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Jüdische Zeitung · 1910-01-14 · 2 (14.1.1910) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
2 (14.1.1910)
Date
1910-01-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 2 •1 - ' .. l— ....—-- -~ - ist jetzt eine Imraobiliengesellschaft mit Anteilen von Mk. 500 in Bildung begriffen, welche die schnelle Wertsteigerung des städtischen Grundbesitzes auszunutzen gedenkt. Wenn der Wert dieser rein kapitalistischen Unternehmung an sich für unsere Bewegung auch nur ein geringer ist, so dient das Hereinströmen auswärtigen Kapitals nach Palästina doch sehr dazu, den Kredit des Landes zu heben und das Selbstvertrauen der Bewohner zu erhöhen. Beides aber trägt dazu bei, die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas zu beschleunigen, indem dadurch einerseits ein Anreiz für weiteres ausländisches Kapital geschaffen wird, nach Palästina zu gehen, anderseits die Einwohnerschaft selbst mehr Mut bekommt, sich industriell zu betätigen. Aus diesem Grunde ist das Palästinaressort bei der Werbung des Kapitals behilflich. Achuzath Baith. Die Häuserbaugesellschaft Achuzath Baith wurde vom Palästinaressort speziell durch die Hilfe des Palästinaamts bei der Finanzierung sowie bei der Aufstellung der Pläne gefördert. Seitens des Nationalfonds wurden ihr auf Wunsch des Großen A. C. und unter Garantie der A. P. C. Frs. 300.000 als langfristiger Kredit gegen Ausgabe von Obligationen zur Verfügung gestellt und hierdurch die schnelle Inangriffnahme des Hausbaues in Jaffa und Haifa ermöglicht. Der größte Teil der Häuser ist bereits im Bau oder fertiggestellt, so daß die Juden, welche bisher auf die engen Gassen der alten Teile dieser Städte beschränkt waren, bald auch schöne luftige Quartiere besitzen werden. (Stürmischer, sich immer wieder erneuernder Beifall.) Pogrom in Wien. Atrf den beiden Seitenstetter Repräsentations-Palästen Liegt es wie vor Sturm und Wetter Und vor dumpfen Trauerfesten. — Durch das Tor geh’n tiefbetrübte Senatoren unseres Stammes, Finster schaut der vielgeliebte Evangelisch-deutsche Schammes. In dem „freien“ Blätterwäldchen Gibt’s ein böses Ueberwintern, Singer legt in Sorgenfältchen Seinen Elephanten-Hintern. Sagt, was Ihr für Unheil wittert, Daß sogar — ach! — innerhalb der Leopoldstadt Ofner zittert Und Schwarz-Hiller, sein Gesalbter? Welch ein Unheil? Wer beschwor es? Ist ein Feind in uns’rer Mitte? Sag”, was sind auf Dir für Zores, Teuere Isra-EIite??! Weh! Es geht uns j'etzt ans Kragl, Weh! Das Judentum geht puter —- Statt des Marschall wurde Nagl Bischöflicher Ko-adjuter! Beda. Budapester Brief. (Von unserem Korrespondenten). Die ungarische Presse über den Kongreß. Wieder eine „Lösung“ der Judenfrage. — Ein vornehmer Täufling. Der IX. Zionistenkongreß hat selbst hierzulande, wo man allgemein jüdischen Angelegenheiten sonst wenig Interesse entgegenzubringen pflegt, der Presse reiches Material geboten. Das offizielle Organ der neologen Judenschaft konstatierte eine gewisse Annäherung, da „die Zionisten von ihren Plänen zur Gründung eines Judenstaates bereits abgekommen sind und hiemit die Mitarbeit auch solchen ermöglicht haben, die bisher fernstanden“. Die orthodoxe „Allgemeine Jüdische Zeitung“ brachte unter dem Titel „Eine strenge Kritik des Zionismus“ die Reden der oppositionellen Kongreßredner. Das andere orthodoxe Organ ging stillschweigend über den Kongreß hinweg. Die nichtjüdische ungarische Presse hat beiweitem mehr Interesse und Verständnis gezeigt,; als die jüdische. Einige Blätter hatten sogar eigene Berichterstatter zum Kongreß entsendet, fast alle aber brachten