Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 3 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2438141-2438273-2438276--1655-2441263- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 Nr. 3 „hat kein Verständnis für jüdische Zores“, und er beschloß daher, sich an die sogenannten „jüdischen“ Abgeordneten Wiens zu wenden. Er ging zu 0 f n e r . und K u r a n d a.. Hier schenkte man ihm zwar Gehör,. erklärte ihm gleichzeitig, daß diese intern galizische Angelegenheit nicht in den Bereich ihres Wirkungskreises falle, da sie „deutsche“ Abgeordnete seien.. Sie konnten ihm nur raten, sich .an den „Polen“ Dr. L ö w e n s t e *n zu wenden. Also schnürte er das Bündel und wanderte zu -Dr. L ö w e h s t e i n 1 Hier wurde er einer strengen .Seelenvisitation unterzogen, denn die Herren aus .Galizien riechen stark nach Zionismus. Da muß ein -Mann wie Löwenstein vorsichtig sein. Bevor er sich mit dem. Besucher ins Gespräch einläßt, fragt er ihn in' erster Reihe nach Empfehlungen und erklärt -die ihm vorgelegten Zeugnisse als unzureichend, da er, wie er sagte, nur die Empfehlung von einer ihm als verläßlich bekannten Persönlichkeit beachten könne. Offenbar sind für ihn die Bande der Nation — pardon Herr Löwenstein! — der Konfession zu schwach, um einen polnischen Juden, seiner des Juden-Po len, Gnade zu würdigen. Der arme Jude bekam nun den kurzen Bescheid: sein Anliegen könne nur dann angehört werden, wenn es mit einer Empfehlung des Dr. Goldhammer, des bekannten'Vorkämpfers der Assimilation in Tarnow, unterstützt sein wird. Nur ein solches Schreiben könnte bei Dr. Löwenstein den Verdacht einer Zionismus-Infizierung beseitigen und vielleicht gelingt es ihm — mochte er bei sich denken — durch die Aufstellung einer solchen conditio sine qua non, sich den unbequemen Mann vom Halse zu schaffen. Allein Dr. Löwenstein denkt und Gott lenkt. Der galizische Salzhändler a. D. wandte sich sofort telegraphisch an seine Leidensgenossen in der Heimat mit der dringenden Bitte, sie mögen alle Hebel in Bewegung setzen, um von Dr. Goldhammer eine ■Empfehlung zu bekommen, von welcher ihr ganzes Heil abhänge. Und siehe da, mit wendender Post gelangt unser Delegat in den Besitz des heißersehnten Schriftstückes, mit welchem ertriumphierend zu Dr. Löwenstein eilt. ■ Im Gedanken mit den rosigsten Zukunftsplänen •beschäftigt, betrat, unser Held das Arbeitszimmer seines Protektors und mit leuchtenden Blicken überreichte. er ihm das Empfehlungsschreiben Dr. Goldhammers.. Dr. Löwensteün jedoch konnte seine innere Unzufriedenheit nicht verbergen, daß es ihm nicht gelungen war, die lästige Angelegenheit loszuwerden. . Nachdem Dr. Löwenstein die wenigen Zeilen des überbrachten Schreibens seines jüdischen Freundes überflogen hatte, wandte er sich an den klopfenden Herzens harrenden Juden, mit den Worten: „Mein Herr! Hier in Wien kann ich für Sie gar nichts tun. Die Sache fällt nicht unter die Kompetenz, der Zentralregierung, sondern unter diejenige des galizischen Landesausschusses. Ich werde ihr Anliegen an kompetenter Stelle Vorbringen und — soweit Ihre Beschwerden gerechtfertigt sind — werden sie gewiß Berücksichtung finden.“ — „Der Landesausschuß ist doch selbst Partei in dieser Sache“, wagte der nach dieser Antwort aus allen Himmeln gestürzte Jude einzuwenden, „und wie kann ich ihn als Richter in seiner eigenen Streitsache anrufen?“ .. Allein Löwenstein schnitt ihm mit einem barschen „Adieu!