Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 1 (7.1.1910)
- Date
- 1910-01-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 1 mus. Aber eine Gesellschaft, die keine Mittel hat, deren Hauptbesitz‘in Redensarten und Zeitungsreklame besteht, kommt und will sich damit einführen, daß sie den Zionismus bei der türkischen Regierung verleumdet! Sollen denn [die Interessen des jüdischen Volkes jedem Beliebigenjpreisgegeben sein? Das ist meine Antwort auf den Brief der Herren der A. J. K. 0.1 (Zustimmung.) Dr. Friedmann erklärt, daß drei Zionisten, mit in dem geschäftsführenden Ausschuß der A. J. K. O. sitzen: Dr. Heymann, Prof. Warburg und er selbst Als die A. J. K. O. begründet wurde, meinte man, daß die A. j. K. O. im engsten Zusammenhänge mit der zionistischen Bewegung versuchen würde, ihr Ziel zu erreichen. Im Anfang waren auch absolut keine Differenzpunkte. Nur von einer Seite wurden dauernd dem Zionismus Hindernisse bereitet, dauernd der zionistische Gedanke zurückgedrängt. Dadurch wurden Schwierigkeiten geschaffen für die zionistischen Mitglieder bei den Antizionisten, die sonst wahrscheinlich friedlich mitgearbeitet hätten. Und zwar war diese eine Seite immer wieder Dr. Nossig, (Pfui-Rufe.) Wir haben bestimmte Beweise dafür gehabt, daß gerade Herr Ginsberg sich namentlich für die Palästinasache eingesetzt hat. Erst in den letzten Tagen hat die Gründung der Wissenschaftlichen Palästina-Gesellschaft stattgefunden, und das wäre ohne die Mitwirkung dieses Herrn gar nicht möglich gewesen. Also Herr Ginsberg ist nicht verantwortlich. Aber für Herrn Dr. Nossig in irgendeiner Form einzutreten, dafür hätten Friedemann und Prof. Warburg nicht die geringste Veranlassung. » * * In der Donnerstagsitzung, über die wir in der nächsten Nummer berichten werden, wurden größtenteils Organisationsfragen besprochen. In der Nachtsitzung, die bis Freitag 4 Uhr früh währte, sollten die Wahlen vorgenommen werden. Der Permanenzausschuß schlug für die Leitung, deren Sitz Berlin sein sollte, vor: Prof. Warburg, Dr. H a n d t k e, (Berlin), Dr. Sandler (Breslau), So ko low, Ussischkin und Reichsratsabgeordneten Adolf Stand. Dieser Vorschlag wurde vom Kongresse bei Stimmenenthaltung der reichsdeutschen Zionisten angenommen. Da erklärten Warburg, Handtke und Sandler, daß sie unter solchen Umständen das Mandat im E. A. C. nicht annehmen können. Der Permanenzausschuß mußte sich wiederholt zur Ausarbeitung neuer Vorschläge zurückziehen. Da eine Einigung nicht erzielt werden konnte, wurde beantragt, die bisherige Leitung Wolffsohn, Warburg, Kann mit der Weiterführungder Geschäfte bis zum nächsten Kongresse zu betrauen. Dieser Antrag wurde angenommen. Ebenso wurden alle anderen Kommissionen im Amte bis zum nächsten Kongresse bestätigt. Der Sitz der Leitung ist Köln. Von der Woche. Eine Industriebank in Galizien. Aus Lemberg wird berichtet, daß in der nächsten Zeit eine Industriebank, also eine Art Mobiliarbank begründet wird, welche die Industrialisierung des Landes durchführen soll. Die nötigen Kapitalien werden, heißt es, zur Hälfte von der Niederösterreichischen Eskomptegesellschaft beigestellt Die Aufsicht und Leitung der Bank wird sich in den Händen des galizischen Landesausschusses befinden. Diese Nachricht löst schwere Bedenken aus, so sehr wir auch im Interesse der jüdischen Massen eine Industrialisierung Galiziens wünschen. Denn die Auspinzien, unter denen die Bank gegründet und geleitet werden soll, sind für das jüdische Volk sehr deprimierend. Der galizische Landesauschuß steht dem neuen Unternehmen Pate; es handelt sich also um Begründung eines volksfeindlichen und vor allem judenfeindlichen Unternehmens, von dem nichts zu hoffen und alles zu befürchten ist. Das