Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 4 Einzelpersonen, Einrichtungen und ein ganzes Volk ■ auf das Unerhörteste beleidigen, gegen dasselbe hetzen und im Lande in der Bevölkerung eine höchst gefährliche Atmosphäre erzeugen und so eine sehr kritische Situation schaffen. Mitunter mischt sich auch die Gallerie in die Verhandlungen des Hauses durch Zurufe und lärmende Kundgebungen, Zustimmung oder Mißbilligung ein, und jede sich kundgebende Gegenansicht wird rücksichtslos unterdrückt. So wird auch die Freiheit der Beratungen und die Freiheit der Meinungsäußerung beschränkt. Die Geschäftsordnung schreibt dem Präsidenten wohl nicht vor, wann er seine Präsidialgewalt zur Geltung zu bringen bat — jedenfalls sind aber Vorgänge präsidialiter zu kontrollieren, die gegen das Strafgesetz verstoßen, wären dieselben nicht durch Immunität geschützt. Das Dulden kriminell verpönten Unrechtes in der Sitzung ist daher unvereinbar mit den Pflichten der Vorsitzenden und namentlich jener gesetzgebenden Körperschaften. Die von mir geschilderte Art des Mißbrauches der Redefreiheit im hohen Hause bedeutet daher auch eine arge Verletzung der Bestimmungen der Geschäftsordnung und eine bedenkliche Schutzlosigkeit von außerhalb dieses Hauses stehenden Personen und Gesamtheiten. Uns Juden ist staatsgrundgesetzlich die vollkommene Gleichberechtigung auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens gewährleistet. Wir können und werden uns die von gewisser Seite beliebte schnöde Behandlung unter keinen Umständen gefallen lassen und müssen gegen die bisherigen Vorkommnisse in der nachdrücklichsten Weise unseren Protest erheben und unsere Entrüstung äußern. Wir sind in diesem Staate, zu dessen treuesten, hingebungsvollsten und opferwilligsten Bürgern wir gehören, nicht vogelfrei, daher auch in diesem hohen Hause nicht Ich lenke aber auch die Aufmerksamkeit der k. k. Regierung und ihres Chefs im Lande, Sr. Exzellenz des Herrn k. k. Landespräsidenten, auf die wüsten Agitationen und Verhetzungen und auf die durch diese erzeugte Gährung und erwarte, daß rechtzeitig gesetzliche Maßnahmen zum Schutze und zur Aufrechthaltung der Ruhe und Ordnung ergriffen werden. Deshalb richte ich an den Herrn Vorsitzenden die Anfrage: 1. Billigt der Herr Vorsitzende die in der letzten Landtagssitzung gefallenen und gegen die juden gerichteten Beschimpfungen und Verhetzungen? 2. Was gedenkt der Herr Vorsitzende zu veranlassen, damit in Hinkunft derartige bedauerliche Ereignisse nicht mehr Vorkommen und die Freiheit der Beratung in keinerlei Weise gestört werde? 3. Ist der Vorsitzende gewillt, dem Abgeordneten Wiedmann nachträglich den Ordnungsruf zu erteilen?“ Landeshauptmann Baron Wassilko erklärt, daß er während der betreffenden Rede des Abgeordneten Wiedmann nicht den Vorsitz geführt habe und daß er nachträglich nur feststellen konnte, daß Abgeordneter Wiedmann den Theaterdirektor Klein angegriffen habe. Außenstehende Personen müßten sich aber auf anderem Wege ihr Recht suchen; der Landeshauptmann könne daher dem Abgeordneten Wiedmann nicht den Ordnungsruf erteilen. * * * Begnadigung der Mörder Herzensteins. Die beiden wegen Teilnahme an der Ermordung Herzensteins erst vor wenigen Monaten vor dem finnländischen Gericht in Kymmenepajä zu mehrjährigen Zuchthausstrafen verurteilten „Echtrussen“ Polownjew und Justrewitsch sind, wie aus Petersburg berichtet wird, begnadigt worden und sollen sofort aus dem Gefängnis entlassen werden. — Diese neueste Tatsache spricht Bände von der Macht des „Verbandes echtrussischer Leute.“ Ein literarischer Abend. Der strebsame Verein zionistischer Hochschüler. „Theodor Herzl“ bot Sonntag den 23. Jänner im dichtgefüllten Kursalon einen jüdischliterarischen Abend. Martin Buber eröffnete mit einem Essay „Der Jude und sein Werk“. Als Leitmotiv dienten ihm folgende Worte Wassermanns aus den „Juden von Zirndorf“ : „Dies ist sicher: Ein Schauspieler oder ein wahrer Mensch, der Schönheit fähig und doch häßlich, lüstern und asketisch, ein Charlatan und ein Würfelspieler, ein Fanatiker oder, ein feiger Sklave, alles das ist der Jude.