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Jüdische Zeitung · 1909-12-31 · 53 (31.12.1909) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
53 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
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CHE ZEITUNG KW NFITIDNFIL-JLEDI5CHE5 DRGRN I Hrn ■ ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■ ■■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX,, Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn, Ganziähr K 10.—, halbiahr. K5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk.i—. Für das übrig- - - - — " Einzelexemplare gO h. Postsparkassenkonto 104.067. **************** *************** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.- Nr. 53. Wien, Freitag den 31. Pezember 1909. III. Jahrgang. Der IX. Zionistenkongress in Hamburg. Eröffnungsrede des Präsidenten Wolffsohn. Verehrter Kongreß! Wir sind nun zum 9. Kongreß versammelt und ich heiße Sie alle herzlich willkommen! Mit einer zugleich scheuen und sehnsüchtigen Erwartung sahen viele diesem Kongreß entgegen,' der ausnahmsweise im Winter, und in einem für uns neuen Orte stattfindet. Es wurden auch lebhafte Befürchtungen laut. Die rauhe Jahreszeit, meinten die einen, sei für die weite Reise ungünstig; der neue Ort, glaubten die anderen, sei nicht geeignet, die Anziehungskraft auszuüben. Wir teilten diese Befürchtungen nicht. Wir hielten mit stärkerer Zuversicht daran fest, daß, wann und wohin immer unsere nahen und fernen Brüder die Pflicht rufen mag, sich um die Fahne Zions zu versammeln, sie alle auf dem Posten sein werden. Wir sehen, daß wir mit Fug und Recht das Vertrauen zu uns selbst hatten. Zum ersten Mal tagt ein zionistischer Kongreß auf deutschem Boden. Als -unser JJerzl -den -eisten -Sammelnd an uns ergehen ließ, hatten wir schon damals die Absicht, unseren .ersten Kongreß nach einer deutschen Großstadt einzuberufen. Die sonderbare Haltung mancher jüdischer Kreise veranlaßte uns, nach einem gastfreundlicheren Orte zu gehen. Mancher von uns hatte schon damals im Innern seines Herzens den Gedanken gehegt: Wir kommen noch einmal hierher, wenn wir etwas geworden sind! Und nun sind wir da in unserer heutigen Gestalt! Wir sind hergekommen und durften ruhig kommen, da wir hier in Deutschland einen ansehnlichen Teil unserer Partei und die Grundlagen unserer Organisation haben. Unser Kongreß, der bestimmt ist, die zionistische Idee nicht nur uns, sondern allen denkenden und fühlenden Menschen immer wieder zum Bewußtsein zu bringen, fühlt sich in einem Kutturstaate, wie es Deutschland ist, nicht fremd. Er fühlt, sich insbesondere in Hamburg nicht fremd. Die berühmte Hafenstadt, in der wir jetzt tagen, die Burg der alten Hansatugend, wo so manche monumentale Zeugen einer großen Vergangenheit neben blühenden modernen, Anstalten stehen, von wo aus die menschliche Kultur es vermocht hat, Meere zu umspannen und Weltteile zu verbinden, wird unserem Kongreß, der einer großen, kulturellen Aufgabe gewidmet ist, ein. ebenso lebhaftes Interesse entgegenbringsn und ihm einen ebenso güKStigeri Resonanzböden [bieten, wie die früheren Orte unserer Tagungen. : Geehrter Kongreß! . Seit wir in Haag zusammen.waren, hat sich die traurige La ge unseres Volkes nicht geändert, Wohl befand;sich das jüdische Volk in den verflossenen;zwei Jahren;nicht im Stadium ^qrs Massakers, sondern in dem des Niederganges. Aber-das ist ja nur ein Austauschen 'defrTraüfe gegen, den Regen! Ob eine brutale“ Hand jemand rasch erwürgt, oder ob ihn tückische Grausamkeit in einen engen, luftdicht geschlossenen Raum einsperrt, wo er allmählich unter lang andauernden Qualen aus Luftmangel erstickt, das Resultat läuft auf dasselbe hinaus, ln erschreckender Deutlichkeit zeigen sich uns jetzt die Spuren des letzten Systems. In deij Massenzentren der jüdischen Ansiedelung, in den osteuropäischen Ländern ist die N°tlage zu einer bisher noch nicht dagewe$enen Höhe gestiegen. Was man jetzt in den früher auch in ihrer Armut so bedeutenden Judengemeinden wahrnimmt, ist die vollständige Zerrüttung. Die Tragweite dieser Erscheinung vermag jeder Urteilsfähig^ zu ermessen. Früher waren die Ruinen des Ghettos noch manchem lieb, obschon sie trümmerhaft und zum Bewohnen ungeeignet schienen. Eine große Philanthropie wollte die alten Mauern als Bausteine benutzen, auf ihnen, soweit sie noch brauchbare Fundamente boten, ein neues Gebäude errichten, neue Existenzquellen durch Unterricht und wirtschaftliche Hebung erschliessen, aber sie