jüdische Volk und seine bewußten Führer werden auf der Hut sein müssen. * * Ein Wahlsieg. Aus S u c z a w.a wird uns geschrieben : Am 21. Dezember fanden die Gemeinderatswahlen in Suczawa ihren Abschluß. Die jüdische Nationalpartei erfocht sich vorerst eine glänzende Stellung, sicherte sich die Achtung sämtlicher Parteien vom Anfang der Wahlkampagne an und war der ausschlaggebende Faktor bei allen Kompromissen und Pakten. Wir eroberten 10 Ausschußmandate. Dem Vereine „Th. Herzl“ gelang es außerdem auch einen zionisten Vertreter durchzubringen. Die jüdischen Sozialdemokraten errangen zwei Mandate, so daß der neue Gemeinderat bei einer Gesamtzahl von 30 Gemeinderäten 13 jüdische Mitglieder zählt Auch wurde das prozentuelle Verhältnis den anderen Nationalitäten gegenüber im Gemeinderate gewahrt (Rumänen 9, Deutsche 6, Armenier 1, Ruthenen 1). Die Nationaljuden hätten bei der sehr großen Wahlbeteiligung der jüdischen Wähler auch eine größere Anzahl von Mandaten erringen können, gingen aber im Zeichen des Friedens und der Gerechtigkeit bei Aufteilung der Mandate vor. * * * Bezalel-Ausstellung in Wien. Die Vereininigung „Bar-Kochba“ veranstaltet in den Ausstellungsräumen des „Oesterreichischen Kunstvereines“ eine Bezalelausstellung, die am 26. Jänner mit einem Palästinaabend eröffnet und .am 7. Februar mit einer Palästinamesse beschlossen werden wird. Zur Ausstellung gelangen alle in Hamburg ausgestellten Gegenstände. Außerdem sind bereits neue speziell für die Wiener Ausstellung im Bezalel hergestellten Erzeugnisse eingelangt, die gleichfalls zur Ausstellung gelangen werden. Mit Rücksicht auf den Erfolg, den die Bezalelausstellungen in München, Berlin und besonders in Hamburg erzielt haben, verdient die Ausstellung in Wien das weitgehendste Interesse aller jüdischen Kreise. * * * Die Zionisten bei der Hamburg-Amerika- Linie. Ueber den Besuch der Zionisten in den Auswandererhallen der Hamburg-Amerika-Linie schreibt das „Hamburger Fremdenblatt“ folgendermaßen: Anläßlich des Zionistenkongresses hatte die Hamburg-Amerika-Linie die Kongreßteilnehmer zu einer Hafenrundfahrt und einem Besuch der Auswandererhallen sowie Besichtigung des Dampfers „Amerika“ eingeladen. Gegen 400 Zionisten hatten dieser Einladung Freitag, den 31. Dezember vormittag Folge geleistet, an ihrer Spitze der Vizepräsident des Kongresses, Herr Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer aus Köln, ln Flaggengala lag der Dampfer „Willkommen“ an den St. Pauli Landungsbrücken bereit und führte seine Gäste bei herrlichstem, frischem Winterwetter und leuchtendem Sonnenschein durch verschiedene Hafenteile, deren imposantes Leben und Treiben die Fahrtgenossen, denen sich teilweise ein solches Bild zum erstenmale darbot, zu freudiger Bewunderung hinriß. An der Veddel wurde gelandet und unter sachkundiger Führung eine eingehende Besichtigung der Auswandererhallen mit ihren zahlreichen sanitären und gemeinnützigen Einrichtungen, ihren freundlichen Gassen und behaglichen Wohnräumen vorgenommen. Bei den Klängen der Musik drehte sich gerade ein Trupp Auswanderer im Kreise. Wie mannigfaltig die Nationalität der zeitweiligen Bewohner der Auswandererhallen auch war, so war doch das Bild der Betrachter noch bunter; denn Russen und Amerikaner, Oesterreicher und Franzosen, Engländer, Italiener und Türken, und zwar Männer und Frauen, hatte der Kongreß versammelt und sie betrachteten nun das saubere Städtchen, das die Hamburg-Amerika-Linie da draußen geschaffen hat. Dann gings nach dem Kuhwärder Hafen, wo die Amerika lag. Auch sie hatte über die Toppen geflaggt. Von Deck zu Deck zogen die Besucher, taten einen Blick in die Kammern und Säle, insbesondere aber auch in das Zwischendeck, und vereinigten sich schließlich