Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 53 JÜDISCHE LEITUNG, Seite. 7 ung ist, wenn nur die Arbeit in Palästina bleibt. Wenn man wie bisher Vorgehen wird, so wird man in 10—20 Jahren wohl einen „politischen“, aber keinen zionistischen Zionismus haben. Wenn die Führer den Weg der praktischen Arbeit einschlagen werden, so wird das uns und unserer Bewegung zum Heile gereichen. (Beifall.) Der nächste Redner Gg. Dr. Brande (Lodz) meint, das heutige EAC. sei das Experiment des VIII. Kongresses. Man ging von der Meinung aus, daß der Präsident mit Autorität ausgestattet sein müsse und sich seine Mitarbeiter selbst wählen solle. Das EAC. hat sich nicht bewährt, denn es ist langsam verknöchert und bureaukratisch geworden. Und Bureaukratie bedeutet Tötung des Geistes. Die Berichte können nur zur Kontrolle dienen, bedeuten aber keine Arbeit. Dr.Braude behauptet ferner, der Präsident des EAC. habe ihn vor der Gründung der Lemberger „Kredit-Union“ Unterstützung der Bank versprochen und dann sein Wort nicht gehalten. Das EAC. kümmerte sich überhaupt nicht um die Entwicklung des Zionismus in den einzelnen Ländern. In Oesterreich und Rußland spürt man von der Leitung gar nichts. Das EAC. habe oft gegen das große A.-C. Politik gemacht. Heute gibt es viele A.-C.-Mitglieder, die bereits die Mühe, zu A.-C.- Sitzungen zu fahren, für überflüssig halten. Gg. Greenberg (London) tritt für eine Synthese von politischem und praktischem Zionismus ein. Gg. Dr. Reich (Lemberg) meint, das Warten sei wohl, um Nordau recht zu geben, keine Schande, es schließe aber in sich ein großes Risiko. Nach Dr. Reich ergreift unter stürmischem Applaus Präsident Wolffsohn das Wort. Er führt folgendes aus: Ich will ein offenes Wort reden. Es sind viele unkontrollierbare Gerüchte aufgetaucht, die von zionistischen Zeitungen verbreitet wurden. Die einzelnen Landsmannschaften sind mit vorgefaßten Beschlüßen gekommen und so lange ich auf dem ersten Platze stehe, halte ich es für meine Pflicht, auf die große Gefahr hinzuweisen. Man hat mich derart persönlich angegriffen, als ob ich der Portier der zionistischen Bewegung wäre. Doch hatte auch Moses eine Rotte Korah. Sind die Herren der Opposition nicht dieselben, die dem Dr. Herzl das Lgben verbittert haben.?.;(Sturm der Entrüstung,' Lärm'.) Ich spreche mit meinem Herzen. Wenn Sie nicht ruhig sind, zwingen Sie mich Worte zu gebrauchen, die nicht gesagt werden sollten. (Große Aufregung. Nordau droht mit Niederlegung des Präsidiums.) .Sie dürfen nicht erwarten, daß ich nach dieser Kritik den Herren der Opposition Süßigkeiten sage. Ich will die Luft reinigen. (Lärm.) Die Zionisten, die hieher gekommen sind, müssen mich hören. Jeder hat von Herzl gesprochen, aber nicht um ihn zu heben, sondern um mich zu ducken. Ich will nicht Ihr Lob. Gebe Gott, daß ich lange auf Ihr Lob warte, denn Ihr Lob würde mein Kadisch sein. Ich werde noch lange leben und für die Bewegung leben. Ich werde nicht mehr die Leitung annehmen. Jeder sagt, die Bewegung müsse einen großen Zug bekommen, warum sagt man nicht, was man darunter versteht? Einer wollte, ich soll ein Adler §ejn, der andere, daß ich ein Löwe sej. Der Pritte verlangte, ich möge ein Herzl sein. Ein führender russischer Zionist sagte mir: „Sie sind mir eine zu starke Persönlichkeit; wir haben eine schwache nötig, die alle unsere Beschlüße durchführt“. Ich aber habe manchen Beschluß, wie den Bankprozeß, mit blutendem Herzen durchgeführt. Man macht den Vorwurf, ich sei bald zu stark, bald zu schwach. Man meint, ich möge stark sein gegen die Gegner, und schwach für die eigenen Wünsche. Ich aber habe nie Dinge vertreten, die ich nicht für richtig gehalten habe. Sie verlangen große Ideen von mir. Ich aber kann nicht mehr geben als ich habe. Braude