vermag nichts Dauerhalfes und Erspneßtiches zu Stande zu bringen. Der gehässige Druck und die unversöhnliche Verfolgung, die ungelösten Fragen und die Keime neuer Verwicklungen machen alle Rettungsbemühungen zunichte. Die beschränkenden Gesetze haben eine Rücksichtslosigkeit erreicht, die jeder Beschreibung spottet. Systematisch, mit dem Aufgebot aller Kräfte werden die Massen unseres Volkes von den Quellen des Lebens, des Wohlstandes und der Bildung zurückgedrängt und entweder in der Heimat dem vollständigen Untergange preisgegeben, oder in die Fremde getrieben, um sich in das Völkerbabel der amerikanischen und englischen Großstädte zu stürzen und die Not dort noch zu vergrößern. Die Mehrheit unseres Volkes befindet sich in einer Lage der Trübsal und der Verzweiflung. Auch dem Fernstehenden drängt sich die traurige Wahrheit auf, daß die große Masse Tag für Tag weiter einer körperlichen und geistigen Verwahrlosung'entgegengeht. Anstatt der ‘erhofften Gleichberechtigung schreitet die Rechtlosigheit vorwärts und hohnlachend geht sie über das ohnmächtige Knirschen des jüdischen Volkes zur Tagesordnung über. Die Gedanken schwirren suchend nach einem Halt und bleiben an einem Ideal hängen. Die geistlose Gewohnheit wandelt teilnahmslos ihren Weg weiter, ohne die Sturmzeichen zu sehen und ohne die Mahnstimme des Gewissens zu hören. Aber alle, die sich den klaren Blick nicht haben trüben lassen, sehen schon jetzt, wie die Geschicke des jüdischen Volkes mit aller Macht der Notwendigkeit dahin drängen, die zionistische Selbsthilfe in den Vordergrund jüdischer Bestrebungen zu rücken. Die Erkenntnis bricht sich Bahn, daß ein ernstes Denken und Handeln über die Schablone der Halbmittel des: Augenblicks hinausreichen müsse. So wendet sich der Zionismus von dem schwarzen Schattenreich des Leids und der Verfolgung nach dem sonnigen Osten, wo ein frühlingsfrohes Keimen jetzt eine hoffnungsvolle Zukunft für unsere Nation eröffnet. Wir sagen jetzt, weil im Laufe des letzten Jahres wahre Wunder geschehen sind. Die Türkei wurde früher als ein ewiger despotischer Staat und als eine unbezwingbare Hochburg des Absolutismus verschrieen. Nun ist die Türkei ein Verfassungsstaat geworden. Mit einem großartigen Aufwande von ernstem Streben hat die Türkei den Uebergang aus der Lage des Despotismus in die eines neuzeitlichen konstituellen Staates vollzogen. Mit Bewunderung sah die Welt, mit welcher Ruhe, Ordnung und Kraft das türkische Volk daran ging, sein Geschick in die eigene Hand zu nehmen. Die Erhebung zu einer freien, edlen Menschlichkeit und Brüderlichkeit, wie sie sich in der Türkei vollzogen, bildet einen Glanzpunkt in der Geschichte der kulturellen Errungenschaften unserer Zeit. Zwar folgte auf die Honigmonate des ersten Steges, T^e; emer;., schweren Prüfung unrf Eriedenshoffnungen fiel bald der kälte Reif der Notwendigkeit eines Kampfes. Aber dieser Kampf war kurz und entscheidend. Die einheitliche undfreiheitliche Gestaltung der Türkei ist eine unerschütterliche Tatsache geworden! Zwar ist noch vieles im Fluß, das Parteiwesen sucht noch neue Gruppierungen, drängt nach neuen Formen; mit vielen alten Ueberlieferungen wird gebrochen, Anfänge und Ansätze neuer Einrichtungen zeigen sich und noch kann nicht alles als ein fertiges Gebilde betrachtet werden. Aber es ist kein Zweifel, daß die Türkei einer großen und glänzenden Zukunft entgegengeht. Zum ersten Mal erscheint der Zionismus in dieser Perspektive.. Wir können der vollen, reifen Freiheit der Türkei ins Auge blicken, denn die Quintessenz unserer Bestrebungen ist die Kolonisation, die als logische Folge der Neugestaltung der türkischen Verhältnisse erscheint. Die parlamentarische Verfassungsform hat einen endgültigen Sieg erfochten. Aber die Verfassung ist ja nicht Selbstzweck. Sie kann nicht anderes sein, als ein Weg zur Einheitlichkeit und zur Verwirklichung des Ideals der Einheit und des Fortschrittes. Für die Einheitlichkeit müssen gute Bürger gewonnen werden, die durch unauflösbare historische Bande an die Scholle geknüpft sind. Für den Fortschritt muß das nachgeholt werden, was Jahrhunderte versäumt haben; Landwirtschaft, Industrie und Handel. Die Freiheit bietet für all diese Unternehmungen enorme Vorteile und nnschätzbare Erleichterungen. Das Gebiet, von dem die Regierung die Willkür verbannt hat, wird erst zu einem Boden, auf dem sie sicher auftreten kann. Es ist ein erfreuliches Zeichen für den klaren Blick der leitenden

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