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Jüdische Zeitung · 1910-01-07 · 1 (7.1.1910) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
1 (7.1.1910)
Date
1910-01-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 für eine Reise der Untersuchungskommission kein Geld haben, dann wird mir manchmal mies und moos. (Heiterkeit und Zurufe.) Es wird mir zugerufen: Es wird uns mies ohne Moos. (Große Heiterkeit.) Der N. F. hat die geistreiche Bestimmung, daß er zwar Land kaufen, aber nicht in Valeur setzen darf. Mari darf Zeug kaufen, aber keine Hosen davon machen lassen. Wir bringen folgende Resolution ein: „Der IX. Zionistenkongreß hält an den Be-; Schlüssen der früheren Kongresse fest. Die genossen-; schaftliche Siedelungsmethode in den Tätigkeitsbereich der zionistischen Organisation aufzunehmen. Um die Durchführung dieses Beschlusses zu ermöglichen," überläßt der Nationalfonds pachtweise der zu errichtenden genossenschaftlichen Kolonie den Boden. Um das Betriebskapital aufzubringen, wird durch eigene Sammlung ein Genossenschaftsfond gebildet, der an den Jüdischen Nationalfond angegliedert wird. Er wird verwaltet von einem Komitee, bestehend aus Vertretern des Direktoriums des Nationalfonds und der Arbeiterschaft.“ Ich bitte um einstimmige Annahme. (Lebhafter Beifall.) Wir brauchen Ihr Geld, aber vor allem brauchen wir Ihr Vertrauen. Der jüdische Arbeiter hat schon so viel Theorie im Leibe, daß es schwer fallen wird, mit ihm auszukommen. (Heiterkeit und sehr wahr!) Es git zahlreiche Arbeiter, die selbst das Verhältnis zwischen einem genossenschaftlichen Leiter und seinen Arbeitergenossen, über die er kommandiert, ansehen, als ob es sich um eine kapitalistische Ausbeutung des Proletariats handelt. Das ist das Schwere für uns, daß wir nicht nur aus dem Acker, sondern auch aus den Gehirnen viel Unkraut ausroden müssen. (Sehr wahr!) Und dazu brauchen wir das Vertrauen aller Kreise. Wenn niemand Unkraut sät zwischen uns und denen, die uns das erarbeiten sollen, dann wird es gehen, sonst wird es nicht gehen. Im übrigen möchte ich der Resolution hinzufügen: Die Arbeiter, die wir dort ansiedeln, die sollen nichts geschenkt haben. Wir wollen das uns gegebene Geld verzinsen und zurückzahlen, und ich hoffe, hoch verzinsen. Die Form wird schon gefunden werden. Gestern früh sind in unserm engem Kreise in 4 Stunden 11.000 Frs. gesammelt worden für den Genossenschaftsfonds. (Beifall.) Wir werden die Liste herumgehen lassen. Juda erwartet, daß jederman seine Schuldigkeit tun wird. (Lebhafter Beifall.) Es handelt sich nicht um milde Gaben, es handelt sich um den ersten Versuch jüdischer Großkolonisation, und da soll man mehr tun, als einem leicht ist. Wir brauchen im ganzen 100.000 Frs., denn die andere Hälfte gibt uns der Nationalfonds, wenn wir sie aufbringen. Diejenigen, die es am nächsten angeht, die jüdischen Proletarier in Palästina, sind opferwillig, die werden ihr Scherflein sammeln. Wir haben oben am Tisch gesammelt, und der erste Beitrag war eine hohe vierstellige Zahl, die der Prächtigste unter uns mit großem Opfermut gegeben hat. (Lebhafter Beifall.) Es wäre eine Schande, wenn unten im Saal dieselbe Summe nicht noch einmal zusammen käme. (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) Nach der Rede des Dr. Oppenheimer gab Dr. Bodenheimer die Erklärung ab, daß der Nationalfonds bereit sei den Oppenheimschen Siedlungsversuch zu unterstützen und für den Fall, als von privater Seite 100.000 Frs. für diesen Zweck aufgebracht würden, die für den Betrieb des Bodens notwendigen Mittel beizustellen. Dr. Niemirover (Jassy) spricht sich entschieden für intensive Palästinaarbeit aus und erklärt diesbezüglich mit den rumänischen Zionisten eines Sinnes zu sein. Nachdem noch die Misrachisten Prof. Weil (Frankfurt) und^L e b o w i t z (Budapest) gesprochen hatten, machte Dr. Nordau die Mitteilung, daß noch 99 Redner zum Worte gemeldet seien und machte den Vorschlag Generalredner wählen zu lassen. Dieser Vorschlag wurde angenommen. Da die eingeschriebenen Redner in der Mittagspause die Generalredner wählen sollen, erstattet inzwischen David Florentini den Bericht über die Lage der Juden in der Türkei. Der Vortragende spricht französisch mit hebräischer Einleitung und hebräischem Schluß. Der Redner beginnt damit, daß zur Behandlung seines