Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 53 türkischen Kreise, daß sie schon in der ersten Zeit ihrer neuen Regierung das Wünschenswerte einer jüdischen Wanderung betont haben. Die Einwanderung von Arbeit und Kapital — das ist der gegebene Weg zur Lösung der zivilisatorischen Aufgaben, die der jetzigen Regierung obliegen. Die Türkei braucht Steuerzahler und wir können ihr solche geben, da wir doch als Schaffende, als Pioniere eines modernen Ackerbaues und einer modernen Industrie ins Land ziehen wollen. Die Türkei braucht loyale Bürger, die keine fremdstaatlichen Interessen vertreten würden, und — kann es loyalere Bürger geben, als die Juden, die ein staatserhaltendes Element in besten Sinne dieses Wortes sein können? Der Ackerbau erfordert feste und bleibende Einrichtungen; er wirkt nach außen wie nach innen, sichernd, bewahrend und erhaltend. Unser Volk, an das Land der Ahnen mit allen Fasern seines Herzens geknüpft, will diesen Boden bebauen; es will ungehindert und unbeengt leben; es will gegen die Leistung aller Bürgerpflichten die entsprechenden Rechte genießen, es will Kulturwerke schaffen, die seinen Geist verkörpern und die es im Hochgefühl der Betätigung eigener Neigungen mit Aufopferung und Enthusiasmus aufrichten wird. Wir sind nie politische Abenteurer gewesen und werden es nie sein. Es war ja immer ein wesentlicher Vorzug des jüdischen Volkes gewesen, als ein Volk des Geistes gelten zu dürfen. Diese Erwägung ist so natürlich und so naheliegend, daß sich ihr nur jemand verschließen kann, dem Voreingenommenheit den Blick getrübt hat. Es ist daher natürlich, daß die Neugestaltung in der Türkei unter uns eine zukunftsfreudige Begeisterung erregt hat. Es war wie eine aus dem Grabe erstandene Hoffnung.Wir, das alte Volk des Orients freuten uns über dieses Erwachen des Orients zum neuen Leben. Wir, die treuesten Freunde der Türkei, des Landes, welches in den schwersten Zeiten unserer Leiden unsere Flüchtlinge liebevoll geborgen hat, freuten uns über den riesigen Fortschritt, den dieses von ritterlichem Geiste beseelte Volk gemacht hat. Wir waren stolz darauf, daß auch unsere Brüder dort für die Freiheit mit gekämpft, ihr Blut um der Freiheit willen hingegeben und ihren sterblichen Teil der Idee des Fortschrittes geweiht haben. Und wir waren besonders als Zionisten hocherfreut darüber, daß auch in Palästina der Freiheit eine Gasse geöffnet wurde. Niemand hat die früheren verwahrlosten Zustände tiefer empfunden als wir, die wir ja schon auf eine mühevolle kolonisatorische Tätigkeit unserer Brüder zurückblicken können, und niemand begrüßt deshalb lebhafter als wir die Aussichten der Einführung grundlegender Reformen. Die Gestalt unserer Arbeiten steht jetzt fester umrissen denn je, und über unseren Beziehungen zur neuen Türkei liegt der Sonnenschein der Klarheit. Die jüdische Nation, die in Liebe und altheiliger Erinnerung über Palästina wacht, erblickt ihre historische Mission und ihre Ehrenpflicht darin, dort in friedlicher Arbeit auf dem festen Boden der neugeschaffenen Verfassung in Uebereinstimmung mit den Interessen des öttomanischen Staates, ihre wirtschaftliche und geistige Leistungsfähigkeit in einer Weise zur Geltung zu bringen, die niemandem zum Nachteil gereichen, sondern allen zu Gute kommen wird. Wir können keinen Gegensatz finden zwischen ottomanischen Interessen und zionistischen Bestrebungen. Es soll nicht getrennt werden, was zusammengehört und sich gegenseitig ergänzt! Wohl spuckt noch wie ein altes Gespenst, das