Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 2 (14.1.1910)
- Date
- 1910-01-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 IÜD1SCHE ZEITUNG. =--:-:-r mehr nähert sie sich auch ihrem letzten Ziele — der Ministerbank. Darüber gibt es keinen Zweifel mehr: sollte es zii einer stabilen Majoritätsbildung im österreichischen Abgeordnetenhause und in weiterer Folge zu einem parlamentarischen Ministerium kommen, dann werden die deutschen, tschechischen und slowenischen Klerikalen, respektive t Christlichsozialen nebst dem Polenklub sowohl im Abgeordnetenhause wie im Ministerium herrschen. Die etwaigen nationalen Differenzen werden durch den Antisemitismus ausgeglichen werden. Schon wies der Abgeordnete Tomola in einer Leopoldstädter Wählerversammlung darauf hin, daß die Tschechenhetze in Wien nicht opportun gewesen sei, mit Rücksicht auf die Judengefahr und gleichsam ergänzend fügte in einer anderen Versammlung Abg. K u n s c h a k hinzu, man könne die Vermehrung der slowenischen Ministerportefeuilles nicht ablehnen als Vorbedingung des zur Bekämpfung des Kapitalismus notwendigen Völkerfriedens. Wenn man weiters erwägt, daß die tschechischen Katholischnationalen in enger Fühlung mit den deutschen Christlichsozialen stehen und daß die Slowenisch- Klerikalen auch die Brücke zu den kroatischserbischen Parteien bilden, dann erst vermag man deutlich die Stärke der christlichsozialen Reihen im Abgeordnetenhause zu überblicken.Jedoch nicht nur im deutschen und slawischen Lager, sondern auch in Magyarien kann man als fixen Pol im allgemeinen Chaos das Förtschreiten der christlichsozialen Bewegung konstatieren. Was sich nun seit schon acht Monaten in Ungarn abgespielt, ist nicht . bloß eine Ministerkrise, sondern ein Zusammenbruch des seit 1867 bestehenden Systems, eine Zersetzung der dualistischen und personalunionistischen Parteien, die nur einig sind in der entschiedensten Opposition gegen das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht, in ihrer Erpresserpolitik gegen Oesterreich, sowie in der Aufrechterhaltung der magyarischen Oligarchenherrschaft über Ungarn-Kroatien. Während aber die alten Parteien jenseits der Leitha auf diese Weise sich selbst ihr eigenes Grab schaufeln, arbeitet die neukonstituierte Partei der magyarischen Christlichsozialen ungemein rührig für ihre zukünftige Herrschaft, indem sie weder in der Bankfrage, noch in der Armeefrage Konzessionen fordert, sich zum allgemeinen, gleichen, direkten Wahlrecht bekennt und und eine Politik der radikalen Sozialreform sowie der nationalen Toleranz proklamiert. So wird in Ungarn, wie in Zisleithanien durch die Politik der. Pseudoliberalen und Extrem-Nationalen den Christlichsozialen der Weg zur -Macht :gebahnt. Wer sollte ihn verrammeln? Die „Freisinnigen“' aller Zungen haben abgewirtschaftet oder ihre Kräfte sind durch den Nationalitätenhader an die Alliance mit den Klerikalen gebunden. . . . . Und die Sozialdemokratie endlich trauert über die anwachsende christlichsoziale Bewegung keineswegs; denn der Kampf gegen den Klerikalismus ist der Sozialdemokratie ebenso eine erwünschte Kampfparole, wie umgekehrt den Christlichsozialen der Feldruf gegen den „sozialdemokratischen Umsturz“ für eine christliche Sozialreform und „ein völkerversöhntes Großösterreich“. Uebrigens ist es bezeichnend, daß jüngst ini feudalen „V a t e r 1 a n d“ ein konservatives Herrenhausmitglied den sozialdemokratischen Führern ein förmliches Loblied sang und darauf hinwies, daß schließlich die Sozialdemokraten auch nicht viel antiklerikaler seien, als die Freisinnigen und es sich mit den Sozialdemokraten reden lasse. Wenn man alle die hier angeführten Tatsachen im Zusammenhänge betrachtet, dann muß man die politische Gesamtlage als trostlos bezeichnen. Was aber noch trostloser ist, ist die