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Jüdische Zeitung · 1910-02-11 · 6 (11.2.1910) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
6 (11.2.1910)
Date
1910-02-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr.; 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 Quittung. ■ . Der getaufte Jude und Gerichtssaalreporter Enge 1 von der. „Arbeiterzeitunk“ hat Uber Auftrag des-Meschumeds Stefan uroßmann als Revanche für meinen „Roten 1 S chrno ck“ und „M eschumo-D emokr a* ten“ eine Operette von mir, die in der „Fledermaus“ gespielt wird, am 3. d. M. sachlich-rezensiert: „. ein- Beda,' unter welchem Pseudonym sich ein zionistischer Advokaturskonzipient verbergen soll . . . die Freunde des Verfassers machten ein solches Geschrei, als sollten die Mauern Jerichos noch einmal in den Staub gelegt werden.“ Wie bin ich Dir zu heißem Dank verpflichtet Du roter Jüngling aus dem Strafgericht, Daß Du auf meine Wenigkeit gerichtet Dein prüfendes Reporter-Angesicht — Du fandest kritisch-scharf, daß ich kein Christ bin! Und — was noch wichtiger — daß ich Jurist bin! Nur eins: Daß Dich mein Judentum entrüstet, Das bringt mich schier aus der gewohnten Ruh! Ein Vogel, der sein eigen Nest bemistet, Wie penetrant riecht so ein Kakadu! D’rum, junger Freund, kauf’ Balsam Dir und Rosen Und wechsle schleunigst die Charakterhosen! Doch nein! Du hast es durchaus nicht vonnöten, Du duftest schon genug nach Moralin! Fahr’ fort, mein Freund, die Fleischeslust zu töten, Im Kabaret die Mädchen zu erzieh’n- Ich hoffe Gutes von den Resultaten Und gratuliere sämtlichen Kastraten. Beda. Eine gründliche Abfuhr. ln der berüchtigten Berliner „Allg. Zeitung des Judentums“, in welcher die Entartung und das Renegatentum wahre Orgien feiern, hatte ein Herr Dr. Theodor Lessing jüngst eineArtikelserie „Eindrücke aus Galizien“ veröffentlicht, die von den niederträchtigsten Verleumdungen gegen die polnischen Juden strotzt. Vergani und Schneider sind die unschuldigsten Lämmer gegenüber diesem jüdischen „Philosophieprofessor“,. der krasse Unwahrheiten und bewußte Lügen zusammenträgt, um das Freudengeheul der Antisemiten zu ernten. Gg. D r. 0 s i a s T h o n aus Krakau hat nun an den Redakteur der „Allg. Zeitung des Judentums“ nachstehenden Brief gerichtet, der den gegewissenlosen Autor der bewußten Artikel — auf die wir aus Reinlichkeitsgefühl nicht näher eingehen wollen — gleichzeitig aber auch den Leiter dieses famosen Blattes geradezu vernichtet. Der Brief lautet: Krakau, 3. Februar 1910. Sehr geehrter Herr Geheimrat! Erst vor kurzer Zeit auf die Artikelserie „Eindrücke aus Galizien“ von Herrn Dr. Theodor Lessing aufmerksam gemacht, habe ich dieselbe durchgelesen und einige der dort enthaltenen, geradezu in die Augen springenden Unwahrscheinlichkeiten nachgeprüft. Ich finde mich nun veranlaßt, im Einverständnis mit dem Präsidenten der hiesigen jüdischen Gemeinde, Herrn Dr. Samuel Tilles, Ihnen, sehr geehrter Geheimrat, als dem Redakteur der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ folgende Bemerkungen zu übermitteln. Herr Dr. Lessing erzählt zur Illustration der von ihm behaupteten moralischen Verkommenheit der galizischen Juden eine Geschichte, die ihm in Krakau passiert sein soll. Da soll ein gewisser Karfunkelstein ihm seine 14 jährige Tochter gegen Bezahlung angeboten haben. Für den Kenner der Menschen und Verhältnisse hier ist es freilich auf den ersten Blick außer jedem Zweifel, daß diese ganze Geschichte durchaus erfunden und erlogen ist. Wir haben uns aber die Mühe nicht verdrießen lassen, bei den Behörden — und zwar bei allen, die hierbei in Betracht kommen — nach dem Träger dieses glanzvollen Namens nachzuforschen. Das Ergebnis unserer Nachforschungen ist, daß es einen Mann oder eine Familie dieses Namens in Krakau überhaupt nicht gibt!! Hier haben Sie einen eklatanten Beweis für die Wahrheitsliebe Ihres Mitarbeiters. Freilich habe ich von diesem seltsamen Lehrer der „Philosophie und Pädagogik“ nichts Besseres erwartet, nachdem ich schon im 3. Kapitel seiner „Traum eindrücke“ auf die bewegte und dabei ergötzliche Schilderung eines chassidischen Bethauses — „Klaus“ — stieß, in das Ihr phantasiebegabter Dichter gerade am Freitagabend hineingeraten ist. In dieser „Klaus“, in der allerdings eigenartige Wilde hausten, sah Herr Lessing am Freitag zu „Maariw“, „Zizith und Thefillim“ zum Beten herausholen (Nr. 51, S.6U, Sp. 2, Z. 1). Was Wunder, wenn der Hannoveraner Lehrer der Philosophie und Pädagogik „ein Gefühl des Dankes und der Erleichterung“ hatte, als er aus dieser Gesellschaft hinaus ins Freie flüchtete und glücklicherweise an einem Abend, an dem ein „so furchtbares Wetter“ herrschte, daß er „sich nicht ohne Schirm auf die Straße getraut hätte“, den er dann vorsichtigerweise „unter seinem Pelze fest eingeknüpft hatte“, mit einem Mal „draußen den klaren, blauen Nachthimmel und die großen, gesunden Sterne sah...“ Es liegt mir gewiß ferne, Ihre redaktionelle Tätigkeit zu kritisieren — das mag Sache Ihres publizistischen Gewissens und Sorge des Verlegers bleiben, der Sie zu dieser Tätigkeit bestellt hat — aber ich muß doch meine Verwunderung darüber ausdrücken, daß Sie ein derartiges Geschwätz in einer Zeitung des Judentums veröffentlichten. Jeder Satz trägt ja das Stigma der Unwahrheit an der Stirn! Wußten Sie denn nicht, sehr geehrter Herr Geheimrat, daß man bei Juden am Freitagabend zu Maariw nicht mit Zizith und Thefillim hantiert? Schon dieses Absurdum allein hätte sie ja stutzig machen sollen! Sie ahnen gar nicht, wie grotesk erlogen zum Beispiel die Schilderung ist von dem jüdischen Primaner, der sich Herrn Lessing als „deutschnational“und „antisemitisch“ vorstellt. Herr Lessing kann die philosophische Bemerkung nicht unterdrücken, daß dies „ein echt jüdischer Zug sei“. Möglich. Schade nur, daß die ganze Geschichte erlogen ist. Ein jüdischer Student in Krakau ist entweder jüdisch national oder polnisch national. Deutschnational ist er nicht und kann es nicht sein. Dazu fehlt ihm jede Möglichkeit, dazu hat er weder die Stimmung, noch die Vorbildung, noch das Milieu. Nur noch einige wenige Einzelheiten, aufs gerade Wohl herausgegriffen, zur Charakterisierung dieses sonderbaren Reisenden. Herrn Lessing wird erzählt: „In Krakau dürfen nur Freitag Hochzeiten gefeiert werden.“ Das gerade Gegenteil ist wahr: n u r am Freitag dürfen Hochzeiten nicht gefeiert werden. Das weiß in Krakau, da es Ortssitte ist, jedes kleine Kind. Herr Lessing hat einmal in Leipzig in einer russisch-polnischen Schule eine Diskussion über Beth-ha-khisse mitangehört, gelegentlich eines Vortrages aus Sanhedrin 99. Ausgerechnet: Sanhedrin 99! Dort finden sich nämlich geradezu wundervolle Gedanken über Messianismus, über Epikuräer, über den bösen Trieb u. dgl. m. Alles Gedanken von grundlegender theologisch-ethischer Bedeutung. Und gerade dabei müssen solche abstruse Disputationen abgeführt werden. Doch genug der Widerwärtigkeiten! Nun, ich will Herrn Lessing seinem krankhaft-unwahrhaftigen Gehirn überlassen und nur die Bemerkung machen, daß derartige unwahre, verleumderische und direkt — judenfeindliche Elokubrationen vor Jahren bloß in der „Staatsbürgerzeitung“ zu erscheinen pflegten, heute können sie auch in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ abgelagert werden! Tempora mutantur . . .! Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Osias Thon. Wiener Mischemudim, Bilanz 1909. In einer der letzten Sitzungen des Wiener Kultusvorstandes bezeichnete Vizepräsident Dr. K o h n das Jammern über die wachsende Taufwut der Wiener Juden für unbegründet, da die Zahl dieser Taufen mit zirka 600 jährlich konstant bleibe. Diese Präsidialerklärung gibt aber nur die halbe Wahrheit wieder, wie alles halb ist, was von dieser altersschwachen Kultusregierung ausgeht. Die ganze Wahrheit, und sie blieb dem Herrn Vizepräsidenten offenbar fremd, weil ihn diese doch so brennende Frage zu wenig interessiert, bringt uns die