sagte, die Leitung sei zu einem Amt heruntergesunken. Aber das war ja unsere Aufgabe. Von den großen Ideen habe ich genug. Zangwill hat große Ideen, Nossig hat große Ideen. Mir ist die Idee des Zionismus groß genug. Als wir den Parteifonds verlangten, sagte Rußland, es habe dafür keine Gelder und Oesterreich sprach auch so. Wenn Sie große Dinge wollen, warum arbeiten Sie nicht? Wenn ich jemanden frage, ob in seiner Stadt eine starke Ortsgruppe vorhanden sei, so antwortet man: „Nein, die Verhältnisse sind bei uns nicht günstig“. Und diese Herren, die keine Ortsgruppe zu leiten verstehen, verlangen, ich möge alle Juden vereinigen! (Zwischenrufe.) Wolffsohn (auf den Tisch des L. A. C. hinweisend): Das ist die Anklagebank des Kongresses, Pasmanik ist über das Interview in Konstantinopel ungehalten, Daicljes aber fragt, warum ich das nicht vor J ’/? Jahren gesagt habe. Pasmanik meinte, unsere Arbeit bestand bloß im Umzuge aus Karolingerring 31 nach Karolingerring 6. Bei einer solchen Kritik kann niemand die Leitung übernehmen. Es war schwer Herzls Nachfolger zu werden, es wird leicht fallen Wolffsohns NacWoIger zu sein. Wenn Sie mich mit einer derartigen Autorität ausstatten, so werde ich nichts leisten. Zum Volke habe ich Vertrauen, aber nicht zu seinen zionistischen Führern; dieselben Herren die jetzt in Petersburg waren, sind auch in Charkow gewesen. (Zwischenruf Klausner: Charkow hat den Zionismus gerettet). In Petersburg hat man Beschlüsse gefaßt und sie an alle Landsmannschaften verschickt und nun beklagt man sich, der Präsident habe keine Autorität. Man hat in Petersburg eine kleine Revolution gegen den Herrscher aller Zionisten gemacht. Ich bin selbst ein Litwak und darf gegen die Russen reden. Ich dabe nicht mit Rußland und nicht mit Galizien zu tun, hier sind wir Juden' Und nur Zionisten. Die russische Landsmannschaften soll nicht russische sondern jüdische Interessen vertretan. Sie ist nicht imstande seit einigen Tagen sich einen Präsidenten zu wählen, weil dort persönliche Streitigkeiten vorherrschen. Tschlenow und Ussischkin sind siamesische Zwillinge; Wenn der eine gewählt werden soll, so muß auch der andere da sein. Man sagt die österreichische Landsmannschaft muß in der Leitung vertreten sein. (Dr. J. Margulies: Nein). Diese Landsmannschaft verfolgt mich geradezu. Die „Jüdische Zeitung“ richtete gegen mich Angriffe, daß der Kongreß im Winter ist, daß Delegierte aus Deutschland Mandate in Südafrika bekommen haben. Ich erkläre, ich habe keinen Einfluß darauf genommen. Als aber vor zwei Jahren Ussischkin am Kongreß seine Broschüre gegen die Leitung und gegen die Bank verteilt hat, da hat die „Jüdische Zeitung“ geschwiegen. Nun zur Affäre Cowen: Ich verurteile s e i n e B r i e f e; so schwer wie die Reden Ussischkins und Pasmaniks, weil man; Leute, die alles hingegeben haben, nicht mit Kot bewerfen soll. Ich halte Prof. Warburg für den idealsten und besten Menschen. Er ist ein Gentleman, er ist der ehrlichste Mensch, er ist die Ehrlichkeit selbst. Er ist würdig der erste zu sein, aber er ist kein Kaufmann und versteht von Geschäften soviel, wie ich von Botanik. Freilich sprechen hier viele von Dingen, von denen Sie nicht verstehen. (Pasmanik ruft: Zionismus ist kein Handelsartikel). Stand meint ich sei gegen die praktische Arbeit, Als Stand noch Bar-Mizwa war, da habe ich bereits die praktische Arbeit gewürdigt. Cowen wollte die Briefe nicht veröffentlichen, aber es war zu spät. Warburg behauptete, daß er kaufmännische Ratgeber habe. Warum nimmt er nicht die Mitglieder des E.A.C.zu Ratgebern? Herr Stand sagte, ich sei kein praktischer Zionist. Seit 4'/- Jahren ist er im A. C. und ich habe ihn blos 3mal gesehen. Warburg hat mir selbst gesagt: „Ich schlage vor, aber Sie sind