Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 3 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE ZEITUNG nfitidnfil-jledisiihes orbrn »m ■ ■■■■»■■ ■ ■■■■* ■■■■■■■■■■ BB* ü B Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werdep nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn; Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Gaqzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk.3.—. Für das übrige *•*•*#**•»■*****•*•** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplpre20 h. Postsparkassenkonto 104.067. ***•■***■*•*•*•**•*** * Nr. 3. Wien, Freitag den 21. Jänner 1910. IV. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: . ..Das sind sie alle, alle ehrenwert!“ Der Leidensweg eines polnischen Juden. Von Joachim Neiger. Die jüdischen Handelsangestellten. Von Ben Mordechai. Von der Woche. Der innerösterreichische zionistische Distrikstag. Westjuden. Novelle von Ben David. Vereinsnachrichten. Ueberläufer. . . Das sind sie alle, alle ehrenwert!“ Was die Mimosen unter deri-PfI$nzen, das sind unter uns Menschen die Vorstandsmitglieder der Wiener israelitischen Kultusgemeinde. So oft die demokratische Opposition mit einem Reformvorschlag oder einer sachlichen Beschwerde gegen die Art der Gemeindeführung an die Herren vom Vorstand herantrat, schlug auch schon ihr Schmerzensgeschrei, vorgetragen von den bezahlten Preßklageweibern, gegen die Wölbung des Himmels und die Herzen der Wähler, der Schrei des Schmerzes darüber, daß die bitterbösen Friedensstörer selbst die Ehre dieser auserlesensten Ehrenmänner nicht schonen. Wir müssen darum bei Besprechung von Wiener jüdischen Gemeindeangelegenheiten jedes Wort vorher auf die Papierwage legen, um den Herren vom Vorstand und auch uns die Wiederholung ihrer Klagegesänge zu ersparen. Der beste Ausweg scheint uns der, die Tatsachen in ihrer eigenen beredten Sprache sprechen zu lassen. Welche ist wohl die erste Pflicht eines Ehrenmannes nach der Auffassung des gesellschaftlichen, kaufmännischen und politischen Lebens? Zweifellos die, sein verpfändetes Wort, sein Ehrenwort unver- Die Mauer. Erzählung aus dem Leben der amerikanischen Juden von S. Libin. Uebertragung von R. Nicht die fürchterliche Bastille ist hier erstürmt worden . . . und kein freudiges Jauchzen von Revolutionären hat ihr Fallen begrüßt . . . Die Sache hat sich in Amerika, in der Stadt New-York zugetragen, in einem freien Lande und in einer freien Stadt, wo es weder eine Bastille, noch Revolutionäre gibt . . . Hier wurde einfach ein kolossales, dunkles Gebäude niedergerissen, und zwar rissen die von dem Hausbesitzer gedungenen Arbeiter es nieder, weil es so morsch war, daß es sich kaum noch halten konnte und sicher von selbst eingestürzt wäre, hätte man nicht rechtzeitig Abhilfe geschafft. Dann wurde das Gebäude auch deshalb niedergerissen, weil der Hausbesitzer reich geworden war und ein neues Haus erbauen wollte, größer und massiver, noch höher und mit einer noch größeren Anzahl von „Gruben“ als das alte Haus — damit man nachher noch mehr Rente schaufeln konnte . . . noch mehr Dollars . . . Dollars ohne Ende . . . Aber das Haus, das man niedergerissen, hatte bis dahin viele schwache und bleiche Kinder gänzlich der Luft und des Lichtes beraubt; denn seine brüchlich, ohne Drehen und Deuteln zu halten. Wohl denn, wie bestehen die Herren vom Vorstand diese Probe? Wir Zionisten haben seit unserem ersten Auftreten bei der Kultuswahl vom Jahre 1898 als wichtigsten Programmpunkt die Forderung nach einer gründlichen Demokratisierung des Kultuswahlrechtes vertreten. Im ersten Schrecken darüber verschanzte sich der Kultusvorstand im Jahre 1900 durch Zuweisung eines Drittels aller Mandate an die neukreierte Kurie der Millionäre — trotz des Widerstandes des jetzigen Kultuspräsidenten Dr. Stern. Als aber der beständige Ansturm der Zionisten zu lästig wurde, schloß der Vorstand mit ihnen anno 1904 jenes denkwürdige Kompromiß, welches sich keineswegs in der Aufnahme eines Zionisten in den Vorstand erschöpfte, sondern auch I sachliche Zugeständnisse an die Opposition brachte. So hat das „Vereinigte Wahlkomitee“ in seinem an alle Kultuswähler verschickten Aufruf und Programm eine Reihe von „für die Unterstützung der Kandidaturen maßgebenden Programmpunkten“ aufgestellt, von denen hier nur ein Passus angeführt werden mag: „bei Reform der Kultussteuer wäre behufs Erweiterung des Wahlrechtes die Festsetzung des obligatorischen Steuerminimumsauf zehnKronen ins Auge zu fassen.