Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 7 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 IÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 7 Siedlungsgenossenschaft werde Dr. Oppenheimer selbst nach Palästina gehen. Die besondere Sympathie des Präsidenten gehöre der Arbeiterheimstättengesellschaft, welcher er den Fonds der David und Fanny Wolffsohn-Stiftung zur Verfügung stellt. Betreffs der „lto“ sagt der Präsident, daß sie weder Mitglieder, noch sonst etwas habe. Er habe mit ihr nichts weiter zu tun. Nachstehend die Zuschrift des Gg. Böhm: Sehr geehrte.Redaktion! Die Erwiderung, die Herr Präsident Wolffs o h n in einem in der „Selbstwehr“ veröffentlichten Interview auf meine Ausführungen über den Kongreß in Nr. 5 der „Jüdischen Zeitung“ veröffentlicht, bestätigt auf der ganzen Linie meine Behauptungen. 1. In der Frage der P.L.D.C. sagt der Präsident, daß ich nicht „ganz“ recht habe. Ich könnte mit diesem Zugeständniszufrieden sein. Um aber jedermann die Nachprüfung meiner kardinalsten Beschwerde: daß die Machtmittel der Bewegung, vor allem die „Welt“ nicht in den Dienst der Palästinaarbeit gestellt werden, zu ermöglichen, bitte ich, diese nachzublättern. Am 6.Jänner1898 ist die P.L.D.C. beschlossen worden. Die „Welt“ hat den Prospekt Warburgs abgedruckt und sonst kein Wörtchen darüber geschrieben. Nach vielen Beschwerden brachte sie am 12.Juni 1908, d.i. ein halbes Jahr nach Begründung der P.L.D.C. einen sehr gewundenen Leitartikel über sie. Aber selbst in diesem stand, daß die zionistische Organisation nicht zum Werkzeug der Kolonisationsarbeit gemacht werden, sondern diese nur fördern darf! Der Artikel wurde in der nächsten Nummer fortgesetzt, und sein Schluß klang dahinaus, daß über die praktischen Aufgaben der Palästinaarbeit, darunter die anderen Arbeitsgebiete, die „politischen Bemühungen“, nicht vergessen werden dürfen. Dann ward es wieder auf lange Zeit still. Diese meine Angaben kann jedermann nachprüfen. Präsident Wolffsohn schiebt die Schuld auf Sokolow. Das erschwert nur den Fall. Der Präsident hat die Verantwortung, e r ist die vom Kongreß gewählte Exekutive,-der Generalsekretär ist nur sein Beamter. Präsident Wolffsohn war doch wohl nicht die Puppe in der Hand Sokolows? Und wenn, desto schlimmer! 2. Präsident Wolffsohn sagt weiter, daß mein „Bundesgenosse“ Ussischkin gegen die P.L.D.C. war. Zunächst frage ich, was bat der Präsident und das Zentralorgan getan, um die Angriffe Ussischkins auf die P.L.D.C. abzuwehren? Nichts, gar nichts! Der Briefwechsel Ussischkin—Warburg wurde einfach abgedruckt. Was habe ich, der „Bundesgenosse“ Ussischkins'getan? Ich habe in der damals von mir redigierten „Jüdischen Zeitung“ unter dem Titel „Ussischkin c'ontra Warburg“ Nr. 39/1908, einen vehementen, sachlich scharfen Artikel gegen die Stellung Ussischkins, meines „Bundesgenossen“ erscheinen lassen. Mir zu entgegnen, daß ich für oder gegen Personen bin, ist völlig unangebracht. Ich bin nur für und gegen Prinzipien. Ich bin f ü rjUssischkin, insofern er meinen Standpunkt teilt, wie am IX. Kongreß, und gegen ihn, ihnen zu schaffen: „Ich habe genug gesprochen zu J den deutschen Juden und jüdischen Deutschen, ich j will jetzt zu wirklichen Juden sprechen“, schrieb er in seinem Jargonblatte. Uns dünkt nun, daß in diesem aus hingebungsvollster Liebe geborenen Drange nach Wirksamkeit unterden Ostjuden dieTragik seines Lebens liegt.Nicht einmal die heilige Flamme, die in diesem merkwürdigen Manne immer strahlender leuchtet, vermag den Ausgleich zwischen Ost und West zu bewirken. Mathias Acher kann und wird den Ostjuden niemals sein, was er gerne möchte. Er bleibt ihnen fremd, weil er eben ein Westjude ist. . . Aber gerade dieser Entwicklungsgang des Einzelnen, Ueberragenden, bat uns neue Wege gewiesen und hoffnungsreiche