Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 1 (7.1.1910)
- Date
- 1910-01-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438273-2438274--1628-2441234- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
lÜDISCHE ZEITUNG, ■ Seite 2 Nr. 1 Mit dem größren Eifer und mit vori nehmer Sachlichkeit muß fortan gezeigt werden, daß die zionistische Weltorganisation eine andere Leitung, daß die zionisti- Bewegung eine andere Führung, daß die zionistische Arbeit ein anderes System braucht. Pfe Kongreßverhandlüngen. Vierter Verhandlungstag. Wie bereits telegrafisch gemeldet, ergriff Mittwoch den 29. Dezember nach Eröffnung der Sitzung Dr. Franz Oppenheimer als erster in der Palästinadebatte das Wort und führte oft von lebhaftem'jBeifall unterbrochen folgendes aus: Dr. Franz Oppenheimer (mit jebhaftem Beifall begrüßt): Es sind jetzt sieben Jahre, daß ich mit Herzl zuerst über die Angelegenheit sprach, die ich nun wieder behandle. Sieben Jahre hat mich die zionistische Bewegung um meine Braut dienen lasse n Ich hoffe, Sie werden mir diesmal gleich sofort die schöne Rahel geben und [nicht erst die triefäugige Lea. (Heiterkeit). Sieben Jahre ist es her. Ein halbes fahr darauf haben Sie mir in Basel zugejubelt. Es ist beim Jubel geblieben. Und doch hat es sich um Pläne gehandelt, die uns ein ziemliches Stück hinübergeführt haben über das, was man neuerdings mit einem zierlichen Ausdruck als Schnorrerunternehmung zu bezeichnen liebt. Als Herzl mich für seine Pläne warb, wußte er, daß es sich um mehr handelt, als um Kleinkolonisation, als um Rachmones, um mehr als nur großzügige Philantropie: um eine Volkssache, und darüber hinaus um eine Menschheitssache, um eine Sache, die den besten Extrakt zweihundertjähriger wissenschaftlicher Arbeit bildet, von der ich nur die letzte Creme abgeschöpft habe. Es ist mehr als eine rein-jüdische oder gar nur eine ostjüdische Sache, um die es sich handelt, was wir in Palästina machen wollen: Ein Vorbild für die Menschheit, damit die alten Prophezeiungen wahr werden, die von unserm Volke sagen, daß es in die Welt zerstreut worden ist,* um auf seinem Lebenswege der Welt die Erlösung zu bringen. (Beifall). Heute komme ich zum letztenmal. Nicht um zu betteln, nicht um zu schnorren, sondern um zu fordern, um streng zu heischen, was ihre Pflicht und Schuldigkeit ist dem Schaffen des Mannes gegenüber, der sein Wort hier verpfändet hat, Ihre Schuldigkeit Ihnen selbst gegenüber, dem ganzen jüdischen Volke gegenüber, das auf Sie blickt, Was ich will, und die gesamte Leitung mit mir ist die genossenschaftliche Kolonisation. Man hat mit gefragt, ob ich auch die jüdische Individualität bedacht hätte, ob sie die Genossenschaft auch ertrage. Ich kenne nur eine Vollendung des Individualismus, d. i. die Genossenschaft. Nicht im Kommunismus oder Kollektivismus, wie sich irrtümlich der Sozialismus zu nennen pflegt, kann der freie Mensch atmen. Die Genossenschaft bedeutet neue Freiheit. Wir wollen Ketten brechen, nicht neue Ketten schaffen (lebhater Beifall), mit allen Mitteln, die möglich sind, erprobten und unerprobten. Aber wenn wir das Volk ansiedeln Wollen, als eine gleichmäßig organisierte Masse, sicher vor jeder fremden Invasion, politischen und wirtschaftlichen/ da predigt’ Ihnen alle Weltgeschichte einen einzigen Satz, und der muß unheilbar blind sein, der dieses geweihte Gesetz der Welt- und Wirtschaftsgeschichte nicht sieht, und dieser Satz lautet: Wer Städte schaffen will, muß Bauern schaffen. (Lebhafter Beifall). Wenn wir Erfolge haben wollen, wenn unsere Sache nicht im Sande versickern soll, dann heißt es für uns: Bauern schaffen. (Beifall). Auf welche Weise, das ist gleich. Aber es muß mit alle Energie und allen Mitteln auf das eine Ziel hingearbeitet werden, uns eine agrarische Grundlage zu geben. Was ich Ihnen empfehle, ist nicht mein Werk, aber ich bin vielleicht augenblicklich in der Welt' der einzige genaue Kenner dieses Spezialgebietes. Ich habe einen leidlich wissenschaftlichen Namen zu riskieren, und ich kann von Ihnen verlangen, ganz abgesehen davon, d?