Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2438141-2438220-2438272--1616-2441222- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 53 ist es, um als ottomanische Reichsangehörige palästinensische Juden zu sein. (Stürmischer Beifall.) Nicht um uns irgendwie in Mazedonien oder in Kleinasien zu Türken machen (Zustimmung.) Wenn Sie sich assimilieren wollen, so haben Sie das näher und billiger. (Jubelnder Beifall, Hochrufe, die ganze Versammlung hat sich erhoben und ruft dem Redner immer von neuem zu, die Demonstrationen dauern mehrere Minuten). Sie können das dort tun, wo sie sind, und sparen die Reisekosten (andauernde heitere Zustimmung) und alles Ungemach der Wanderung und der Einlebung in neue Verhältnisse. Sie sind aber Zionisten, weil sie sich nicht assimilieren wollen (lebhafter Beifall). Sie drängen nach Palästina, um dort nationaljüdisch zu leben. Will die Türkei uns als aufopferungsvolle Mitarbeiter an ihrem Gedeihen mitwirken lassen, so bieten wir uns ihr freudig an. Knüpft sie aber daran die Bedingung, daß wir unseren Zionismus aufgeben, dann müssen wir weiter warten, wie wir so lange gewartet haben. Inzwischen aber müssen wir unser zionistisches Ideal aufrecht erhalten. (Stürmische Zustimmung.) Ich sage das alles nur in meinem eigenen Namen. Sie werden unzweifelhaft Gelegenheit nehmen wollen, unzweideutig zu erklären, ob sie mit mir einer Meinung sind oder nicht Ich bin ein Zionist, der seine Ideale nie und nimmer in die Tasche steckt (Lebhafter Beifall.) Wenn andere Zionisten bereit sind, ihren Zionismus zu verheimlichen oder ihn aufzugeben, dann trennen sich unsere Wege. Vergessen wir niemals, daß wir — das steht im Programm — unserem Volke, dem jüdischen Volke eine öffentlich-rechtliche Heimstätte erwerben wollen. Unserem Volke, nicht arbeitslosen, jüdischen Taglöhnern, nicht hunderten stellungsuchenden jüdischen Intellektuellen- Vergessen wir nicht, daß wir die Ehre des - jüdischen Volkes -von dem ganzen Schmutz säubern wollen, mit dem zweitausendjähriger Haß es besudelt hat, und daß erst dieser Vorsatz den großen Zug in unsere Bewegung bringt, die ohne ihn eine mangelhaft geplante, mit unzulänglichen Mitteln ins Werk gesetzte, praktisch bisher wenig erhebliche Kleinkolonisationsunternehmung wäre. (Zustimmung.) Mein Ideal ist, das jüdische Volk in Palästina leben zu sehen, geadelt durch zweitausendjährige Charakterfestigkeit, geachtet wegen seiner ehrlichen, ersprießlichen Kulturtätigkeit, ein Werkzeug des weisen Fortschritts, ein Streiter der Gerechtigkeit, ein Verkünder und Ueber der Bruderliebe. Dieses Ideal gebe ich für alle Schätze der Erde nicht hin. (Stürmischer Beifall.) Können wir es verwirklichen, dann jauchzen wir dieser neuen Wendung unseres Geschickes zu. Können wir es nicht, dann wollen wir warten. Lange warten, falls notwendig, schmerzlich lange. Langes Warten ist ein Kummer, es ist keine Schande. (Tosender Beifall). Wankelmütigkeit ist eine Schande. (Stürmischer Beifall).. Ein Ideal ist unverjährbar, es gestattet jede Hoffnung: endgültig hoffnungslos ist nur freiwillige Selbstaufgabe. (Lebhafte Zustimmung). Das mußte gesagt werden für die Türkei, für die Welt, für uns Juden. Ich hatte in den letzten 18 Monaten mitunter die beklemmende Empfindung, daß in dem Bewußtsein eines Teiles der Zionisten der Ausgangs- und Höhepunkt unserer Bewegung verdunkelt werde' Darum rufe ich so laut ich kann: Zurück zum Baseler Brogramm! (Minutenlange Kundgebungen des Beifalls). Dieses steht über dem Gewoge der täglichen Erscheinungen. Stark durch unsere Gedanken, erhaben durch unsere Zwecke, können wir allen Ereignissen wechselnder Tagespolitik gegenüber innerlich ruhig bleiben, äußere Vorgänge können die Pole unseres Wesens nicht verrücken. (Beifall). Will die Türkei unter diesen genau umschriebenen Bedingungen unsere weitere Mitarbeit, dann — ich wiederhole es — sind wir zu ihr freudig bereit. Fordert sie von