Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 2 (14.1.1910)
- Date
- 1910-01-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE ZEITUNG Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, vierteljähr. Mk.3.—. Für das übrige *************** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *************** Nr: 2. Wien, Freitag den 14. Jänner 1910. IV. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Nach dem Kongreß. Politische Bilanz; Die Bezalelausstellung in Hamburg. Die Reorganisation der jüdischen Gemeinde in Rußland. Von Maxim Anin. Von der Woche. Parteinachrichten. Budapester Brief. Pogrom in Wien. Gedicht von Beda. Aus dem jüdischen Leben. Westjuden. Novelle von Ben David. Vereinsnachrichten. Ueberläufer. Die westösterreichische Landsmannschaft am Kongresse. In einer Plenarversammlung des Wiener „Zionistischen Zentralvereines“ erstatteten die Führer der westösterreichischen Landsmannschaft, die Herren Dr. Isidor Margulies und Adolf Böhm ihre Referate über den IX. Kongreß und wir sind nunmehr in der Lage, die Haltung unserer Delegierten in Hamburg zu besprechen. Es ist dies im Interesse der Wahrheit und Klarheit umso nötiger, als die offiziöse Presse sehr unzuverlässig und — wie unser Präsident David Wolffsohn selbst zugegeben hat — parteiisch berichtete. Zunächst sei mit Genugtuung festgestellt, daß Westösterreich durchaus einheitlich, geschlossen und zielbewußt vorging. Sämtliche Beschlüsse sind einstimmig oder doch mit großer Mehrheit gefaßt worden. Die westösterreichische Landsmannschaft, die bekanntlich im Zeichen der Opposition gegen das jetzige System der Leitung unserer Bewegung stand, hatte in ihren Sitzungen folgende Forderungen formuliert und dann mit aller Energie verfochten. 1. Die Leitung der Partei ist nach Berlin zu verlegen. 2. An diesem Orte Die letzte Nacht. Um 7* 10 Uhr begann die Nachtsitzung. Die Galerien waren überfüllt, Hunderte von Menschen drängten sich durcheinander, klammerten sich an Säulen und Vorsprüngen, kletterten auf die Balustraden und der Kronleuchter warf einen fahlen Schein anf ihre erregten Züge. Unten im Saal standen die Menschen in Gruppen und flüsterten; langsam gingen sie durch den Saal und warteten. Die Damen hatten die einstündige Abendpause dazu benützt, Toilette zu machen. Aber diese Versuche,Brillantenstimmung zu erzeugen, scheiterten kläglich und die schüchternen Frackhemden, die hie und da im Gewühl auftauchten, um rasch wieder zu versinken, vermochten nichts als die Kontrastwirkung nur noch fühlbarer zu machen. Kurz nach zehn Uhr betrat der Permanenzausschuß den Saal. Und urplötzlich ward es totenstill. Ein jeder suchte nur etwas aus den starren und unbeweglichen Gesichtern jener Männer zu erraten, welche sich langsam und schweigend auf ihre Plätze begaben. Totenstill ward es im Saal und selbst die Journalisten vergaßen ihre unzähligen Bleistifte weiterzuspitzen und beugten sich tiefer über ihr Papier, als Dr. W e i z m a n n auf der Tribüne erschien. haben 3 Mitglieder der Leitung — die in ihrer Zusammensetzung und in ihrer Wirksamkeit kollegial gedacht ist — ihren ständigen Wohnsitz zu haben, darunter auch ein Mitglied aus dem Osten. (Nachdrücklichst konstatiert inuß werden, daß unsere Landsmannschaft puf keine Stelle in der Leitung aspirierte.) 3. Um den kollegialen Charakter des engeren Aktionskomitees zu wahren, hat der Kongreß zu beschließen, daß der Präsident vom engeren Aktionskomitee aus seiner Mitte — also nicht mehr vom Kongresse selbst — gewählt werde. Diese letzte Forderung wurde als conditio sine qua non gestellt. Es ist unseren Delegierten gelungen — und das muß genügend gewürdigt werden — die Gesamtopposition, die sehr erregt, ja erbittert über das Kölner System nach Hamburg kam, auf diese gewiß maßvollen und akzeptablen Forderungen zu einigen, in welchen niemand eine Aktion gegen die Person des Präsidenten erblicken kann. Leider hat aber Wolffsohn, anstatt eine Opposition, die sich aus Rußland, Oesterreich, Palästina, einem Teile Amerikas, England — mit Ausnahme der Cowen- Gruppe — und aus efireT Reihe von gewichtigen Reichsdeutschen zusammensetzte, zu respektieren und ihren Wünschen Verständnis entgegenzubringen, alles auf die Frage zugespitzt, ob er bleiben solle oder nicht . . . Aus rein technischen Gründen sind unsere Delegierten in öffentlicher Sitzung nicht dazugekommen, ihren Standpunkt zu präzisieren. Dafür können sie wohl darauf hinweisen, daß sie im Permanenzausschusse, dem wichtigsten und ausschlaggebendsten Kongreßorgane, bei der Einigung auf Basis der oben entwickelten Grundsätze mitgewirkt haben, mit der auch Wolffsohn einverstanden war. Gleichwohl hat die deutsche Landsmannschaft die Durchführung vereitelt. „Im Namen des Permanenzausschusses habe ich den Antrag zu stellen . . .