Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1909-12-31 · 53 (31.12.1909) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
53 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2438141-2438220-2438272--1615-2441221
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 53 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 Stellung vor die türkische Regierung hin- < treten und ihr unser Anliegen unterbreiten, j Solange wir aber diese innere Aufgabe I nicht erfüllt haben, , ist es notwendig, daß t unsere Leitungsich ' außerhalb ' der Türkei, außerhalb des Machtbereiches der türkischen Regierung bleibt. Denn unsere Zukunft liegt in der Türkei, aber unsere Gegenwart liegt einstweilen noch in Europa und Amerika. Ueber unserer Zukunft dürfen wir unsere; Gegenwart nicht vernachläßigen (Zuj Stimmung). Die Gegenwart soll unsere Zuj kunft vorbereiten, sie soll sie erst möglich j machen. Die Anforderungen dieser Gegen- [ wart aber, die die Zukunft in sich schließt, j wie ein Ei des Mutterleibes zu seiner Lebensfähigkeit und Entwicklung nicht entbehren kann, machen es notwendig, daß unsere Leitung einstweilen außerhalb der Türkei bleibt. Auf Europa und die Länder europäischer Gesittung wirken wir heute noch leichter aus einer west- oder mitteleuropäische Stadt, als aus Jerusalem, Jaffa oder Konstantinopel. Für den Fall der Verhandlung mit der türkischen Regierung befinden wir uns in ■einer ungleich bessern Lage, wenn wir sie von außen führen können, als im Verhältnis der türkischen Organisation, daß heißt im Verhältnis von Untergebenen zu ihrer gesetzlichen Obrigkeit. (Lebhafte Zustimmung.) Außerdem haben wir in jedem andern Lande, wo wir von der Regierung nichts verlangen und zu ihr keine amtlichen Beziehungen anzuknüpfen und zu unterhalten brauchen, eine viel größere Freiheit unserer Bewegung und Unabhängigkeit als in der Türkei. Ich meine, diese Gründe sind derartig einleuchtend, daß sie einer weiteren Ausführung nicht bedürfen. Doch die niederschlagendste Wahrnehmung, die ich in den letzten Monaten machen mußte, war der von vielen Seiten ertönende Schrei nach einer Aenderung unseres Programms. Haben diejenigen, die diesen Ruf erhoben, sich denn auch die Bedeutung und Tragweite ihres Verlangens voll vergegenwärtigt? Wir bezeichnen den Beschluß des ersten Zionistenkongresses als unser Programm, weil wir gern Emphasen vermeiden und uns lieber absichtlich einer nüchternen, geschäftsmäßigen Sprache bedienen. Täuschen wir uns aber darüber nicht: Das, was wir in der modernen Ausdrucksweise des Partei- und Vereinslebens Programm genannt haben, ist tatsächlich das in schlichte Worte gekleidete zweitausendjährige geschichtliche Ideal des Judentums (lebhafte Zustimmung), das Ziel, das dem jüdischen Volke in der Nacht des Exils als heller Stern leuchtete, die Hoffnung, für die die Besten unseres Volkes Uebermenschliches erlitten haben und als Helden in den Tod gegangen sind. (Stürmischer Beifall). Und auf dieses Ideal sollen wir auf den ersten Zwischenfall der Tagespolitik hin verzichten? Das ist unnütz, wenn nicht gefährlich. Geehrter Kongreß! Ich bin, glaube ich, berufen, zu diesem Punkt zu sprechen. Es ist vielleicht trotz der Raschlebigkeit und Kürze des Gedächtnisses der heutigen Menschen noch nicht ganz vergessen, daß für die konkrete Fassung, das heißt, fiir den Wortlaut des Baseler Programms, in der Hauptsache ich verantwortlich bin. Ich hatte ursprünglich den Ausdruck „öffentlich-rechtlich “nicht gebraucht. Er schien mir unnötig. Ich sagte: rechtlich gesicherte Heimstätte. Im Programmausschuß befanden sich jedoch grundstürzende Feuerbrände, die mehr träumten und denen mein Ausdruck nicht stark genug schien, nicht genug zu sagen schien. Sie drohten mit Reden und Anträgen in der öffentlichen Sitzung, die unsere Bewegung gleich bei ihrem ersten Schritt