Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 7 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 „Löbliche Redaktion! In der letzten Nummer der „Jüdischen Zeitung“ hat ein jüdischer Wähler seiner Erbitterung über das Verhalten des Kultusgemeindepräsidenten Herrn Dr. Stern, Ausdruck gegeben. Man kann ruhig sagen, daß die Entrüstung über diesen Vorfall eine allgemeine ist. Dieser krasse Fall, in welchem die zynische Verhöhnung der breiten Wählermasse seitens der gouvernementalen Clique deutlich zutage trat, wird Schule machen. Es erscheint mir daher notwendig, einige Unrichtigkeiten des besagten Artikels auf Grund sorgfältigster Informationen richtig zu stellen. Der Herr Präsident hat nicht gesagt: „Es fällt m i r nicht im Traume ein“, sondern: „Es fällt dem Vorstande nicht im Traume ein“. Er hat also höchst autokratisch die Willensmeinung des ganzen Vorstandes — ohne ihn vorher befragt zu haben — zum Ausdruck gebracht. Das ist nur bei unserer, auf Grund eines vormärzlichen Statutes zusammengefaßten Gemeinderepräsentation möglich, in welcher die einzelnen Mandate nicht von den Wählern, sondern einzig und allein vom allgewaltigen Präsidenten besetzt werden. Auch hat der mir unbekannte Einsender nicht den ganzen Ausspruch zitiert. Die Antwort, die Herr Dr. Stern der Abordnung des zionistischen Distriktstages gab, lautete: „Es fällt-dem Vorstande nicht im Traume ein, auch nur das geringste daran zu ändern“ 1 Diese letzten Worte überbieten wohl alles, was sich der Kahal bisher an Anmaßung und Brüskierung geleistet hat. Man vergleiche mit dieser Bescheiderteilung die Wahlproklamation der Offiziellen, die ich mir aufbewahrt habe. Was wird den Wählern da nicht alles in pompösen und bramarbasierenden Worten zugesichert! Feierlichst wird dort die Notwendigkeit einer weitgehenden Ausdehnung des Wahlrechtes betont und noch feierlicher wird die Durchführung der Wahlrechtserweiterung binnen kürzester Frist versprochen. Ein weiterer Kommentar ist wohl überflüssig. Wahrlich, eine so schamlose Wortbrüchigkeit hat sich die christlichsoziale Partei, über die die „Liberalen“. vom-Schlage unserer Kahalgrößen so kläglich jammern, wohl niemals zuschulden kommen lassen. Es verlautet übrigens, daß sich eine andere Instanz gefunden hat, welche diesen ihre Macht so gründlich mißbrauchenden Herren auf die Finger klopft und so werden wir noch das traurige Schicksal erleben, .daß unsere nichtjüdischen Feinde das jüdische Volk gegen seinen „israelitischen“ Feind, den „freigewählten“ Vorstand in Schutz nehmen muß! Mit treujüdischem Gruße _ J-L. Von der Woche. Johann Kremenezky. Am 15. Februar feierte unser ausgezeichneter Gesinnungsgenosse Johann Kremenezky seinen 60. Geburtstag. Jeder Zionist kennt die Verdienste dieses Mannes um die Entwicklung unserer Bewegung. Insbesondere für den jüdischen Nationalfonds hat er Unvergängliches geleistet. Auf Grund seines Referates am fünften Kongresse wurde diese unsere volkstümlichste und hoffnungsreichste Institution ins Leben gerufen. Er hat sie seither mit hingebungsvollster Liebe gefördert. Wir stellen uns in die große Reihe der Gratulanten und geben unserer Verehrung für seine Tatkraft und Treue Ausdruck. * * * Perez Smolenski. Am 17. Schewat jährte sich zum 25. Male der Todestag Perez Smolenskis, des ersten modemhebräischen Schriftstellers, der nach einem von. vielen Wechselfällen des Schicksals heimgesuchten Leben im Alter von 41 Jahren in Meran verschied. Smolenskis Bedeutung besteht hauptsächlich darin, daß er einer der ersten Wecker des jüdischnationalen Gedankens war. Seiner Initiative verdankt die älteste jüdischnationale Verbindung, die Wiener „K a d i m a h“, ihr Entstehen. Smolenski verbrachte seine Mannesjahre in Wien, wo er die berühmte Zeitschrift „Haschachar“ herausgab. Doch erstreckt sich seine Wirksamkeit, trotzdem er im Westen lebte, vornehmlich auf das geistige Leben des Ost' Judentums, das er durch seine Schriften aus dem