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Jüdische Zeitung · 1910-02-04 · 5 (4.2.1910) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
5 (4.2.1910)
Date
1910-02-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 5 Jubiläum der„Bar-Kochba“. Der Palästina-Abend der „Bar-Kochba“. Die Vereinigung jüdischer Hochschüler aus Galizien, „Bar-Koch ba“, steht mit ihren Jubiläumsfeierlichkeiten einzig da. Es macht diesen ernsten östlichen Studenten alle Ehre, daß sie ihr Gründungsfest mit der Veranstaltung einer gelungenen Palästina-Ausstellung begehen. Als Präludium dieser Ausstellung wurde ein ungemein eindrucksvoller Palästina-Abend geboten, der den massenhaften Besuchern schon durch die Teilnahme des Gründers und Leiters der Kunstgewerbeschule „Bezalel“ in Jerusalem unvergeßlich bleiben wird. Nach der Begrüßung durch den Präses der „Bar-Kochba“, Herrn Moses Waldmann, hielt das Ehrenmitglied der Verbindung, Universitätsprofessor Dr. Leon Kellner, eine Eröffnungsrede, in der er von der spezifischen Not des östlichen Studenten in dem westlichen Großstadtmilieu, von der Entwicklung der „Bar-Kochba“, von ihrer Bedeutung für die Erziehung und Konsolidierung ihrer Mitglieder, sowie von ihrem schönen Jubiläumsunternehmen, der Palästina-Ausstellung, sehr schlicht und eindrucksvoll sprach. Es folgte eine Ansprache Dr. Martin Bu b e rs. Wir haben noch niemals mit soviel heiliger Liebe von Palästina sprechen gehört. Es geht nicht an, das köstliche Gewebe seiner Rede zu zerreißen und Bruchstücke wiederzugeben. Das Publikum folgte atemlos und dankte mit einem Beifallssturm. Nach dem Golde Martin Bubers das Katzengold York-Steiners. Ueber diesen Programmpunkt sei stillschweigend hinweggegangen . . . Den Höhepunkt erreichte der Abend als Professor Boris Schatz das Podium betrat. Eine begeisterte, nicht endenwollende Ovation begrüßte diesen Mann der Tat, der aus steinigem Boden einen blühenden Garten der Kunst, der Kultur und der frohen Arbeit hervorgezaubert hat. Boris Schatz erzählte in seiner liebenswürdigen Art vom Werden und von der heutigen Gestalt des „Bezalel“. Ein Konglomerat von Menschen aus allen möglichen jüdischen Gemeinden, Sefardim wie Aschkenasim, Jemenitern, Aleppomanern und Georgiern, Karaiten und Moghrebinern — das sei sein Menschenmaterial gewesen. Nach kurzer Zeit habe sie die hebräische Sprache und das Streben, sich von ihrer Hände Arbeit zu ernähren, zu einem einheitlichen Ganzen vereinigt. Er führte uns dann an der Hand von Lichtbildern in sämtliche Abteilungen der Schule: In die Abteilung für Kunst und Dekoration, in das große Teppichateiier, in dessen Färberei echte Holzfarben, wie in Persien hergestellt werden, in die Ateliers für Filigranarbeiten, für die Fabrikation von Rahmen, für geflochtene Korbmöbel, in die Abteilung für Damaszener Kupferarbeit mit Silberschmuck und schließlich in die Holzschnitzerei und Tischlerei. Alle diese Abteilungen sind in zwei prächtigen Häusern untergebracht, die im Stile derStatdtmauer auf einem der höchsten Punkte Jerusalems erbaut sind. Der „Bezalel“ zählt gegenwärtig 180 Schüler. Die Bibliothek und das Museum der Anstalt sind die größten ihrer Art in Palästina. Prof. Schatz erzählte dann sehr anziehend vom Leben im „Bezalel“, von der Herausbildung eines eigenartigen, neuen jüdischen Stiles und schloß mit einem warmen Appell, für die Erweiterung und Vervollkommnung dieser hoffnungsvollen Institution zu wirken. Die Veranstaltung bedeutet einen großen Erfolg für die Palästinasache. * * '• Die Palästina-Ausstellung in Wien. Die Vereinigung jüdischer Hochschüler aus Galizien hat aus Anlaß ihres 25 semestrigen Gründungsfestes eine Palästina-Ausstellung veranstaltet, die am Sonntag den 30. Jänner im Oesterreichischen Kunstverein eröffnet wurde und bis zum 6. Februar der allgemeinen Besichtigung zugänglich ist. Diese Ausstellung führt den Namen „Palästina- Ausstellung“ mit Unrecht. Sie ist weniger und