Möglichkeiten erschlossen. Ist das westliche Judentum wirklich so arm und muß es sich völlig aufgeben? Hat nicht der junge Jude des Westens ein Heldentum des Alleinseins hinter sich, das gerade dem Ostjuden, der gleichsam im Schoße der Familie gedieh, fremd geblieben ist? Darf man die erkleckliche Summe von stillen, feinen, eigentümlichen Entwicklungsmöglichkeiten und Werdeprozessen übersehen, die spezifisch wenn dies nicht der Fall ist, wie in der Frage der P.L.D.C. Ich kämpfe auch nicht gegen die Person des Präsidenten, sondern nur gegen seine politischen Prinzipien. Und da fortwährend der sachliche Kampf in einen persönlichen umzudeuten versucht wird, sei es' mir gestattet, zu sagen, daß ich auch nicht für meine Person sondern für meine Prinzipien kämpfe. Als in der österreichisch-galizischen Landsmannschaft ein Vorschlag gemacht wurde, mich ins E.A.C. zu kandidieren, habe ich energisch abgelehnt. 3. Ich habe nie gesagt, daß Präsident Wolffsohn gegen die Palästinaarbeit ist, sondern nur, daß er über deren prinzipielle Bedeutung eine von der Meinung der Palästina-Evolutionisten abweichende Ansicht hat, und daher für sie nicht mit vollem Nachdruck eintritt. 4. Was die A.P.C. betrifft, so sagt Präsident Wolffsohn, sie habe fünf Filialen errichtet, und da sie genug Geld habe, könne man doch keines mehr in sie hineinstopfen. Darauf erwidere ich, daß seit der Filiale „Beirut“, die nun schon Jahre besteht, keine einzige neue „Filiale“ sondern nur Agenturen eröffnet wurden, während in einer Reihe von Städten Filialen angebracht wären. Dazu wird die Tätigkeit der bestehenden Filialen nicht ausgedehnt. Wenn Präsident Wolffsohn. sagt, die Bank braucht kein Geld, so muß ich als Kaufmann und Nationalökonom sagen, daß ich das wirklich nicht verstehe. Eine Bank, die billiges Geld haben kann und es nicht nimmt, ist ein Unikum in der ganzen Welt. Aber nehmen wir an, siebraucht wirklich keines. Warum hat sie dann die Ausgabe von 30.000 Pfd. neuer Aktien, zwecks Ausdehnung ihrer Tätigkeit beschlossen?! Allerdings hat die „Welt“ auch zur Durchführung dieses Beschlusses keinerlei Propaganda entwickelt. 5. Herr Präsident Wolffsohn erklärt sich mit der Rede Nordaus einverstanden. Und das ist das wichtigste Zugeständnis, das er mir macht, der ich nur die Vermutung aussprach, er stehe auf den Standpunkt Nordaus. Nun ist es endlich klar, daß Präsident Wolffsohn den alten Standpunkt des politischen Zionismus' billigt: „Warten, warten, immerfort an das Volk appellieren. Man mag inzwischen auch in Palästina arbeiten.' Haupt- Sache ist aber die politische Verhandlung mit der Türkei. Nachdem inzwischen auch Herr Kann in einem Interview von Garantien spricht, die man von der Türkei verlangen muß, ist es endlich möglich, aller Welt klar zu zeigen, warum sich der Streit um die Leitung dreht. Ich kämpfe nicht gegen die so außerordentlich sympathischen Persönlichkeiten Wolffsohns und Kanns, lasse mich auch nicht von ihnen derart faszinieren, daß ich ihnen kritiklos gegenüberstehe, sondern ich kämpfe für die Parole einer energischen, durch alle Machtmittel der Partei unterstützten Palästinaarbeit und gegen das Haranguieren der Türkei. Und wenn Präsident Wolffsohn mir sagt, daß ich nichts verstehe, falls ich den politischen Teil der Rede Nordaus verurteile, so erwidere ich ihm darauf, daß ich mich in dem Punkte in voller Uebereinstimmung mit west jüdisch sind? Haben wir nicht beispielsweise ein noch immer ausgezeichnetes jüdisch-eigenartiges Landjudentum? Jawohl. Auch bei uns wollen verschüttete Thermen befreit sein und aufrauschen. Wir haben die Pflicht und das sehnsüchtige Verlangen die schlummernden Kräfte zu wecken, zu sammeln, zu potenzieren, aus Unbewußtem, Verstreutem ein Zweckdasein zu schaffen: Dann hat auch der Westen seine spezifisch-jüdische Note und kann dem Osten die Hand