“ das Wort ab und der arme Protektionssucher verließ niedergeschmettert und um einige bittere Erfahrungen reicher diese verfluchte Stätte der Assimilation. * * * Bekanntlich nahm sich schließlich der „Jüdische Klub“ des gehetzten Juden an, entsendete mit ihm einen Abgeordneten zur Audienz beim Finanzminister und überreichte diesem ein ausführliches Memorandum, dessen Erledigung nächstens erwartet wird. Tarnöw, Jänner 1910. Joachim Neiger. Von der Woche. Ist das möglich? . . . Aus Buenos - Aires (Argentinien) wird geschrieben, daß der gewesene Redakteur des „Jüd. Arbeiter“, Kassriel, der vor einigen Monaten nach Argentinien gekommen war, um für den Poale Zionismus Propaganda zu machen, auf Grund einer Denunziation der „Ica“ als gefährlicher Anarchist verhaftet wurde, um der russischen Regierung ausgeliefert zu werden. Kassriel, dessen bürgerlicher Name Chausanoriez lautet, entfaltete in Argentinien eine erfolgreiche Agitation gegen die Mädchenhändler und erfreute sich bei der jüdischen Bevölkerung des Landes großer Sympathien. Er nahm sich auch öfters der jüdischen Kolonisten in den Baron Hirsch-Kolonien an, und versuchte sie zu gemeinsamem, Widerstande gegen das unvernünftige und herrische System des argentinischen Ica-Bureaus zu organisieren. Darüber gerieten die Ica-Gewaltigen in Buenos-ATres aus dem Häuschen, denunzierten Herrn Kassirel als gefährlichen Anarchisten, und da infolge eines auf den Polizeichef verübten Attentates über Buenas-ATres der Kriegszustand verhängt ist, machte man keine langen Geschichten, sondern verhaftete Herrn Kassriel, der zufälligerweise, sich in einer Kolonie . befand, schlug ihn in Ketten und brachte ihn wie einen schweren Verbrecher in die Hauptstadt, um ihn dann auf ein Kiiegsschiff zu transportieren. Von da aus soll er nach Rußland überstellt werden. Vorstehende Angaben werden verbrügt und der Korrespondent des „Jüd. Arbeiter“ erklärt, durch Dokumente beweisen zu können, daß sich die „Ica“ dieser niedrigen Denunziation schuldig gemacht I habe. Wir reproduzieren diese Nachricht, indem wir | der Hoffnung Ausdruck geben, daß das Direktorium! der „Ica“ nichts unversucht lassen wird, um Klarheit in diese Angelegenheit zu bringen und sich „Es war dunkel, deshalb war nichts zu sehen“, erklärte ihr Chajim. „Die Zimmer sehen jetzt ganz anders aus“, sprach Golde, indem sie wohlgefällig um sich schaute. „Es ist hell, das ist keine Kleinigkeit, es ist hell“, gab Chajim zur Antwort. Es war am Samstag des morgens, am dritten „hellen“ Tage. Chajim arbeitete an diesem Tage nicht, brauchte sich also auch nicht in die Fabrik zu beeilen. Er saß am geöffneten Fenster und schaute nachdenklich auf Gottes schöne Welt. Alle Kinder schliefen auf dem Fußboden neben dem Fenster und Golde kochte Tee. Sie rief ihren ganz in Gedanken versunkenen Mann, er möchte trinken kommen. Doch er hörte nicht, was sie ihm sagte und antwortete ihr nichts. Wenn das in den „dunkeln“ Tagen geschehen wäre, dann wäre es nicht ohne Flüche von seiten Goldes abgegangen; jetzt aber trat sie an ihn heran und rief ihm gutmütig zu: „Chajim, komm’ Tee trinken“. Chajim fuhr aus seinem Sinnen auf. „Was bist du so nachdenklich?“ fragte ihn Golde mit einem Lächeln. „Ich denke nach“, sagte Chajim, „wie gut es doch ist, reich zu sein.“ „Und warum sagst du das?“ fragte Golde lächelnd weiter. „Sieh nur, wie gut es ist“, sagte Chajim, indem er zum Fenster hinausschaute, „was für ein Glück es ist, wenn man ohne Mauer vor den Fenstern leben kann.“ „Das will ich wohl meinen“, sagte Golde ihm mit dem Kopfe zunickend und Chajim fuhr fort: „Sieh nur, sieh ... da kann man ins Leben hineinsehen . . . Menschen . . . Pferde . . . gehen . . . fahren . . . die ganze lebende Welt ist zu sehen“ ... „Närrchen, gehe dein Glas trinken!“ sagte Golde gutmütig und blickte auch zum Fenster hinaus. Chajim konnte sich nicht sattsehen. „Wer weiß, wie lange das dauern wird“, sagte Golde mit einem Seufzer, „gewiß wird man bald ein neues Haus bauen!“ „Da kann noch der ganze Sommer vergehen“, tröstete Chajim seine Frau und wie lange es auch noch dauern mag, Gott sei Dank dafür, wir verlieren ja nichts dabei.“ „Möchtest du nicht etwas zum Tee essen?