Vorurteil, das in manchen Gemütern die Gewalt eines ängstlichen Aberglaubens erreicht hat, der Zionismus könne als eine Tendenz aufgefaßt werden, die dem Einheitsgedanken der ottomanischen Monarchie widerstrebe! Dem gegenüber erklären wir feierlichst: „Die ottomanische Staatseinheit, die Weltmachtstellung und die innere Wohlfahrt dieser Monarchie, ihr Schutz und die gedeihliche Entwickelung ihrer Gesamteinrichtungen sind die selbstverständliche Voraussetzung all unserer Arbeiten. Die ottomanischen Gesetze werden die Richtschnur sein für all unsere Unternehmungen und auf der freiheitlichen türkischen Verfassung werden sich all unsere Pläne aufbauen. Denn in der nunmehrigen Rechtstellung,in den Staatsgrundgesetz' lieh gewährleisteten und in einer fortschrittlichen Entwickelung begriffenen Einrichtungen erblicken wir die Garantien unserer persönlichen und nationalen Sicherheit. Der Kongreß möge alle, die es wissen wollen, in dieser Beziehung belehren und mögen diese Worte den weitesten Widerhall finden, damit man wisse, daß in zionistischen Kreisen eine gesunde Auffassung der Dinge herrscht, und daß sämtliche von uns geleiteten Volkselemente zurückhaltend und ruhig, niemals aggressiv und verletzend, immer loyal und zielbewußt durch ehrliche Arbeit die Interessen Palästinas und damit die des ottomanischen Reiches fördern werden. Möge auch diese Erklärung diejenigen unter uns beruhigen, die sich angelegen sein ließen, unser Programm zu kritisieren und seine Abänderung vorzuschlagen. Wir werden aber an den Grundpfeilern unseres Gebäudes nicht rütteln lassen. Das Baseler Programm muß und soll erhalten bleiben. Es ist weit genug in seiner Auffassung und durchsichtig genug in seinem Geiste, um jedem Einsichtigen klar zu machen, daß wir nie etwas1 anderes erstrebt haben, als auf Grund ausreichender Bürgschaften unser friedliches Werk zu schaffen und zu entwickeln. Verehrter Kongreß! Wir dürfen die Widerstände des Vorurteils in ihrer Nachhaltigkeit nicht überschätzen. Wir sind sicher, daß wir uns einer Entwicklung nähern, in der die vorstehend dargestellten Gesichtspunkte zur allgemeinen Ansicht der denkenden Türkei werden müssen. Schon jetzt wissen wir uns eines Sinnes mit vielen Verständigen in der neuen, freien Türkei. Die unermeßlichen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Vorteile, unserer loyalen Mitwirkung an der Wiedergeburt Palästinas und mittelbar des ganzen ottomanischen Reichs, können nicht für die Dauer der Aufmerksamkeit einer wirklichen staatsmännischen Kunst und eines wirklichen ottomanischen Patriotismus entgehen. Die Sentationslügen über den Zionismus mit denen man die Welt zu schrecken sucht, haben kurze Beine. Was wir mit unzweideutiger Offenheit erklärt haben, wird durch die Tat bewiesen. Die Erfahrung wird die wahre Gesinnung der Zionisten an Tag bringen Der Glaube an den endgültigen Triumpf einer edlen Idee, der Optimismus, ohne den keine schöpferische Tat möglich ist, wird uns nie verlassen. Kein Hindernis wird uns abschrecken, denn wo eine Notwendigkeit vorhanden ist, muß auch eine Möglichkeit vorhanden sein. Unser Werk wird vorwärts schreiten. Nur eine für das jüdische Gemüt beschämende Erinnerung wird es bleiben, daß noch unter Juden Neid, Mißgunst und völlige Verkennung der Zi^le, denen der Zionismus zustrebt, vorhanden sind, die sich bei jedem Anlaß in ungerechten Angriffen, ja sogar in Entstellungen und Verläumdungen äußern. Sie sind es, die von uns ein Zerrbild geben, sie sind es, die das Gespenst eines