Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 53 [ÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 unserer Organisation hergestellt und zusammengefaßt. Bei vollständiger Wahrung der Selbständigkeit unserer verschiedenen Institutionen ist die Möglichkeit für eine einheitliche Leitung jetzt erzielt worden. Das Gleichgewicht in unserem Budget ist endlich ‘ hergestellf und wird es jetzt hier .unsere Aufgabe sein, diese gesunde Grundlage uns auch fernerhin durch Beschaffung d^r Mittel dauernd zu erhalten. Unsere Organisation befindet sich in einer stetigen Entwicklung. Es zeigt sich daher die Notwendigkeit, unsere Satzungen dieser Entwickelung anzupassen. Sie werden sich daher auch mit der Abänderung unseres Organisationsstatutes eingehend zu beschäftigen haben. Alle diese Fragen werden die Grundlagen unserer Arbeit auf diesem Kongreß sein. Es werden Ihrer Beschlußfassung seitens der betreffenden Instanzen Vorschläge unterbreitet werden, die Ihrer vollen Aufmerksamkeit würdig sind. Wir wollen nicht ruhmredig auf unsere Arbeiten und Erfolge hinweisen. Was wir geschaffen haben, bildet nur Bausteine für das Fundament des großen Gebäudes und ist nur der Anfang. Die geordneten Verhältnisse, denen wir in der Türkei entgegengehen, werden uns jetzt die Möglichkeit geben, mit größerer Energie xmd besseren Erfolgaussichten vorzugehen, Arbeiten zu unternehmen, die notwendig sind, um die Bedingungen für eine geordnete Einwanderung und zweckentsprechende Kolonisation zu schaffen. Wir dürfen nie vergessen, daß unsere Arbeiten die Sache unseres Volkes bedeuten und müssen daher diese Arbeiten mit dem Ernst und der Ruhe machen, wie sie eine Volkssache erfordert. Unsere Hauptaufgabe muß daher in erster Linie darauf gerichtet sein, das Volk zur Solidarität, zur Opferwilligkeit und zur Selbsthilfe zu erziehen, denn unsere Stärke ist das Volk. Wie dieses fest, einig und stark sein wird, das wird von bestimmender Wirkung auf unsere Erfolge sein. Unsere Kraft ist, Gott sei Dank, ungebrochen. Unbekümmert um rechts und links, um Gnadensonne oder Sturm, ohne Leidenschaft werden wir unsere Arbeit fortsetzen und unsere Pflicht tun. Wir arbeiten im Namen eines historisch kundgegebenen Volkswillens, der über alle Wandlungen erhaben ist. Jeder andere glühende Eifer kann erkalten, jede andere Kraft erlahmen, oder es können auch sonstige bisher niedergedrückte Leidenschaften plötzlich emporlodern, die dem Fühlen und Denken eine andere Richtung geben, das Wirken und Streben in andere Bahnen leiten, aber der durch Jahrtausende bewährte Volkswille mußj bleiben. Durch den Kampf mit den Hindernissen wird dieser Wille nur gestählt. Die Wahrheit, Gerechtigkeit und Vernunft brauchen manchmal Zeit sich durchzuringen, aber so lange hat ja die Geduld keines einzigen Volkes gedauert, wie die des unsrigen. Der Zionismus wurde als Utopie betrachtet, als er ins Dasein trat. Nur von wenigen für lebenskräftig gehalten hat er im Laufe der Zeit schon zahlreiche Kreise von seiner Bedeutung zu überzeugen vermocht. Wir müssen uns weiter Achtung verschaffen; wir werden gehört werden, wenn wir sprechen, und unseren Versicherungen wird man Glauben schenken wenn wir stark und einig sind. Schreiten wir aufrecht vorwärts! Ich eröffne den Kongreß! Die Kongreßverhatidlungen. (Von unserem Spezialberichterstatter.) Der Vortag. Hamburg, den 25. Dezember. Noch niemals wurde am Vortage des Kongresses so eifrig gearbeitet wie diesmal. An der Notwendigkeit, daß jede