Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438273-2438277--1670-2441279- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr.'4 njachung. yercjffentlicjit wqrden,',, wej$tie .den Passus ungariscWn Kuiiu5&?i|^;p?itfo,H^h^i^äPp\erffflj?n, werden beyorzng|.“r N.^fn?nfj r^f es- :in ...Abrede j^jlejri, .daß.^^^^K^nt^.^fi^iDigan^cbSn Spraph^ jtür,.,die,.!^iji|g4ff> •v^negdefl|.Jwägn, ]%";Fortkommen iij..aJ4dp.^d™fszwd%n,,W?.chyi(eirt wird, yop großer Wichtigkeit ist. Handelt es sich aber um eine jüdisch-kulturelle Frage — wie es die Unterstützung von jüdischen Schulen ist — so darf „patriotische Mission“ hiebei nicht ausschlaggebend sein, insbesondere dort, wo es uns an vielen Orten dank dem vom großen Ministerium geschaffenen Gesetze unmöglich ist, unsere Lehrinstitute zu erhalten. Diese Taktik ist ebenso verwerflich, wie die der Alliance, die bestrebt ist — auf Kosten der jüdischen Kultur — französische Interessen zu vertreten. Die Jahreswende steht im Zeichen von Vereinsgründungen, u. zw. sind zwei neue Institutionen ins Leben gerufen worden. Die eine ist der „Israelitische Landespatronage-Verein“, welcher die Rettung verlassener jüdischer Kinder bezweckt, die andere das „Jüdische Ferienheim“. Beiden Vereinen stehen eine Anzahl Herren und Damen vom Geldadel vor, die gewiß von den besten Intentionen beseelt sind, doch dünkt uns, daß sie den jüdischen Charakter dieser Institutionen nicht allzu ernst nehmen. Sie werden zur Gründung von magyarischen Vereinen nicht mehr herangezogen und suchen sich daher ein Betätigungsfeld im eigenen Kreise. Den besten Beweis hiefür liefert die Tatsache, daß zwei Nichtjuden, welche den Patronageverein begrüßten, sogleich ins Präsidium desselben hineingewählt wurden. Natürlich herrscht bei all diesen Institutionen das altbekannte und bewährte Prinzip: ohne Unterschied der Konfession. Diese Vereine sind gewiß von größer Wichtigkeit und dienen der Befriedigung eines brennenden Bedürfnisses; doch mögen diejenigen, die ihre Kräfte diesen Vereinen widmen und die es mit dem Judentum wirklich ernst meinen, der Herzischen Worte eingedenk sein, daß sich ein Volk durch Almosen nicht retten läßt! * * * Am 12. Februar wird der Ung.-isr. Landeskulturverein eine Kultussoiree veranstalten. Die Einladung ist von den Trägern der „Großen Israels“. unterfertigt, nur das Programm enthält nichts, was mit dem „Israelitismus“ auch nur in einiger Beziehung stehen würde. Als würdiger Schluß des Programms wird das ungarischnationale Gedicht „Szözat“ (Aufruf) von der nichtjüdischen Schauspielerin Jäszai deklamiert werden. Eine Budapester Tageszeitung veröffentlicht einige interessante Daten, welche einerseits die Art und Weise darstellen, welche beim Suchen der mitwirkenden Künstler angewendet worden ist, anderseits ein grelles Licht auf die Budapester Verhältnisse werfen, die den Gipfelpunkt der Assimilation bezeichnen. Davon konnte natürlich gar nicht die Rede sein, auswärtige jüdische Künstler einzuladen, dies hätte dem ungarischen Charakter des Vereines Abbruch getan. Wir lassen die Zeitungsnotiz wortwörtlich folgen: „Die Theaterleute haben jetzt gute Zeiten. Die Zeit der Nebeneinkünfte ist für sie gekommen. Die Faschingssoireen brauchen eine Menge Vortragskünstler und die Arrangeure gehen heute bei den Theaterleuten aus und ein, denn jetzt werden die Programme gemacht und die Vereinbarungen getroffen. Auf diesen Akquisitionsgängen passiert den Arrangeuren manches. Sie erhalten Zusagen, Körbe oder Absagen in schöner Abwechslung und haben im ganzen mehr Grund zur Klage als zur Zufriedenheit. Einer der Arrangeure hatte ein besonderes Mißgeschick. Ihm war die Aufgabe zugefallen, ein Konzert zum Vorteile eines glaubensstrengen Vereines zu veranstalten und er mußte Künstler akquirieren, die demselben Glauben angehören, zu dem der Verein und seine Leiter sich bekennen. Er begab sich auf den Akquisitionsgang. Das Weitere erzählte er also: „Ich ging zu Frau V. Sie ist getauft. Ich ging zu einem bekannten Künstlerpaar. Beide sind getauft. Ich ging zu X., ich ging zu Y. Alles getauft. Was blieb mir anderes übrig, um den rituellen Charakter des Konzertes zu wahren? Jüdische zeitung. ~ Ichjging' zu Frau Jäszai und' ersuchte sie, den -^Jehova“ zu deklamieren!