Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 6 (11.2.1910)
- Date
- 1910-02-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 j§tjisä?E zMfuiiS'" Ader, welfihe nür ,die Äbsicjit einer Mischehe mit Juden , herüberziehi, so 'zeigt diese 'Erscheinung iipmerhip "Von’ wachsendem^,Selbsfbewnßtsein äer jüdfscihen., Bhewferber,; die; dem _ anderen Teil den Reijgion.swechsel .diktieren,, statt ihn sich' diktieren zii lassen. v .-t ..Die näherp-Prüfung .aber, ergibt, daß unter den Proselyten sich; eine nicht.. linbeträchtliche,, wahrscheinlich steigende Zahl von zum Juden.tunt Rückkehr end en birgt. So haben von den 170 im Jahre 1909 verzeichneten Proselyten nicht weniger als 68 sich als Rückkehrende bekannt, bei einigen anderen ist die jüdische Geburt zu vermuten, schließlich wurden Kinder, welche schon bei ihrer Geburt von den geschmadten Eltern zur Taufe ge bracht worden, von den Eltern zum Judentum zurückgenommen, so daß dies Proselytentum wohl an die Hälfte jüdischen Blutes mit sich führt. Sehr lehrreich ist es auch festzustellen, von woher die Ueber-, bzw. Rücktritte zum Judentum erfolgen. Während von den 170 Proselyten vordem 104 römisch-katholisch, 17 evangelisch, 1 griechisch-orthodox, 46 konfessionslos und 2 unbekannter Herkunft waren, erklärten speziell von den 68 Rücktretenden 18 vorher nur römisch-katholisch, 13 evangelisch und 37 konfessionslos gewesen zu sein. Daraus erhellt, daß die Rückkehr vom Protestantismus und der Konfessionslosigkeit zum Judentum viel leichter fällt, als vom Katholizismus. In diesem Zusammenhang sei die für die Zu kunft vielverheißende Tatsache betont, daß laut den Jahrbüchern der Stadt Wien die Apostasie vom Judentum in den letrten Jahren immer weniger dem Katholizismus und immer mehr der Konfessionslosigkeit zugute kommt, daß also die Apostasie nicht nur der Zahl, sondern auch der Intensität nach abnimmt. Und die Jahrbücher lehren weiter, daß die Besserung sich vornehmlich bei der dem Zionismus leichter zugänglichen Jugend zeigt. Erstaunlich bleibt nur, daß Dr. Zollschan in seinem sonst so gediegenen Werke „Das Rassenproblem“ alle diese Lichtpunkte total übersah. Die Interpellation des Sozialdemokraten Wutschel gegen die Offenlegung der Taufmatrikel sei tens der Wiener Kultusgemeinde und gegen die Verlautbarung der Apostatenlisten in vier jüdischen Blättern hat die Frage wieder akut gemacht, ob solch ein Boykott auch wirklich zweckentsprechend ist. Nun denn, wir Zionisten rechnen es uns als höchstes Verdienst an, dem Kultusvorstand die Offenlegung der Taufmatriken abgerungen zu haben. Es erspart wohl theoretische Erörterungen, wenn wir zum Nachweis der Wirksamkeit dieses Boykottes auf die Tatsache hinweisen, daß von den €8 im Vorjahre Rückgetretenen ihrer 17 waren, welche — im selben Jahre abgefallen — nun offenbar durch ihre allarmierte Umgebung ins Judentum zurückgescheucht wurden. Wie wirksam wäre es erst, wenn der künftig in jedem Jahre an die Wähler versandte Rechen schaftsbericht des Kultusvorstandes die Namen der hartnäckig gebliebenen Apostaten in alphabetischer Reihenfolge brächte. Bei Durchsicht der Proselytenbücher fällt es unangenehm auf, daß nur drei Wiener Rabbiner* und zwar ohne Zuweisung bestimmter Sprengel zur Aufnahme von Proselyten ermächtigt sind. Es ist nicht einzusehen, daß gerade Herr Rabbiner Mayersohn, dem 127 Proselyten zuliefen, besonders geeignet ist, Begeisterung für die neue Gemeinschaft zu wecken; auch kann er bei seiner anderweitigen Ueberlastung sich dem einzelnen Falle gar nicht mit der entsprechenden Aufmerksamkeit widmen. Hier kann wieder nur das Postulat des oppositonellen Kultusprogrammes nach Bildung fester Rabbinatssprengel helfen. Dann würde jeder Rabbiner bei allen wichtigen Lebensakten: Geburt, Trauung und Tod etc. mit den Personen seines Sprengels in Fühlung sein und sich dadurch einen gewissen moralischen Einfluß sichern. Den Rabbinern müßte es dann zur Verpflichtung gemacht werden, alle Apostaten ihres Sprengels aufzusuchen und sie durch freundlichen Zuspruch womöglich zum Rücktritt in unsere Gemeinschaft zu bestimmen. Verschwinden wird die Abfallbewegung allerdings erst dann, wenn die nationale Idee nach Eroberung der Gemeindeherrschaft die Herzen aller Gemeindegenossen gewonnen haben wird. Michael. I - Von der Woche. Pflichtvergessene Vollcsvertreter. 