Landsmannschaft, die etwas vorzubringen hat, unbedingt mit den Dielegierten aus anderen Ländern Fühlung , nehmen muß, erkennt man, wie mächtig die Bewegung gewachsen ist. Alis dieser fieberhaften Tätigkeit mag man auch entnehmen, wie schwerwiegend dieser Kongreß sein wird und wie groß das Verantwortlichkeitsgeffihl der Delegierten ist. Deshalb ist auch die Stimmung sehr gedrückt. Die einzelnen Landsmannschaften und Delegierten finden einander schwer und man begreift nicht recht, wie sich aus den widerstreitenden Meinungen und Tendenzen ein ^geschlossener Gesamtwille herausbilden wird. Die russische Landsmannschaft ist diesmal ungewöhnlich stark — man spricht von 180 Delegierten — und arbeitet seit drei Tagen unausgesetzt. Auch die galizische Landsmannschaft ist beim jetzigen Kongreß weit zahlreicher vertreten als an den früheren. Die beiden österreichischen Landsmannschaften — die westösterreichische und die galizische — beraten gesondert. (Die Bukowinaer Delegierten hospitieren bei den Galizianem.) Doch werden beide Klubs in wichtigen Fragen Zusammengehen. Die galizische Landsmannschaft kandidiert den Abg. Stand, die westösterreichische Dr. Isidor Margulies in das Präsidium. Die letzte Landmannschaftssitzung der österreichischen Delegierten beschäftigte sich mit der Frage der Permanenzausschußkandidaturen. * Die Hamburger Blätter — insbesondere die „Hamburger Zeitung“ — begrüßen den Zionistenkongreß in ausführlichen Artikeln über die zionistische Bewegung. Das größte Interesse der Delegierten nimmt die Frage der künftigen Leitung in Anspruch. Es kursiert das wenig glaubwürdige Gerücht, daß W o 1 f f so h n zurücktreten werde. Die verschiedensten Kombinationen werden verbreitet. Nach einer Version soll sich das künftige A.-C. in Paris etablieren. Wolffsohn, Nordau und Marmorek sollen ihm angehören. Nach einer anderen steht es fest, daß das A.-C. nach Berlin verlegt wird, mit Prof. Warburg an der Spitze und sieben weiteren Mitgliedern, unter welchen auch U s s i s c h k i n genannt wird. * Aut der Konferenz der russischen Delegierten übten Berger, Dr. Syrkin und andere scharfe Kritik an der Tätigkeit des russischen Zentralkomitees. Insbesondere wird die Planlosigkeit bei der Anteilnahme an der russisch-jüdischen Konferenz in Kowno verurteilt. Das Zentralkomitee trage auch Schuld daran, daß sich die Bewegung in Rußland nur langsam entwickle. * Das unverbürgte Gerücht von einem großen zionistischen Erfolg teilen wir Ihnen mit aller Reserve mit: Das russisch-jüdische Tagblatt „Haint“ meldet aus Hamburg: Das zionistische Aktionskomitee habe von der türkischen Regierung die Konzession zur Gründung einer Agrarbank erhalten, welche jüdischen Bauern billigen Kredit zur Erwerbung und Bebauung palästinensischen Ackerbodens gewähren soll. * * Erster KongreBtag. Vormittagssitzung. Hamburg, 26. Dezember. 460 Delegierte füllen den Saal. Auf den Galerien drängen sich 2000 Menschen. Aus allen Weltteilen, insbesondere aus den verschiedensten Provinzen Deutschlands sind Gäste herbeigeströmt. Der größte Teil kann keinen Einlaß finden und drängt sich vor den Toren des Kongreßgebäudes. Schon eine Woche vor Kongreßbeginn waren sämtliche Einlaßkarten vergriffen. Für Galeriekarten wurden Beträge bis zu 100 Mark -gezahlt, die dem Nationalfonds zufließen. Unter den Anwesenden bemerkt man Hans Herzl, den Sohn Theodor Herzls. Besonders gefeiert wurden auch die türkischen Delegierten und Dr. Nordau, der vor kurzem seinen 60. Geburtstag gefeiert