“ fragte Golde. Chajim bat um ein Stückchen Brot. „Seitdem es bei uns hell geworden, will man auch mehr essen“, sagte Golde und reichte ihm ein Glas Tee und ein Stück Brot. Dann goß sie sich ein Glas Tee ein und setzte sich auch zu ihm ans Fenster. So tranken diese armen Leute Tee und aßen dazu Brot, dabei sahen sie zum Fenster hinaus und waren glücklich. von diesem Vorwurf zu reinigen. Sollte das der „Ica“ nicht gelingen, so wird es Pflicht aller redlich und ehrlich denkenden Juden sein, gegen die Verwaltung der Jewish Colonisation Association die ganze jüdische öffentliche Meinung zu mobilisieren. * Kandidatur Dr. Birnbaums. „Der jüdische Arbeiter“ meldet in der Leitnotiz, daß Dr. Natan Birnbaum in den Bukowinaer Landtag zu kandidieren gedenkt und knüpft an diese Meldung folgende Betrachtungen: „.Dr. Birnbaum wird in die jüdischnationale Politik ein neues Element einführen: die nationale Konsequenz. Ein Mensch, der sich ein Leben lang trotz tausend Schwierigkeiten zur jüdischen Masse durchgekämpft hat, nie er jetzt genau kennt, mit welcher er lebt und webt — ein derartiger Mann wird nicht auf halbem Wege stehen bleiben und wird nie über einen kleinen Scheinerfolg, über ein leeres Schlagwort an die wirklichen Volksbedürfnisse vergessen.“ * * * Der Wiener Rektor gegen die Jüdischnationalen. Der gegenwärtige Rektor der Wiener Universität, Dr. theol. Swoboda, läßt keine Gelegenheit vorübergehen, ohne sein Mütchen an der jüdischnationalen Hörerschaft zu kühlen. Ganz im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die doch wenigstens nach außen hin den Schein der Objektivität zu wahren suchten, scheint es sich der derzeitige Rektor im Vereine mit dem von den vorjährigen Studentenkrawallen sattsam bekannten Dr. B1 u m a u e r, zur Aufgabe gemacht zu haben, der bisherigen halbwegs annehmbaren Politik der obersten Universitäts-Behörde einen ganz anderen Kurs zu geben. Alle Hebel werden in Bewegung gesetzt, um gegen die JUdischnationalen disziplinariter vorgehen zu können. Es ist einfach beschämend für die Leitung einer autonomen, Jahrhunderte alten Anstalt, was den Rektor zu Maßnahmen gegen eine nationale Gruppe gleichberechtigter Hörer dieser Universität veranlaßt. So nahm Dr. Swoboda vor einigen Wochen ein ihm zugekommenes böswillig ausgestreutes Gerücht, daß „die Jüdischnationalen Krawalle planen,“ zum Anlasse, um Vertreter derselben zu sich zu berufen und ihnen ohne jeden Grund eine Verwarnung zu erteilen. Welche Gefühle ein solches Vorgehen in allen Kreisen der jüdischnationalen Studentenschaft auslösen muß, braucht hier nicht besonders hervorgehoben zu werden, zumal der größte Teil der Jüdischnationalen eifrig seinen Pflichten obliegt und sich zufrieden gibt, unbehelligt in die Lehrsäle zu gelangen. Noch krasser ist ein zweiter Fall. Man erinnert sich noch, wie im Vorjahre wehrlose jüdische Mädchen, Studentinnen, in den Wandelgängen der Universität von antisemitischen Horden, die sich Studenten nennen, insultiert wurden. Die Reaktion Unterdessen begannen auch die Kinder aufzustehen; auch sie liefen sogleich ans Fenster und wurden nicht müde, hinauszusehen. „Sie verlangen nicht einmal zu essen“, sagte Golde und blickte zärtlich die nackten, bleichen Kinder an. „Das Licht“, bemerkte philosophierend Chajim, „ist ihnen anscheinend wertvoller als das Essen“. Plötzlich klopfte es an der Tür und Frau Herschmann, die Nachbarin aus dem vierten Stock, trat in das Zimmer. Sie wünschte einen guten Morgen, Chajim und Golde erwiderten ihren Gruß und forderten sie auf, Platz zu nehmen. „Ihr erfreut euch an der Aussicht auf die Straße?“ fragte Frau Herschmann, indem sie dabei seltsam lächelte. „Nun, sagen Sie, Mrs. Herschmann“, erwiderte Golde, „ist es nicht, als sei es heller vor den Augen geworden?“ „Aber nicht wahr, man wird bald bauen?“ fragte Chajim und er und Golde blickten wie erschrocken auf Frau Herschmann. „Bauen wird man noch nicht so bald, es werden noch einige Monate vergehen, aber — „Aber was denn?“ unterbrachen die beiden Ehegatten die Fremde und starrten sie mit weit geöffneten, entsetzten Augen an. Aber der Hausbesitzer wird allen an dieser Seite des Hauses Wohnenden den Mietzins um anderthalb Doiiar monatlich erhöhen.“