Schlafe und der Erstarrung aufrüttelte. Anläßlich der 25. Wiederkehr seines Todestages fand in Jerusalem eine große Gedenkversammlung statt, welche der Witwe Perenz Smolenskis, die in Wien lebt, ein in warmem Tone gehaltenes Telegramm schickte. In Wien dürfte demnächst eine ähnliche Trauerfeier stattfinden. * * Wozu in die Ferne schweifen . . .? (Die „Arbeiter-Zeitung“ bewitzelt die Meschumodim.) Am 11. d. M. brachte die Wiener „Arbeiterzeitung“ aus Budapest unter dem Titel „Streitende Neomagyaren“ folgende lehrreiche Korrespondenz: „In seinem „Don Quichote“ erzählt Cervantes, nach der großen Judenverfolgung in Spanien habe sich im Volke die Redensart herausgebildet, daß die Urkatholiken den Judenstämmlingen gegenüber, deren Vorfahren die Taufe der Vertreibung vorgezogen hatten, hochmütig zu betonen pflegten, daß sie (die Urkatholiken) schon „dickeren katholischen Speck unter ihrer Haut angesetzt“ hätten. An diesen Brauch erinnert hierzulande das Gehaben derer, die ihre Namen magyarisiert haben. Vorige Woche wurde in der Stadtrepräsentanz über den Antrag verhandelt, dem Grafen Julius Andrassy das Ehrenbürgerrecht der Stadt Budapest zu verleihen. Für diesen kuriosen Antrag einer Ehrung des antibürgerlichen Feudaloligarchen hatten sich besonders die „Demokraten“ engagiert, und so wollte der Stadtrepräsentant und Abgeordnete der Unabhängigkeitspartei Aladar Ballagi den sonderbaren „Demokraten“ eins am Zeug flicken und gegen den „Demokraten“, Alexander Petö gewendet bemerkte er unter anderem bissig: „Auch der Stadrepräsentant Pollatschek ist, seitdem er Petö heißt, anderer Ansicht geworden!“ Aber das sollte dem Herrn Aladar Ballagi nicht gut bekommen. Er ist nämlich auch kein Urmagyar. Wie überhaupt von Trägern magyarischer Namen in der Budapester Stadtrepräsentanz neunzig Prozent, bei den „Demokraten“ freilich vollends hundert Prozent, Neomagyaren sind. Und diese erbosten Neomagyaren brüllten dem Herrn Ballagi im Chorus zu: „Bloch! Bloch! Bloch!“ Herrn Aladar Baliagis Vater hieß nämlich Moritz Bloch, hatte sich jedoch taufen lassen und seinen Namen auf „Ballagi“ magyarisiert. Natürlich hat sein Sohn schon ein so ausgeprägt magyarisches Rassenbewußtsein, daß er auf einen so „taktlosen“ Hinweis betreffend seinen Ursprung gar nicht gefaßt war. Die ganz frischen Neomagyaren aber wollen es nicht gelten lassen, daß einer schon in der nächsten Generation so dicken urmagyarischen Speck angesetzt hat, um hochmütig auf die neuesten Jahrgänge des Neomagyarentums herabzusehen.“ So weit die „Arbeiter-Zeitung“. Wir sind mit ihr ganz einig in der Verachtung jener Neomagyaren, doch verstehen wir nicht, weshalb die „Arbeiterzeitung“ erst nach Budapest ausschaut, um solche Assi milantentypen aufzugreifen. In ihrer eigenen Partei, in ihrem eigenen Redaktionsstab hat sie doch gleich verächtliche Großmänner, Austerlitze, Neogermanen, Neochristianer die Menge- * * * Die jüdisch-christliche Parte. Kürzlich starb der Großindustrielle Herr F e- 1 i x K o h n j u n., Gesellschafter der bekannten Firma „Jakob und Josef Kohn“, und in allen Tagesblättern gaben die Verwandten ihrer Trauer Ausdruck — doch auffallenderweise nach zwei Gruppen geschieden und in zwei gesonderten Parten. In der oberen Parte, die mit einem großen Kreuz geschmückt war, zeigten die katholisch gewordenen Schwestern und deren hochmögende Gatten Graf Baillou, Graf Wallis und Fundulus an, daß die Leiche nach Absolvierung der heiligen Seelenmesse in’der Basilica Sancta Rotunda (Patres Dominikaner) römisch-katholisch beigesetzt werde, während in der unteren Parte mit einfacher schwarzer Umrahmung die jüdisch gebliebenen Onkel und Tante Julius Kohn verschämt ankündigen, die Bestattung erfolge am Zentralfriedhof — — So verfolgt die Tragikomik, welche das ganze Leben der abtrünnigen Juden kennzeichnet, sie selbst , bis ins Grab! Kommers der Kadimah zu Ehren Birnbaums. Am 8. d. M. veranstaltet die akademische Verbindung „Kadimah“ im Hotel