Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 3 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 3 Ja noch mehr, die Kandidaten Max Frank und Dr. S. Ehrmann hatten sich erst formell auf das oppositionelle Programm verpflichtet und nachher wenigstens erklärt, sie seien wohl für das allgemeine, nicht aber für das gleiche Wahlrecht; auch der seinerzeit von Dr. Stern hinausbugsierte kais. Rat Wilhelm Pollak hatte sich vormittags für das oppositionelle Programm begeistert, um sich nachmittags von Dr. Stern in Gnaden als offiziellen Kandidaten aufnehmen zu lassen. Aber immerhin,. Dr. Stern verlautbarte schon Ende 1908 in mehreren öffentlichen Kultusvorstandssitzungen, das Statutenreformkomitee sei emsig am Werk und werde es „in einigen Wochen“ dem Vorstand zur Beschlußfassung vorlegen. Es vergingen Wochen, Monate, 2 Jahre. Die Zionisten hatten den Atem angehalten, um ja nicht den Arbeitseifer und die gute Laune der Reformer zu stören. Endlich, vor 14 Tagen, wagte eine Deputation des zionistischen Zentralvereines unter Führung des Obmannes Dr. Jakob K o h n s, nachzufragen, wie weit man denn halte. Da aber kamen sie bei Dr. Stern schön an! Er wolle keine Reform, es gebe keine Reform. Punktum! Da entsandte der letzte Distriktstag Sonntag den 16. d. eine verstärkte Deputation unter Führung des Distriktsobmannes Dr. Karl Pollak, um dem Kultuspräsidenten die einhellige Forderung des Distriktstages nach Statutenreform schlechthin zu überbringen. Dr. Stern erwiderte in barschem Tone:„Fällt mir nich't im Traum ein!“ und kommentierte seine Ablehnung in der unmittelbar darauf stattfindenden öffentlichen Vorstandssitzung wörtlich wie folgt: „Ich gab der Deputation die Antwort, daß ich ihre Anschauung nicht teile und daß ich glaube, auch der Vorstand teile sie nicht, denn das derzeitige Wahlstatut müsse ein den Anforderungen unserer Gemeinde entsprechendes genannt werden. Darum glaube ich nicht, daß irgend eine Aenderung vorgenommen wird, wie sie von den Einschreitern insinuiert wird“ —- Und 30 Vorsteher saßen herum und — schwiegen. Erst nachdem die völlig belanglose Aenderung der Geschäftsordnung akzeptiert war, daß fortab externe Mitglieder der Fachkommission etc. des Kultusvorstandes nicht nur beratende, sondern — nach Ermessen des Kommissionsobmannes — auch beschließende Stimme haben, raffte sich Dr. Markus Spitzer auf und säuselte zum Fenster hinaus, er betrachte diese „Reform“ Arbeitgeber nicht umsonst Geld zahlen. Chajim hatte eine Gattin, eine hohe, hagere, keifende, schwindsüchtige Frau und fünf Kinder, von denen das jüngste drei Monate alt war. Dank der Mauer, die seine Wohnung in lichtlose Nacht verwandelt hatte, zahlte er einen geringeren Mietzins, als dies sonst üblich war. Er bewohnte mit seiner Familie zwei kleine Zimmer und eine Küche und zahlte dafür nur sechs und einen halben Dollar monatlich. Garbar wußte, daß es ganz unmöglich sei, eine billige Wohnung zu finden, er verstand daher die seine wohl zu schätzen und war eifrig beflissen, dem Hauswirt bei jeder nur möglichen Veranlassung seine Ehrerbietung zu bezeugen. Das Herannahen des „ersten“, des Tages, an dem der Mietzins entrichtet werden mußte, erfüllte ihn jedesmal mit Furcht und Bangen. Es war, als ob ihm der Boden unter den Füßen wankte, und im Schlafe hatte er beängstigende Träume, aus denen er in der Nacht mit einem Aufschrei erwachte. Auch seine Frau Golde war aus demselben Grunde ganz krank geworden-, sie hatte einen trockenen Husten und heftiges Ohrensausen, und es schien, daß sie beide nicht mehr lange leben würden. Ja, Chajim wußte nur zu gut, daß er nicht mehr als sechs und «inen halben Dollar zahlen könne, und deshalb war ihm so viel an seiner Wohnung gelegen. Wenn nur nicht diese Mauer gewesen wäre, die fast dicht bis an ihre Fenster heranreichte! . . . Diese Mauer untergrub ihr Leben ... Es war dunkel . . . eine nur als Abschlagszahlung zu künftigen Einrichtungen, welche allen Kreisen der Judenschaft irgend einen Einfluß auf die Gemeindeverwaltung einräumen. Es gehe nicht an; über die Taufen zu jammern, aber das wirksamste Gegenmittel, allseitige Belebung des Interesses am jüdischen Gemeindeleben, zu verschmähen. Und die anderen 29 Vorsteher saßen herum und — schwiegen. „Das sind sie alle, alle ehrenwert!