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Jüdische Zeitung · 1909-12-31 · 53 (31.12.1909) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
53 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 nissen anpassen. Sie mußte sich sofort auf eine ganz neue Unterlage stellen, alle ihre alten Methoden aufgeben und mit von den bisherigen völlig verschiedenen Mitteln arbeiten. Alles richtete aufgeregte Blicke zur Leitung. Man erwartete von ihr ungesäumt eine Tat, ein ungesäumtes Einhaken in die neue türkische Entwicklung. Man war enttäuscht, bestürzt, erbittert, als diese Tat nicht sofort erfolgte. Woran denkt man in Köln? riefen hundert ungeduldige Stimmen. Hat man'dort vielleicht kein Verständnis für die ungeheure Wichtigkeit der türkischen Umwälzung? Wird man diesen großen Augenblick, der vielleicht in Jahrhunderten nicht wiederkehrt, ungenützt vorübergehen lassen? Und die Ratgeber, an denen es im jüdischen Volk bekanntlich niemals fehlt (Heiterkeit), begannen die Fülle ihrer Weisheit auszuspenden. Die Leitung muß sich augenblicklich mit den türkischen Machthabern in Verbindung setzen, sie und die öffentliche Meinung für die Pläne desZionismus durch Ueberredung, Aufklärung und Dienstesanerbietungen gewinnen. Vor allem aber, es war das Zweckmäßigste, die Leitung wurde auf der Stelle nach Konstantinopel verlegt und unser Kongreß dahin einberufen. Und was noch wichtiger war, das Basler Programm mußte vollständig geändert werden, damit es der geänderten Sachlage entspräche. Manches von dem, was vorgeschlagen oder gefordert wurde, war ganz vernünftig, so vernünftig, daß es sich denkenden Zionisten von selbst darbot und nicht nötig hatte, mit Aufregung, mit zorniger Ungeduld hervorgesprudelt zu werden. Anderes war seltsam bis zur Unglaublichkeit, und ich gehe darüber mit schonendem Stillschweigen hinweg, weil es meinem Geschmack nicht entspräche und der Würde dieses Augenblicks und dieser Stelle nicht angemessen wäre, Gesinnungsgenossen der Heiterkeit preiszugeben, die schließlich nur aus Uebereifer, aus Mangel an politischer Erfahrung, aus ungenügender Kenntnis der Tatsachen geirrt haben. Ich bin weder zum amtlichen noch zum halbamtlichen Verteidiger der Leitung bestellt. Aber ich habe wie jeder Zionist das Recht und wie jeder unbefangene, billig denkende Beobachter die Pflicht, für sie einzutreten, wenn ich sie ungerecht angegriffen und ihr Walten verkannt sehe. Ich rechne es unserer Leitung als großes Verdienst an, daß sie sich von dem Ueberschwang, von der Maßlosigkeit eines Teils unserer Gesinnungsgenossen nicht mitreißen ließ, sondern inmitten der allgemeinen Fieberhitze ruhig blieb und dem von allen Seiten auf sie einstürmenden Drängen zu widerstehen wußte. Sehen wir kalten Blutes der Wirklichkeit ins Antlitz! Was ist geschehen? Inwiefern berühren die Ereignisse uns? Welche neuen gegenwärtigen und künftigen Pflichten werden uns von ihnen auferlegt? Durch die kühne Aktion tapferer und idealistisch gerichteter Vaterlandsfreunde wurde in der Türkei der Despotismus überwunden und das Reich in die Bahn eines verfassungsmäßigen Lebens nach guten europäischen Vorbildern hinübergeleitet Darüber freuen wir uns, nicht nur als Zionisten, nicht nur als Juden, sondern einfach als Menschen, die jeden Fortschritt in der Welt froh begrüßen, sich an jedem Beispiel selbstvergessener und zweckdienlicher Tatkraft erfreuen und jedem Volke von ganzem Herzen Freiheit mit Ordnung und Frieden wünschen (Beifall), ganz besonders, wie ich nach unserm verehrten Vorsitzenden, wenn auch weniger beredt, wiederholen will, dem türkischen Volke, das sich uns gegenüber immer großmütig erwiesen hat und dem wir seit Jahrhunderten für die gastliche Aufnahme unserer aus Spanien vertriebenen Vorfahren unverjährbaren Dank