“ ' ' Die' einzige,' dte ilim betreffs der religiösen Yoräüsäeifzurigen keine Enttäuschung 1 bereitete', war Frau Szäinosi von der Oper. Aber sie ver-r " längte zuviel. Der Arrangeur berief sich1 auf1 die ^'Glaubensgemeinschaft, um die Künstlerin ‘Ztac ‘: Herabmäßigung ihrer Ansprüche zii bewegen’ aber sie blieb standhaft. Da sagte ihr der Arrangeur, daß er ihr den ehrwürdigen Seelenhirten der Gemeinde schicken werde, diesem würde es gewiß gelingen, sie zu einer Herabminderung ihrer Honorarforderung zii veranlassen. Er irrte sich aber, denn er erhielt von der Künstlerin die entschlossene Antwort: „Geliebter Freund! Wenn sie mir den Rabbiner schicken, lasse ich mich vor seinen Augen taufen und dann kostet es schon das Doppelte!“ Dies ist das getreue Bildnis der Budapester Judenschaft, welche krank darniederliegt. Es gibt nur einen Verein, dem die hiesigen Juden Interesse entgegenbringen: die „Chewra- Kadischah“. Vorige Woche sind bei der Mitgliederaufnahme ungefähr 3000 neue Mitglieder dem Verein beigetreten, so daß ein Rabbiner sich bewogen fühlte, zu erklären, „daß zwei Institutionen das Judentum in der Diaspora erhalten hätten, die Kultusgemeinde und die „Chewr -Kadischa“. Die Budapester Juden betrachten das Judentum lediglich als eine „Chewra-Kadischa“, in welcher man sich entweder begraben oder — taufen läßt. B—6. Prager Brief. (Von unserem Korrespondenten.) Kongreßreferate. Bei dem regen Leben, das die böhmischen und besonders die Prager zionistischen Organisationen erfüllt, hat selbstverständlich bald nach dem Hamburger Kongreß das Interesse an den wichtigen Vorgängen, die sich in Hamburg abgespielt haben, zur Veranstaltung informierender Kongreßreferate geführt. Am 15. Jänner begann der Verein „Bar- Kochba“, dem im internen, Kreise sein Delegierter Professor Viktor Freud Bericht erstattete. Da die Mehrzahl der Prager Delegierten anwesend war, der Präsident der böhmischen Organisation Doktor Emil Ma rgu 1 i es selbst zur Aufklärung mancher strittigen Punkte beitrug, entwickelte sich eine sehr informative Debatte. Den nächsten Tag sprach der Wiener Poalezionist Kaplan-Kaplanski vormittags in einer öffentlichen Versammlung über das jüdische Proletariat in der Sozialdemokratie und begründete die Forderung seiner Partei nach Anerkennung durch die sozialdemokratische Organisation, die den jüdischen Proletariern nicht ihr Recht auf eine eigene nationale Vertretung vorenthalten dürfe. Abends sprach Kaplan in einer sehr stark besuchten Versammlung über „Judenstaat und Zukunftstaat“. In glänzender sachlicher Form, aufbauend und nicht polemisierend, begründete er das Wesen der Oppenheimerschen Siedlungsgenossenschaft, ihre Bedeutung für die palästinensische Agrarfrage und unsere soziale Frage. In beiden Versammlungen mußte man endlose Schwätzereien der tschechischjüdischen Assimilanten über sich ergehen lassen, die immerfort dasselbe leere Stroh dreschen. Erquickend wirkte dann aber doch wieder das Schlußwort Kaplanskis, der, nachdem die Gg. Dr. E. Margulies, Goldstein, Fantl in der Debatte gesprochen hatten, noch einmal alle Gegenargumente der Gegner bemahm und besprach. Zwar in unerschütterlicher Sachlichkeit — aber es genügte. Montag den 24. Jänner veranstalteten die vereinigten zionistischen Korporationen Prags im „Zentral“ eine große öffentliche Versammlung, in der Dr. Emil Margulies über den Zionismus nach dem IX. Kongreß sprach. Redner besprach zunächst den historischen Werdegang des Zionismus, besprach die Bedeutung unserer Kongresse für unsere Bewegung und für das jüdische Volk und hob dann mit starker Betonung die ausgesprochen palästinensische Richtung in der Entwicklung des Zionismus hervor, die arbeiten will, Werte schaffen, um zu einer nationalen Konsolidierung zu gelangen, sie durchzuführen bis zur vollständigen Gesundung. Die wichtige Agrarfrage, sowohl die Frage der Agrarbank wie der Siedlungsgenossenschaft, ist vom Kongreß nicht vernachlässigt worden. Und die jü¬ Seite 5 dische Kultur Palästinas ist im unaufhörlichen Wachsen begriffen. Dr. Margulies wußte mit einer ganz außerordentlichen Kraft sein Thema