“ Befriedigt verkündete der Sklavenhalter Dr. Stern: „Schluß der öffentlichen Sitzung.“ Immerhin. Uns Zionisten aber verkündet diese Sitzung den Beginn des Wahlkampfes gegen die „stufenweise, geläuterte Heuchelei“. Der Kampf ist uns aufgezwungen, deshalb werden wir ihn nicht weniger mannhaft führen. _ Der Leidensweg eines polnischen Juden. Gottes weite Erde trägt keine glücklicheren Geschöpfe, als es die polnischen Juden sind. Nenne mir jemand eine zweite Volksgruppe, die sich gleicher Fürsorge erfreut, wie die galizischen Juden seitens ihres Landesausschusses! Hat diese Behörde nicht erst jüngst bei der Monopolisierung des Salzhandels das väterliche Wohlwollen für die Juden geleitet? Die höchste autonome Körperschaft des Landes will in kluger Voraussicht jenen Hunderten jüdischer Familien, die sich vom Salzhandel kümmerlich ernährten, durch Entziehung dieses armseligen Erwerbszweiges indirekt zur Gründung einer neuen glücklichen Existenz jenseits des großen Teiches den Anstoß geben, und um dieses löbliche Ziel zu erreichen, beschloß sie in selbstlosester Weise, das Land höchstallein mit billigem Salze zu versehen. Sollte es gleichwohl noch verstockte Naturen geben, die in diesem Riesenuntemchmen nicht einzig und allein eine Wohltätigkeitseinrichtung für die galizischen Juden erblicken, so müßte die rühmlichst bekannte „Enquete“, die in der letzten Zeit so eingehend — besprochen wurde, diesen Ungläubigen die Augen öffnen. Da steht es ja schwarz auf weiß in den amtlichen Protokollen des hohen galizischen Landtags: „Der Landesausschuß wird beauftragt eine Enquete einzuberufen, welche über die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der galizischen Juden beraten soll.“ Mit diesem Aufträge steht die vom Landesausschusse etablierte Salzkrämerei sehr wohl im Zusammenhänge. Mein Gott 1 Woher soll man denn in einem Juden-Paradies wie Galizien auf einmal Judenelend nehmen, um über dessen Sanierung „beraten“ zu können? Das muß doch selbstredend erst langsam vorbereitet werden. ewige, lichtlose Dunkelheit! Diese machte alles | traurig und trieb zur Verzweiflung, und oft, wenn i man diese düstere Mauer anschaute, fühlte man j sich geradezu versucht, sich zum Fenster hinauszustürzen. Diese Mauer war auch schuld daran, daß alle seine”Kinder schlecht sehen konnten, vielleicht war sie es auch, die Golde so verbittert und elend gemacht hatte. Aber wie war diesem Uebel abzuhelfen? Chajim sah ein, daß er nur dank der Mauer die Möglichkeit hatte, jeden Monat zwei Dollar weniger ausgeben zu können, darum hatte er sich daran gewöhnt, die Mauer als etwas in seinem Leben Notwendiges zu betrachten . . . und er murrte nicht, sondern oft war er ihr innerlich sogar dankbar . . . Natürlich, wenn der Mietzins derselbe bleiben könnte, dann hätte Chajim nichts dagegen gehabt, wenn die Erde diese Mauer verschlungen hätte, aber er wußte ja, daß dies unmöglich sei. Eine helle Wohnung ist sehr teuer in Amerika, für das Sonnenlicht muß man viel, sehr viel Geld zahlen. So war denn nichts zu machen und Chajim und Golde hatten sich schon so an die Mauer gewöhnt, daß auch dann, wenn sie auf die Straße hinausgingen, ihnen eine Mauer entgegenzustarren schien. Und plötzlich waren so unerwartet Leute gekommen und hatten die Mauer niedergerissen und auf einmal war es so hell geworden — und man brauchte nur das Fenster zu öffnen, so drang ein erfrischender Luftzug in das Zimmer . . . Was war So nur sind die Experimente auf dem Gebiete des Salzkleinverschleißes aufzufassen. An diesen Versuchsobjekten, den jüdischen Salzhändlern, soll der