Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 1 (7.1.1910)
- Date
- 1910-01-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2438141-2438273-2438274--1627-2441233- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
nfuidnf]l-jledi5[:he5 drefin Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., LiechtensteinstraBe 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjahr. K 5.—, vierteljähr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjahr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige * * * ************ Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare^) h. Postsparkassenkonto 104.067. *************** Nr. 1. Wien, Freitag den 7. Jänner 1910. IV. Jahrgang. ¥ Nach dem Kongresse. Der IX. Zionistenkongreß ist vorüber. Nicht nur die Delegierten und die zahlreichen Gäste, die aus aller Herren Länder herbeigeströmt waren, sind seinen Verhandlungen mit aller größter Teilnahme gefolgt, auch in der. seriösen deutschen Presse haben sie einen lebhaften Widerhall gefunden. Aus diesen Verhandlungen und den darüber veröffentlichten Berichten konnte jedermann den großen Fortschritt der zionistischen Bewegung, das machtvolle Anwachsen des jüdischen Nationalfonds, sowie die glückliche und erfolgreiche Entwicklung aller Palästinaunternehmungen erkennen. Die Annahme und finanzielle Fundierung des von Franz Oppenheimer selbst vertretenen Projektes einer Siedlungsgenossenschaft und die Beschlüsse betreffend den Agrarkredit in Palästina eröffnen für die nächste Zeit neue und aussichtsreiche Arbeitsgebiete. Ungeachtet dieser Erfolge müssen wir mit der Offenheit, welche wir als unsere zionistische und publizistische Pflicht betrachten, erklären, daß der Verlauf des -Kongresses "in der -Hauptsache kem befriedigender war. Der Kongreß hat in jener Frage, die uns augenblicklich die wichtigste dünkt, in der Frage einer radikalen Aenderung im Systeme unserer Leitung, keinen entscheidenden Erfolg gebracht. Dies erscheint uns umso bedauernswerter, als der Verlauf der Kongreß-Verhandlungen uns in dieser unserer Kardinalforderung nur noch bestärkt hat. Der Kongreß hat ohne Entscheidung in der Leitungsfrage mit Statuierung eines Provisoriums geendet... Der früher definitive, gegenwärtig provisorische Präsident, wollte auch weiterhin nicht mit einem Kollegium arbeiten und lieber zurücktreten, als einem solchen angehören. Er will nicht einsehen, daß unsere Bewegung ein persönliches Regime nicht verträgt. Ejr hat das absolutistische System, welches er im Haag begründete, in der letzten Verwaltungsperiode und vornehmlich am Hamburger Kongreß selbst auf alle mögliche Weise aufrecht zu erhalten gesupht. Die Mittel, deren er sich dazu bediente, mögen geschickt und bei einem Teile des Kongresses augenblicklich wirksam gewesen sein: bei ruhiger Erwägung werden sie wohl selbst von Wolffsohns unbedingten Anhängern nicht verteidigt werden können und zur Förderung seines Ansehens nicht beigetragen haben. Eines dieser Mittel — wir müssen es post festum noch schärfer betonen wie vorher — war die Einberufung des Kongresses in den Wintermon^ten nach Hamburg. Er wußte, daß man im großen Rußland, in Westösterreich, in Galizien und in Palästina mit ihm unzufrieden ist. Gleichwohl berief er den Kongreß dorthin ein, wo er glaubte, an der durch südafrikanische und rumänische Mandate ganz ungebührlich verstärkten reichsdeutschen Landsmannschaft einen Rückhalt zu finden. Ein zweites, nicht akzeptables Mittel ist seihe Art' jeder sächTrdben^Diskussion auszuweichen. Was Wolffsohn seinen Kritikern in leidenschaftlichem Tone entgegnete, waren zumeist persönliche Angriffe mit geflissentlicher Umgehung aller, aber auch aller prinzipieller Einwände gegen sein System, die — wenn sie auch von einzelnen in allzu heftiger Form erhoben wurden — darum nicht weniger stichhältig waren. Dazu kommt die sehr häßliche Diskreditierung jener Gesinnungsgenossen, 1 die für die neue Leitung in Betracht kamen, | ja sogar eines solchen, der ihr gegenwärtig sehr erfolgreich angehört. Dieses System hat in Hamburg eine nicht zu bemäntelnde Niederlage erlitten. Wenn es gleichwohl zu keiner endgiltigen Entscheidung kam, sondern nur zu einem Westjuden. (Novelle von Ben David). (12. Fortsetzung.) Wien, 3. September 1907. Lieber Carl! Du mußt Dich aufrichten. In Deinem letzten Brief leuchtet es grell und unheimlich. Mir ist bange, daß in Deiner Seele eine furchtbare Schlange sich gebärt. Das schleichende, giftgeschwollene Tier, das in jedes Juden Seele im Keime vorhanden ist; wehe, wenn es wächst und in die Hirnschale kriecht, das