hat. Im Saale herrrscht eine gehobene, ungemein feierliche Stimmung. Die Seitentüren öffnen sich und in langem Zuge begibt sich der zionistische Senat, das große Aktionskomitee, zur Estrade hinunter. Am Präsidialtisch nehmen die Mitglieder des engeren Aktionskomitees und Dr. Max Nordau Platz. Unter lautloser Stille hält David Wolffsohn die Eröffnungsrede. Sie wird beifälligst aufgenommen, insbesondere die politische Erklärung wurde lebhaft begrüßt. Hierauf begrüßen Herr L e v y, Vertreter des deutschisraelitischenSynagogenverbandes, dann Herr Fra n k als Kultusratsmitglied der Altonaer Judengemeiude, schließlich Gg. Dr. Kalmus namens der Hamburger Zionisten, der dem Kongreß eine Spende von 3000 Mark übergibt, die den Grundstock bilden solle zu einer Stipendienstiftung für junge Juden, die an höheren Schulen und Lehranstalten in Erez Israel ihre Ausbildung erhalten. (Stürmischer Beifall).) Nunmehr erhebt sich unter atemloser Spannung der Versammelten Dr. Max Nordau und hält eine einstündige glänzende Rede, die wir unten folgen lassen. Nordau führt in seiner großangelegten politischen Programmrede, aus, es müsse festgehalten werden, daß die Einmengung in die innere Politik und das Parteileben der Türkei durch nichtottomanische Zionisten durchaus unzulässig und nicht beabsichtigt sei. Erstrebt müsse werden, getreu dem unabänderlichen Baseler Programm, ein nationales Sich-Ausleben der Juden in Palästina als ungestörte und unangefochtene Bürger des ottomanischen Reiches. Er wendet sich energisch gegenjedeAenderung des Baseler Programmes. „Wir dürfen nicht leichten Herzens verzichten auf ein Programm, das der beste Ausdruck des nationalen Gedankens ist.“ Der ganze Kongreß stand unter dem gewaltigen Banne der Nordau sehen Rede. Der Beifall wiederholte sich immer von neuem. * * * Rede Dr. Max Nordaus. Das Ereignis, das seit unserer letzten Tagung im Haag vor mehr als zwei Jahren alle Zionisten aufs tiefste bewegt und am anhaltendsten beschäftigt hat, und das auch in der Eröffnungsrede unseres Vorsitzenden, der Sie soeben reichsten Beifall gespendet haben, den breitesten Raum einnimmt, war bezeichnenderweise kein zionistisches. Es war die unblutige Umwälzung, die sich am 24. Juli 1908 in Konstantinopel vollzogen hat und der erst am 13. April des laufenden Jahres ein blutiges Nachspiel folgen sollte. Als die überraschende Kunde durch die Welt hallte, daß in der Türkei der Absolutismus niedergerungen war, der Sultan einer freisinnigen Verfassung seine Zustimmung erteilt hatte, und das ottomanische Reich sich in eine parlamentarisch regierte Demokratie umwandeln sollte, da erfaßte ein wahres Fieber den zionistischen Teil des jüdischen Volkes. Die bedauerliche Unstetigkeit des jüdischen Temperaments, unsere unglückselige Nervosität offenbarten sich ungestüm. In der zionistischen Presse, in zionistischen Versammlungen trat ein erschreckender Ueberschwang zutage. Wenn man diesen tumultuarischen Kundgebungen glauben sollte, war die Umwälzung in Konstantinopel die weitaus wichtigste Begebenheit in der jüdischen Geschichte, die sich seit vielen Jahren vollzogen hatte. Der Zionismus war urplötzlich seinem Ziele auf Armeslänge nahe gerückt. Dieses Ziel war fast schon mit ausgestreckter Hand zu erreichen. Eine moderne freiheitliche Türkei mußte uns mit offenen Armen aufnehmen. Um das Recht der Einwanderung in Palästina zu erhalten, brauchten wir es nur zu verlangen. Die zionistische Bewegung mußte sich ungesäumt den veränderten Verhält-