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Jüdische Zeitung · 1910-02-18 · 7 (18.2.1910) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
7 (18.2.1910)
Date
1910-02-18
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr;.-7 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 Mißbilligung wegen der-von ihm am Kongreß provozierten Lärmszenen ausgesprochen' hat. Diese Beschlüsse wurden bei Stimmenenthaltung der Herren Dr. Isidor Margulies und Adolf Böhm einstimmig gefaßt und sollen in der „Welt“ und in der „Jüdischen Zeitung“ veröffentlicht werden. Nach einer kurzen Besprechung über die dem Parteitage zu machenden Personalvorschläge wird die Sitzung geschlossen. * * * Distrikts-Tag des Stanislauer D.-K. (Originalbericht unseres Korrespondenten.) Sonntag den 6. d. 'M. fand im Lokale des Vereines „Erez Israel“ der ordentliche Distrikts-Tag unseres Distrikts-Komitees statt. 30 Delegierte als Vertreter von 14 Städten sind erschienen. Dieser Tag hat wiederum den eklatanten Beweis erbracht, daß unser D.-K. zu den rührigsten und arbeitsamsten in Galizien und vielleicht in ganz Oesterreich gehört. Das haben wir aus den Berichten über die allgemeine Tätigkeit des D.-K. und insbesondere des N.-F.-Kommissärs Gg. Meier H e n i s c h ersehen können. Um 11 Uhr vormittags eröffnete der Präsident des D.-K. Gg. Dr. Samuel Schurr, der den Vorsitz führt, die Konferenz und begrüßte die erschienenen Delegierten. Hierauf erstattete Gg. T r o p p den Rechenschafts-Bericht für das Jahr 1909. Die Schekelsammlung des Kongreß-Jahres war besonders erfreulich. Sie stieg von 1331 auf 2000. Dem Stanislauer D.-K. sind 40 Vereine untergeordnet. Es folgte eine Debatte über den Bericht des D.-K. und die Tätigkeit der „Kredit-Union.“ Ueber „die gegenwärtige Lage im Zionismus und seine nächsten Aufgaben“ referierte Gg. M e nd e 1. Den Bericht der N.-F.-Kommission erstattete Gg. Meier H e n i s c h. Redner schildert in seiner kurzen Einleitung den gegenwärtigen Stand und das Vermögen des N.-F., wie auch dessen Tätigkeit in Palästina und erteilt hierauf Rechenschaft über die Sammlungen des Stanislauer D.-K. sowohl für den 1 N!-F.iiäts'äiich:'füf'dfe'zfonisfischen Fonds;' An der Summe von K 36.000, die für den National-Fonds und die Oelbaum-Spende in Galizien aufgebracht wurden, ist das Stanislauer D.-K. mit dem erheblichen Betrage von K 12.648 beteiligt, was mehr als ein Drittel des Gesamtbetrages ausmacht. Hiedurch nimmt derselbe sowohl relativ als auch absolut den ersten Platz unter den galizischen D.-K. ein. Per Kopf der jüdischen Bevölkerung des Distriktes entfallen 6'A Heller. An dem schönen Ergebnis beteiligten sich 65 Orte. 21 Orte sammelten im Jahre mehr als je 100 Kronen und die. Stadt Stanislau selbst weist den Betrag von K 2623 gegen K 1814 im Jahre 1908 auf. Für diverse zionistische Zwecke sind im südgalizischen D.-K. — außer Schekolim — K 6383 gesammelt worden, ln seinen weiteren Ausführungen setzt sich der Referent mit dem statistischen Ausweise der Wiener N.-F.-Zentrale und mit dem des „Tagblatt“ (Nr. 21), in welchen die Tätigkeit des Stanislauer D.-K. in dieser Richtung bedeutend herabgedrückt wurde, auseinander. Redner macht Vorschläge, wie das Ergebnis der Sammlungen noch gehoben werden könne. Bezüglich der Publikations-Organe des N.-F. stellt Referent folgenden Antrag: „Der Distrikts-Tag fordert die Wiener Sammelstelle und dasgalizische C.-K. auf, dafür zu sorgen, daß die N.-F.-Ausweise auch im „Tagblatt“, aber regelmäßig und ohne Verzögerungen, ausgewiesen werden. (Einstimmig angenommen). Nach einer kurzen Debatte wird der Leitung des D.-K. das Absolutorium erteilt. Es wird auch beschlossen, eine Distrikts-Steuer nach Ermessen der Leitung ein tuführen und einen besoldeten Sekretär anzustellen. Nach einer langen, lebhaften Diskussion wird folgende Resolution gefaßt. „Die am 6. d. M. tagende Distrikts-Konferenz in Stanislau drückt ihr vollstes Vertrauen dem engeren A.