im Rauchsalon erster Klasse zu einem Imbis. Dann brachte die „Willkommen“ die Gäste wieder zu den Landungsbrücken, der schönsten Eindrücke voll. Welche Freude sie erfüllte, ergibt sich daraus, daß sie auf dem Dampfer spontan die zionistische Nationalhymne „Od lo owdoh tikwosseinu“ anstimmten, unter deren Klängen sie auf St. Pauli landeten. Damit haben die Veranstaltungen zu Ehren des 9. Zionistenkongresses ihr Ende erreicht. Massendisziplinierung jüdischer Advokaten in Galizien. Aus Lemberg wird uns berichtet: Die Advokatenkammer hat gegen acht hiesige Advokaten eine Disziplinaruntersuchung engeleitet. Vor kurzem fand hier . eine großeDemonstationsversammiung gegen den vom Gemeinderat gefaßten Beschluß statt, wonach das Gesuch des jüdischen Rigorosantenvereines um eine Subvention mit der Begründung abgelehnt wurde, daß der Vorstand des genannten Vereines zionistisch sei. In dieser Versammlung sprachen unter anderen auch die Advokaten Dr. Buber, Dr. Fried, Dr. Grünberg, Dr. Ringel, Dr. Nußbrecher, Dr. Landes, Dr. Feld und Dr. Zipper, die das Vorgehen des Gemeinderates in der schärfsten Weise tadelten und eine in außergewöhnlich scharfem Tone gefaßte Resolution beantragten, die auch einstimmig angenommen wurde. Gegen die genannten acht Advokaten hat nun die Advokatenkammer eine Disziplinaruntersuchung eingeleitet und stützt sich auf eine vor einigen Wochen erflossene Entscheidung des Obersten Gerichtshofes, auf Grund welcher der Reichsratsabgeordnete Dr. Trylowski im Disziplinarwege zu einer Geldstrafe von 10G0 Kronen wegen einer in einer Versammlung gehaltene Reden, in der er die polnische Wirtschaft im Lande kritisierte, verurteilt wurde. Man glaubt sich bei der Lektüre obiger Meldung in die. Zeiten des willkürlichsten Absolutismus versetzt. Nur daß die Absolutsten in Galizien jetzt die polnischen Machthaber sind. Ist es je vorgekommen, daß eine ständische Körperschaft, die einzig und allein berufen ist, die wirtschaftlichen Interessen und die Ehre ihres Standes zu wahren, so anmaßend gewesen wäre, ein Kontrollrecht über die politische Gesinnung ihrer Mitglieder auszuüben? Erst die Lemberger Advokatenkammer, die sich zu mehr als zwei Drittel aus Juden zusammensetzt, brachte die Unverfrorenheit auf, ihre Mitglieder wegen einer berechtigten Kritik an dem Lemberger Gemeinderate zu belangen. Die Ungezogenheit der schlachzizischen Herren und der mit ihnen verbundenen Lakaienseelen zeigt sich in diesem letzten geradezu wahnwitzigen Schritt in deutlichster Weise. Seit jeher ist’s bekannt, daß Galizien einen absolutistisch regierten Staat im konstitutionellen Staate Oesterreich bildet, aber dieses letzte Bravourstückchen, das sich die Lemberger Advokatenkammer, wahrscheinlich im Einvernehmen mit den allpolnischen Drahtziehern geleistet hat, übertrifft alles Dagewesene. Hoffentlich wird es den ungerecht belangten Advokaten gelingen den Anschlag des allpolnischen Advokatenkammerklüngels gebührend zurückzuweisen. Sie werden nicht nur ihr Recht sondern auch das aller ihrer jüdischen Berufskollegen, die den Polen ein Dorn im Auge sind, verfechten müssen. Parteinachrichten. Innerösterreichisches Distrikts-Komitee. Wie bereits verlautbart findet der ordentliche Distriktstag am Samstag, den 15. d. M., präz. 71/» Uhr abends, im Saale des Zionistischen Bureaus IX. Türkenstraße 9, statt und wird, wenn nötig, am Sonntag, den 16. d. M. 9, Uhr früh, fortgesetzt. Tagesordnung: 1) Rechenschaftsbericht des abtretenden D. K. 2) Vorlage eines Organisationsstatuts des Distrikts. 3) Parteitag. 4) Parteisekretariat. 5) Neuwahlen. 6) Eventualia. Das i. ö. D. K. erlaubt sich nachdrücklichst aufmerksam zu machen, daß der Distriktstag zwar öffentlich ist, daß aber nur jene Delegierten