Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 6 (11.2.1910)
- Date
- 1910-02-11
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 JODISQHE ZEITUNG. Nr. 6 Lemberg. Eine unserer besten und treuesten Geslnnungsgenosinnen Frau Amalie O ra n g e, ist uns am 2. d. M. durch den Tod entrissen worden. Die Verblichene vereinigte m sich die schönsten Eigenschaften einer wahrhaft jüdischen Frau, - der heiligen 5ache unseres Volkes war sie mit jeder Faser ihres edlen Herzen ergeben. Ihr Haus galt als Zierde der hiesigen zionistischen Gesellschaft. Die lebhafte Teilnahme jüdischer Kreise trat besonders beim Leichenbegängnisse zutage, an dem sich u. A. fast sämtliche Gesinnungsgenossen, alle zionistische Korporationen mit Abg. Stand, Dr. Ringel und Dr. Schreiber an der Spitze, beteiligten. Rabb. Dr. Guttmann hielt der Verewigten einen wannen Nachruf. — Am Begräbnistage wurden 21 Oelbäume auf den Namen der Verstorbenen gestiftet. Volkswirtschaft. (Generalversammlung der Oesterreichischungarisclien Bank). Auch in diesemjahre war der Andrang zur Generalversammlung kolossal. Im Aktienregister sind 1200 Aktionäre eingeschrieben, 1000 österreichische und 200 ungarische. Beinahe sämtliche deutsche und czechische Sparkassen, Vorschußvereine, Pensionsfonds und Staatskassen fungieren als Aktionäre. Also eigentlich lauter Strohmänner, welche nicht selbst Aktien besitzen, und welche nur aus rein agitatorischen Gründen zur Generalversammlung geschickt werden. Natürlich haben solche Leute kein Interesse und noch weniger Verständnis für die Aufgabe und Geschäftstätigkeit der Bank. Es dürften gegen 800 Personen erschienen sein. Natürlich war auch eine Reihe von Politikern aus allen Lagern vertreten. Man erwartete eine Kundgebung ungarischer Institute, welche sich für die Bankgemeinschaft aussprechen sollten. Diese von den Zeitungen angesagten Demonstrationen unterblieben jedoch. Bei Beginn der Verhandlungen stellte sich der neuernannte Gouverneur vor, der eine sympathische Persönlichkeit ist. Nach dessen Ansprache und Verlesung des Jahresberichtes, sowie der Berichte der Revisoren wurde die Diskussion eröffnet. Dieselbe wurde mit einer czechischen Rede eines Herrn Bondy eingeleitet, welcher das Recht der czechischen Nation in der Sprache seines Volkes und als dessen Vertreter in der Verwaltung vertrat. Wir wissen nicht, aus welcher „Khille“ Herr Bondy stammt. Jedenfalls nahm er sich als waschechter Czeche höchst possierlich aus. Nach desse agitatorischem Gequatsch hat dann Herr Dr.Groß, der Obmann desDeutschen Schulvereines, mit einer ebenso geistlosen Erwiderung das Recht der Deutschen behauptet. An diesem Manne ist nichts bedeutend, als sein Bart und sein Mangel an Intelligenz. Hierauf sprach Aktionär Herr Lucian Brunner, welcher die Geschäftstätigkeit der Bank eingehend besprach. Zunächst kritisierte er das Vorgehen der beiden Regierungen, zum Vize-Gouverneur einen Staatsbeamten vorzuschlagen, und gab der Meinung Ausdruck, daß für eine solche Stelle ein Geschäftsmann geeignet wäre. Der Herr Gouverneur unterbrach ihn mit der Bemerkung, er möge sich an die Tagesordnung halten, worauf ihm der Redner erwiderte, die Tagesordnung sei der Bericht des Generalrates und in demselben nehme die Mitteilung über die Ernennung des Vize-Gouverneurs die erste Stelle ein. Er sei deshalb ganz bei der Sache. Darauf erörterte Herr Brunner die Geschäftsführung der Bank im Eskomptegeschäft und wies darauf hin, daß der jetzige Geschäftsgang ungeheuer kompliziert, schleppend und gänzlich unpraktisch sei. Er wünscht, daß die Bank in Zukunft entgegenkommender und kulanter sei, und daß auch kleineren Geschäftsleuten der Verkehr mit der Bank ermöglicht werde. Nach der jetzigen Praxis können kaum andere als Bank- und Kreditinstitute mit der Bank verkehren und wird5 clädurch ein Monopol für die Banken geschaffen, welche wieder unter sich Kartelle abschließen und so das Publikum ausnützen.