-K. in Köln aus und gibt zugleich dem Wunsche Ausdruck, daß die reale Arbeit in Palästina intensiver betrieben werden möge.“ Einige Anträge bezüglich der Palästina- und Kultur-Arbeit sind als Direktiven für das neue D.-K. angenommen worden, worauf die Wahl eines neuen D.-K. vorgenommen wurde. Es wurden gewählt: Dr. Schurr, Dr. Sußmann, Dr. Läufer, Henisch, Tropp, Dr. Jonas, Seliger, Dr. Rittermann, Stenzei, Auerbach, Dr. Magn'et, alle in Stanislau, Dr. Pachtman (Drohobycz), Dr. Rosenheck (Kolomea), Dr. Byk (Stryj) und Osias Hofovitz (Kossow). Um 10 Uhr abends schloß der Vorsitzende Dr. Schurr mit einer kurzen und warmen Ansprache' den sehr würdig verlaufenen Distrikts-Tag. Unter den Klängen der „Hatikwah“ gingen die Delegierten auseinander. ♦ * * Parteitag der Bukowinaer Zionisten. Das buk. zion. Distriktskomitee hat in seiner Sitzung vom 21. Jänner a. c.- beschlossen den diesjährigen Parteitag (früher Distriktstag), für Sonntag den 27. d. M. mit folgender Tagesordnung, einzuberufen: 1. Begrüßung durch den Obmann des Distriktskomitees. 2. Rechenschaftsbericht durch den Obmann des Distriktskomitees. 3. Kassabericbt durch den Kassier des Distriktskomitees. 4. Bericht über den IX. Zionistenkongreß: Herr L. Taubes. 5. Wahl des Landeskomitees. 6. Eventualia. Indem ich diesen Beschluß allen buk. zion. Vereinen zur Kenntnis bringe, lade ich dieselben ein, an diesem Parteitage durch ihre Delegierten teilzunehmen. Anfang präzise 10 Uhr vormittags im jüdischen Hause in Czernowitz. Die Wahl der Delegierten erfolgt in einer Generalversammlung des Vereines mit absoluter Stimmenmehrheit. Vereine bis 50 Mitglieder entsenden je einen, über 50 je zwei Delegierte, akademische Verbinbindungen ohne Rücksicht auf ihre Mitgliedschaft je zwei. Jeder Delegierte muß ordentliches Mitglied desselben Vereines sein und wenigstens ein Jahr diesem Vereine angehören. DasWahlresultatmitnamentlicherAngabedergewählten Delegierten, ist spätestens bis zum 20. d. M. dem Distriktskomitee unter Adresse „S. W e i ß g 1 a s, Zastawna“ bekanntzugeben. Mit treuem Zionsgruße für das Distriktskomitee: Sigmund W e i ß g 1 a s, dzt. Obmann. Volkswirtschaft. (Nationale Banken.) Nicht genug, daß unser ganzes politisches Leben im Zeichen des nationalen Wahnsinns steht, nach und nach geht der Kampf auch auf das wirtschaftliche Leben über. Solange die nationalen Bestrebungen sich nur in dem Rahmen der wahren Interessen der eigenen Volksgenossen beschränken, sind sie gewiß löblich und anerkennenswert, wenn sie aber ausarten und zur Unterdrückung und Bekämpfung anderer Völker führen, dann müssen sie nur Nachteil bringen. Hervorgerufen werden diese Kämpfe allerdings immer in erster Linie durch Unterdrückung auf der einen Seite. Wenn es aber ein Gebiet gibt, wo ein gemeinsames Interesse aller Bewohner eines Landes vorhanden ist, so ist es gewiß das wirtschaftliche und namentlich das Bankwesen. In neuester Zeit zeigt sich eine besondere Rührigkeit unter den Tschechen, um nationale wirtschaftliche Organisationen zu bilden, und auf dem Gebiete des Bankwesens macht sich dies besonders geltend. Man muß anerkennen, daß die tschechischen Banken in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht haben und was noch mehr ist, daß sie der Volkswirtschaft wirkliche und wesentliche Vorteile bieten. Unsere älteren Wiener Banken werden von Jahr zu Jahr bureaukratischer. Während man in anderen Ländern einsieht, daß der Amtsschimmel nicht geeignet ist, den Bedürfnissen des Verkehrslebens zu genügen, während man in Deutschland einen Bankdirektor beruft, um das gänzlich zerfahrene Kolonialwesen zu heben und zu ordnen, sehen wir in Wien gerade das Gegenteil. In unserem ersten Bankinstitut wird ein Direktorposten vakant. Man sucht mit Lichtern nach einem Ersatzmann. Viele hunderte von Beamten zählt die Anstalt und man sollte glauben, daß sich unter ihnen genug’Fähigkeiten entwickeln, um an die Spitze des Unternehmens zu treten, lind siehe da, die maßgebenden Kreise wissen sich nicht anders zu helfen, als daß sie einen Mann aus dem