schulden (stürmischer Beifall), mit dem wir übrigens durch die Verwirklichung der Ziele des Zionismus in ein besonders enges Freund- JÜDISCHE“ ZEITUNG. Schaftsverhältnis zu treten hoffen. Allein über unserer Begeisterung für'die türkische Freiheit dürfen wir doch nicht vergessen, daß die Umwälzung iri Konstantinopel doch kein zionistisches3 kein jüdisches, sondern ein türkisches Erfeigriis ist, daß wir immer noch keine Bürger des ottomanischen Reiches sind, an den innerlichen Wandlungen des türkischen Reiches keinen unmittelbaren Anteil haben,' sondern sie, wenn auch mit allerwärmster Anteilnahme, aber doch als Außenstehende verfolgen, und das es taktlos, unklug und voreilig wäre, wenn wir uns in sie einmischen wollten. (Beifall). Das ist eine Antwort an diejenigen, die zwischen dem Zionismus und den jungtürkischen Machthabern ungesäumt Beziehungen angeknüpft zu sehen wünschten. Die diese Forderung erhoben, haben sich augenscheinlich nicht vergegenwärtigt, daß die jungtürkische 'Partei eine Partei im otto^ manischen Reiche; daß sie nicht das ottomanische Reich ist. Zurzeit sind die Jungtürken die herrschende Partei, und es ist jedem von uns unbenommen ihre bisherigen Leistungen so einzuschäizen, wie er irgend will, sie mit den begeistertsten Sympathien zu verfolgen, ihrer Herrschaft eine möglichst lange Dauer zu! wünschen und an diese Dauer auch zu glauben. Aber der Zionismus darf sich nicht 3 mit einer ottomanischen Partei identifizieren (lebhafte Zustimmung). Der Zionismus kann unmöglich sein künftiges oder auch nur sein gegenwärtiges Schicksal an das einer ottomanischen Partei knüpfen. Und, Freunde, ihr müßt auch den Anschein vermeiden, als ob der Zionismus sich in die innerpolitischen Kämpfe der Türkei einmischfen wollte, so lange fast noch alle seine Bekenner Bürger oder Untantanen fremder Staaten sind. Zügeln wir unsere Ungeduld! Wenn diejenigen Zionisten, die selbst das neue Leben unseres Volkes in der alten Heimat unserer Väter leben werdenj erst türkische Staatsangehörige geworden sind, werden sie das Recht und die Gelegenheit haben, mit der ganzen Hitze ihres Temperaments am innerpolitischen Leben ihres Vaterlandes teilzunehmen, sich der Partei ihrer Wahl anzuschließen, für sie ohne Vorbehalt einzutreten, ihre Gegner mit äußerster Heftigkeit zu bekämpfen. Einstweilen aber gebietet uns der Takt und die Klugheit eine Zurückhaltung die von allen türkischen Parteien freundlicher, gewürdigt werden wird, als vorlauter und unverlangter Eifer. Die jungtürkische Partei würde es uns schwerlich Dank gewußt haben und wissen, wenn wir uns verfrüht an sie herangedrängt und ihr Dienste angeboten hätten, die zu leisten wir übrigens gar nicht in der Lage gewesen wären. „Der Schwerpunkt der zionistischen Bewegung muß nun unverzüglich in die Türkei verlegt werden“, so wurde von vielen Seiten stürmisch gerufen. Das ist eine Redensart und nichts anderes. Blasen wir den Wortschaum weg und dringen wir zu den Tatsachen vor. Was soll damit gesagt sein: „Der Zionismus muß nun seinen Schwerpunkt in die Türkei verlegen?“ Soll das heißen: Wir müssen die Verhältnisse des türkischen Reiches so genau wie möglich studieren, ihren Wandlungen mit der größten Aufmerksamkeit folgen, mit den leitenden Personen und Parteien in Verbindung treten, die öffentliche Meinung über unsere Bestrebungen, unsere Wege und Ziele aufklären? ‘Das ist so selbstverständlich, daß es nicht erst ausdrücklich verlangt zu werden braucht, am wenigsten im aufgeregten alamierenden Tone. Das haben wir auch bisher getan, wir werden es mit Bedacht und Fleiß fortsetzen, und es wird uns künftig hoffentlich durch die größere Freiheitlichkeit der Gesetzgebung und Verwaltung im ottomanischen Reiche erleichtert werden. Das Ziel aller unser Bestrebungen, Wünsche