vollständige Verständnislosigkeit und Apathie der Mehrheit der österreichischen -Juden gegenüber dieser Situation. Bericht des Palästinaressorts erstattet auf dem IX. Zionistenkongreß von Professor Dr. Otto W a r b u r g. (Schluß.) Bezalel. Vorzüglich hat sieb die Kunstgewerbeschule „Bezalel“ in Jerusalem entwickelt (stürmischer Beifall), die nun das neue schöne Haus, ein Eigentum des Nationalfonds, bezogen hat. Dank der Rührigkeit des Vereins und der Beliebtheit der Institution selbst hat sich auch die finanzielle Grundlage derselben, die uns früher recht viel Sorge machte, wesentlich verbessert. Nicht Hur haben dazu die reichlichen Unterstützungen der zionistischen Einzelpersonen, Ortsgruppen und Vereine in der ganzen Welt beigetragen, sowie die von ihnen veranstalteten Ausstellungen der in der Schule hergestellten kunstgewerblichen Gegenstände, sondern auch das Aktionskomitee hat diese Institution sehr wesentlich dadurch unterstützt, daß es die Miete für den Verein bezahlt und schwer kriechen die Stunden dahin. Was wird der Permanenzausschuß bringen? Oben auf der Galerie rührt sich nichts. Die vielen hundert Menschen, die stundenlang ausharren da droben, um nur ihren schwer erkämpften Platz zu behaupten, sie sitzen jetzt stumm und starr und warten.- Die Zeit geht dahin. Jemand beginnt plötzlich Anekdoten zu erzählen. Wie eine Erlösung wirkt das; und viele Menschen gruppieren sich um ihn. An alles klammert man sich, was einen ablenkt und befreit, nur um diese Starrheit los zu werden, diese leere, öde Müdigkeit, dieses Entsetzen vor irgend etwas. —- Es geht auf zwei. Der Permanenzausschuß kommt zurück. Und alle zucken sie zusammen, ducken sich lautlos und lauschen. Laut und eintönig langsam klingt es von der Tribüne herab: „Im Namen des- Permanenzausschusses schlage ich für das E. A. C. vor . . .“ Nichts, gar nichts-bei Warburg Händeklatschen, bei Ussischkin lauter, aber rasch erstarrter Jubel. Dann kommt wieder die bleierne Schwere zurück und erstickt alles unter sich. Wolffsohn? fragt man. Sein Name ist nicht unter den sieben. Er bleibt Aufsichtsrat der Bank und hat als solcher Sitz und Stimme im E. A. C. Verdeutscht: Hält den Finger auf dem Säckel und bleibt de facto der Leitende. Wird aber doch nicht Präsident. Wer aber dann? Und jetzt, wo man vor dem Ziele steht, wird man schwankend. Warburg? zweifelt man. Handtke lehnt ab, Sandler lehnt ab. Und nach grauenvoll ewigen Minuten höchster Erregung und tiefster Depression zugleich, sieht man wieder einen zur Tribüne schreiten. Warburg — lehnt ab. Und der Beifallssturm ist wirklich echt. Man ist an geheuchelten und aufgezwungenen derart gewöhnt, daß man eä leicht unterscheiden kann. Man dankt Warburg, denn im gegebenen Moment, „unter diesen Umständen“, ist es einfach unmöglich, daß er, Warburg, Professor Warburg führen kann. Führen gegen weit mehr als 100 Stimmen, (1907 hatte Wolffsohn 59 gegen sich.) Ich werde diesen Moment vor der Erklärung Warburgs nicht vergessen. Neben mir saß ein junges Mädchen und flüsterte: „Das — ist das Ende — das — ist das Ende“. Wenige Minuten vorher hatte sie Anekdoten erzählt und gescherzt. — Dann aber, als Warburg abgelehnt hatte, sprang ein Russe auf, daß der Stuhl hinfiel, warf sich in eine Ecke, schlug die Hände vors Gesicht — und weinte. Die russische Landsmannschaft zog sich zu zu einer Beratung zurück. Ich ging in den Teeraum hinauf. Bei jedem Schritt hatte ich das Gefühl, als ob ich nicht mehr Nr. 2 hat. Auch hat das Palästinaamt eine: dauernde Kontrolle über die Schule ausgeübt. Daß sich das kunstgewerbliche Niveau der. Schule-in den; zwei Jahren sehr * gehoben hat, be-1 weisen die hier in Hamburg in einem Nebensaale des Kongreßgebäudes zur Ausstellung gelangten Erzeugnisse-derselben, die orientalischen Knüpfteppiche, Filigranarbeiten, Kupfergegenstände