zu behandeln. Tosender Beifall dankte ihm. Dann kamen wieder die pa$r unvermeidlichen Schwätzer von der gegnerischen Partei: Eine Ausnahme bildet der Führer der tschechischen |uden Dr. Guth, der in wirklich ernster und anständiger. Form zu reden weiß. Nach seiner Rede erithieltensichseine Parteigenossen weiterer Beredsamkeit, es kamen die Redner der Zionisten zu Worte, Prof. Engel, JUDr. Ludwig Singer und zum Schlüsse Dr. Emil Margulies. Alle reagierten mit großer Sachlichkeit auf die Ausführungen Dr. Guths. Die Debatte stand damit auf einem anerkennenswerten Niveau. Dr. Margulies wußte in seinem Schlußwort sowohl das Wesen unserer Weltanschauung wie die Begründung unserer Taktik zu geben. Die Versammlung war ungemein zahlreich besucht, der propagandistische Erfolg der Veranstaltung ist unverkennbar. * * .Festabend Bar-Kochba in Prag. Der Verein Bar-Kochba hat am 18. Jänner seinen großen Festabend gefeiert. Auch der heurige Festabend war ein großer Erfolg. Nach dem vorjährigen Salten-Buber-Abend erwartete ganz Prag etwas hervorragend Einheitliches, Geschlossenes und Vollendetes. Und das brachte auch das Programm. Eingeleitet wurde der Abend durch die Vorlesung Jakob Wassermanns, der mit außerordentlich konzentrierter und gehaltener Kraft eines der schönsten Kapitel aus den Juden von Zierndorf und die Novelle „Die Pest im Vintschgau“ vorlas. Seine Vorlesung gab gerade darin, wo sich die eigene Bedeutung einer Interpretation durch den Dichter selbst zeigen kann, manche Klarheit über die jüdische Note, die wir suchen und zu erkennen streben, ohne das wir der Wirklichkeit Gewalt antun wollten. Mit äußerster Spannung folgte das Publikum, das den Zentralsaal wieder bis aufs letzte Plätzchen füllte, der Stimme Wassermanns, gebannt durch den Stoff und die Persönlichkeit. Dann kam Berthold F e i w e 1 zu Wort. Er sprach über die Wirkung der neujüdischen Bewegung auf das moderne Judentum. Zunächst ging er daran, eine Gliederung des heutigen Judentums zu geben, also gewissermaßen einen methodologischen Teil. Und da er hiebei den Nachdruck auf die psychologische Begründung legte, kam etwas sehr Schönes und Klares heraus. Das Publikum, das gerade bei den Festabenden der Bar- Kochba zum großen Teile sich aus Nichtzionisten zusammensetzt, folgte Feiwels Auseinandersetzung deshalb nicht minder empfänglich, weil er sich schließlich im Rahmen einer bloßen Aufzeigung der Zustände, der bestehenden Gruppen hielt. Als er dann zum eigentlichen Thema, zur Wirkung der 1 neujüdischen Bewegung kam, da erschien die Antwort gegeben, da bedurfte es wiederum keiner Verteidigung, sondern nur einer Erklärung. In diesem Teile skizzierte Feiwel die Verwandlungen im Ostjudentum und im Westjudentum, die unter dem Einfluß der jüdischen Renaissance vor sich gegangen sind. Feiwel sprach frei, man erlebte mit, wie sich die Gedanken zusammenschlossen, auseinander losrangen, wie jedes einzelne Wort zu einem Erlebnis wurde. Und das ist es, was das Prager jüdische Publikum wieder einmal mit einer, wenn auch nicht ihrer Ursachen sich bewußten Bewunderung erfüllen mußte über die starke Kraft, die durch unser Volk, durch unsere besten Männer pulsiert. Eine Ahnung jüdischer Persönlichkeit selbst den Fernstehenden zu vermitteln, ist eine der schönsten Aufgaben, die wir zu lösen versuchen sollen. Im dritten Teil des Programmes kamen „J ü d i s c h e V o 1 ks I i e de r“, gesungen von dem Berliner Konzertsänger Leo G o 11 a n i n. Trotzdem man schon hie und da in Prag ein jüdisches Volkslied gehört hatte, stand man angesichts der Kunst Gollanins doch vor eine ganz neuen Art. Er holte restlos aus diesen herzlich warmen,“) manchmal sehnsüchtigen, manchmal launigen Volksliedern ,ihre ganze Eigenart, ihre ganze Süßigkeitlund Kraft heraus. Meisterhaft war seine Vortragsweise, bezaubernd seine Tenorstimme. Da ihn Kapellmeister Ta u s s i g vom Landestheater mit großem Verständnis begleitete, wußte sich das Publikum — trotzdem oder weil ihm das jüdische Volkslied neu war und doch nicht vergebens an das Verständnis des Blutes appellierte — vor Entzücken nicht zu fassen. Es kam zu immer neuen Ovationen, noch nach Mitternacht mußte Gi’.ia sich zu Zu