und Hoffnungen liegt in der Türkei und hat Nr. .53 immer dort gelegen. Schon daraus ergibt sich, daß das türkische Reich uns nicht erst durch seine jüngste Umwälzung wichtig geworden ist. Palästina ikb eine Provinz des ottomanischen Reiches. An der Küste und. an den Landgrenzen des heiligen Landes halten türkische Soldaten Wacht. Die Schlüssel des Hauses,-das die Zionisten zu ihrem Heime zu machen wünschen, liegen in den Händen der türkischen Regierung. Alle unsere lebendigen Werke, unsere Schulen, unsere Orientbank, unsere Auskunftstelle, unsere Versuchsfarm, liegen in Palästina, d. h. in der Türkei. Alles, was wir an unmittelbar zu verwirklichenden praktischen Unternehmungen planen und vorbereiten, hat das ottomanische Reich zum Rahmen. Alle unsere Bestrebungen weisen nach der Türkei hin, wie die Nadel des Kompasses nach dem magnetischen Pol. Wir haben es uns seit Jahren angelegen sein lassen, uns möglichst gründlich über das geltende Recht, namentlich die Landgesetzgebung und die Verwaltungsregeln der Türkei zu unterrichten. Was kann, was konnte unter den gegebenen Verhältnissen noch mehr geschehen? „Die Leitung soll ihren Sitz nach der Türkei, nach Palästina oder Konstantinopel verlegen.“ Dieser Kongreß sollte dahin einberufen werden. — Geehrter Kongreß! Die zionistischen Vertreter des jüdischen Volkes aus beiden Welten in der Türkei zu versammeln, wäre voreilig gewesen, solange wir nicht sicher sind daß, sie sich zu unseren Betsrebungen wohlwollend stellt. Und vollends nun den Sitz, die Leitung unserer Bewegung nach dem türkischen Reiche zu verlegen, wäre ein schwerer Fehler, denn wir dürfen nicht vergessen, daß unsere Aufgabe zurzeit noch eine doppelte ist, eine innere und eine äußere. Gewiß ist es nötig, daß wir für den Zionismus die Zustimmung der Türkei, die Förderung durch die türkische Regierung erwirken; aber nicht minder notwendig ist es; daß wir das Verständnis und die Unter!' Stützung des jüdischen Volkes für ihn gewinnen (Beifall). Ich weiß nicht, ob ich mich nicht damit vielleicht in einen Gegensatz zu den sogenannten praktischen Zionisten bringe, aber ich meine, daß für uns immer noch wichtiger als die sofortige Anbahnung amtlicher Beziehungen zur türkischen Regierung die Stärkung und Ausbreitung der zionistischen Ueberzeugung und des zionistischen Gedankens im jüdischen Volke ist. (Lebhafter Beifall.) Erwachen Sie doch aus der Selbsttäuschung, in die Sie sich hineinträumen, hineinreden, hineinsinnen! Zählen Sie sich, messen Sie Ihre Kraft]! Glauben Sie wirklich, daß wir schon stark genug sind, um in Palästina Werke von derartiger Bedeutung für die Zukunft des Judentums, des jüdischen Volkes zu schaffen? Daß Sie ganz von selbst und natürlich Palästina zum Mittelpunkte unserer Bewegung und zum Sitz ihrer Leitung machen können? Ich glaube es nicht (Stürmische Zustimmung). Ich bin vielmehr der Ueberzeugung, daß wir noch bedauerlich schwach sind und alles daran setzen müssen, um im jüdischen Volke selbst noch sehr viel mehr Boden zu gewinnen (Lebhafte Zustimmung). Spannen wir unsere Organisation aus, führen wir ihr neue Anhänger zu Hunderttausenden zu. Verdoppeln, verzehnfachen wir unsere Werbetätigkeit in den jüdischen Zentren Europas und Amerikas. Wir haben heute Ermutigungen aus dem Munde der Herren Dr. Levy und Dr. Franck empfangen, die uns den richtigen Weg weisen. (Lebhafter Beifall.) Haben wir diese innere Aufgabe erfüllt, daß wir auch ziffernmäßig das Recht in Anspruch nehmen können, daß der Zionismus als das organisierte jüdische Volk in der Zerstreuung betrachtet werden muß, dann können wir mit ganz anderer Aussicht auf Erfolg uns unserer zweiten, unserer äußern Aufgabe ' widmen; dann können wir in ganz anderer

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