uns Verzicht auf die jüdische Hoffnung und die Assimilation, dann sagt das Judentum : Nein. (Tosende Kundgebung des Beifalls füllen den Saal minutenlang), wie es zu verlockenderen Versuchungen immer Nein gesagt hat (Erneuter Beifall). Möge der Kongreß praktische Arbeit in Palästina beschließen, soweit dies in unserer Zeit möglich ist. Er^vird aber niemals vergessen wollen, daß seiner Arbeiten Voraussetzung nationales Judentum ist und daß er Selbstmord begeht, wenn er an diesem Grundbegriff seines eigehen Lebensgesetzes zweifeln läßt. (StürmischerBeifall.)Was ihn geschaffen hat, das ist der Zionismus. In einer Bewegung aber, die nicht nur ihre Mittel, sondern auch jhre Ziele einem Wechsel des türkischen .Regierungssystems zuliebe ändert, würde ich keinen Zionismus mehr erkennen, sondern Assimilation.(Stürmischer anhaltender lebhafter Beifall.) Dieser Zionismus wäre nicht, länger mein Zionismus! Es folgte sodann die Wahl des Kongreßpräsidiums. Abweichend von der früher üblichen Art wurde diesmal die engere Leitung nicht in das Kongreßpräsidium gewählt, um die Legislative und Exekutive der Behörde auch äußerlich sichtbar zu trennen. Natürlich hat die engere Leitung die Möglichkeit in jedem Stadium der Verhandlungen in den Kongreß einzugreifen. Gewählt wurden: Dr. Max Nor da u zum Kongreßpräsidenten; zu Vizepräsidenten: Doktor Bo den heim er (Köln), Adolf Stand (Lemberg), Dr. I. Tschlenow (Moskau), Ing. Ussischkin (Odessa); zu Beisitzern: Bernstein-Kohan> Dawid F1 o r e ri t i n i (Saloniki), Dr. Kalmus (Hamburg), Dr. Isidor Margulies (Wien), Jakob Moser (Bradford), P i n e 1 e s (Galatz), Rabbiner Reines (Lidajj tng. Temkin (Moskau). Am Nachmittag erstattet der Generalsekretär Gg. N. Söfeolöw den Rechenschaftsbericht des Aktionskomitees. .Er beschränkt sich auf eine kurze Ansprache in hebräischer und deutscher Sprache und verweist im Uebrigen auf den den Delegierten überreichten gedruckten Bericht. Hierauf folgte die Generaldebatte die gleich zu Beginn einen ziemlich lebhaften Charakter annimmt Als erster Redner spricht Professor Dr. Leo Kellner (Czernowitz). Er übt in einer längeren Rede scharfe Kritik an der Leitung und macht Vorschläge zu einer Ausgestaltung des Kongresses. Er wünscht ihn wirksamer durch eine Einteilung in. verschiedene Sektionen nach Art der wissenschaftlichen Kongresse. Dr. Pasmanik (Genf) kritisierte eingangs seiner Ausführungen die Rede Nordaus, die in einem bei Nordau in Kongreßreden bisher noch nicht beobachteten polemischen Ton gehalten war. Der erste Teil der Nordau’schen Rede sei ein Kampf gegeu Windmühlen gewesen. Pasmanik bespricht hierauf die Aeußerungen des Präsidenten Wolffsohn gegenüber dem Korrespondenten des „Courier d’Orient“ in Konstäntinopel und rügt die Art, mit welcher der Präsident so ohne weiteres das Programm vollständig geändert habe. Im weiteren Verlaufe kommt Pasmanik auf Nordaus Rede zurück und bezeichnet Nordau als außeramtlichen Verteidiger des AC. Nordaus Ansicht, nötigenfalls zu warten, weist er entschieden zurück. Wer wartet, der rostet. Er macht der Leitung den Vorwurf, daß sie sich ihrer Aufgabe nicht gewachsen gezeigt habe. Er verlangt dirie vollständige Reorganisation der Leitung, Verlegung der Zentrale von Köln nach einem jüdischen Zentrum, etwa Berlin, und eine viel umfassendere und mehr durchgebildete Arbeit als bisher. Er richtet scharfe Angriffe gegen bestimmte Personen der Partei und erklärt, der Leitung das Absolutorium zu verweigern. Er berührt noch den Briefwechsel Cowen-Warburg, verlangt die Schaffung eines 5- bis 7-gliedrigen Kollegiums, das an der Spitze der Organisation stehen solle und schlägt folgende Resolution vor: „Alle bewußten Zionisten verpflichten sich mit Zustimmung der türkischen Regierung innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre nach Palästina auszuwandern." (Beifall und Widerspruch.) Nach Dr. Pasmanik sprachen Dr. Thon (Krakau), Pool (Holland) und Dr. Daiches (London), welcher meint, Präsident Wolffsohn hätte das, was er in der Eröffnungsrede gesagt hat, vor 1 7* Jahren sagen sollen. Er schließt mit den-Worten: Der moderne Zionismus steht am Scheidewege, die wichtigste Arbeit ist für und in Palästina. Nachdem noch einige Redner gesprochen hatten, wurde die Nachmittagssitzung wegen des am Abend stattfindenden Schauturnens um 6 Uhr geschlossen. * * * Das Schauturnen. Abends fand in der Ernst Merck-Halle des Zbologischens Gartens ein glänzend verlaufenes Schauturnen der Jüdischen Turnerschaft, des Verbandes der national-jüdischen Turnvereine statt. Vereine aus Deutschland, Oesterreich, Ungarn usw. hatten zirka 150 Turner und Turnerinnen entsandt, die in mustergiltigen Darbietungen den mehr als 1500 Gästen ein herrliches Bild ihrer turnerischen Kraft und Gewsndtheit gaben. Besonderen Beifall fanden die wunderschönen Reigenübungen einer ad hoc gebildeten Damenriege Hamburger Damen. Dr. Emst Tuch, der Vorsitzende des Hamburger Komitees begrüßte die zahlreichen Gäste und hob hervor, daß die jüdischen Turner mit dieser Demonstration der zionistischen Bewegung eine Dankesschuld abstatten, da vor einem Jahrzehnt ihr Programm zuerst von der Tribüne eines Zionistenkongresses aus verkündet worden war. Dr. Nordau, der das Wort vom „Muskeljudentum“ geprägt hatte, richtete aufeuernde Worte an die Turner. Hier sei in Wahrheit ein „Wort zu Fleisch geworden“, das er — vielleicht ohne seine seine Tragweite ganz zu ermessen — verkündet habe. Schon vor 1800 Jahren hätten jüdische Gymnasiasten in der römischen Arena ihren Mann gestellt. Was aber die jüdischen Turner von heute von jenen unterscheide, das sei ihr stolzes Bekennen zum angestammten Judentum, während die jüdischen Gladiatoren von ehedem die schmerzhaftesten chirurgischen Eingriffe erduldeten, . um ihr Volkstum verheimlichen zu können. Der Tag habe,,,ihm . eine . Erfüllung gebracht, die sein altes Judenherz mit inniger Freude beseele."Der Eindruck, den die Vorführungen der Turner und die Worte Nordaus bei der Versammlung hinterliessen, war ein tiefer und nachhaltiger. * * # Zweiter Tag. H a m b u rg, 27. Dezember. Den Höhepunkt erreichte die Generaldebatte am Montag Vormittag. Sei es durch Zufall, sei es, daß der ganze Kongreß oppositionell gestimmt ist, es ' gelangten ausschließlich oppositionelle Redner zum Worte. Den Reigen eröffnete Dr. Kohan-Bemstein, welcher den Bericht des A.-K. als unvollständig bezeichnete, da über Palästina fast gar nichts berichtet ist. Es fehlen Berichte über das hebräische Gymnasium und über die Palästinaeinwanderung. Er fragt dann: Was hat die Bank getan? Die Zinsen werden verwendet, um die Leitung der Bank in London zu bezahlen. Zum Schlüsse verlangt er, daß ein Mitglied der Leitung in Palästina wohnen möge. Der nächste Redner ist Gg. Abg. Stand: Was hat der politische Zionismus bisher geleistet? Der politische Zionismus ist im höchsten Grade unpraktisch. Hingegen könne der praktische Zionismus dem politischen außerordentlich nützen. Je mehr Juden wir in Palästina haben werden, desto größer wird auch die Macht des politischen Zionismus. Statt zu verhandeln, muß man handeln. Der Präsident macht die Arbeit in Palästina nur widerwillig. Prof. Warburg schulde man viel Dank, er hat viel geleistet. Die Schwierigkeiten liegen nicht nur in den äußeren, sondern auch, in den inneren Verhältnissen. Was haben die „Politischen“ in den letzten Jahren geleistet? Die Prof. Warburg gemachten Vorwürfe muß man entschieden zurückweisen. PLDC. hat bloß 51.000 Mark und hat relativ bedeutend mehr geleistet als die Colonial Bank mit ihren Millionen. Wer zuletzt lacht, lacht am besten, und zuletzt wird Warburg lachen. Er polem.siert weiter gegen Nordau und meint, die Behauptung Nordaus, man hätte ernstlich die Verlegung der Leitung nach Konstantinopel oder Jerusalem verlangen, sei nicht richtig. Es ist einerlei, wo die Lei-