der Kaufmann. Lehnen Sie ab, was Ihnen nicht paßt“. Warburg selbst wird Ihnen zugeben, daß wir glänzend ausgekommen wird. (Warburg nickt einigemal mit dem Kopfe). Kann und Cowen sind die besten Zionisten. Sie arbeiten das ganze Jahr und schweigen. Diese Herren haben in einer sehr preckären Situation da? Geld für die A. P. C. zur Verfügung gestellt. Sie haben eine Antipathie gegen Köln. Ich selbst gebe zu, Köln ist nicht der geeignete Ort. Ich habe aber auch erklärt, wenn es notwendig sein sollte, so würde ich das Opfer bringen und meinen Wohnsitz verlegen. Wenn es nötig wäre, den Sitz des E. A. C. nach Jerusalem zu verlegen, ich würde hinziehen, ebenso nach London oder nach Kanstantinopel. Aber diese Notwendigkeit besteht für Berlin nicht. Wenn Sie „praktische Arbeit“ wollen, wozu dann Berlin, warum nicht Köln? Zum erstenmal hat die zionistische Organisation keine Schulden. Wir haben jetzt die besten Beamten, gut geführte Bücher. Kohan-Bernstein hat viel kritisiert. Aber eine Arbeit während seiner dreijährigen Mitgliedschaft im A.-C. bestand im Schreiben zweier Korrespondenzkarten. Ich bin in der Bewegung nicht als Politiker, sondern als Arbeiter gekommen. Mein Verdienst ist es, daß die Kolonialbank gegründet wurde. Ich bin ein ganz gesunder Mensch — gewesen. Ich will mich erhalten, für die zionistische Bewegung erhalten. Mir ist der Zionismus mein Leben, mein Volk, mein alles. Ich bin nicht gekommen, im Zionismus Geschäfte zu machen.' Ich habe die Bewegung in der schlimmsten Zeit geleitet. Ich will dafür keinen Dank. Ich arbeite 4'/* Jahre, seit Herzls Tod. Es war eine traurige Zeit: in Rußland wurde alles zerstört, in Rumänien desgleichen, Zangwills Abspaltung fiel dazwischen. Nun zum Dr. Klausner! Wenn ich die hebräischen Zeitungen lese, so tut es mir weh. Derselbe Dr. Klausner schrieb von Dr. Herzl er sei ein Lügner. Dr. Braude brachte die Angelegenheit der „Kredit-Union“ in Lemberg vor. Er sagte die Wahrheit, aber er verstand nicht, was man ihm versprochen hat. Das kommt daher, wenn sich ein Rabbiner mit Bankgeschäften befaßt. Das ist das grqße“Unglück, daß unsere Bankiers Bücher schreiben und unsere Professoren Banken gründen. Schlimmer noch ist es, wenn es Rabbiner tun. Ich versprach Dr. Braude, wenn alles sichergestellt sein wird, so wird man Geld geben. Heute gewährt man der „Kredit-Union“ Kredit. , Oie Herren aus Rußland wollen ein A.-C. aus acht Personen. Das wäre ein Unglück. Das wären Ezesgeber, aber keine Arbeiter. Die Abstimmung ist nicht möglich, jeder Gewählte soll ein Amt haben, denn Müßiggang istjaller Laster Anfang. Nehmen Sie die Leiter der Ressorts und stellen Sie einen Präsidenten an die Spitze. Acht Präsidenten sind zu viel, Sie haben ja über einen genug zu Schimpfern Die Leitung wird nicht in Köln sein. Alle Delegierte sind hieher gekommen mit dem Rufe: „Költ» heraus, Wolffsohn herunter!“ Ich habe die 59 Stimmen nicht erworben. Die Oesterreicher haben vor drei Jahren geschlossen gegen mich gestimmt, trotzdem sie keinen anderen Kandidaten hatten. In der Leitung dürfen keine Parteien sein. Die Lehmig muß über den Parteien stehen. Ein Präsident wie Warburg wäre schon schön, aber lassen- Sie ihn keine Geschäfte machen, verderben Sie ihn nichtf Wenn alle gut arbeiten werden, wird alles gut werden! Wenn Sie wollen, daß die Bewegung gestärkt werden soll, so stimmen Sie für meine Anträge und gegen die aus Petersburg! (Rauschender Jubel.) Da noch ungefähr 80 Redner vorgemerkt sind, einigt man sich auf die Wahl von Generalrednern. Es wird beschlossen 8 Generairedher (4 pro, 4 kontra) zu wählen. Es werden gewählt: Pro: L;e';b o w i c z (Budapest), Dr. L ö w e (Berlin)- Dr. Rappaport (Lemberg), Dr. Nacht (FoscaniX Kontra: Weitzmann, Tuchlenow, Dr. Qotdberg (Wilna), Arotovicz (Palästina). Die Generalredner sprechen am Nachmittag Nachmittagssitzung. In der Nachm ittagssi tzung wurde die Debatte fortgesetzt. Lebowicz (Ungarn) verteidigte die Maßnahmen der Leitung und betonte, daß die Kritiker nicht versucht hätten, bessere Vorschläge zu machen. Auch in Ungarn lägen die Verhältnisse für die zionistische Bewegung nicht sehr günstig und nur dem tatkräftigen Eingreifen des Präsidenten Wolffsohn sei es zu verdanken, daß jetzt Delegierte aus Ungarn an den Beratungen teilnehmen. Natüfikb sei manches verbesserungsbedürftig, aber das dürfe doch nicht hindern, der Tatkraft und Energie des Präsidenten volle Anerkennung zu zollen. Dr. Weitzmann (Manchester) ist anderer Ansicht und bemängelt, daß der Kongreß keine neuen Gedanken geschaffen habe; man solle in der Leitung nicht immer kaufmännisch rechnen, sondern sich auch einmal von politischen Ideen leiten lassen, ln Palästina müsse jetzt praktische Arbeit geleistet werden; die könne nicht von einer Person organisiert werden, dazu bedürfe es einer aus mehreren Leitern, etwa 3, bestehenden Spitze. Der Redner vertrat weiter die Ansicht, daß Köln nicht der geeignete Ort für den Sitz der Leitung sei; es wäre weit besser, das Direktorium nach einem jüdisch-intellektuellen Zentrum, etwa Berlin, zu verlegen. Dies würde auch die Garantie bieten, daßdort besser neue Gedanken und neue Einrichtungen gefördert werden, die notwendig seien zur Erhaltung und Kräftigung des Zionismus. Rappaport-Lemberg verteidigte das engere Aktionskomitee gegen die Angriffe und betonte; daß man doch hergekommen sei, um aufzubauerr, nicht um einzureißen. Dr. T s c h 1 e n o v-Odessa war ebenfalls der Ansicht, daß die Arbeit der Leitung zu groß für eine Person sei und man unbedingt das Präsidium um zwei Personen vermehren müsse. Die Leitung habe Initiative vermissen lassen, namentlich bei Gelegenheit der türkischen Revolution, wo die Leitung Schritte hätte ergreifen müssen. Dr. Löwe-Berlin verteidigte die bisherigen Maßnahmen der Leitung. Wenn die Opposition sich darüber beklage, daß in Rußland der zionistische Nachwuchs fehle, so liege dies an den russischen Verhältnissen. Der Redner wandte sich gegen den Vorschlag, den Sitz nach Berlin zuverlegeu; dadurch würde man nur schlechte Erfahrungen machen. Nach einem Schlußworte Wolffsohns wurde zur Abstimmung über den Antrag auf Erteilung des Absolutoriums abgestimmt. Die Abstimmung gestaltete sich sehr bewegt, weil ein zweiter Antrag vorlag, welcher namens der russischen und österreichischen Landmannschaften von Braude und Temkin eingebrabht wird, der Wolffsohn nur für seine administrativ-finanzielle Leitung der Geschäfte das Vertrauen ausspricht. Wolffsohn bezeichnet diesen Antrag als Mißtrauensvotum. Die große überwältigende Mehrheit der Delegierten nahm unter Beifall den Antrag auf Erteilundes vollen Absolutoriums an, worauf die Minderheit ihren Antrag zurückzog. Wolffsohn sprach dem Kongresse seinen Dank aus und sagte dieser Abstimmung, habe ihm wieder Mut verliehen. Unter dem Eindruck dieser Schlußworte ging der Kongreß auseinander. Dritter Tag (Dienstag). (Telegramm der „Jüdischen Zeitung“.) Hamburg, 29. Dezember. Der Bericht des Palästinaressorts. Prof. Dr. O. Warburg (von stürmischem Beifall begrüßt, der Kongreß bereitet ihm stürmische Ovationen). Vor allem will er auf die Angriffe des Mr. Cowen, welche in dem zweiten Briefe desselben enthalten sind *), reagieren. Er weise den Vorwurf desselben, für die von ihm begründeten Institutionen „geschnorrt“ zu haben, entschieden zurück. „Sammeln“ darf nicht „Schnorren“ genannt werden. *) Wir behalten uns vor, auf diesen Brief des Mr. Cowen — eine Erwiderung auf den zweiten in Nr. 51 der „Jüdischen Zeitung“ reproduzierten Brief Prof. Warburgs — zurückzukommen.