdischen j Polen — der Wackere heißt Feldstein und { erfreut sich zweifellos infolge seiner Heldentat der Sympathie der: Herausgeber des „Recht“ — von den Mitgliedern des Vereinsausschusses unter Androhung der Entziehung der Subvention die Erklärung, daß sie nicht Zionisten seien. Die Ausschußmitglieder antworteten wahrheitsgemäß, der Verein sei vollständig. unpoü- , tisch, ihre eigene politische Gesinnung aber zu verleugnen,'seien sie nicht in der Lage. Daraufhin entzog der Gemeinderat dem Verein die Subvention. Dieser Beschluß war natürlich kein Akt brutaler politischer Gehässigkeit, sondern wie die Herren Isidor Ingwer und Isidor Rosner als ex offo-Verteidiger des Lemberger Gemeinderates bemerken, lediglich „durch die zionistische Wirtschaft“ provoziert. Schade, daß diese Aufklärung über die zionistische Wirtschaft so spät kommt. Wäre sie früher erfolgt, hätte es gewiß nicht geschehen können, daß in der großen jüdischen Volksversammlung, an welcher sämtliche jüdische Bevölkerungsschichten ohne Rücksicht auf ihre politische Gesinnung teilnahmen, auch einige bekannte jüdische Sozialdemokraten — unter ihnen besonders die Advokaten Dr. Buber und Dr. Sokal — das Wort ergriffen hätten, um ihrer Erbitterung über den Beschluß des Gemeinderates in Worten Ausdruck zu geben, welche an Heftigkeit und Leidenschaftlichkeit den Reden unserer Gesinnungsgenossen in keiner Weise nachstanden. Dies verschweigt der Lügenbericht des „Recht“ vollständig; er weiß nur davon zu erzählen, daß an der Versammlung „einige Advokaten“ teilgenommen haben und daß einer von ihnen, „der Häuptling der Zionisten in dem ordinärsten Jargon alttestamentarische Flüche und Verwünschungen ausgestoßen hat“. Warum nennt das Blättchen nicht den Namen dieses Advokaten? Weil er einen viel zu guten Klang hat, als daß man seinem Träger die insinuierte alberne Geschmacklosigkeit Zutrauen könnte. Dieser Häuptling der Zionisten ist nämlich Dr. Zipper, einer der angesehensten Lemberger Advokaten, der die Stelle eines Stellvertreters des Kammeranwaltes in der Lemberger Advokatenkammer bekleidet, sich somit des hohen Vertrauens seiner Kollegen erfreut. Dr. Zipper hat das Verbrechen bej gangen, seine Rede im Jargon, oder richtiger j in jüdischer Sprache zu halten, was bei den; jüdischen Volksversammlungen in Galizien i allgemein üblich ist und worüber sich aufi worden.“ (Zollschan a. a. O. p. 354.) - Es beginnt die sukzessive Zurückdrängung der Juden aus den zentralen, leitenden Positionen des wirtschaftlichen Lebens in dessen Peripherie, in die rückständigsten und minderwertigsten Erwerbszweige: Aus dem großen Handel werden die Juden auf den Trödel und Schacher zurückgedrängt. Und wie stets in der jüdischen Geschichte, wird dieser Prozeß von. den Ausbrüchen der brutalen Gewalt begleitet, es beginnt die Aera der grausamen Judenverfolgungen im XH.—XIV. Jahrhundert. Nachdem man sich aber überzeugt hatte, daß die bloße Gewalt ein nicht immer bequem anwendbares und dabei noch ein nicht genug wirksames Mittel bildet, sah man sich um die Mitte des XIV. Jahrhunderts genötigt, den Weg der gesetzlichen Beschränkungen zu betreten (zur virtuosen „Koordinierung“ dieser beiden Mittel gelangte man bekanntlich erst später im Osten, wo Brutalität und „Gesetz“ sich einander brüderlich die Hände reichten). Wie man die Juden früher, als man ihrer bedurfte, gesetzlich bevorzugte, so wurden sie jetzt zurückgesetzt. Ihnen wird der Warenhandel untersagt, sie werden auf Geldgeschäfte angewiesen: Die Juden sollten und mußten W ucberer werden. ... Und wie früher der Handel, so war bald das gesamte Geldgeschäft in den Händen der Juden konzentriert In kurzer Zeit gerieten die hohen Herren und. zuregen die Herausgeber des „Recht“ schon deshalb keine Veranlassung haben, weil dies auch im Interesse ihrer aus Galizien noch nicht ausgewanderten Familienangehörigen geschieht^'welche in einer anderen Sprache geführten Verhandlungen wohl nicht folgen könnten. Auch andere angesehene Männer sprachen in dieser Versammlung in jüdischer Sprache, in derselben Sprache, in welcher ein Morris Rosenfeld seine herrlichen Arbeiterlieder dichtete, in derselben Sprache, in welcher eine namhafte Anzahl anderer Dichter und Schriftsteller unvergängliche Werke schufen, die sogar die „Arbeiter-Zeitung“ wiederholt ihren Lesern in deutscher Uebersetzung vermittelte, in derselben Sprache schließlich — man verzeihe-die Zusammenstellung — in welcher der Genosse Daszynski seine Wahlaufrufe drucken läßt, wenn er um jüdische Stimmen schnorrt. Diese Sprache hat erst vor kurzem gelegentlich der Besprechung einer Reichsgerichtsverhandlung ein anderer, gleichfalls aus Galizien stammender Genosse, an dessen Wiege gewiß nicht gesungen wurde, daß er dereinst Stephan heißen wird, einen Kübel schmutzigen Witzes gegossen; die Lorbeeren dieses Herrn haben „Das Recht“ offenbar nicht schlafen lassen, und so bezeichnet es die jüdische Sprache als den ordinärsten Jargon und nennt eine ganze Gruppe angesehener Anwälte, denen es nichts Anderes nachsagen kann, als daß sie in Gemeinschaft mit allen anderen anständigen politischen. Elementen Leinbergs gegen einen Akt brutaler politischer Gehässigkeit in jüdischer Sprache Worte gerechter Entrüstung gebraucht haben, eine schmierige Gesellschaft, der man sich ohne Ueberwindung eines natürlichen Widerwillens nicht anschließen kann, bezeichnet die Aktion, welcher, wie schon erwähnt, sich auch die sozialdemokratische Partei angeschlossen hat, als eine antipathische Sache und die Beteiligten als Personen, welche nur abstoßen können. Nach dieser niedrigen pauschalen Besudelung einer ganzen Gruppe angesehener Männer, zu deren Begründung auch nicht eine entehrende Tatsache angeführt wird, überrascht es nicht, wenn das von zwei galizischen Juden herausgegebene „Recht“ die groteske Schamlosigkeit besitzt, als Wortführer von Wiener Advokaten auftreten zu wollen, die nur „mit verächtlichem Seitenblick“ auf den galizischen Anwaltstand „zu blicken gewohnt sind“. Da fast die ganze galizische Anwaltschaft ohne Rücksicht auf ihre nationale und Bürger in vollständige Verschuldung an die Juden. Um sich von dieser Schuldlast zu befreien, hat man wieder zum altbewährten Mittel gegriffen: „Wie man vordem die Konkurrenten, so schlägt man jetzt die Gläubiger tot (p. 359). Das half nun aber wieder nicht, denn so wenig man alle Juden töten, ebensowenig konnte man dann das Bedürfnis nach Darlehen ausmerzen. Deshalb mußte wieder das Gesetz mit seiner rechtlich-verputzten Gewalt eingreifen: Diejudenschulden wurden einfach aufgehoben und für nichtig erklärt. „So mußten die Juden auch den Geldhandel, welcher ihnen für den verlorenen Warenhandel Ersatz bieten sollte, aufgeben — sie haben keinen Handel und kein Geld mehr“ (p. 360). Erst der dreißigjährige Krieg mit seinen ver heerenden Wirkungen und Folgen brachte die Juden wieder ... zu Ehren, denn nun benötigte der deutsche . Warenhandel wieder frische. Kräfte. Nach ihrer Emanzipation widmen sich die Juden - teilweise auch dem gewerblichen Großbetrieb, entwickeln das Geldgeschäft; das Bankwesen, den Export, helfen mit bei der Entwicklung der großen Verkehrsmittel. Kurz, „das ganze Mittelalter und die Neuzeit hindurch begann jede neue und höhere Wirtschaftsstufe, zumindest für das deutsche Binnenland, stets durch die Juden“ (p. 365). Sie waren die Fahnenträger des modernen. Kapitalismus,, ihnen folgte dann stets die autochtone Kapitalistenklasse, die