Themas eigentlich alles fehle, da man z. B. nicht einmal weiß, wie viel Juden in den jüdischen Zentren der Türkei ansässig seien, daß die türkischen Juden in den weit auseinandergelegenen Teilen des türkischen Reichs einander selbst nicht kennen und wenig voneinander hören. Eine Ausnahme davon bildet, nur Palästina, dessen Juden in ziemlich engem Konnex miteinander stehen, Zeitungen und sonstige Publikationen besitzen, die den Verkehr und das Verständnis erleichtern. Für die übrige türkische Judenheit aber müssen diese primitivsten Mittel des kulturellen Lebens erst geschaffen werden. So ist es vor allen Dingen nötig, regelmäßig ein Jahrbuch herauszugeben, das Informationen über die türkischen Juden enthält, jüdische Bibliotheken zu gründen im Anschluß an ebenfalls dringende literarische Gesellschaften und Klubs, vor allen Dingen aber die ganze Aufmerksamkeit auf die Reform der bestehenden und die Schaffung neuer Schulen zu richten. Denn die bestehenden Talmud-Thora-Schulen die Chadarim, aber auch die Schulen der Alliance Israelite Universelle genügen den Bedürfnissen in keiner Weise. Die Alliance-Schulen haben den Fehler, daß sie die hebräische Sprache viel zu wenig berücksichtigen. Aber auch der türkischen Sprache muß ein weit größerer Raum im Unterrichtsplan der jüdischen Schulen eingeräumt werden. In Palästina sind vor allen Dingen mittlere und höhere Schulen zu gründen, damit Palästina das werden kann, wozu es berufen ist; das kulturelle Zentrum der türkischen Judenheit. Eine jüdische Universität injerusalem soll diesesGebäude dann krönen. Schließlich schlägt Herr Fiorentin die Schaffung von Volksbanken, Sparkassen, Arbeiterhäusern, Konsumgenossenschaften und andere Institutionen der sozialen Selbsthilfe vor. Mit allen uns zur Verfügung stehenden Mittel aber muß man an der Schaffung eines jüdischer Bauernstandes arbeiten, auf dem die ganze kulturelle Entwicklung der türkischen Juden sich aufbauen muß. Die Durchführung dieses Arbeitsprogramn.s wird aus den zerstreuten Gliedern der türkischee Judenheit ein einheitliches Ganzes machen als Grundlage zur Durchführung der zionistischen Ziele. Präsident Dr. Nordau verliest ein Schreiben der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation (A. J. K. O.), worin sie sich gegen die von Herr Wolffsohn gemachten Vorwürfe verwahrt und sie als auf falscher Information beruhend bezeichnet. Wolffsohn erklärt demgegenüber, daß er bei seinen Ausführungen beharren müsse und die Dokumente, die ihn dazu veranlaßt hätten, dem Kongreß vorlegen werde. * . * Mittwoch-Nachmittagssitzung. Zu Beginn der Nachmittagssitzung erteilte Präsident Dr. Max Nordau Herrn Wolffsohn das Wort zu einer Erklärung. David Wolffsohn: Es ist in der heutigen Vormittagssitzung eine Erklärung der A. I. K. O. (Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation) eingegangen. Ich werde die Erklärung nunmehr verlesen. Sie lautet: „Die Leitung der A. I. K. O. legt Gewicht darauf, festzustellen, daß die von David Wolffsohn vorgebrachten, die A. I. K. O. betreffenden Behauptungen auf unrichtigen Informationen beruhen und den Tatsachen nicht entsprechen.“ Der Begleitbrief ist unterschrieben von Dr. Nossig und Dr. Ginsberg, demVorsitzenden der Gesellschaft. Da HerrDr. Nossig und die A. I. K. O. diese Erklärung hier abgegeben haben, daß ich falsch unterrichtet wäre und dadurch unrichtige Behauptungen hier aufgestellt habe, so zwingen sie mich dazu, zu sagen, was ich weiß. Ich habe hier ein Expose, das an man alle maßgebenden Stellen in Konstantinopel, wo es irgend möglich war, eingereicht hat. Ich werde einige Stellen, die uns betreffen, zur Verlesung bringen. Da das Expose französisch geschrieben ist, so weiß ich keinen bessern Uebersetzer, als unsern verehrten Präsidenten. Ich bitte den Herrn Präsidenten, die mit Bleistift angestrichenen Stellen mitzuteilen. Ich glaube, das wird genügen. (Herr Wolffsohn übergibt das Expose dem Präsidententen.) Präsident Dr. Max Nordau: Das Expose heißt: „Denkschrift der Allgemeinen jüdischen Kolonisationsorganisation in Berlin, betreffend die Einwanderung und Ansiedlung der Israeliten des ottomanischen Reiches.