Guth einen Kommers anläßlich des 25jährigen Schriftstellerjubiläums ihres Ehrenburschen und alten Herrn Dr. Nathan Birnbaum (Mathias A c h e r) der, von vielen jüdischen und zionistischen Korporationen und Vereinen beschickt, ein erhebendes Bild darbot. Im Namen der Aktivitas sprach iur. Bruno Singermann, der Mathias Acher als Gründer der Verbindung feierte. Dr. Hermann Kadisch brachte im Namen des jüdischen Nationalvereines einige herzliche Worte. Für die „Bar-Kochba“ sprach Herr M. W a 1 d m a n n, der in feinsinniger Weise Mathias Acher als einen West-Ostjuden bezeichnete. Dr. Zuckermann bemerkte in seiner launigen Art, daß die „Kadimah“ als Frucht nicht weit vom „Birnbaum“ gefallen sei. Nach ihm sprach der Präsident des zionistischen Zentralvereines Dr. K o h n, der den Jubilar herzlich begrüßte und ihn an die gemeinsame Kämpferzeit zur Zeit des Entstehens der Verbindung, an ein schönes und schweres Kommilitonenwerk, erinnerte. Des fernere n hörten wir eine Jargonrede von Herrn ing. Josef G o 111 i e b im Namen des Vereines „Jüdische Kultur“ und auch das Innerösterreichische Distriktskomitee, hatte in Herrn Dr. Sofereinen beredten Sprecher gefunden. Schließlich begrüßte auch Herr Schriftsteller Ing. Nathan Birnbaum als Kollegen und nun erhob sich Mathias Acher selbst, um den Vorrednern zu antworten. Er behandelte jenes Moment, das — wie er selbst sagte — in allen Reden mehr oder weniger laut zutage getreten war. Die Kluft, die ihn, einen der ersten im Zionismus vom jetzigen Parteizionismus, ihn, den Gründer der ersten jüdischen Verbindung, von dieser selbst trennte. Aber er betonte in wie innigem Zusammenhänge er mit uns stehe, da doch heute die moderne jüdisch-nationale Gesamtheit sich mit ihm auf dem schönen goldenen Mittelweg befinde, den man ihm als einen Irrweg einst vorgeworfen habe. Und dieser Mann im besten Mannesalter, mit seiner ruhigen, fließenden Rede überzeugte uns und jeder fühlte, daß es zwischen uns und unserem Mathias Acher keine Kluft gebe. Der Abend wird allen Teilnehmern eine köstliche Erinnerung bleiben. * * * Vortrag Dr. Birnbaum. Als Gast des „Jüdischen Nationalvereines für Oesterreich“ sprach Dr. Nathan Birnbaum (Mathias Acher) Mittwoch den 9. Februar vor einer dichtgedrängten Zuhörerschaft. Der Obmann des „Jüdischen Nationalvereines“ Reichsratsabgeordneter Dr. Gabel, eröffnete den Abend, entwickelte die nächsten Aufgaben dieses Vereines und besprach kurz aber präzise die jüngsten politischen Ereignisse. Er beglückwünschte hierauf Dr. Birnbaum unter lebhaftestem Beifalle der Versammlung zu seinem 25jährigen Schriftstellerjubiläum und erteilte ihm das Wort. Dr. Birnbaum sprach in einstündiger, ausgezeichneter Rede über die politische Förderung der jüdischen Eigenart. „Die Politik“, sagt er, „ist kein Schach- oder Kartenspiel. Das ist spanische, serbische, magyarische Auffassung. Politik ist die Additionssumme aus der gesunden Arbeit des Volkes. Die Hauptsache ist daher nicht Politik machen, sondern arbeiten, produzieren, schaffen, denn die Form ist nichts, das Fundament ist alles.“ Er untersuchte hierauf den heutigen Stand des österreichischen Judentum, das er in drei Gruppen teilt: Ostjuden, Westjuden und Wiener Juden. Diese Darlegungen waren ungemein fesselnd und gipfelten ungefähr in folgendem: Das östliche Judentum in Oesterreich müsse als ein Block des jüdischen Volkes dastehen. Der jüdische Westen, der wohl mehr Zivilisation und Bildung habe, dem aber die seelische Eigentümlichkeit und eigene Kulturnuance fehle, sei dazu berufen, den Osten zu halten. Boris Schatz in Prag. Am 6. Februar fand vormittags im Festsaale des jüdischen Rathauses die konstituierende Generalversammlung des „Kunstverein Bezalel in Prag“ statt. Die Generalversammlung durfte sich vor allem wieder der persönlichen Anwesenheit Professors Boris Schatz erfreuen, der mit größter Bereitwilligkeit das orientierende Hauptreferat für die Gründung des ersten österreichischen