--'DeV kleine Geschäftsmann stehe schtecht da, und es bleibt ihm, wenn er Wechsel material begeben wolle, nur der Weg zum hochprozentigen Eskompteur oder Wucherer übrig. Es sei1 recht schön, wenn die Bank sich rühme, daß trotz schwieriger Geldverhältnisse im Ausland ihr Zinsfuß nicht über 4% gestiegen sei. Leider aber hat der österreichische Geschäftsmann von diesen 4% gar nichts, weil er ja bei der Bank nicht ankomme. Dies gehe schon aus der Zahl der Giro-Teilnehmer hervor, welche 5500 beträgt, also-nicht einmal T'/o der in Oesterreich und Ungarn domizilierenden Geschäftsleute. Weiters wünscht der Redner, daß der Mindestabzug für einen Wechsel, welcher jetzt 60 Heller beträgt, auf ungefähr die Hälfte herabgesetzt würde. Dieser Abzug bedeute eine schwere Last für die Geschäftsleute, weil die Banken auch ihrerseits einen entsprechenden Aufschlag machen. Es entspreche diese Praxis auch nicht dem Gesetze, welches ausdrückt, daß die Geringfügigkeit des Wechselbetrages kein Grund für den Ausschluß vom Eskompte sei. Auf das Girogeschäft übergehend, stellt der Redner Vergleiche mit der Deutschen Reichsbank an, wo beinahe jeder Geschäftsmann sich ein Reichsbank-Girokonto halte, und wünscht die Umgestaltung derselben, denn die Postsparkasse könne kein Aequivalent für das Bankwesen bilden. Im Depositenwesen bemängelt der Redner wieder das büreaukratische und langwierige Verfahrenund verlangt entsprechende Vereinfachung. Die Spießer in der General-Verversammlung, welchen natürlich jedes Verständnis für derartige Fragen abgeht, obwohl solche den gesamten Handelsstand der Monarchie auf das innigste berührten, waren -schon ungeduldig geworden, da die erwartete nationale Hetze und Stänkerei ausgeblieben war und sie unterbrachen den Redner mit wiederholten Schlußrufen. Nachdem der Herr Vorsitzende seine Pflicht, diesen Forderungen entgegenzutreten, verabsäumte, so besorgte dies der Redner selbst, indem er: Iden Störenfrieden riet, falls sie nicht zuhören wollten, hinauszugehen. Dies wirkte.1 Der Redner besprach hierauf das Kapitel der Personalangelegenheit und brachte die vieljährige Beschwerde zum Ausdruck, daß die Oesterreichisch-ungarische Bank jüdische Angestellte beinahe gar nicht aufnehme. Dies sei umso merkwürdiger,als man doch allgemein annehme, daß die Juden gerade für jdas Bankwesen einige Eignung besitzen. Hierauf wurde noch die Absicht der Bank, ihre Wiener Zentrale in die Alserstraße zu verlegen, besprochen, wogegen sich der Redner entschieden aussprach, indem die Verlegung der Bank aus dem Zentrum des Geschäftsverkehres eine große Rücksichtslosigkeit gegen das bei der Bank verkehrende Publikum sei. Zum Schlüsse stellte er den Antrag den Bericht zu genehmigen, jedoch den Generalrat die Berücksichtigung der ausgesprochenen Wünsche zu empfehlen und schloß mit dem Worten, es gereiche ihm zur Genugtuung, zu konstatieren, daß er der Einzige gewesen sei, welcher sich hier der | allgemeinen Interessen der kleinen Geschäftswelt annehme und statt, wie es bei anderen beliebt ist, die Gelegenheit zu nationalen Hetzereien und Stänkereien zu benützen. Sr. Exzellenz der Herr Gouverneur erklärte, wegen Kürze der Zeit nicht in der Lage zu sein, auf alle Bemängelungen zu antworten, daß er jedoch nicht zugeben könne, daß bei der Anstellung des Personals nationale oder konfessionelle Tendenzen