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Jüdische Zeitung · 1910-01-21 · 3 (21.1.1910) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
3 (21.1.1910)
Date
1910-01-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr.'3 gegen diese Uebergriffe alkoholisierter Rohlinge, die großen Universitätsunruhen im vorigen Winter, die wackere Haltung der Jüdischnationalen und das damalige Vorgehen des Kanzleidirektors Dr. Blumauer, führten den Jüdischnationalen allgemeine Sympathien zu. So verfaßte einer der bedeutendsten Wiener Schriftsteller und Journalisten einen Aufruf, in dem er das perfide Vorgehen der antisemitischen Studentenschaft in gebührender Weise kennzeichnete. Dieser Aufruf wurde seinerzeit in der „Jüdischen Zeitung0 veröffentlicht und von fast allen j&d.-nat akad. Korporationen unterzeichnet. Bei einem Im vorigen Monate in Karlsbad stattgefundenen Kommerse wurden nun im Interesse der nationalen Abwehr gleichlautende Exemplare dieses Aufrufes verteilt Herr Dr. Swoboda, der es ganz ruhig geschehen läßt, daß antisemitische Anschläge an allen Ecken und Enden der Universität prangen, der; während seiner ganzen Amtszeit noch nicht einen Finger gerührt hat, um dem Waidhoffner-Präservativbescbluß näherzutreten, wird mit einem Male zum Anwalt der antisemitischen Studenten und leitet gegen die Korporationen, die diesen Aufruf unter-. fertigt haben, wegen der in ihm enthaltenen Angriffe gegen die Antisemiten eine Disziplinaruntersuchung unter Androhung des eventuellen Farben Verbotes ein Die Vertreter der akad. Verbindungen erklärten im Rektorat momentan eine zuwartende Haltung einnehmen zu wollen. Schon in den nächsten Tagen findet ein großer Seniorenkonvent aller jüd.-nat. Korporationen Wiens statt. In der Studentenschaft herrscht große Erregung. — Br. Be. Die Reorganisation der jüdischen Gemeinde in Rußland. Von Maxim A n i n. In einem kleinen Kinematographentheater zu Kowno, das den Namen „Klio“ trägt, versammelten sich die Vertreter des Volkes, dem diese allmächtige Muse so abhold — und doch so hold gesinnt ist. Der unerträgliche Druck der politischen Rechtlosigkeit und sozialen Ohnmacht, der ebenso groß ist wie das qualvolle Streben zur bürgerlichen und nationalen Gleichstellung, haben hieher die verschiedensten Elemente des Judentums aus den entferntesten Gegenden Rußlands versammelt Neben den freidenkerischen Kadettenführern ä la Winawer und Sliosberg im Zylinder und Frack konnte man hier die altmodischen orthodoxen Rabbiner im „Straimel“ und in der „Supeze“ erblicken. Neben den Vertretern der jüdischen Hautefinance ä la Baron Ginzburg und Brodski — den kleinstädtischen jüdischen „Baal-habos“, der ohne Stolz und Ehrfurcht den Namen der „Gwizim“ seiner Gwizim nicht aussprecben kann. Chajim und Golde antworteten keine Silbe; es legte sich ein düsterer Schatten auf ihre abgehärmten Gesichter, und beide saßen wie niedergeschmettert. „Uns scheint es bestimmt zu sein, mit einer Mauer vor den Augen zu sterben.“ Mit diesen Worten brach Chajim das drückende Schweigen. Auch die hagere Golde erwachte aus ihrer Erstarrung und ließ ihren Zorn an den Kindern aus. „Gebt fressen!“ fuhr sie sie barsch an. „Lass’ sie hinaussehen“, sagte Chajim mit einem bitteren Lächeln, „wir werden bald wieder eine Mauer haben. Wir werden ausziehen müssen, es geht nicht anders . . . wir können nicht acht Dollars monatlich bezahlen.“ Die traurige Nachricht von der Erhöhung der Miete wurde ihnen am Sonntag offiziell von dem Hausverwalter mitgeteilt und am folgenden Morgen machten sich Chajim und seine Gattin auf die Suche nach einer neuen Wohnung. Nachdem sie einen halben Tag auf den Straßen herumgewandert waren, fanden sie eine Wohnung zu demselben Preise. Das waren wieder drei kleine Zimmer, deren Fenster durch eine noch dichter vorgebaute Mauer verstellt waren als die alte. „Wozu habe ich mich nur zu Schanden gequält und die Wohnung reingemacht“, sagte Golde ärgerlich, als sie nach Hause kamen. „Und ich habe so vielen Schmutz hinausgeschleppt“, stimmte ihr Chajim bei. . . . Welche Fragen waren es, die diese bunte und heterogene Versammlung beschäftigten? Auf welchen