vor der Oeffentlichkeit schlimm bloßgestellt hätten. Da machte unser Herzl den Vermittlungsvorschlag, meine Fassung „rechtlich gesichert“ durch die Wendung „öffentlich-rechtlich gesichert zu ersetzen. Von dieser Aenderung erklärten die Radikalen sich leicht befriedigt, und es wurde erreicht, daß das Baseler Programm dann einstimmig unter jubelndem Zuruf angenommen wurde. Sie sehen, ich habe keinen persönlichen Grund, mich für „öffentlich-rechtlich“ einzusetzen. Ichtue es aber jetzt dennoch. Denn wenn wir es nochmals ändern, so geben wir dem Wort nachträglich eine Deutung, die eine dreiste Fälschung seines wirklichen ursprünglichen Sinnes wäre. (Lebhafte Zustimmung). Eine kleine Minderheit des ersten Kongresses verband mit dem Ausdruck die Vorstellung einer jüdischen Einwanderung in . Palästina unter den Auspizien der Großmächte, die diese Besiedelung des Heiligen Landes als einen Bestandteil des europäischen Staatsrechts anerkennen sollte. Die ungeheure Mehrheit des Kongresses jedoch war derartiger ausschweifender Phantastik fremd. Mit „öffentlich-rechtlich“ wie mit „rechtlich gesichert“ wollte sie nur sagen, daß die Zionisten den Gedanken ab weisen, sich in Palästina einzuschleichen, daß sie nur auf Grund ausdrücklich gewährter gesetzlicher Rechte ottomanische Reichsangehörige werden wollten. (Lebhafte Zussimmung). Das ist die Bedeutung von „öffentlich-rechtlich“. Diese Bedeutung hat unser Vorsitzender in einer feierlichen Erklärung festgestellt. Es war vielleicht nicht überflüssig, daß ich im Zusammenhang mit dem geschichtlichen Werden dieses Ausdrucks dies nochmals ausdrücklich betone. Aehnlich verhält es sich mit dem Punkte, der ebenfalls zu Aenderungen angeeifert hat, dem Punkte nämlich, der von den nötigen Regierungszustimmungen spricht, deren Erwerbung der Zionismus sich angelegen sein lassen soll. Die Reformatoren des Basler Programms denken bei Regierungszustimmungen offenbar an die Zustimmung der Großmächte, deren wir in der Tat vielleicht bedurft hätten, solange wir das Recht der Besiedelung Palästinas von der Laune eines Despoten erwarteten, die aber vollkommen überflüssig sind, wenn wir dieses Recht von den berufenen Vertretern des rein souveränen Ottomanenvolkes zu erlangen hoffen. (Lebhafter Beifall.) Man hat aber etwas flüchtig gelesen. Sehen Sie sich den Text genauer an. Da steht nicht, die nötige Zustimmung der Regierungen; da steht: die nötigen Regierungszustimmungen, das heißt, die nötige Zustimmung der Regierung in der Einzahl. (Stürmischer Beifall, Bewegung.) Es liegt auf der Hand, daß unter dieser einen Regierung heute nur die türkische gemeint isi und sein kann, und wir erklären es hier ausdrücklich. (Tosende minutenlange Zustimmung.) Daß aber die Erlangung der nötigen Zustimmung der türkischen Regierung zur gesetzlichen jüdischen Besiedelung Palästinas eine der Aufgaben des Zionismus ist, das wird hoffentlich in dieser Versammlung niemand bestreiten wollen. (Beifall.) Wir wollen und werden also an unserm Programm keine Aenderung vornehmen. Nicht weil wir ihm etwa eine mystische Unantastbarkeit zuschreiben. Derartiger Wortfetischismus liegt uns vollkommen fern. Aber weil das Baseler Programm unsere ganze Sehnsucht und all unsere Hoffnung ausdrückt, unser Endziel in deutliche Worte faßt, das Endziel nämlich, als modernes hochgesittetes Volk ungestört und unangefochten im Lande unserer Väter national zu leben und uns auszuleben. (Beifall.) Das drückt das Baseler Programm in voller Klarheit und Offenheit aus. Diese Offenheit ist es, die ich an ihm ganz besonders schätze. Wir haben keine Hintergedanken, wir drücken, wie ich es eben getan habe, unser Endziel in aller Rückhaltlosigkeit aus, und diese Offenheit und Rückhaltlosigkeit gibt uns das Recht, jedem Verleumder gegenüber mit Stolz und von hoch oben herab zu sprechen, wenn man