ß mir Zusagen gemacht worden sind, daß sie dem Manne, den Sie zu Ihrem vertrauten Berater gewählt haben, so weit über den Weg trauen, daß Sie ihm die Mittel geben, wenigstens einen Versuch zu machen. (Lebhater Beifall). Ich will den bekannten Umweg nehmender am nächsten zum Ziele führt. Ich will die bäuerliche Kleinbetriebe schaffen auf dem Umweg über den Großbetrieb. Ich will die Genossenschaft herbeiführen auf dem Weg über die Gewinnbeteiligung. Es soll eine Anzahl ausgesuchter Arbeiter unter ausgezeichneter Leitung in einem Großbetrieb vereinigt werden. Sie sollen ihren festen Lohn bekommen und eine nach den Erfolgen des Unternehmens abgestufte Gewinnbeteiligung über ihren Lohn hinaus. Davon verspreche ich mir dreierlei gewaltige Vorteile: pädagogische, technische und finanzielle. Wir werden gezwungen sein, das ausgesuchte Material erst körperlich zu kräftigen, genossenschaftlich zu stählen und zu schulen. Das Risiko schlechter Ernten können wir nicht auf die Schultern armer Arbeiter wälzen, die nichts besitzen. Das muß die genossenschaftliche Organisation tragen. Allein dafür sind wir nicht da. Hierfür kann die P. L. D. C. sorgen. Diese bietet auch den zweiten Vorteil, den technischen. Auch sie stellt das Geschäft zunächst auf den Großbetrieb, der die Kapitalsintensivität mit der Arbeiterintensivität vereinigt Soweit ist also der von Prof. Warburg eingeleitete Plan dem meinigen gleichwertig. Aber er steht außer Konkurrenz in bezug auf die finanziellen Mittel, Prof. Warburg setzt Bauern an, die niemals die vorgeschossenen Kredite hoch verzinsen werden. Wenn mein Plan gelingt, in welchem der Großbetrieb selbsl nicht als dauernd gedacht ist, sondern nach einer gewissen Zeit in die Hände der zu Genossenschaften vereinigten Arbeiter übergeht, so liegen finanzielle Möglichkeiten vor, die kein anderes System erreichen kann. Nicht der Kleinbetrieb und nicht der Großbetrieb ist das' Rentabelste, sondern der Großbetrieb mit einer Arbeitsleistung, die der des Kleinbetriebs gleichwertig ist. Ich habe bestimmte Grundlagen für meine Annahme, daß schon in der ersten Zeit die Roherträge eines genossenschaftlichen Betriebs um mindestens 50% höher sein werden als die eines normalen Großbetriebs, und daß den vermeidbare Verbrauch aii totem und lebendem Inventar auf kanm mehr.als!/io sich vermindern wird." So werden wir die Kreditbasis schaffen, die wir brauchen. Wir wollen der Schnorrerei ein Ende machen. Wir brauchen Milliarden, um unser Ziel zu erreichen. Mindestens Hunderte von Millionen. Und das schenkt uns kein Meksch, das borgt man nur, wenn man auf Verzinsung rechnen kann. Wir sind kein Wohltätigkeitsverein. Handelte es ■ sich nur darum, ein paar Juden wohlhabend zu machen, oder 20.000 geschulte Arbeiter zu Bauern zu machen, dann hätte ich Wichtigeres zu tun. Hier handelt es sich nicht um eine Oelbaumspende — oder doch: Ja, wir wollen den Oelbaum des jüdischen Volkstums wieder ins Land pflanzen, einen Herzlwald, einen einzigen Baum, aber der soll so hoch wachsen, daß er das ganze Land überschattet. (Lebhafter Beifall). Ich bin ein ehrlicher Mensch und ihnen nicht verhehlen, daß das, was wir versuchen wollen, scheitern kann. Die Schwierigkeiten sind ungeheuer, auf unerprobtem Lande, mit unerprobten Menschen unter immerhin politisch noch unsichern Verhältnissen gilt es zu arbeiten. Es gilt das Land zu suchen, das geeignet ist, es gilt, die. Menschen zu finden, die die Leitung haben, und die Menschen, die sich unterordnen sollen. Das sind kolossale Schwierigkeiten. Es ist ein Tiöher Preis, aber auch ein hohes Ziel. Selbst ein Mißerfolg würde nichts weiter bedeuten als von vorne anzufangen. (Zustimmung). Verfügten wir über die Millionen der Ica, dann wäre ich sicher, denn wir würden an sechs Stellen zugleich anfangen, und vier davon würden glänzend gelingen. Zu den anderen Schwierigkeiten kommt die des Unternehmens selbst. Aber ich verlange von Ihnen, ich fordere von Ihnen, daß Sie helfen. Ich fordere es im Namen ihrer eigenen Worte. Es ist furchtbar leicht, mit Reden die Luft zu erschüttern und sich als großen Anhänger des Gedankens auszugeben, wenn es nicht weiter geht als bis in den ersten Vorhof des Portemonnaies. (Sehr gut). Jetzt hören wir fortwährend von einem begeisterten