sie ist mehr als das. Weniger, weil man selbst nach eingehender Besichtigung der ausgestellten Objekte, Bilder, Ansichten, Produkte etc. nicht sagen kann, man habe eine ungefähre Vorstellung von Palästina, wie es leibt und lebt. Sie ist mehr, denn was man zu sehen bekommt sind nicht armselige Ueberreste gewesener Pracht des heiligen Landes, sondern die Früchte hoffnungsreichen und mächtig aufblühenden, modernen, gesunden Lebens des erwachten jüdischen Volkes auf dem erwachenden jüdischen Ahnen- und Kindeskinderland. Die Wahl der Ausstellungsräume war glücklich. Die Einrichtung, die Portieren und die mit grauer Leinwand tapezierten Wände erzeugen Stimmung voll Heimlichkeit. Dazu kommt der Kreis von jungen Mädchen und den Mitgliedern der Vereinigung, die mit Eifer bei der Sache sind, die Eintretenden mit Herzlichkeit empfangen und dienstbereit durch die geschmackvoll arrangierten Räume führen. Im ersten Raume sind vorwiegend im „Bezalel“ hergestellte Bilderrahmen aus Holz undAnsichten aus dem heiligen Lande ausgestellt. Billiges Material und doch so wertvoll. Das macht der eigenartige Stil. Woher haben die palästinensischen Juden, die in ihrer großen Masse bis zum heutigen Tage von Chalukah leben und in düsteren, licht- und luftlosen Gäßchen hausten, soviel Geschmack und Kunstgefühl? Diese Frage drängt sich auf und diese Rahmen muten wie ein Wunder an. Denn wundervoll ist’s, wenn aus dem tiefsten Innern der Volksseele, die man für zerstört und vernichtet hielt, plötzlich schöpferische und künstlerische Kräfte hervorgezaubert werden. Im zweiten Saale hat das Berliner Komitee zur Förderung der Frauenarbeit in Palästina Spitzen ausgestellt. Muster und Ausführung dieser Spitzen erwecken Bewunderung. Nur feindifferenzierter Volksintellekt ist imstande soviel Variationen und Zeichnungen zu ersinnen und mit weißem Faden soviel kunstvolle feine Wirkungen zu erzielen. Die anderen Räume bergen auschließlich Erzeugnisse der Bezalelschule in Jerusalem. Oft und ausführlich wurde schon in unserem Blatte dargelegt, was der „Bezalel“ für die jungjüdische Bewegung und für Palästina bedeutet und welche weiten Perspektiven er für die palästinensische Judenheit eröffnet. In der Wiener Ausstellung kann man sich neuerdings, überzeugen, daß diese Kunstgewerbeschule noch mehr gehalten hat, was man sich von ihr bei ihrer Gründung versprach. Die Teppiche, die eingelegten Damaszenerarbeiten, die verschiedenen Erzeugnisse aus Filigran fesseln in ihrer Vielfalt immer wieder den Blick der Besucher und erwecken Verehrung und Liebe für die Schule und ihren Leiter. Alles was man zu sehen bekommt, ist die harmonischeste Verbindung von Handwerk und Kunst Aus jeder Nippsache spricht soviel Geschmack, Schönheit, Liebe zum heiligen Lande und ausgebildetes Künstgefühl, daß man froh, befriedigt und der Hoffnungen voll die Ausstellung verläßt. Man nimmt den Eindruck mit, das zionistische Palästina bei seinem Werden und seiner Arbeit gesehen zu haben. Das eben ist der „Bezalel“: Gewordenes Ideal. Wenn man müde ist vom Träumen, Ueberlegen und Plänemachen, wenn man ungeduldig ist über das langsame Werkwerden des zionistischen Ideals, dann gehe man in eine Ausstellung des „Bezalel“! Man wird sich sagen müssen: Das hier Ausgestellte ist keine Phrase; diese Messingarbeiten, diese großen Teppiche, diese Schnitzereien und Spitzenmuster reden, trotzdem sie stumm sind, viel lauter und eindringlicher als es tausend unserer besten Agitationsredner zu tun vermöchten. Sie erzählen von Arbeit, Gesundheit und Ganzheit. Und das ersehnen wir doch im tiefsten Grunde unserer golusmüden Judenseelen. W. Ein Brief Tschlenows. Wir erhalten folgendes Schreiben des bekannten Führers der russischen Zionisten: Sehr geehrter Herr Redakteur! In der Nr. 2 der „Welt“ ist eine offizielle Mitteilung veröffentlicht worden, welche zur Aufgabe hat, „Legendenbildungen zu verhindern“ und einige Momente der letzten Kongreßsitzung den Tatsachen entsprechend darzulegen. Punkt III dieser Mitteilung spricht von mir und ich sehe mich leider zu erklären gezwungen, daß das in ihm Geschilderte den Tatsachen nicht entspricht. 