“ Dieser Wahlaufruf samt Programm war nebst anderen illustren Größen von K. Rat Anninger, Gottlieb Bettelheim, Dr. Hermann Fialla, den nachmaligen Kultusvorstehern Adolf Schramek und Samuel Steiner, sowie — not last, butnot least — von Dr. J. S. Bloch gefertigt und nicht weniger als 14 Mandate wurden auf Grund dieses Programmes neu besetzt. Als aber in der konstituierenden Sitzung Präsident Dr. Stern hintere Mauer stand dicht vor der Vorderseite des gegenüberliegenden Hauses. Aber diese fürchterliche Mauer war jetzt zusammengestürzt und das himmlische Licht leuchtete plötzlich in viele dunkle Gruben hinein. Durch die geöffneten Fenster der dumpfigen, feuchten Stuben strömte reine Luft und die bleichen Gesichter der durch die Arbeit und die ungesunde Atmosphäre aufgezehrten Männer, Frauen und Kinder schauten zu den Fenstern hinaus; alle blickten sie voll Staunen und Freude auf den sich vor ihnen auftuenden freien Raum; und die Kinder blinzelten bei der ungewohnten Lichtflut mit den Augen und atmeten voll Wohlbehagen wirkliche, frische Luft ein. Man befand sich in der Mitte des Sommers. Es war drückend heiß, und da wehte auf einmal ein sanfter Wind. Die Armen sogen gierig die Luft ein und das Entzücken ihrer Kinder wollte kein Ende nehmen. „Oh, Mütterchen! Sieh doch, es ist hell!“ rief freudig ein Kind aus. „Oh, dort ist die Straße! . . . Sieh, dort ist die Straße zu sehen! . . .“ „Oh, wie hell! Da gehen Onkel und Tanten“, sagte ein anderes, ganz kleines Kind zu seiner Mutter. Und einer der Bewohner des „hell“ geworfeierlich enunzierte: „Der Vorstand ist nicht dazu da, um Statutenexegese zu treiben“, da schwiegen die 14 Neugewählten ebenso intensiv wie ihre älteren Kollegen. „Das sind sie alle, alle ehrenwert!“ Als durch die Nichteinhaltung der offiziellen Versprechungen die Zionisten 1906 neuerlich zum Wahlkampf gezwungen waren, erließen die gleichen Herren Fialla, Bettelheim, Steiner, Bloch etc. vom „Zentral- Wahlkomitee“ unter Anschluß an ihre „damals von allen Seiten beifälligst begrüßte und durch die Wahlen sanktionierte Kundgebung vom Jahre 1904“ ein dem „stufenweise geläuterten Fortschritte“ gewidmetes Programm, welches unter anderem besagt: „Im Interesse der ungestörten Weiterentwickelung unserer Gemeindedrängen wir derzeit auch nicht auf die Einführung des obligaj torischenSteuerm i ni m ums von zehn Kronen. .. .“ Naturgemäß schäumte jetzt der Zorn der geprellten Opposition umso höher auf. Da steckte 1908 das „Zentral-Komitee“ neuerlich um und versprach den Wählern „gesunde Reformen auf dem Gebiete der Gemeindeverwaltung“ danmte?:- „Das geltende Statut der Kultusgemeindc soll hinsichtlich einiger seiner Bestimmungen einer gründichen Aenderung unterzogen werden. So erweist sich u. a. die Vermehrung der Vorstandsmandate als unumgänglich notwendig. Die Wahlordnung ist nach der Richtung zu ändern, daß die Bestimmungen für die Erlangung des aktiven Wahlrechtes eine wesentliche Erweiterung erfahren. Für die Bemessung der Kultussteuer ist eine feste, womöglich gesetzliche Grundlage zu schaffen“. Dieses Programm war nebst den üblichen Wahlmachern von Dr. Alfred Stern und 22 anderen Kultusvorstehern gefertigt, und die übrigen Kultusvorsteher wurden auf Grund dieses Programmes gewählt. denen Hauses, der Polierer Herschmann, sagte’ jetzt, wo es im Hause so gut sei, würde er nicht mehr auf dem Dache schlafen. Auch der Hausierer Abraham dachte schon daran, daß er nicht mehr würde auf das Dach zu klettern brauchen, um frei zu atmen. Die Frau des Morris, dessen Spezialität die Anfertigung von Hosenträgern war, machte sich eifrig daran, die Betten in das vordere Zimmer näher an das Fenster zu schleppen, und im ganzen Hause herrschte Unruhe und Aufregung. Die armen Leute waren voll Freude . . . Die Kinder jauchzten vor Entzücken und all dieser Jubel nur, weil man eine Mauer niedergerissen, weil es hell geworden und die Menschen frei atmen konnten. Unter den Armen, denen ein so unerwartetes Glück zuteil geworden, befand sich auch Chajim Garbar. Dieser wohnte schon fast drei Jahre in dem Hause und die benachbarte Mauer hatte ihm schon zur Genüge sein Leben verbittert. Er war ein Schachtelmacher. Wenn viel Arbeit war, verdiente er seine sieben Dollar wöchentlich, indem er in einer Weise arbeitete, wie es nur in den „sweatshops“ zulässig ist, d. h. von 4 Uhr morgens bis zehn Uhr abends. Aber während der stillen Zeit verdiente er nicht einmal diese Summe, da die