“ In diesen Worten sei das Grundproblem des Judentums enthalten-.' seine Dualität. In jeder jüdischen Brust ringe 'das „Ja“ mit dem „Nein“. Dadurch aber, daß die Judenfrage in die Sphäre des einzelnen Individuums eintrat, sei sie übernational und das Streben nach Erlösung von dem Zwiespalte, das die ganze jüdische Geschichte charakterisiere, mache das Judentum zu einem Phänomen der Menschheit. Diese jüdische Erlösungsidee sei mit der indischen nicht zu verwechseln. „Die indische Erlösung meint ein Erwachen, die jüdische eine Umwandlung; die indische ein Abstreifen des Scheines, die jüdische ein Ergreifen oer Wahrheit; die indische ein Verneinen, die jüdische ein Bejahen; die indische begibt sich ins Zeitlose, die jüdische meint den Weg der Menschheit.“ Damit sei auch das Problem des schöpferischen Juden beleuchtet. Das Streben nach Einheit machte ihn zu einem Schaffenden. „Aus der Entzweiung des Ich nach Einheit strebend, schuf er die Idee des Einheitsgottes. Aus der Entzweiung der Menschengemeinschaft nach Einheit strebend, schuf er die Idee der Allgerechtigkeit. Aus der Entzweiung alles Lebendigen nach Einheit strebend, schuf er die Idee" der Alliebe. Aus der Entzweiung der Welt nach Einheit strebend, schuf er das messianische Ideal, das eine spätere Zeit, auch wieder unter führender Mitwirkung der Juden, verkleinert, verendlicht und Sozialismus genannt hat.“ So könne man die .schöpferischen Juden „die Sieger über die Dualität“ nennen. Nach einer Zeit der unproduktiven Geistigkeit sei eine neue, verheißungsvolle Periode des Schaffens angebrochen, die fortdauern werde solange sich nicht die Zweiheit zur Einheit erlöst habe. Buber spricht ungemein fesselnd und gediegen. Jedes Wort ist zum Kristall geschliffen. Er macht keine Konzessionen und geht strenge seinen Weg. Aber dieser Weg ist’-: ein sehr schmaler Pfad und keine breite gangbare Straße. Darin liegt der Mangel seiner Deduktionen, die immer subtiler, immer persönlicher werden. Es ist sein eigener Geist, den er zum Geist der jüdischen Moderne macht und seine Kulturphilosophie führt immer steiler in mystische Höhen ... Wer Bubers Entwicklung verfolgt und seinen jüngsten Vortrag etwa: mit seiner Arbeit über die jüdische Renaissance aus,idem Jahre 1905 (im Jahrbuche „Die Stimme der Wahrheit“) vergleicht, wird uns zustimmen. Hierauf las Jakob Wassermann eigene Dichtungen, die nach Bubers „einleitendem“ Vortrage völlig deplaciert waren. Dieser hochbegabte und einsame Poet hat in zwei Jugendbüchern („Die Juden von Zirndorf? und „Die Geschichte der Renate Fuchs“) einige westjüdische Menschen gezeichnet, die uns sehr ergriffen haben. Wir sind ihm dankbar, denn er hat mit seinem Agathon Geyer, seinem Doktor Nieberding, seiner Jeanette, ihrem Großvater und noch manch anderer Gestalt viel dazu beigetragen, das Zwielicht unserer Epigonennot zu erhellen. Aber das liegt weit hinter ihm und ist nicht Grund genug, ihn zum jungjüdischen Dichter zu stempeln. I„lch fühle mich nicht zu ihnen gehörig, nur mitschuldig an einem großen Irrtume, der die Erde verfinstert hat.“ Diese Worte Agathon Geyers sind des Dichters eigene Konfession, In dieser Hinsicht wird überhaupt viel ge- . sündigt. Hugo Salus, der wiederholt — z. B. in der „Prager Elegie“ — ein bewußt deutsches Bekenntnis ablegte, wird herbeigezerrt, weil er vorübergehend die „Stimme des Blutes“ hört. In des Malers Josef Israels holländische Bauernstuben wird mit erborgter Phraseologie „Jüdischkeit“ hineingeschmuggelt und. aus jeder Note Goldmarks oder Brülls hört man die Musik der Zedernwälder rauschen. Ist das nicht unwürdig und schädlich? In diesem Sinne muß man eigentlich den Freimut Jakob Wassermanns loben, der nach Martini Buber Dichtungen las, die zum jüdischen Leben oder auch nur zu seinen Problemen nicht in der. entferntesten Beziehung standen. Er gab das' beste Stück aus seinem „Alexander in Babylon“, jene wunderbare Stelle, da „in den Nächten zwischen den Strömen“ aus dem erzernen Titanen Alexander durch den Tod seines