Grundlagen wollten sie das morsche Gebäude des russisch-jüdischen Lebens umgestaltet wissen? Im Zentrum der Kongreßfragen stand naturgemäß die Reorganisation des jüdischen G e.m e i n d e 1 e b e n s. Es ist hier nicht der Ort, auf die religiöse und nationale Bedeutung der jüdischen Gemeinde in der Vergangenheit näher einzugehen. Wie wir auch diese Bedeutung abschätzen wollen, Tatsache ist und bleibt, daß sie gegenwärtig — dankderzaristisch-bureaukratischen Unterdrückungspolitik — fast alle ihre historischprogressive und national-erhaltenden Funktionen im jüdischen Leben gänzlich eingebüßt hat. Die jüdische Gemeinde in Rußland ist heute zu einer ihrem Lebensinhalt nach rein religiösen, ihrem Charakter nach — rein fiskalen Institution degradiert worden. Kein Wunder, daß ihr bis vor kurzem sämtliche demokratisch und progressiv gesonnenen Elemente des russischen Judentums fremd, ja sogar feindlich gegenüberstanden. Die alte Gemeinde geht seit längerer Zeit rapid und unvermeidlich dem gänzlichen inneren Verfalle und der Dekomposition entgegen. Das gesamte Gemeindeleben dreht sich um die Synagoge und um die allerkleinlichsten Wohltätigkeitsanstalten; was sollte da die freidenkende Intelligenz und die vom großzügigsten Idealismus geleitete Jugend, was sollten die breiten Arbeitermassen anfangen? Erst in jüngster Zeit, als die heroische Periode der großen Ideen vorbei war und von der Epoche der kleinen Tat abgelöst wurde, da änderte sich das Verhalten der jüdischen Intelligenz der Gemeinde gegenüber. Durch das Kleine zum Großen — diesen simplen ausgetretenen Weg mußte man endlich nolens volens einschlagen. So kam man auch allmählich zum Bewußtsein, daß die jüdische Gemeinde bei einer demokratischen und rationellen Organisation aus einem religiösen Rudiment in ein wirksames Mittel der Stärkung und Sammlung der nationalen Kräfte in der Diaspora umgewandelt werden kann, in ein Bollwerk gegen die nationale Zersetzung und Assimilation. Und tatsächlich befaßt sich die russisch-jüdische Presse schon seit Iängerre Zeit mit der Frage der Reorganisation der jüdischen Gemeinde auf einer -gänzlich neuen Basis. Selbstverständlich mußte diese Frage auch den Kernpunkt des Kongresses zu Kowno bilden. Dem diesbezüglichen Referate des Advokaten Sliosberg brachten sämtliche Kongreßteilnehmer das größte Interesse entgegen. Wir wollen hier kurz den Grundgedanken des Referates wiedergeben: Das Hauptziel des Referenten war vor allem klarzulegen, daß die heutige jüdische Gemeinde in Rußland von ihrem Fundamente bis zu den letzten Details ihrer Organisation eine gänzlich abgelebte anachronistische Erscheinung darstellt. Die Gemeinde basiert bekanntlich hauptsächlich auf einer spezifischjüdischen sogenannten „Korobkasteuer“. Diese indirekte Steuer, die vom Konsum des koscheren Fleisches erhoben wird, fällt mit ihrer Hauptlast auf die Schultern der ärmsten jüdischen Volksschichten. So manchem armen Juden ist dadurch die Fleischnahrung fast gänzlich unmöglich gemacht, während die freien Berufe — wie Aerzte, Advokaten etc. — von dieser Steuer überhaupt befreit sind. „Die Korobkasteuer“, führte der Referent zutreffend aus, ist also gewissermaßen in ein Strafmittel der armen Volksmassen für ihre Frömmigkeit umgewandelt worden.“ Und doch — begnügen sich denn nicht fast alle Klassen der jüdischen Gesellschaft mit den religiösen Bildungs- und Wohltätigkeitsanstalten, die in den Mitteln der Korobkasteuer ihre Lebensquelle haben? Darin, daß die freidenkende jüdische Intelligenz dem Gemeindeleben immer mehr fernbleibt, sieht Referent eine große Gefahr für das russische Judentum, das auf diese in zwei sich fremd gegenüberstehende Lager spalten wird. Die jüdische Jugend werde dadurch immer mehr von ihrem Volkstamme entfernt. Der jüdische Geist, der von den höchsten menschlichen Idealen durchdrungen ist, bleibt so der Jugend ganz fremd. Man könne jetzt die Jugend nicht mehr wie früher auf Grund des Studiums der alten Folianten erziehen. Sie müsse mit dem jüdischen Geist in einer äußeren verkörperten Gestalt in unmittelbare Berührung kommen. Dies könne aber gegenwärtig nur durch eine neue