ausführliche Berichte über die Verhandlungen und Veranstaltungen, die illustrierten Blätter sogar mit Nordaus Porträt. Unter den allgemeinen, dem Kongresse gewidmeten Artikeln ist derjenige von Zoltän S z ä s z, einem der begabtesten ungarischen Schriftsteller der modernen Garde, hervorzuheben. Der Artikel, in welchem er die Verwerflichkeit der Assimilation und die Notwendigkeit der zionistischen Bewegung hervorhebt, ist im vielgelesenen „Pesti Hirlap“ erschienen und hat nicht verfehlt, in weitesten Kreisen Aufsehen zu erregen. v * Seit Beginn dieses Jahres erscheint hier ein neues jüdisches Wochenblatt in ungarischer Spräche. Das Blatt, welches den Titel „Szombat“ (Sabbat) führt, wird von dem bekannten jüdischen Feuilletonisten Peter Ufväry herausgegeben und zeichnet sich du’rch Unparteilichkeit aus. Die erste Nummer enthält einen zionistenfreundlichen Artikel. * J Die Rumänen verstehen es, durch zielbewußte wirtschaftliche Arbeit immer mehr Boden in Siebenbürgen in ihren Besitz zu bringen, so daß die umwohnenden Nationalitäten, die Szekler und die Sachsen, Gefahr laufen, allmählich aus ihren Besitzungen verdrängt zu werden. Was soll da geschehen, um dem Vordrängen der Rumänen Einhalt zu gebieten und rden Boden den Magyaren zu erhalten? Diese Frage beschäftigt gegenwärtig sehr intensiv alle magyarische Kreise. Siehe, da kam plötzlich ein Retter in der Not, der : das brennende Bedürfnis hatte, seinen Erlösungsplan mitzuteilen. „Es wurde dieser Tage so viel von der Kolonisierung jüdischer; Ackerbauer gesprochen und geschrieben; wie wäre es nun — fragt der Ratgeber, der sich eines großen Budapester Tageblattes bediente — wenn wir in Siebenbürgen Juden ansiedeln würden? Die Juden sind ein zähes Volk, das sich den Rumänen nicht assimiliert, wie es bei den Ungarn und Deutschen der Fall ist, und da es gut patriotisch und magyarisch gesinnt ist, könnte es deren Vordringen aufhalten. Nun ist der Nagel aus dem Sack! Welch glänzende Rolle bietet sich hier dem jüdischen Volke. ,Es wird als Vorkämpfer die Position des : Magyarentums kräftigen und den Haß der verdrängten Rumänen auf sich laden. Wieder einmal soll also ein Kampf anderer Völker auf unserem Rücken ausgetragen werden. Selbst unsere Assimilanten sind zu klug, um in diese Falle zu geraten. Sehr zutreffend bemerkt ein Siebenbürger Aristokrat, der auf den zitierten Artikel erwidert, die Magyaren mögen die Siebenbürger Juden, die von allen verachtet werden, als M e n s c h e n behandeln, erst dann können j sie erwarten, daß dieselben für sie Partei ergreifen. * Vor einigen Monaten, als die Familie Hatvany-Deutsch in den Freiherrnstand erhoben wurde, war es eine Lust, in allen in- und ausländischen jüdischen Blättern zu lesen, wie ergeben die Familie der israelitischen Religion wäre und welch’ warmfühlendes jüdisches Herz in ihrem Busen poche. Der eine, Josef Hatvany, ist sogar Repräsentant der Alliance für Ungarn. Und nun gelangt plötzlich die Kunde ins Publikum: Baron Karl von Hatvany ist mit seiner ganzen Familie zum Christentum übertreten. Der Taufakt ist in der Hofkapelle vollzogen worden, welche wohl der eleganteste Ort hiefür sein muß. Der Vater hat es aus kleinen Anfängen zu einem großen Reichtum gebracht, war ein Vorkämpfer des liberalen Judentums- und hat Söhne erzogen, die eine Zierde des Assirriilantentums sind. Jetzt verstehen erst manche, warum sich gewisse führende Kreise der Pester jüdischen Gemeinde gegen die Veröffentlichung der Liste der Täuflinge sträuben? Es wird wohl aus Familienrücksichten geschehen. B—ö. Von der Woche. Max Nordau über das Judentum im 19. und 20. Jahrhundert. (Aus der „Neuen Hamburger Zeitung“.) Am Mittwoch 29. Dez. abends sprach Max Nordau vor einem tausendköpfigen Publikum im großen Saale des Konventgartens über das Judentum im 19. und 20. Jahrhundert, und damit trat der Neunte zionistische Kongreß gewissermaßen an die große Oeffentlichkeit und ließ ihr durch den beredten Mund seines Vorsitzenden erklären, was die Männer, die bei Ludwig tagen, in ihrer Seele bewegt, was sie zusammengeführt hat und zusammenhält, was sie hoffen und welche geschichtlichen Gründe sie zu ihren Hoffnungen haben. In großen Zügen gab Nordau eine Uebersicht über die Geschichte der Juden und ihrer geistigen und rechtlichen Zustände in der Zerstreuung. Rechtlos hielt sich das Volk aufrecht in einer Welt, deren einzelne Völker und Volksgruppen sich ihre Rechte mit dem Schwerte erkämpften und behaupteten. Die Christenheit betrachtete die Heimatlosigkeit und Rechtlosigkeit der Juden als ewige Strafe für die unerhörte und ungesühnte Missetat, daß sie den Heiland ans Kreuz geschlagen, ln keiner Volksgemeinschaft gingen die Juden auf, wie etwa andere die Heimat verlassende Volksstämme. Nie wurden sie förmlich in eine Rechtsgemeinschaft aufgenommen oder bildeten eine Rechtsgemeinschaft für sich, wie es sonst sogar fahrende Leute taten. Sie lebten ihr Dasein für sich, gleichsam in einem halluzinatorischen Traumzustand. Wenn sie von ihren alten heiligen Büchern aufsahen, so teilte sich der Nebel, der schon den nächsten Tag ihres Daseins in Ungewißheit und Dunkel hüllte, und sie sahen den Messias, wie er sie in die alte Macht und Herrlichkeit einsetzte. So verträumten die Juden, nach Nordau, das Mittelalter. So wurden sie Gegenstand der grausamsten Verfolgung. Ein Glück für ihren Bestand als Volk war es, daß die Verfolgungen nicht planmäßig geschahen, und daß sie ohne politische Zentren in der Zerstreuung lebten. Man konnte nur einzelne Teile vernichten, nicht das Volk in seinem Lebenskern treffen. Die Renaissance, die Reformation und Gegenreformation brachten keine Aenderung des Loses der Juden. Nur ganz von ferne hörten sie in ihren Ghetti das Brausen der neuen Zeit, den Huttenschen Jubelruf: Es ist eine Lust, zu leben! Die große Wende begann mit dem Erwachen der modernen Naturwissenschaften und der Aufklärung. Mit dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts wurden die Juden von verschiedenen abendländischen Staaten als nützliche Bürger aufgenommen, nachdem z. B. Friedrich der Große erklärt hatte, daß in seinen Ländern jeder nach seiner Fasson selig werden könnte. Nordau ging hier bei seinem geschichtlichen Rückblick weniger auf die rechtlichen und wirtschaftlichen Fortschritte in der Stellung der Juden während des 19. Jahrhunderts ein, sondern er verfolgte ihre Stellung zu den geistigen Bewegungen der Zeit. Er erinnerte unter anderem an Lessings „Nathan“ und den hervorragenden Kantkritiker Maimon, an den Freund Lessings, Moses Mendelssohn. Er wies hier auf die Stellungnahme Napoleons zu den jüdischen Gemeinden; der rücksichtslose große Realist wollte nichts Geringeres erzielen, als eine völlige Verschmelzung des jüdischen Volkes mit der französischen Nation seines Kaiserreichs. In unseren modernen Staaten, außer in Rußland und Rumänien (entgegen den Bestimmungen des Berliner Vertrags von 1878), ist die völlige rechtliche Gleichstellung der Juden durchgeführt. Anfangs unter dem neuen Rechtszustand schien es, als ob die Juden sich völlig mit dem Wirlsvolk verschmelzen wollten und als ob eine Judenfrage überhaupt nicht mehr existierte. So war es namentlich in den 60er-und 70er-Jahren

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