“ Ich werde also der Einleitung des Herrn Präsidenten entsprechend, nur die Stellen hervorheben, die unterstrichen sind. Hier heißt es: „Eine Gesellschaft hat sich gebildet, um das Werk der Einwanderung als Wohltätigkeitsveranstaltung zu fördern und den Einwanderern außer Amerika möglichst andere weitere Ländergebiete zu erschließen, und zwar am besten im Morgenlande im weitesten Sinne des Wortes.“ Und dann weiter: „Die Allgemeine jüdische Kolonisations-Organisation verfolgt lediglich menschenfreundliche Absichten mit Ausschluß aller politischnationalen und Parteitendenzen.“ „Wir verlangen, ehe wir unser Werk unternehmen, keinerlei besondere Begünstigung politischer oder nationaler Natur. Wir denken in keiner Weise daran, 'die Autonomie in einem Teile des Reichs für eine israelitische Bevölkerung zu verlangen, die noch nicht vorhanden ist“. Ferner: „Was das Gebiet betrifft, so wollen wir die Einwanderung und die Ansiedlung unserer Glaubensgenossen durchaus auf keine besondere Gegend des ottomanischen Reiches beschränken, sondern sie nach den verschiedenen Gebieten lenken.“ „Die Vorstände einer großen Anzahl jüdischer Gemeinden der Welt gehören unserm Hauptaufsichtsrate an. Die israelitischen kapitalistischen und philantropischen Kreise sind bereit, einesteils die Summen auf Verlust auszuzahlen, die für dieses Unternehmen notwendig sind, und anderseits erforderliche Kapitalien in die Kassen der Betriebsgesellschaften einzuzahlen“. — Die Ausdrucksweise ist auch im französischen Texte so unbestimmt, daß ich fürchten muß, in meiner Uebersetzung präziser zu sein als im Text, deshalb sage ich das auch in so verschwommenen Ausdrücken, wie es im Französischen gesagt ist. „Was die Ueberzeugung der Mitglieder unserer Organisation betrifft, so setzen sich diese einerseits aus überzeugten Assimilierten zusammen, die politisch der Nationalität ihres Vaterlandes angehören, andererseits aus Orthodoxen. Die Einen und die Anderen befinden sich durchaus nicht in Uebereinstiinmung mit dem Gedanken des politischen Zionismus seit dem Beginne dieser Bewegung.“ (Pfuirufe). „Hier haben Sie die Gegenden der Türkei, die uns die geeigneten für unsere Kolonisation scheinen: Mazedonien, Anatolien, Syrien und Palästina.“ „Der Gedanke einer verständigen Verteilung der israelitischen Bevölkerung scheint uns derartig bedeutungsvoll, daß wir die feste Absicht haben, indem wir das Morgenland als neues Einwanderungsgebiet für die Israeliten wählen, die Bewegung über die Grenzen der Türkei selbst herauszuleiten.“ „Die ottomanische Regierung wird die Entwicklung des israelitischen Elements in aller Ruhe verfolgen können. Dieses Element wird ihr niemals politische Verwickelungen verursachen. Die von der Türkei aufgenommenen Israeliten werden niemals politische Sorgen haben. Ihre einzige Sorge wird die Entwicklung einer machtvollen und unabhängigen Türkei sein.“ Und nun noch eine Stelle: „Die türkische Presse hat sich in den letzten Monaten mit der Frage der jüdischen Einwanderung aus dem Gesichtspunkte der zionistischen Tendenzen beschäftigt, und der Gedanke einer Ansiedlung, die einen ausgesprochen nationalen Charakter hat und zu politischen Wünschen, Aspirationen, Bestrebungen führt, hat große Meinungsverschiedenheiten in der ottomanischen öffentlichen Meinung vem sacht. (Hört, hört!) Wenn die ottomanische .ugierung die jüdische Kolonisation unterstützt, so würde sie sicher sein können, daß die Einwanderung von Israeliten, die von jeden politischen Verdacht frei sind, in keiner Weise die nationalen Interessen gefährden wird.“ (Bewegung.) David Wolffsohn: Sie werden jetzt selbst beurteilen können, ob ich berechtigt war, von Verleumdung und Beschimpfung des Zionismus zu sprechen, seitens eines Mannes, der noch vor wenigen Monaten dem zionistischen Aktionskomitee angehört hat. (Pfuirufe.) Die Worte, die Herr Dr. Nossig bei seinen Unterredungen gebraucht hat, die waren selbst den Türken zu stark. Die Türken fragten, u.zw. ansehnliche Leute: Was ist denn am Zionismus, wenn Juden zu uns kommen und sich damit einführen: „Wir sind keine Zionisten, wir werden auch nichts tun, was gegen die Türkei ist.“ Wenn das eine große Organisation getan hätte, die die Mittel besitzt, die etwas ausführen kann, dann hätte ich gesagt: Das ist zwar nicht schön, aber sie können vielleicht etwas schaffen, ein paar Einwanderer, ein paar arme Juden wenigstens dort unterbringen, wenn auch unter Verrat gegen den Zionis-

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