in' Damaskusart, inkrustierte Holzarbeiten, sowie Holzschnitzereien und Bilderrahmen. Es mag noch besonders erwähnt werden, daß vor kurzem in der Schule der tausendste Teppich fertiggestellt worden ist, womit eine kleine Feier verbunden wurde. Auch eine Kunstkorbflechterei und ein lithographisches Atelier sind der Schule angegliedert worden. Nicht weniger als 170 Personen finden jetzt im Bezalel ihren Unterhalt, von denen im Teppichatelier ca. 6Ö Mä'dchen und Frauen, im Filigranatelier ca. 40 jemenitische Juden, die sich vorzüglich hiefür eignen, beschäftigt werden. In der Mal- und Zeichenklasse werden zurzeit 22 Schüler unterrichtet. Im Damaskus-Metallatelier sind ca. .15, im Holzatelier ca. 20, im litographischen Atelier ca. 5, in der Korbflechterei ca. 6 Leute beschäftigt. Leider hat die Schule den Tod des Zeichen- und Mallehrers am Bezalel, S. Hirszenberg, zu beklagen, dessen schöne, von unserm Gesinnungsgenossen Glicenstein hergestellte Bronzebüste, der Schule eine dauernde Erinnerung an diesen seltenen Mann sein wird. Auch das mit der. Kunstgewerbeschule verknüpfte Kunst- und kunstgewerbliche Museum hat bedeutende Fortschritte gemacht. Die schönste Zierde desselben wird das auf dem Haager Kongreß der Schule versprochene, seitdem vollendete und hier auf dem Kongreß zum erstenmale öffentlich ausgestellte Selbstporträt unseres Altmeisters Joseph Israels bilden. Möge diese hochherzige Schenkung bei den übrigen großen jüdischen Künstlern das Bedürfnis wecken, gleichfalls in Meisterwerken, und möglichst in Selbstporträts unserm jüdischen Nationalmuseum der Zukunft vertreten sein. Dann wird die Zeit gekommen sein, wo Jerusalem nicht nur wegen seiner heiligen Stätten, sondern auch wegen seiner jüdischen Kunstschätze ein Anziehungspunkt für die Reisenden bilden wird. Der Anfang ist schon gemacht, indem gelegentlich der letzten Bezalelausstellung in München eine Reihe schöner, gleichfalls im Kongreßgebäude ausgestellter Kunstwerke dem Museum geschenkt wurde, darunter Bilder von Herrmann, Borchart, Schülein, Oppenheimer, Neustädter, Pottner, Wahle sowie von Professor Kaufmann eine Plakete „Liebermann“ sowie eine Gipsgruppe „David und Goliath“. Ferner hat der verstorbene Maler Hirszenberg eines seiner besten Bilder dem Bezalel-Museum geschenkt, wie ja auch das Gipsmodell von Glicensteins monumentalem „Messias“ im Garten des Bezalel sehr stimmungsvoll zur Aufstellung gelangt ist. (Beifall). wach sei; ich ging besinnungslos im Halbschlaf herum. All das war mir so weitgerückt. Ich fühlte, daß ich über irgend etwas zornig, vielleicht sogar tief, tief unglücklich war, aber was das eigentlich war — ich wußte es nicht mehr. Ich lehnte mich an bin Fenster und starrte hinaus. Da stand einer von den Russen neben mir, der hatte Tränen in den Augen. „Heute — heute schäme ich mich, daß ich Russe bin — wissen Sie“, stieß er hervor. Ich mußte lächeln. — „Ach Sie“ sagte ich, „zehn unserer besten Deutschen würden wir für einen Ussischkin geben. -“ Er aber: „Ussischkin — Ussischkin — jetzt sehe ich auch, er hat viel gesündigt am 7. Kongreß“. Und plötzlich bekam ich Hochachtung vor diesen Russen, denen die Person nichts, die Sache alles ist; die selbst ihren Ussischkin zu opfern imstande sind, sobald sie durch ihn die Einheit der Bewegung gefährdet glauben — so wie sie seinerzeit blutenden Herzens den vergötterten Herzl, wie sie jetzt kaltblütig Wolffsohn opferten. „Ach wir Deutschen“ sagte ich und schämte mich dieser Deutschen, die, um eine Persönlichkeit zu retten, um ihre kleinlich persönlichen Wünsche zu retten, die zionistische Bewegung zu sprengen suchen — die nicht das geringste Verständnis für die so sehr berechtigten Forderungen der Russen haben, noch haben wollen. — „Ach wir Deutschen“ sagte ich und verstand in diesem Moment die Tränen der anderen. —