entsetzliche Reptil, das die Aerzte, wie kosend, Melancholie nennen. Du mußt Dich aufrichten, selbst, wollend, mit beglückender Selbstmächtigkeit. Schaue klaren Denkens auf Dein Glück! Du hast ein Heim, Dein Körper ist gesund und voll freudebergender Kraft. Vor Dir liegt ein Blumengarten süßer Möglichkeiten. Und es gibt keine besseren Menschen, Carl, als jene, die sich selbst anklagen. Hast Du je Schlechtes gewollt? Schlechtes! Vernichtendes, Verletzendes um des Vemichtens und Verletzens willen? Du hast der toten Hedwig Stunden der köstlichen Freude gegeben und daß sie Deine Seele nicht erfüllte, war ihre innere Armut, ihre arische Gemütsverfrorenheit- Zürne mir nicht, weil ich so herb über eine Tote spreche, die ich nie gesehen! Doch welcher Fülle von anschmiegsamem Geiste, an liebreizendgeheimer Weiblichkeit, an zärtlicher Liebesempfindung bedarf die Frau, die Dein Gemüt zur Gänze erfüllen soll. Sie muß mit Deiner triebkräftigen Phantasie eilen, mit mildverstehendem Lächeln Deine erzguten Schlechtig- Provisorium.soistdies einerseits darauf zurückzuführen, daß die reichsdeutschen Delegierten eine Zusammensetzung der Leitung im Sinne der Majorität des Permanenzausschusses durch regelrechte Obstruktion verhindert und dadurch die andere Gruppe an die Wand gedrückt haben, anderseits aber die östliche Opposition nicht genug vorbereitet war, um die Regierung in die Hand zu nehmen. Es ist möglich daß die Leitung in Hamburg manches zugelernt hat und daß die sehr sachliche Kritik einzelner Redner doch ad notam genommen wurde, wenn man sie auch im Verhandlungssaale absichtlich überhörte. Der sofortige Erfolg, den das Projekt Oppenheimers hatte, wird’ vielleicht doch eine Revision des Kölner Grundsatzes, Ideen seien unnütz, wenn keine Mittel da sind, zur Folge haben. Es hat sich prächtig gezeigt, daß die Mittel sofort zur Stelle sind — wenn eine Idee da ist. Sieht man das in Köln ein, begreift man, daß die Leitung der zionistischen Bewegung mehr sein muß, als ein bloßer Verwaltungsmechanismus, daß ohne Initiative von oben die beste Arbeit in den einzelnen Ländern ohne-Frücbte bleibt, dann wird die alt-neue Leitung während ihres Ehrenjahres noch manches leisten können, und es wird dem Präsidium am nächsten Kongreß, der vorzeitig einzuberufen ist und der ein Arbeitskongreß und keine Volksversammlung mit Stimmungsmache sein müssen wird, der Vorwurf erspart bleiben, daß manches geschieht, aber nichts getan wird. Bis dahin ist die Frage der Leitung, die auch weiterhin im Vordergrund steht’ lediglich vertagt. Wir konstatieren, daß auch die russische Landsmannschaft die Einsetzung der provisorischen Leitung nur so verstanden hat. Sie ist durchaus nicht niedergedrückt und schickt sich an, mit den politisch reifen Westlern gemeinsam weiterzuarbeiten. keiten verzeihen, Dich wie einen Fürsten ehren, da sie Dich wie ein hilfloses Kind tröstet. Du wirst sie nur unter unseren Frauen finden; nicht den stolzfeigen, den skeptisch-angefaulten Treibhausblumen des „wohlsituierten“ Golus; nicht unter den luxuriösen Intellektludern, die den Ibsen lesen und den öden Sacher-Masoch leben, mit Seide und Juwelen ihre innere Armseligkeit behängen und die das Leben langweilt, weil sie nur einen faden Absud dieses köstlichen Trankes kennen. Nein, Carl, das sind entwurzelte, früchtelose Gewächse, die an der Sonne liegen und verdorren, mit ihrer Fäulnis alles ansteckend, was ihnen naht In den kleinen, notdurchschauerten Stuben, in dem ruhigen Frieden des frommen Hauses, in den Universitäten der russischen Hölle gehen sie umher die wahren, tiefgründigen Bringerinnen des Lebensglücks. Mit ihrem schweigsamen Todesmut, mit ihren treuinnigen Kräften, mit ihrer träumerischen Sehnsucht! O, sie kennen besser der Enttäuschung zersetzenden Schmerz als die lächelnd witzelnden Philosophinnen, die von dem üppigen Divan aus die Welt betrachten. Sie verstehen tiefer Zweck und Ziele dieses seltsamen Traumes, den wir Leben nennen, als die manierierten, gegängelten Sophismatikerinnen des Salons. Richte Dich auf, denn Du bist ein gottbegnadeter Mensch und viel Licht kannst Du in Herzen bringen, die dem Glück entgegendürsten. Und „Glücklichmachen“, Carl, ist das Höchste, das Jüdischeste! Auch ich habe in diesen wenigen Wochen viel Bitternis geschlürft Und schau, ich freue mich der Maiensonne, der schlanken Mädchen in den Alleen des Vollreifen Parkes und träume von freudeglitzernden Zukunftstagen! Der Bräutigam der weißen milden Lilly, bei dem ich in den Dienst treten sollte, ist ein brutal dumpfer Mensch, den das egoistische Laster mit