“ Fast einstimmig werden die ersten Sätze vom Kongreß angenommen. 21 Mitglieder, davon 3—7 im E.A.C. Mindestens drei an einem Ort. Allmählich löst sich die Spannung; es scheint, als ob der Kongreß einig sei. Aber dann geschieht es ganz plötzlich, ganz unvermittelt: Der Permanenzausschuß wird gesprengt! Bis zum letzten Satz folgt ihm der Kongreß — aber bei diesem letzten Satz erhebt sich ein Lärm, ein Schreien, Geschäftsordnungsrufe — zwischendurch das fürchterliche Hämmern des Präsidentenhammers — dann schreitet man zur Abstimmung und mit 148 gegen 128 Stimmen wird beschlossen, daß der Präsident auch fernerhin vom Kongreß und nicht von den Mitgliedern der E.A.C. selbst gewählt werden soll; der Antrag des Permanenzausschusses ist abgelehnt. Zuerst Ueberraschung — hier Freude, dort Schmerz — und mittendurch angstvolles Entsetzen: 148 zu 128 — wie soll man hier eine Brücke finden? Und während auf russisch-österreichischer Seite zum Schmerze sich der Zorn gesellt gegen jene 148, insbesondere aber gegen die deutsche Landsmannschaft, die durch ihr unsinnig-eigensinniges Verhalten eine Spaltung herbeizuführen droht — spüren diese 148 verflucht wenig von Siegesfreude — „Oh Der Schluß war jene unerquickliche Nachtsitzung die mit einem Provisorium endete. * * * Ein Rückblick auf die Kongreßtage läßt das oppositionelle Vorgehen unserer Landsmannschaft für völlig berechtigt, ja dringend nötig erscheinen. An allen Ecken und Enden hat es sich gezeigt, daß die zionistische Bewegung keine Leitung hat. Max Nord au hielt gleich zu Beginn eine offiziöse Rede, die vorher dem Aktionskomitee nicht vorgelegt worden war. Das Aktionskomitee erstattete einen durchaus ungenügenden, im Feuilletonstil abgefaßten Rechenschaftsbericht, und unterließ es dafür, dem Kongreß irgendwelche Vorlagen zu unterbreiten. Ebensowenig war während der jüngsten Tagung irgendwelche Ingerenz oder auch nur Stellungnahme unserer Leitung zu verzeichnen. Deshalb kann die westösterreichische Landsmannschaft der Zustimmung ihrer Auftraggeber zu ihrem Vorgehen gewiß sein, zumal sich auch die schärfsten Gegensätze am Hamburger Kongreß in würdigster Weise geäußert haben. Politische Bilanz. Die Pflichtdes bewußt jüdischen Politikers, seinem Volke zu Beginn des neuen Kalenderjahres ein Spiegelbild der politischen Lage vorzuhalten, ist diesmal sehr unerquicklich. Unerfreulicher als je gestalten sich für uns die politischen Verhältnisse im Gesamtreiche. Im österreichischen Abgeordnetenhause hat sich nun aus sämtlichen nationalen Lagern eine antisemitische Gemeinbürgschaft gebildet; ein durch die neue Geschäftsordnung allmächtiger antisemitischer Präsident fungiert als ihr Exekutivorgan und immer weh!“ schreit oben einer neben dem Präsidiumtisch und kraut sich, „wir haben gesiegt!“ Im Saale wildes Durcheinander. Der Permanenzausschuß zieht sich zu einer neuen Beratung zurück und läßt den anderen zwei Stunden Zeit, sich über die Sachlage klar zu werden. Das Eine weiß man: Es ist unmöglich, bei einem Stimmenverhältnis von 148 : 128 einen Leiter zu finden, der kräftig und von allen unterstützt arbeiten könnte. Und rasch läßt man noch einmal die wenigen Namen Revue passieren, die in Betracht kommen. Wolffsohn? Nimmt es sicher nicht an. Könnte zwar, wenn er wollte, den Kongreß majorisieren, hätte aber trotz momentaner Stimmenmehrheit die Majorität des Volkes, hätte Rußland, Oesterreich, die Besten der Deutschen und soviele andere gegen sich. Warburg? Die Deutschen erklären: entweder Wolffsohnr oder Stimmenenthaltung. Kann ein deutscher Präsident ohne die Deutschen arbeiten? Und die anderen? Kollegium? Ratlosigkeit, mehr noch: man ist deprimiert, hoffnungslos. Und ist beinahe schon auf dem Punkte, die Wahl Wolffsohns als Rettung zu betrachten — man wäre ihm fast wieder dankbar, wenn er „das Opfer bringen“ würde, wieder Präsident zu werden. So laufen die Menschen im Saal herum. Lang