sie dann allmählich depossedierte. . | politische ZugehörigkeiLin bewunderungswürdiger Einmütigkeit wie ein Mann hinter I unseren, Gesinnungsgenossen steht, mögen . sie die Schimpfereien des „Recht“ nicht I absönderjich anfxegeri. Gibt es doch auch in .Wien nur wenige ausgesehene Richter und Anwälte, die nicht schon das Mißfallen dieses gar strengen Blattes erregt - hätten. Es'ist auch nicht unsere Sache, zu untersuchen, ob ein von zwei Advokaten heraüsgegebenes Blatt den' Interessen und der Ehre dieses Standes dient, wenn es eine ganze Gruppe von Standesangehörigen gerade* 1'in einem Augenblicke grundlos beschimpft, in welchem diese einen schweren Kampf für die Freiheit des Standes zu bestehen haben. Hier sei nur das eine festgestellt: Einer Beschimpfung, des Judentums und seiner zionistischen Führer haben sich nichtjüdische Angehörige der sozialdemokratischen Partei fast niemals schuldig gemacht; dies tut immer nur eine, ganz bestimmte Spielart aus dem Osten stammender jüdischer Politiker, die krampfhaft um sich schlagen, damit man nicht die rote Schminke merke, die nur notdürftig ihr wahres Gesicht verdeckt. . J. E. Der IX. Zionistenkongreß. (Eine Rundfrage*.) H. Dozent Dr. Daniel Pasmanik, Genf. . Geehrte Reda ktio n! In Beantwortung der' in Ihrem Rundschreiben aufgestellten Fragen erlaube ich mir folgende Meinung auszudrücken: Für mich lag die Bedeutung des IX. Zionistenkongresses nicht bloß in der Reorganisierung der Leitung, sondern in der ganzen Umgestaltung des Zionismus. Und zwar sollte entschieden werden:- warten oder handeln, Zionismus für Andere oder j Zionismus als Selbstbetätigung, Zionismus als Denken und Fühlen oder Zionismus des Willens und der Tat. Der IX. Kongreß hat in dieser Beziehung keine Lösung gebracht: er hat Nordaus Rede beklatscht, aber er hat gegenteilige Meinungen ebenfalls begrüßt. Insofern hat mich der IX. Kongreß nicht befriedigt, denn er hat keine Klarheit gebracht, was zu Reibungen auch auf dem nächsten Kongreß wird führen müssen. An und für sielt aber hat der Kongreß, ohne die prinzipielle Frage zu entscheiden, konkrete Resultate von unschätzbarem Wert gebracht. Der Kongreß hat bekanntlich vier praktische Resolutionen angenommen: *) Vergleiche Nr. 5 und 7 der „Jüdischen ‘ Zeitung“. Ist denn übrigens die ganze jüdische Geschichte in den letzen zwei Jahrtausenden nicht ein unaufhörlicher Depossedierungsprozeß? Beim Verlust ihrer politischen Selbständigkeit — die Verdrängung von der Urproduktion. Zur Zeit der Kreuzzüge — die Abdrängung vom. Großhandel. In der Neuzeit — die durch die Eliminierung des Zwischenhandels, durch die Entstehung von. Konsumvereinen, Produktivgenossenschaften und .Raiffeisenkassen, sowie i durch die Verstaatlichung und Munizipalisierung der wichtigsten Unternehmungen — eingeleitete .und nun intensiv vor sich gehende Deklassierung, der brei-! testen jüdischen Volkskreise. Dieser Deklassierungsi prozeß nimmt hier besonders scharfe Formen an, da er hier nicht; wie bei der nichtjüdischen Bevölkerung, durch den Uebergang in die Reihen der; industriellen Arbeiterklasse und in das Beamtentum jausgeglichen wird.; So vollzieht sich der eherne. Kreislauf der jüj dischen Geschichte: Die Ausnützung der Juden als :sozial-ökonomisches Ferment:.— ihre gesetzliche; Privilegierung. Nachdem diese Funktion ausgespielt . ist brutale Verfolgungen, . Isolierung, Ausstoßung, ■ gesetzliche'Beschränkungen.: Es ist: zum- .Gesetze der jüdischen Diaspora geworden — die- Akkomöidation'des Judentums an den Golus. Die immense Tragik der gegenwärtigen Lage der Juden besteht;nun darin, daß dieses Gesetz endlich bei seiner eigenen Negation angelangt ist: „D er. Jü d e h a t ni e m an den m e.hr zu ers e tz en.; . .“. •: ä