1 Die Jüngste Session des gälizischen Landtages hat wieder einmal die Herren Dr/ Löwenstein und Konsorten in ihrem - wahren Lichte gezeigt! Unser Bruderorgan der ^Wschöd“; schreibt darüber: y 'VAile Parteien im Landtage benützten die selten vorkoirimende Gelegenheit einer eingehenden Beratung des Budgets im Landtage, um soviel als möglich für die von ihnen vertretenen Interessen- Gruppen zu erreichen. Besonders die Ruthenen setzten, sich mit bewunderungswürdiger Ausdauer für ihre nationalen Forderungep. ein, und dem zähen Festhalten an ihren Wünschen verdanken sie nennenswerte Erfolge. Nur eine einzige Gruppe im Landtage schwieg die ganze Zeit: die fünf jüdischen Landtagsabgeordneten. Selbst für den Fall, daß es den Juden in Galizien an nichts fehlen, wenn die jüdische Bevölkerung nicht mißhandelt, entrechtet und verfolgt würde, wäre die Haltung der jüdischen Abgeordneten sträflich und unvernünftig. Da aber die Juden in Galizien am meisten bedrückt werden, da ihre Not weder von der des polnischen noch des ruthenischen Proletariates übertroffen wird, ist das Schweigen der fünf Juden im Landtage fluchwürdig und verbrecherisch. Doch ließe sich diese Schweigsamkeit im Plenum vielleicht noch entschuldigen, hätten sich die Herren Löwenstein, Kolischer, Landau etc. die Mühe gegeben, in den Ausschüssen für die zweifellos bestehenden besonderen Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung einzutreten; aber selbst dort unterließen sie es, die Realisierung der bereits .gefaßten Beschlüsse, wie die Veranstaltung der vielbesprochenen Enquete, zu fordern.“ Der Artikel schließt mit scharfen Tadelsworten an die Adresse der pflichtvergessenen „Volksvertreter“. 1 ♦ * * Die Palästinamesse der „Bar Kochba“. Montag den 7. Februar wurde die Palästinawoche mit einer Verkaufsmesse abgeschlossen, welche im prächtigen Kursalon stattfand. In geschmackvollem Arrangement waren Zelte aufgestellt, in welchen Palästinafrüchte und andere, in denen noch Filigrans, Damäskusarbeiten, Spitzen, Lithographien, Radierungen und Teppiche zur Einlösung und zum Verkaufe bereitstanden. Obwohl es gar kein Festprogramm gab, so brachte doch die Einheitlichkeit des Publikums, die zumeist jugendlichen Festteilnehmer und die gemeinsame Freude an dem Gelingen der Ausstellung und der Güte des darin sichtbar gewordenen Werkes eine fröhliche, schöne Stimmung, welche von der Steifheit mancher ähnlicher Veranstaltungen sehr wohltuend abstach. Gegen halb 10 Uhr erschien, von lebhaftem Händeklatschen begrüßt und' bald von vielen Freunden umringt, Professor Schatz, der eben von Prag zurückgekehrt war. Eine besondere Freude bereitete ihm die Mitteilung, daß ihn die „Bar Kochba“ in absentia zum Ehrenmitglied ernannt hatte. Die Feier, von einem Tänzkränzchen abgeschlossen, endigte in später Nacht. Prof. Schatz reist noch nach Lemberg, wo gleicherweise eine Ausstellung des „Bezalel“ stattfindet. Wir wünschen dem herrlichen Werke ein weiteres prächtiges Gedeihen! Ueber den ausgezeichneten Erfolg der Palästinaausstellung werden wir in der nächsten Nummer berichten. * Eine Palästinakolonie für rumänische Juden. Aus Galatz wird der „N. J. K.