freudige Erkenntnis, daß die Taufseuche wie schon seit J ahren auch heuer wieder um ein gut Stück hat zurückweichen müssen. Wie erquickend, wie anfeuernd müßte solche Kunde, von autoritativer Stelle verkündet, auf alle Juden wirken, die noch der Wille zum Fortbestand unserer Gemeinschaft beseelt! Doch wie die Bethausvereine die Sorge fürs Beten, wie die Wohltätigkeitsvereine die Sorge für soziale Reform, so müssen wir Zionisten, wir „Zerstörer des Gemeindelebens“ dem Kahal die Sorge für die Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins abnehmen und zu diesem Zweck sogar Statistik treiben. Dr. Jakob Thon bezeichnet in seinem grundlegenden Werk „Die Juden Oesterreichs“ Wien mit 7’ aller „jüdischen Apostasien“ als den Zentralherd derTaufbewegung in Oesterreich und beweist auf Grund der bis 1903 benützten Daten aus dem Jahrbuch der Stadt Wien, wie der Abfall vom Judentum in Wien nicht nur absolut, sondern auch relativ geradezu sprunghaft zunahm. Darnach gab es im Jahresdurchschnitt: 1868-1879 50 Apostaten mit einem Fall auf 1200Juden 1880-1889220 „ „ „ „ „420-430 „ 1890-1903455 „ „ „260-270 „ Die klar ersichtliche Tatsache dieses durch Jahrzehnte anhaltenden Verfalles hinderte einen im Solde der „Alliance“ stehenden Fälscher nicht, vor 2 Jahren zu entdecken, daß ausgerechnet Herzls Auftreten anno 1897 die Taufen in Mode gebracht habe, und diese Entdeckung in „Ost und West“ als das Fazit des glaubensfeindlichen Zionismus zu brandmarken. Jeder, der nicht böswillig ist, mußte doch einsehen, daß der Zionismus nicht mit einem Schlag die alte Verrottung hat ausmerzen können, es sei meinetwegen gar zugegeben, daß der jugendfrische Wind den Abfall so mancher Faulfrucht beschleunigt hat; aber selbst die begeistertsten Parteigänger des Zionismus hätten es kaum zu träumen gewagt, daß die durch ihn bewirkte Gesundung des Judentums schon so bald auch in der „Taufstatistik“ aufscheinen werde. Nach der seit 1902 zugänglichen Statistik des Wiener jüdischen Matrikelamtes, welches abweichend von der städtischen Statistik auch die Kinder unter 7 Jahren einbegreift, ergibt sich nämlich folgende lehrreiche Tabelle: , , . Abfall vom lm Jahre: Judentum Liebertritt zum Judentum Saldo 1902 646 98 548 1903 638 105 533 1904 623 111 512 1905 607 107 500 1906 692 117 575 1907 603 134 469 1908 607 151 456 1909 592 170 422 Also, seit 1902 nimmt die Flucht aus i Judentum fast stetig .ab und der Uebertritt zu ihm noch stetiger und rascher zu. Der sich hienach durch Subtraktion der Proselyten — von den Apostatenfällen ergebende V e r 1 u s t s a 1 d o ist mit einziger Ausnahme des abnormen Jahres 1906 in auffallendschnellerSchrumpfung begriffen. Mit den absoluten Ziffern aber wollen wir uns nicht begnügen; vielmehr erschließt sich ihre Bedeutung erst im Vergleich zur jeweiligen Zahl der Wiener Judenschaft. Wenn 1902 auf 153.126 Juden 646 Apostaten entfielen, dann müßte man, da die Zahl der Juden Wiens jährlich um 2*/. Prozent, d. h. 3500 Köpfe wächst, bei gleich starkem Anwachsen der Apostasien uni jährlich 21/» Prozent, d. h. 15 Fälle, für 1909 auf 177.300 Juden 751 Apostaten erwarten. Da es jedoch ihrer — Gottlob! — nur 592 gab, bedeutet dies eine außerordentlich starke relative Besserung. Diese Besserung würde noch klarer aufscheinen, wenn die uns leider unbekannte Zahl der Juden des XXI. Bezirkes mitkalkuliert wäre, da ja auch die sie betreffenden Religionsänderungen seit März 1908 vom Wiener Matrikelamt zufolge Einverleibung der Kultusgemeinde Floridsdorf registriert werden. Diese relative Besserung drückt sich auch in dem Verhältnis der abnehmenden Apostasien zu den zunehmenden Uebertritten aus. Darnach entfallen auf je 100 austretende Juden in den Jahren 1902-1909 zu uns Uebertretende: 15 17, 16 46, 17 82, 17 63, 16 91, 21 22, 24 88, 28*71, also eine fast stetig steigende Verhältniszahl. Sage keiner, jeneProselyten seien für uns wertlos! Wären es selbst durchwegs

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