maßgebend seien und er müsse dies aufrecht erhalten, so lange nicht der Gegen-: beweis erbracht sei. Diese Erwiderung sieht einer kleinen Blamage ziemlich ähnlich,-denn es wurde im Privatgespräch bei der Generalversammlung von leitenden Kreisen selbst zugegeben, daß sich beinahe gar keinen Juden in der Bank befinden, angeblich Stellen gar nicht suchen. Die Oesterreichisch-ungarische Bank und deren Leitung waren natürlich bis jetzt für jeden österreichischen Geschäftsmann eine ganz unnahbare Größe, vor welcher sich jeder mit Ehrfurcht beugen mußte. Es hat deshalb einiges Aufsehen erregt, daß sich jemand getraut hat, der Bankleitung öffentlich die Hintansetzung der jüdischen Angestellten vorzuwerfen, und obwohl die Tagespresse in gewohnterWeise neun Zehntel der Ausführungen unterschlagen hat, so hat doch namentlich dieser Punkt die allgemeine Anerkennung bei unserer Judenschaft gefunden. Wir wollen hoffen, daß dies nicht ohne praktische Folgen bleiben und daß jüdische Aspiranten bei der Bank in Zukunft eine bessere Berücksichtigung finden werden. * * * * Neue Filialen der „Kredit-Union“. a. k. L e m b e r g. (Orig.-Korr.) Der vortrefflichen und rührigen Leitung der „Kredit- Union“ ist es wieder gelungen drei neue Filialen dieses Institutes in den Städten Brzezany, Skalat und Schodnica zu gründen, welche unlängst durch konstituierende Generalversammlungen unter Anwesenheit des nie arbeitsmüden Direktors Eisler eröffnet wurden. Besonders sympathisch berührt uns die Gründung einer Genossenschaft in Schodnica, wo 250 jüdische Familien jedweder finanziellen Unterstützung bar sind, weil dort kein einziges Geldinstitut bis jetzt existierte. Die Gründung eines solchen erscheint gegenwärtig um so mehr erwünscht, weil dieses Städtchen eine Markt-Gerechtsame erhielt, um den jüdischen Familien an Stelle der; .Naphta- Felder-Spekulätion, ~ die seit einiger Zeit ganz aufgehört hatte, neue Erwerbszweige zu ermöglichen. Die „Kredit-Union“ bewies hiedurch, wie gut sie ihre Aufgabe den armen jüdischen Bevölkerung Galiziens billigen Kredit zu bringen, auffaßt. Wochenkaleinder für Vorträge und Veranstaltungen: (Näheres unter Vereins- und Versammlungsnachrichten.) 12. Februar: Unterhaltungsabend des allg. jüd. Arbeiterverein, I., Cafe Kristall, Aspemplatz. 12. Februar: Hebräischer Konversationsklub „Ivria“: Diskussion, Cafe Brammer. 15. Februar: „Neß Ziona“: M. Wald mann, „Heinrich Heine“, Cafe Mokka, 1., Schottenring. 15. Februar: Zionistischer Frauenverein, Frau Dr. Kahn: Revue der 9 Kongresse, IX., Cafe City. 16. Februar: Diskussionsabend der Sektion „Döbling“ des „Zion. Zentralvereines“ 16. Februar: „Achwah“, S.Strauß: „UeberZweckgenossenschaften“, Cafe Stefanie II., Stefaniestraße 2. 16. Februar: Vortrag E. Reisz: „Das Elementare im Judentum“. Wissenschaftlicher Klub, I., Eschenbachgasse 9. 17. Februar: Vortrag Ad. Böhm über „Revision des Zionismus“, zion. Seminar, IX., Türkenstraße 9. 17. Februar: Wohltätigkeitsakademie der Kolomeaer, 11., Bayrischer Hof, Taborstraße. 19. Februar: Plenarversammlung der Lese- und Redehalle jüd. Hochschüler. 22. Februar: Ball der jüd.-akad. Verbindung „Kadimah“, Sofiensaal. 23. Februar: Wohltätigkeitsakademie des I. zion. Frauenvereines, Kleiner Musikvereinssaal. Das i.-ö. Distriktskomitee, IX., Türkenstr. 9, ersucht alle jüdischen Vereine um Bekanntgabe ihrer Veranstaltungen, damit sie im Wochenkalender der „Jüd. Zeitung“ veröffentlicht werden können. Die Vereine werden aufmerksam gemacht, daß Voranzeigen und Berichte immer bis Mittwoch mittag einlangen müssen. Später einlaufende Mitteilungen können in der laufenden Nummer keine Aufnahme finden.