zurückgebliebensten aller unserer Staatseinrichtungen, aus dem Finanzwesen, an die Spitze des Institutes berufen. Wie soll ein Mann dessen ganze Tätigkeit seit einem Menschenalter darauf gerichtet ist, fiskalische Erpressungen an den Steuerträgern zu üben, der geeignete Mann sein, um ein geschäftliches Unternehmen ersten Ranges, bei welchem Kombinationsgabe, Kenntnis der praktischen Volkswirtschaft, Coulance und kaufmännische Routine die ersten Erfordernisse sind, einer solchen Stellung gewachsen sein? Und wäre das Wunder wirklich geschehen, daß er sich dennoch dazu eignet, welches Armutszeugnis geben sich die Banken, wenn die Verwaltungen selbst zur Einsicht kommen, daß sie nicht fähig waren, in ihrem eigenem Geschäfte einen Nachwuchs heranzuziehen, welcher dazu befähigt ist, das Geschick der Bank zu leiten. Ganz anders liegt es bei den tschechischen Banken. Ihre Fortschritte in Wien sind geradezu bemerkenswert. Da ist nichts von Pedanterie und überflüssigem Reglementieren für Kundschaft zu finden, sie sind coulant und entgegenkommend, nehmen kleine und große Geschäfte auf, wie es sich eben gehört, und sind heute im Handelsstand populär geworden. Unsere Wiener Banken werden ja zumeist von jüdischen Bankdirektoren geleitet und dieselben bilden sich nicht wenig ein auf ihre Geschäftstüchtigkeit. Sie vergessen aber, daß das gute Geschäft der Wiener Banken im großen und ganzen nur darauf beruht, daß sie vermöge unserer Gesetzgebung eine Art Monopol ausüben. Was in der Seele eines Wiener Bankdirektors vorgeht, ist nicht schwer zu erkennen. Das Jagen nach Titel und Orden ist schon geradezu beängstigend. Wo soll da die notwendige Unabhängigkeit herkommen, wenn diese Leute bei der heutigen Zeitströmung, in welcher sämtliche staatliche Faktoren einen permanenten Kampf gegen das mobile Kapital führen, dessen berufene Vertreter sie sein sollten, sich um solche Nichtigkeiten, wie leere Titel und Ehrenbezeugungen, raufen. Bis jetzt hatten die Deutschen und Oesterreicher, allerdings mit Hilfe der Juden, wenigstens eine herrschende Stellung iin Bankwesen und nun scheint es, daß auch hier nach und nach, wie in der Politik, die Tschechen Vordringen und ihre nationalen Gegner durch rastlose Tätigkeit, Tüchtigkeit und Findigkeit übertreffen. Für die Juden hat die Sache ihre bedenklichen Seiten. Sie weisen wohl immer triumphierend darauf hin, daß man doch überall wieder Juden herbeirufe, um die Geschäfte zu leiten. Aber man gebraucht sie nur für eine Zeitlang als Lehrmeister. Wenn dann nach einer Reihe von Jahren die Leute die genügende Geschäftserfahrung erworben haben, dann werden sie beiseite geschoben, durch Arier ersetzt und wehe dann den jüdischen Angestellten! Heute schon kann man beobachten, daß bei einer ganzen Reihe von Geldinstituten ein jüdischer Angestellter entweder gar keine Aufnahme findet oder schon zur Seltenheit gehört. Bei sämtlichen Sparkassen in Wien würde man vergebens nach einem jüdischen Angestellten suchen. Bei der Oesterreichisch-ungarischen Bank ist es ein seltener Ausnahmsfall, wenn einer einmal unterkommt. Daß es die tschechischen Banken anders machen werden, wenn sie einmal festsitzen, ist auch nicht wahrscheinlich. Und so vollzieht sich nach und nach ein Umschwung, der eine neue Gefahr für die Erwerbsmöglichkeit der Juden bildet. Die großen Juden sehen natürlich der Sache mit Gelassenheit zu. Die Ehre mit einem Exmi.iister oder sonst einem hohen Funktionär in einer Verwaltungzusitzen, ist ihnen mehr wert, als alles andere. Und sie sehen nicht die Gefahr, welche ihren Volksgenossen und auch in zweiter Linie ihren eigenen Nachkommen daraus erwächst. Sie haben keine anderen Sorgen, als salonfähig zu bleiben, in Wien das Deutschtum zu retten oder in Galizien das Polentum, in Böhmen und Ungarn die betreffenden Nationen, und so geht zwar langsam aber stetig das letzte und beste Betätigungsfeld, welches der jüdischen Arbeitsamkeit und Tätigkeit offen war, verloren.

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