1. Es ist durchaus nicht richtig, daß, nachdem die Herren Hantke und Sandler die Wahl abgelehnt haben, auch ich erklärt habe, die Wahl nicht annehmen zu können. Richtig ist, daß ich nach dieser AbsagedennebensitzendenFreundengegenüber—nicht von derTribünezumPlenum — mich geäußert habe, daß wir, die Vorgeschlagenen, uns jetzt beraten müssen, ob Wir fünf, von denen nur zwei in Berlin wohnhaf wären, die Leitung übernehmen können. Man vergesse nicht, daß wir bei unseren Vorschlägen die Bildung am Ort der Zentrale eines Kollegiums von mindestens drei Mitglieder als Conditio sine qua non betrachten. Herr Dr. Bodenheimer bestand auf der sofortigen Abstimmung. Kaum hatten wir mit ihm einige Phrasen gewechselt, als Prof. Warburg plötzlich auf der Tribüne erschien und die bekannte Erklärung abgab. 2. Warum Prof. Warburg die Wahl abgelehnt hat, kann ich nicht genau sagen, habe aber alle Gründe dafür, daß es in keinem Zusammenhang mit meiner Aeßerung stand. Während der Beratung, die wir in der letzten Unterbrechung hatten, wurde Herr Prof. Warburg wiederholt ersucht, seine Erklärung zurückzuziehen; er hat es aber kategorisch abgelehnt. So weit ich ihn verstanden habe, war die Haltung der rechten Hälfte des Kongresses, darunter seiner Landsmannschaft, welche erklärt hat, sich von der Abstimmung zurückhalten zu müssen, für ihn bei diesem Beschlüsse von maßgebender Bedeutung. Jedenfalls konstatiere ich, daß Herr Professor Warburg mit keinem einzigen Worte auf den Zusammenhang seiner Absage mit meiner privaten Aeußerung hingewiesen hat. Im Interesse der Wahrheit bitte ich diesen Zeilen in Ihrem Blatte Raum zu erteilen. Mit Zionsgruß Dr. E. W. Tschlenow. Moskau, 12./25. Jänner 1910. Parteinachrichten. Aufruf. Der IX. Zionistenkongreß in Hamburg hat einstimmig die Bildung eines Genossenschaftsfonds zum Zwecke der Begründungvon landwirtschaftlichen Produktivgenossenschaften in Palästina beschlossen. Die anwesenden Delegierten haben in schöner Opferfreudigkeit sofort zirka 40.000 Francs gezeichnet. 1 - Der Grundstock ist damit gelegt. Aber noch fehlt viel, um das Werk zu vollenden. Wir wenden uns an das jüdische Volk mit der dringenden Bitte, den beschlossenen Fonds durch möglichst große und möglichst schleunige Spenden auf die erforderliche Mindesthöhe von lOO.OTO Frcs. zu bringen. Nicht eher dürfen und werden wir beginnen, als bis das uns zur Verfügung stehende Kapital groß genug ist, um einen Mißerfolg zu verhüten. Jeder verlorene Tag vermehrt die Schwierigkeiten, weil die Landpreise in Palästina immer höher steigen; jeder Tag führt viele unserer Volksgenossen über See, wo sie der Sache des jüdischen Volkes leicht ganz verloren gehen. Die Schaffung einer tragfähigen Kreditbasis für die Massenansiedlung freier jüdischer Bauern in Palästina, das ist die Absicht des Werkes. Es zielt über die Kleinkolonisation auf die Großkolonisation, und nicht nur für Bauern. Denn wer Bauern schafft, schafft auch Städte, in denen andere Zehntausende, hoffentlich Hunderttausende, als freie Bürger leben können. Weil wir aber eine Kreditbasis schaffen wollen, erbitten wir keine Almosen, sondern Beiträge, die verzinst und allmählich getilgt werden sollen. Jeder, der uns einen Beitrag von mindestens M. 80 gewährt, erhält zunächst einen Interimsschein, der sobald wie möglich in den Anteil einer ordnungsmäßig errichteten Kapitalgesellschaft umgetauscht werden wird, deren Form und Sitz zur Beratung steht. Die kleineren Beträge unter M. 80 aber sollen von der Genossenschaft dem Nationalfonds verzinst und allmählich zurückgezahlt werden. Eine gemeinnützige Kapitalanlage also, das ist es, was wir erbitten und im Namen der Gemeinschaft unseres Volkes fordern.

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