Freundes ein leidender, einsamer Mann wird. Dann las er, selbst ergriffen, „Die Pest im Vintschgau“, eine ausgezeichnet komponierte Novelle, deren reines Liebesmotiv an Gottfried Kellers „Romeo und Julia auf dem Lande“ erinnert. Konrad Löwe, der klassische Sprecher des Hofburgtheaters und warmfühlende Jude, schloß den Abend. Er rezitierte die parabolistische Dichtung „Die Toten der Wüste“ des hebräischen Lyrikers Bialik (in deutscher Ucbertragung von Ernst Müller). Kostbare Verse, schwer wie Prunkgehänge, die zu Beginn des Abends viel eindringlicher gewirkt hätten, als um die Mitternachtsstunde. Dann brachte er Frugs bekanntes Gedichtchen „Aber die Sterne“ (das Publikum atmete erfrischt auf) und eine Legende „Der Psalmensager“ aus Bubers „Legende des Baalschem“, die viel zu intim und mystisch ist, um in einem größeren Saale, dazu nach solchen Anstrengungen, zu wirken und gewürdigt zu werden. Also ein Buber-Wassermann-Abend, mit einem Endchen bodenständig-ostjüdischer Dichtung verbrämt. Lag das in den Intentionen der Veranstalter? Dr. O. A. Budapester Brief. (Von unserem Korrespondenten). (General S- Hazay — recte Kohn. — Eine unsterbliche , Idee, -r- Das antisemitische Schulgesetz. Neue Almosenvereine. — Kultussoiree.) Das Ministerium Wekerle-Kossuth, welches einst die Hoffnungen der ungarischen Nation in sich vereinigt hatte, hat seine Seele ausgehaucht. Die Agonie dauerte länger als ein Jahr, eine ganze Schar von „designierten Ministerpräsidenten“ sind vom politischen Horizonte verschwunden und erst der Graf Khuen-Hederväry, der sich keiner besonderen Popularität erfreut, hat mit Ach und Krach ein Ministerium zusammengestückelt. Das neue Khuen-Kabinett besitzt eine neue Spezies, und zwar in der Gestalt eines getauften Ministers General Samuel Hazay, der früher Kohn geheißen, ist zum ungarischen Landesverteidigungsminister ernannt worden. Während fast alle politischen Parteien an der Krise stark zu leiden haben und Gefahr laufen, auch zerstückelt zu werden, wie es der Unabhängigkeitspartei widerfahren ist, während alte und neue, ererbte und neuerstandene Ideale und Grundsätze dem Moloch der Eifersucht zum Opfer fallen, gibt es eine Idee, welche alle anderen überlebt, welcher die alten Anhänger treu geblieben und die sogar neue Getreue zu werben versteht, es ist der Judenhaß. Wird z. B. in einer ungarischen Stadt ein Jude zum Bürgermeister gewählt, im Nu sind alle Gemüter erregt, es werden Beschwerden an das Ministerium eingereicht, die Wahl wird angefochten und die Zeitungen veröffentlichen spaltenlange Aufsätze über die Zudringlichkeit der Juden. So kam es auch bei den jüngsten Budapester Magistratswahlen. Der ausschließlich aus Juden bestehenden Demokratenpartei ist es gelungen, einen der tüchtigsten Oberbeamten der Hauptstadt, den Juden Dr. Der i, zum Stadtrat wählen zu lassen. Welchen Ausbruch von Haß und Grimm hat diese Wahl hervorgerufen 1 Leitartikel erschienen unter dem Stichwort „Verjudung des hauptstädtischen Magistrats“ usw. Und dies in einer Stadt, deren Bevölkerung zu 23 Prozent aus Juden besteht und in deren zwölfmitgliedrigen Magistrat jetzt zum erstenmale e i n Jude hineingewählt wurde. Nichtsdestoweniger lassen sich die Assimilanten in ihrer magyarisch-chauvinistischen Tätigkeit nicht einschüchtern und sind eifrig am Werke. Es ist bekannt, daß durch das antisemitische Schulgesetz, welches sich gegen diejenigen Privatschulen richtet, die nicht in der Lage sind, allen — also auch den bemittelten — Schulkindern unentgeltlichen Unterricht zu bieten, dazu geführt hat, daß viele jüdische Schulen ihre Tätigkeit einstellen mußten und ihre Schüler gezwungen waren, ihre Studien in Staatsschulen forlzusetzen. Dies bedeutet einen schweren Verlust für die jüdische Sache, da es von ungeheurer Notwendigkeit ist, daß die jüdischen Kinder jüdische Erziehung genießen. Der im vorigen Jahre begründete Ungarisch-israelitische Kulturverein hat sich unter anderem auch das Ziel gesteckt, für die Erhaltung jüdischer Schulen Sorge zu tragen. Dieser Tage ist die bezügliche Bekannt-