uns, ich weiß nicht, welche Hintergedanken, ich weiß nicht, welche unausgesprochenen Nebenansichtert zuschreibt. Gewisse Gegner, denen man (Zurufe), nomina sunt ediosa, es genügt, daß wir uns verstehen, denen man auf allen Wegen begegnet, sind gegenwärtig in der Türkei an der Arbeit, uns dort mit einer Erbitterung zu bekämpfen, die zwölf Jahre ohnmächtiger ergebnisloser Feindseligkeiten in Europa und Amerika maßlos gesteigert hat. Sie sahen uns in den politischen Kreisen der Türkei mit Verleumdungen verfolgt, die man vor der europäischen Oeffentlichkeitnicht mehr zu wiederholen wagen würde, die man aber - als zur Ausfuhr nach dem Morgenland noch ganz brauchbar ansah. (Stürmische Heiterkeit und Beifall.) Man hat die türkischen Vaterlandsfreunde mit Mißtrauen gegen uns erfüllt. Man hat ihnen eingeredet, wir planten eine Provinz vom türkischen Reich loßzureißen, uns, wenn wir erst in Palästina sind, für unabhängig zu erklären, im Lande ein selbständiges Königreich oder eine Republik der Juden zu errichten. In Europa würde man derartige Tollheiten nicht mehr herumzuschwatzen wagen; vor türkischen Zuhörern, die weniger gewarnt sind, hat man es gewagt derartige Foppereien vom Stapel zu lassen. (Sehr richtig!) Wir halten es deshalb für unsere Pflicht, zu sagen, unseren türkischen Freunden, den Türken im allgemeinen zu sagen: Laßt euch von unseren Gegnern keinen Bären aufbinden (heiterer Beifall), sie machen sich sträflich über euch lustig. Niemand von uns hat je daran gedacht, Palästina vom ottomanischen Reiche loszulösen (lebhafter Beifall), ein Königreich oder eine Republik zu errichten und dem ottomanischen Reiche für die uns gewährte gastliche Aufnahme durch einen Anschlag gegen die Reichseinheit zu danken. (Lebhafter Beifall) Was wir wollen, ist, im ottomanischen Staatsverband eine Nationalität zu bilden, wie alle anderen Nationalitäten im Reiche. Die Anerkennung unserer Nationalität verlangen wir allerdings, daran soll kein Zweifel bestehen. Wir wollen es unseren Ehrgeiz sein lassen, den Namen der loyalsten, der brauchbarsten, der zuverlässigsten aller türkischen Nationalitäten zu verdienen (lebhafter Beifall), am Wohlstand, am Fortschritt, an der Macht des Reiches am eifrigsten mitzuarbeiten (lebhafter Beifall), das heißt, wohlverstanden, daß wir all diese Arbeit nur als Nationalität, als jüdische Nationalität tun. (Stürmischer Beifall.) Das ist unsere offene Mannesantwort auf gewisse türkische Aeußerungen. Man hat uns gesagt: Kommt nur immer zu uns in die Türkei, ihr sollt uns willkommen sein, ihr findet bei uns alles, was ihr verlangt: fruchtbaren, billigen, vielleicht unentgeltlichen Boden, Sicherheit gegen Verfolgung, die Freiheit, die jedem Bürger des ottomanischen Reiches gewährleistet ist; aber ihr müßt ottomanische Staatsangehörige werden, die türkische Sprache annehmen, im türkischen Volk aufgehen, so daß man euch von allen anderen Türken nicht unterscheiden kann; und damit wir ganz sicher sind, daß ihr diese Bedingungen auch einhaltet, werden wir euch nicht gestatten, in größerer Zahl oder gar in geschlossenen Verbänden beisammen zu siedeln. Wir werden euch gleichmäßig durch alle Provinzen des türkischen Reiches verteilen, und wir werden euch namentlich in Palästina nicht eindringen lassen. Palästina soll euch verschlossen bleiben als die einzige Provinz des türkischen Reiches. Angesichts solcher Anschauungen gebietet unser Stolz, unsere Selbstachtung, auf das Baseler Programm hinzuweisen. (Stürmischer Beifall.) Ich erkläre, daß wir es ungeändert aufrecht erhalten müssen. In der Grundtatsache des Zionismus ist ein Opportunismus nicht möglich (anhaltender, sich immer wieder erneuernde Beifallskundgebungen), in diesem Punkte ist ein Zugeständnis undenkbar. Wenn wir in die Türkei gehen wollen, so

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.