reichen. Und er brächte manches mit, was den östlichen Brüdern nottäte. Dem Kulturnationalismus Mathias Achers ist es zu danken, wenn ■ das westliche Judentum die lächerliche Pose des „Volkserretters“ dem Osten gegenüber längst fallen gelassen hat. Wir konnten aber auch nur, indem wir durch Acher hindurchgingen, die Erkenntnis schöpfen, daß auch in unserem Weinberg ein Schatz liege. Graben wir ihn um und um und sorgen wir, daß wir dem verehrten kopfschüttelnden Meister recht bald die ersten Früchte reichen. Dr. Otto Abeies. den Kongreßdelegierten aus der Türkei befinde, welche eine Parole als einzig richtige bezeichneten. Daran ändert der Umstand nichts, daß sie sich aus anderen Gründen der Regierungspartei anschlossen. . Als Mitglied des Großen Aktionskomitees habe ich das Recht und die Pflicht, in den Fragen der politischen Leitung unserer Bewegung mitzusprechen, und werde mir dieses nicht verkümmern lassen. Ich erkläre hier nochmals, daß ich meine ganze Kraft dafür einsetzen werde, daß am zehnten Kongreß eine Leitung gewählt wird, die den von mir als richtig angesehenen Standpunkt bezüglich der zentralen Bedeutung der Palästinaevolution teilt. Das ist keine Personenfrage. Wird Wolffsohn diesen Standpunkt akzeptieren, dann werde ich für ihn, wird er denjenigen Nordaus einnehmen, dann werde ich gegen ihn sein. Mit Zionsgruß Adolf Böhm. Wehrt Euch, Juden Wiens, der jKultusvorstand „reformiert“! Als Kultuspräsident Dr. Stern jüngst der zionistischen Deputation, die ihn um endliche Reform des verrotteten Kultuswahlsystems anging, sein denkwürdiges „Fällt mirnichtim Traume ein!“ entgegenschleuderte, mochte manches Gemeindemitglied entschuldigend gemeint haben, so alte Leute wie Stern sträuben sich aus natürlichem Ruhebedürfnis gegen jede Aenderung. Nun, diese wohlwollenden Beurteiler können wieder einmal eingestehen, daß sie das Wesen der Herren aus der Seitenstettengasse arg verkannt haben. Ja, man ist dort entschieden gegen jede Aenderung zum Guten, aber stets bereit für Aenderungen zum Schlechten, für volksfeindliche „Reformen“. Während der Kultuspräsident in öffentlicher Sitzung schwunghaft begeisterte Denkreden auf den ehemaligen Kultussiekretär L. A. Frankl hält, der für die Gleichberechtigung der Juden mutvöll'die Stimme erhob und zur Verfechtung der Freiheit entsprechend auf die Barrikaden trat, wird in geheimen Sitzungen daran gearbeitet, die Gleichberechtigung der minder bemittelten jüdischen Bevölkerung zugunsten der Kurie der Höherbesteuerten noch stärker als bisher zu untergraben und die Freiheit der Wählerschaft, die Männer ihres Vertrauens in die Kultusstube zu entsenden, noch mehr einzuschränken. Kurz und schlecht, die Kultuswahlen sollen künftig nichtmehr alle zwei, sondern alle drei Jahre stattfinden! Schon bei der Budgetdebatte verriet Vizepräsident Rappaport diesen sauberen Plan, indem er meinte, die für die Kultuswahl 1910 eingestellten 20.000 K werden wahrscheinlich erspart werden, und seither hat sich jener feine Plan zu einem festen Projekt verdichtet. Er ist nicht neu, schon vor zwei Jahren ging Dr. Stern mit ihm um, dann aber, als die Opposition Lärm schlug, zog er die Belebung des bekannten Wahlrechtsraub- Paragraphen vor. Wo aber seid Ihr Kultusvorsteher, die Ihr den Geruch moderner Gesinnung um Euch zu verbreiten wußtet, Frank, Ehrmann, Spitzer, Wilhelm Pollak?! Wenn Ihr überstimmt wurdet, warum wendet Ihr Euch nicht an die Wählerschaft um moralische Unterstützung? Warum nicht? Weil Ihr nicht besser seid als Dr. Stern! Ihr Juden Wiens aber, wehrt Euch, der Kultusvorstand „reformiert“! „Es fällt mir nicht im Traume ein!“ Zu der unter diesem Titel in der vorigen Nummer der „Jüdischen Zeitung“ publizierten Zuschrift eines oppositionellen Kultusgemeindewählers, die wir nachzulesen bitten, erhalten wir folgendes Schreiben :