Patiotismus, von einem überquellenden Nationalgefühl. Für solche Ziele gingen früher Brüder und Schwestern ins Meer und ins Feuer. Da tun Sie wenigstens das lumpige bißchen und geben Sie so viel Geld für die, die Sie an Ihre Spitze gestellt haben, von denen Sie verlangen, daß sie nicht nur die Direktive und Initiative üben, sondern daß sie auch etwas leisten sollen. (Lebhafte Zustimmung.) Dann geben sie wenigstens das lausige Geld. (Stürmischer Beifall.) Es ist verdammt billig, nur einfach alle zwei jahre hieherzukommen und uns, die wir mit blutigen Knöcheln am Steuer stehen, zu sagen: Ihr leistet nichts, leistet erst etwas! (Lebhafter Beifall.) Seid Ihr so begeisterte Zionisten, dann gebt nicht nur das, was ihr entbehren könnt, ohne daß Ihr Euch ein Diner abspart, dann gebt so viel, daß es Euch ins Mark schneidet. Wir führen einen Krieg und zum Kriegführen gehört erstens Geld, zweitens Geld und drittens Geld. Wenn wir fortwährend vor der pupillarischen Sicherheit des Nationalfonds stehen, wenn wir für den Bakschisch leerer Hochmütigkeit gebläht hat. Er sprach zu mir, wie zu einem Knecht. Ich schwieg, um meiner Sehnsucht willen. Aber eines Tages — es war ein regendüsterer, nervöser Sommerabend — rief er mich in sein Zimmer, wo die kleine, feine Frau wie ein zitterndes Blümchen an der Wand lehnte. „Ich wünsche“ sprach er mit näselnd-widriger Stimme, „ich wünsche, daß Sie künftighin die längeren Gespräche mit meiner Braut unterlassen. Sie ist zu gutmütig, um ihnen die geziemende Distanz begreiflich zu machen. Denn als Jude kennen Sie keine Distanzen.“ In mir brauste es vor Scham und heller Wut. Eine starke Welle von jähem Mut, wie ich sie damals in mir aufwachsen fühlte, als der Mob vor den Fenstern unseres Hauses nach dem sterbenden Vater heulte, bäumte sich auf. Ich trat mit verschränkten Armen ganz nahe an ihn heran; er wich ratlos empört einen Schritt zurück. „Die Distanz zwischen Ihnen, mein Herr, und mir erkenne ich jetzt!“ Ha, hat es aufgeflammt in den bangen Augen des lieben, reinen Mädchens. Er schwieg und stampfte auf. Dann sagte er zwischen die knirschenden Zähne hindurch: Jüdische Frechheit! Ich weiß schier nicht, wie es kam. Ich handelte wie ein Toller. Ohne jede Hemmung. Ohne das erzitternde Mädchen, die vornehm fremde Umgebung, ja, ohne ihn zu sehen! Mit jäher Bewegung schlug ich ihn ins Gesicht- Er taumelte zurück und hielt sich an der Sessellehne fest. Lilly schrie auf, wie ein geschossener Vogel. Mir aber war kalt und recht zu Herzen. Wie eine lustbefriedigte Müdigkeit kams über mich. Als ich mich zur Tür wandte, schien er mir nacheilen zu wollen. Das Mädchen hielt ihn am Arme zurück. Willig-unwillig ließ er sie gewähren seine Feigheit beschönigend. Ich erwartete eine Forderung oder Klage. Er tat nichts dergleichen. Nur s i e schrieb mir einen Brief, der mich bis ins Tiefste traf. Kalt, voll fröstelnder Lügen. Sie hätte nie von mir gedacht — unerhörtes Benehmen — Rücksicht vor einer Dame — Brutalität — lächerliches Sichaufspielen — Imponierenwollen — und daß sie mich nie wieder zu sehen wünsche. Soweit es an mir liegt, wird sie mich nicht wieder sehen. Eine unsägliche Sehnsucht nach dem feinen, schmalen Gesicht mit den kurzen, süß geschwungenen Lippen, nach der blickbannenden, hypnotisierenden Bewegung der edlen, schmalen, nervösen, rosigweißen Finger quält meinen harten, verletzten Willen. Nie mehr soll diese verschleierte Stimme wie ein traumwebender Haschischdampf in meine Sinne fließen, nie mehr der kostbar beglückende Duft des adeligen Glückes mich leis betäuben.-Es soll ein Märchen sein, was nahe lebt; und von einer Seligkeit, die der Zukunft entgegenblüht, soll ich empfinden: es war einmal. Ich werde noch manche Nacht mit starren, aufgerissenen Augen in das brütende, schwüle Dunkel meiner Kammer starren, ein aufschluchzendes, saugendes Weh im Herzen. Und in einer dieser tränensatten Nächte werde ich wissen, daß ein von Laster verwüsteter feiger Klepper die süße Märchenblume mit geilgierigen Fingern zerpflückt, die erträumten, unendlichen Köstlichkeiten mit seinen Triefaugen beglotzt — weil sein Vater gewuchert hat. Carl, und ich bleibe aufrecht! Dein Fritz.