“ von einen gelegentlichen Mitarbeiter geschrieben: Vor kurzem fand hier eine Konferenz statt welche über die Gründung einer Kolonie in Palästina für rumänische Juden eingehend berieht. Voi einem Jahre fanden bereits Verhandlungen zu diesem Zwecke statt, die jedoch über das Stadiun allgemeiner Erörterungen nicht hinausgekommer waren. Die Aufgabe der jetzigen Konferenz war nun, die Verwirklichung des Planes in die Wege zu leiten. Wie der Präsident der aus über fünzig Personen bestehenden Konferenz, Herr Schein, mitteilte, hat er den Herren Prof. Otto Werburg undDr. Franz Oppenheimer-Berlin einen genauen Plan unterbreitet und ihre volle Zustimmung erhalten. Zur Gründung der Kolonie solle von der Palestine Land Development Co. (P.L.D.C.) ein entsprechendes Landstück .Nr.':*} » j \ s > käuflich erworben '^er^^lJdeSien? genaue Bestimmung durch. einejTbesondere ..Kommission erfolgen wird! m Darauf? sprach1, ein ^zufällig -hier anwesender die dortigen jüdischen^ kploni'ehj Wetphe, dieschönste und bestentwickeltste jüdische Jugenddiervorgebracht hätten. Sö’dänn begadgen .die Beratungen über die einzelnen Punkte-' des. Projektes,, did 'eilten' vollen Tag in Anspruch nahmen. Als - Resultat der Verhandlungen erfolgte die' Begründüng einer Gesellschaft „Tikwatb Zion“ zur Ansiedelung rumänischer Juden in einer besonderen Kolonie in Palästina. Sämtliche Anwesenden traten der neuen Gesellschaft als Mitglieder bei und entrichteten gleich die erste Rate des Anteilbetrages. | Dr. Salomon Rubin. Vor kurzem verschied in Krakau der bekannte jüdische Gelehrte Dr. Salomon Rubin im 88. Lebensjahre. Der Verblichene, eine der markantesten Gestalten der älteren Generation, wurde am 3. April 1823 in Dolina, einem kleinen galizischen Städtchen, geboren. Sein Vater, ein strenggläubiger Chassid, weihte ihn frühzeitig in das rabbinisrhtalmudische Schrifttum ein, für dessen Studium der junge Rubin außergewöhnliche Begabung zeigte. Später wandte er sich modernen Bildungsfächern und Sprachstudien zu, was ihm die Gegnerschaft seiner orthodoxen Umgebung einbrachte. Er mußte sich deshalb auf die Wanderschaft begeben, die ihn nach Rumänien, Rußland und Italien führte. 1878 ließ er sich mit seiner Familie in Wien nieder, wo er seine größeren Werke über die Kabbalah verfaßte. Die letzten 14 Jahre lebte er in Krakau und war auf literarisch-wissenschaftlichem Gebiete bis zu seinem Lebensende rastlos tätig. Von seinen zahlreichen Werken seien besonders erwähnt die hebräische Uebersetzung der „Philosophischen Schriften“ von Schiller und sein hebräisches Buch über Spinoza mit dem Titel „More Nebuchim hachadosch“ („Der neue Lehrer der Irrenden“). Rubin gehörte auch zu den Mitarbeitern der von Perez Smolensky in Wien herausgegebenen hebrä-r ischen Monatsschrift „Haschachar“, die der neuhebräischen Literatur und modern-jüdischen Renaissancebewegung die Bahn ebnen sollte. Parteinachrichten. An die Landesorganisationen und Föderationen. Gesinnungsgenossen! Nachdem jetzt der Kongreß vorüber ist, ergeht aufs neue an Euch der Ruf zur Arbeit. Was uns der Kongreß gebracht hat, die Meij nungen, die er widergespiegelt, die Fragen, mit denen er sich beschäftigt, die Aufgaben, die er uns hinterlassen hat, das alles ist in zahllosen Versammlungen, Vorträgen und Zeitungsartikeln hinlänglich erörtert und, wie wir annehmen, geklärt worden. Jetzt gilt es, wieder zur Tagesarbeit überzugehen, zu der unaufhörlichen Intensivität, die die Grundlage all’ unseres Wirkens und recht eigentlich das Bindeglied bildet, das zwischen all’ den verschiedenen Anschauungen und Gesichtspunkten vermittelt, die die zionistische Organisation ausmachen und in unserer nationalen Bewegung nach Palästina ihren tiefsten Grund haben. Die Tagesarbeit — das ist vor allem das Einsammeln der Schekel. Wir wissen sehr wohl, daß man viel darüber geklagt hat, all’ unserer Mahnungen Quintessenz sei der Ruf nach den Schekeln. Wir wissen es, und wir wiederholen diesen Ruf aufs neue, lauter, dringender noch, als zuvor. Es sollte nicht darüber geklagt, es dürfte nicht darüber gespottet werden, wenn die Leitung verlangt, daß man sich mit verdoppelter Energie der Sammlung der Mittel widme. Und um so weniger ist dies jetzt am Platze, nachdem der Kongreß den Antrag der Leitung, ihr durch Besteuerung der Institutionen die erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen, abgelehnt hat. Jetzt muß also der Schekel allein ausreichen, um die Bedürfnisse zu decken, und zu diesem Zwecke muß sein Erträgnis vervielfacht werden. Die Bewegung kann eben ihren großen Aufgaben nicht nachkommen, und wird es nie können,