staatsfeindlichen Zionismus in stets neuen erschreckenden Formen ausmalen. Wir versagen es uns, auf die Stimmungsmache gegen den Zionismus näher einzugehen. Nur eines möchten wir bemerken; der Eifer einiger dem Volke fernstehender Kreise, sich für die jüdischen Interessen angeblich ins Mittel zu legen, weil wir eine schlechte Politik machen könnten, ist gänzlich unnötig. Uns das zu widerraten und davor zu warnen, was wir doch ohnehin schon in unserem eigene Interesse nicht wollen, ist vollständig überflüssig. Die Wahrheit wird siegen. Ihr Licht kämpft schon mit der Finsternis des Vorurteils in der Türkei selbst. Es erfüllt uns mit besonderer Genugtuung, hier zum ersten Mal Delegierte aus der Türkei unter uns zu sehen. Sie kommen aus dem Lande, nach dem unsere Blicke mit Liebe und Hoffnung gerichtet sind. Sie kommen aus einem scharfen Ringen mit allerlei Mächten des Mißverständnisses und des Vorurteils. Aus diesem Ringen haben sie ihren Ehrenschild glänzend zurückgebracht. Seid uns gegrüßt, unsere Brüder aus dem Osten! Ihr findet bei uns offene Arme und für Euch warm schlagende Herzen. Ihr wäret nicht nur Beobachter, sondern auch Mitwirkende an dem historisch bedeutsamen Prozeß der Vereinigung der Aschkenasim undSephardim, die die zionistische Idee zusammengeführt hat und die uns mit großen Hoffnungen für die Wiederbelebung unserer Nation und für die Fortführung unseres Werkes erfüllt. Nehmt in Eure Heimat vom zionistischen Kongreß den Ausdruck der brüderlichen Liebe und der herzlichen Aufmunterung mit! Verehrter Kongreß! Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt in Palästina. Wir treten dort langsam aber sicher aus der Periode des Chaos heraus. Herzl, dessen großer Schatten unser heimlicher Führer ist, hat das Wort „Altneuland“ geprägt. Es war ein prophetisches Wort. Wir sehen jetzt, wie Palästina zu neuem Leben erwacht, wie es ein Gebiet aussichtsreicher Unternehmungen und grandioser Verkehrspläne geworden ist. Das Land unserer Sehnsucht geht offenbar einer raschen und gedeihlichen Entwicklung entgegen. Dieser Entwickelung haben wir nach Maßgabe unserer Kräfte die größte Sorgfalt zugewandt. Unsere Finanzinstitute haben sehr viel dazu beigetragen, durch einen gesunden und rationellen Kredit die kolonisatorischen und industriellen Anlagen zur Entfaltung kommen zu lassen. Das Palästina amt erfüllte gewissenhaft seine Aufgabe, allen vorhandenen und entstehenden Einrichtungen mit Rat und Tat beizustehen. Unser N a t i o n a 1 f o n d s, der uns allen so teuer ist und sich so schön entwickelt, hat nicht nur die „Palestine Land Development Co mpat^y“, den „Beza lei“, das „Hebräische Gymnasium“, die Häuserbaugenossenschaften“ zweckentsprechend unterstützt, sondern auch Unternehmungen außerhalb des Zionismus stehender Organisationen, wie z.B. dem „Technikum“, das vom „Hilfsvereinder De utschen Juden“ in Haifa gegründet wird, durch Hergabe des Bodens eine Förderung angedeihen lassen. Zum Andenken des 60. Geburtstages unseres allverehrten Meisters Max Nordau, den wir in diesem Jahre zu feiern die Freude hatten, haben wir den Anfang zur Gründung eines „Mikrobiologischen Instituts“ gemacht und eine Reihe anderer Arbeiten, die zum Ausbau unserer Institutionen nötig sind, wurden eingeleitet und befinden sich in der Bearbeitung. Auch auf dem Gebiete unserer 0 rganisation werden Sie die Wahrnehmung machen, daß wir uns mit dem Ausbau aller Teile, desselben eifrig beschäftigt haben; In unserem Zentralbureau ist jetzt der Zusammenhang zwischen allen Institutionen