seitend Judenefend-Bazillus gezüchtet werden,, um Objekte zu gewinnen, die man den Segnungen der Enquete zuführert kann ... Der Anfang wurde mit Tarnow gemacht.: Diese Stadt, deren Juden glücklicherweise gescheit genug waren, zu ihrem. Abgeordneten den waschechten polnischen Edelmann italienischen Blutes Baron B a 11 a g 1 i a, zu wählen, erhielt aus Dankbarkeit für ihren Patriotismus den Vorzug. Hier errichtete nämlich der Landesausschuß im Herbst einen eigenen Salzverschleiß, der natürlich in vollständiger Judenreinheit erhalten bleibt. Damit aber die jüdischen Verschleißer, die sich merkwürdigerweise dagegen wehren, brotlos zu werden, ihren Salzbedarf nicht direkt in den Salinen decken und den Landesausschuß umgehen können, wurde vorgesorgt, daß ihnen in den Salinen der Verkauf des besseren Speisesalzes, das ausschließlich der Landesausschuß bekommt, unter verschiedenen Vorwänden verweigert wird, so daß sie gezwungen sind, ihren .Kunden nur minderwertiges Salz zu verabreichen. So ist also das Experiment gelungen. Das Judenelend ist da und Herr Löwenstein und Konsorten können schon ruhig mit ihrer „Enquete“ beginnen. Aber siehe da, die „Objekte“ sind so unverschämt, nicht einmal solange hungern zu wollen, bis ihnen die Enquete Brot gibt. Was tun solche arrogante Juden? Sie entsenden gar einen aus ihrer Mitte nach Wien behufs Intervention wegen des ihnen angeblich zugefügten Unrechtes bei den Zentralstellen. Als Bote des Judenelends, ausgerüstet mit Zeugnissen und Dokumenten aller Art, machte sich sich unser Delegat auf den Weg nach der Reichshauptstadt, wo dessen erste Schritte zu „seinem“ Abgeordneten, zu Baron Battaglia, führten, um ihm vertrauensvoll sein Leid zu klagen. Dieser vom Beizer Wunderrabbi als Judenfreund kat exochen allen gläubigen Juden warm empfohlene Blaublutpole ist so sentimental veranlagt, daß ihm schon beim bloßen Anblick eines notleidenden Juden der Appetit vergeht. Wahrscheinlich mußte damals beim Eintritt des jüdischen Sendboten der „hohe“ Magen seiner freiherrlichen Gnaden seine Rechte verlangt haben; denn kaum daß er den Juden erblickte, setzte ihn der judenfreundliche Volksvertreter schnell vor die Tür, um sich die Mahlzeitslaune nicht zu verderben. In dieser ganz primitiven Weise entledigt sich der edle Schlachzize seiner Mandatspflichten und der naive Besucher hatte Zeit, über die Ergebnisse seiner Audienz ... am Pflaster nachzudenken. Aber unser wackerer Delegat erholte sich rasch. An Schlachzizenfußtritte ist ein galizischer Jude gewöhnt und im konfessionell - polnischnationalen Israelitentum nimmt man derartiges nicht allzu tragisch. „Ein Puritz“, dachte sich unser Held, das doch für eine Wonne! Die Garbarschen Eheleute waren gar nicht daran gewöhnt, und sie j konnten kaum ihren Augen trauen, aber sie hatten wirklich nicht mehr die Mauer vor sich und alle, Garbar mit seiner kranken Golde, die Kinder, sogar der Säugling — alle fühlten sich wie neugeboren . . . Golde war es nicht mehr so wirr im Kopfe, obgleich der schreckliche „erste“ mit schnellen Schritten nahte. Golde war weicher geworden, sie zankte und keifte nicht mehr den ganzen Tag mit den Kindern wie früher . . . Sie atmete freier und auch die Kinder wurden heiterer und lebten auf... Sobald das Tageslicht in das Zimmer drang, war auch auf einmal deutlich der Schmutz zu sehen, der sich dort angehäuft hatte und Chajim und Golde machten sich eifrig an die Arbeit und ruhten nicht, bis sie das ganze Haus gesäubert hatten; Golde scheuerte die Fußböden und Chajim trug vielleicht 100 Pud alles möglichen Gerümpels und Schmutzes auf die Straße hinaus. „Das Zimmer scheint größer geworden zu sein“, sagte Golde, als sie mit dem Aufräumen fertig waren. „Das ist kein Wunder“, antwortete Chajim, „habe ich doch so viele Fetzen und Schmutz auf die Straße getragen.“ „Aber seit wann hat sich das angesammelt? Früher war das alles gar nicht zu sehen“, sagte Golde erstaunt.