Gemeindeorganisation erreicht werden. Außerdem erwartet Referent von der reorganisierten jüdischen Gemeinde auch eine bedeutende Gesundung der rein ökonomischen Verhältnisse des jüdischen Lebens. Die Beziehungen der jüdischen Kapitalistenklasse zu den jüdischen Arbeitern tragen oft einen ausgesprochen antisemitischen Charakter. Jüdische Arbeiter werden sehr oft sogar in den Fabriken jüdischer Kapitalisten durch nichtjüdische bedürfnis- und anspruchsärmere Arbeiter ersetzt Nur eine festgefügte Gemeindeorganisation, die durch ein enges Band sämtliche Schichten der jüdischen Gesellschaft vereinigen werde, meint Referent, könne die ökonomischen Antagonismen des jüdischen Lebens in mehr ethische Bahnen lenken. Man muß jedoch eine äußerst oberflächliche Vorstellung von den sozial-ökonomischen Grundlagen der nationalen Existenz der Juden in der Diaspora haben, um von einer neuen — wenn auch noch so vollkommenen — Gemeindeorganisation diese positiven Wirkungen zu erwarten. Mit der traditionellen jüdischen „Achdus“, von der gerade die assimilationslustigen Kadettenjuden auf dem Kongreß besonders viel sprachen, mit dem „Klal-Isroel“-Standpunkt — besonders auf rein Ökonomischem Gebiete — ist es nun ein für allemal zu Ende, seitdem der Kapitalismus in das jüdische Volk eingedrungen ist und es in zwei sozial-antagonistische Gruppen zersetzte. Damit sollte man doch endlich als mit einem Fait accompli rechnen . . . Wenn das Judentum sich nicht in der Gemeinde fest zusammenschließen wird, führte Herr Sliosberg ferner aus, so wird es sich in einer Reihe kleiner Sekten auflösen müssen — und so seinem historischen Bankerrott unvermeidlich entgegengehen. Das allgemeine Gesetz über Gewissensfreiheit, das, die russische Regierung in die Duma eingebracht hat, wird für die Juden unheilvoll sein müssen, denn es gestattet einer beliebigen Gruppe von Individuen, eine besondere Religionsgesellschaft mit eigenen Bethäusern und eigener Verwaltung zu stiften. Wir müssen daher mit allen unseren Kräften danach streben, bevor das genannte Gesetz angenommen wird zur gänzlichen Reorganisation unserer Gemeindeordnung zu schreiten. Nach einer langen und äußerst lebhaften Diskussion, die das Referat über die Gemeindereform angenommen, die durch die jüdischen Dumamitglieder auf gesetzgeberischem Wege zur Durchführung gelangen sollen. 1) Die jüdische Gemeinde wird von allen jüdischen Einwohnern des betreffenden Ortes gebildet, die dort bereits ein Jahr wohnen. 2) Die Aufgaben der Gemeinde bestehen in der Fürsorge für die religiösen Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung, für die Wohltätigkeitsanstalten und für die geistig-kulturellen Bedürfnisse der Gemeinde. 3) Die Gemeinde wird durch ein Komitee, bestehend aus 7 Personen, verwaltet. 4) Allejuden des betreffenden Ortes gehören der Gemeinde, sind verpflichtet die Gemeindesteuer zu entrichten und haben dafür das Recht, sich aller Austalten der Gemeinde zu bedienen. 5) Die Gemeindeverwaltung stellt das Budget für 3 Jahre auf, das von den von der Gemeinde gewählten Bevollmächtigten bestätigt werden muß. 6) Die Ausgaben der Gemeinde werden durch eine allgemeine progressive Einkommensteuer gedeckt, von welcher die ärmsten Schichten jedoch befreit sind. 7) Die Gemeindeverwaltung legt jährlich den Bevollmächtigten ihren Rechenschaftsbericht ab. 8) Die jüdische Gemeinde wird als juristische Person betrachtet und genießt alle Rechte derselben. 9) Die Steuer, die die Gemeinde selbst bestimmt, schließt nicht das Sammeln von Spenden für die gemeinnützlichen Zwecke der Gemeinde aus. Was können wir von der geplanten Reorganisation der jüdischen Gemeinde erwarten? Wir können durchaus nicht die Hoffnungen der Hyperoptimisten, die auf dem Kongresse so zahlreich vertreten waren, teilen. Winzig und höchst begrenzt sind die Entwicklungsmöglichkeiten der Juden in der Diaspora überhaupt und im Zarenreiche insbesondere. Was kann da eine neue Gemeindeorganisation, wo Jahrhunderte ihr verheerendes Werk errichtet haben? Wenig, herzlich wenig! Wir können nicht so naiv sein, von ihr eine Erneuerung des

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