Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1909-12-24 · 52 (24.12.1909) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
52 (24.12.1909)
Date
1909-12-24
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2438141-2438220-2438271--1602-2441207
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 52 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 Palästinas festhielten, sondern die Erwerbung jedes anderen Landstreifens guthießen, wenn er nur den unterdrückten jüdischen Massen Zuflucht biete. Allmählich, besonders seit dem Jahre 1907, trat jedoch eine Klärung ein. Zu der Realarbeit der-Kleinkolonisation in Palästina kam das Losungswort der realen Arbeit in den Golusländern. Während man früher, wo vor jedem Kongreß ein diplomatisches Ereignis erwartet und der Charter jedesmal in sichere Aussicht gestellt wurde, an eine Erziehung der Massen nicht denken konnte, um die Kräfte nicht zu zersplittern, mußte jetzt bei der Kleinkolonisation an die Ausbildung der nach Palästina geschickten Arbeiter geschritten werden, wozu noch das Eintreten der zionistischen Organisation für die Rechte der Juden, also die Landespolitik hinzukam. Mit der Proklamierung der Konstitution in der Türkei erhielt der Zionismus eine neue Wendung. Früher von der Laune eines absolutistischen Herrschers abhängig, schien jetzt in der Türkei der Zionsgedanke greifbare Formen anzunehmen. Wohl wurde durch Insinuationen von Gegnern des Zionismus das Mißtrauen der türkischen Regierungskreise wachgerufen, doch der Kampf mit solchen Waffen dauert nicht lange, und es ist schon in nächster Zeit zu ^erwarten, daß dieses Reich, in dem seit altersher die Juden eine so große Autonomie besaßen, wie nicht einmal in Polen zur Zeit der jüdischen Landtage, sich von der Grundlosigkeit ihres Mißtrauens wird überzeugen lassen. Und während die neueste Konstellation in der Politik und die jüngsten Ereignisse in derTürkei sich zugunsten der zionistischen Bewegung gebessert hatten, ist auch innerhalb der zionistischen Organisation ein festeres Zusammen - schließen der einzelnen Parteien, die sich seit dem Ugandaprojekt so feindlich gegenüberstanden, zu verzeichnen; die verschiedenen Fraktionen in der Judenheit, früher so diametral in ihren Bestrebungen beginnen allmählich auf ein und dasselbe Ziel hinzusteuern, auf die Verwirklichung des Zionideals. So wurde trotz der schweren Krisen der Bestand der zionistischen Bewegung nur noch mehr gestärkt, diese noch tiefer in die jüdische Volksseele eingepflanzt, so daß die Geschichte des Zionismus die Geschichte der Juden im letzten Jahrzehnt enthält. In ruhiger, sachlicher Weise, aus der nur stellenweise, wie der warme Grundton aus einem herrlichen Gemälde, die eigene Sehnsucht nach Zion, die eigene Liebe zu seinem Volke durchschimmerte, besprach der Referent den „Zionismus nach Herzl“, Dr. Michael Ringel (Lemberg) in mehr als einstündiger Rede dieses äußerst aktuelle Thema. Das Publikum, das auch bei diesem Vortrag durch sein überaus zahlreiches Erscheinen den Beweis lieferte, wie sehr die zionistische Idee allmählich in das Alltagsleben des Juden einzugreifen beginnt, folgte den Ausführungen des Referenten mit gespannter Aufmerksamkeit. Zum Schlüsse dankte der Präses der Emunah, cand. iur. J. Taubes den Referenten im zionistischen Seminare für ihre Mitwirkung und skizzierte in einem kurzem Ueberblick den Inhalt der besprochenen Themen. Hierauf schloß er den diesjährigen Vortragszyklus der „Emunah“. Vor dem Vortrage wurden seitens der Veranstalter zirka 2000 zionistische Agitationsbroschüren verteilt. Das Reinerträgnis aus dem Vortragszyklus wurde dem palästinensischen Pflanzungsvereine, dessen Zweck es ist, Gartenkultur und Landwirtschaft unter der jüdischen Bevölkerung Palästinas zu fördern, zugewiesen. Von der Woche. Die schwarze Sozialdemokratie. So muß man wohl unsere sozialdemokratischen Abgeordneten und ihr Organ, die „Arbeiterzeitung“, nennen, seitdem sie die reaktionäro, volksfeindliche Geschäftsordnung, die jede Minorität mundtot macht, glücklich durchgebracht haben. „Eine Heilsbotschaft“ nennt die „Arbeiterzeitung“ diese Geschäftsordnung, und der Sonntagsschmock wirft sich in die Brust: „Es ist doch etwas um die Vertretung der freien Völker!“ Ein Freund unseres Blattes motivierte aber das Eintreten der Sozialdemokraten für den Zarismus im Parlamente wie folgt: „Um zu retten die Diäten, Gingen auch die Sozi beten —“ Natürlich ließen es sich die „Sieger“ nicht nehmen, an den Zionisten ihr Mütchen zu kühlen. Schon die enge Gemeinschaft mit den Christlichsozialen macht es ihnen ja zur Pflicht, die Judennase zu verstecken und antisemitisch zu witzeln. Die „A.-Z.“ berichtet recht eingehend folgende Mär aus der Obmännerkonferenz: Als Abgeordneter Dr. Straucher, der Obmann des jüdischen Klubs seine Gründe gegen die Aenderung der Geschäftsordnung entwickelte und mit Hinweis auf das jüngste Verhalten des Präsidenten Dr. Pattai konstatierte, daß sich der jüdische Klub einem derart parteiischen und antisemitischen Präsidenten unmöglich ausliefern könne, bemerkte er auch, daß Dr. Weißkirchner der Vorgänger Pattais, niemals die erste Plicht des Präsidenten, die Unparteilichkeit so verletzt hätte. Das hat einen sozialdemokratischen Konferenzteilnehmer veranlaßt, Dr. Weißkirchner, der auch zugegen war, zuzurufen: „Sie Judenknecht, jetzt haben Sies von kompetenter Seite gehört!“ Die jüdische Arbeiterzeitung verzeichnet mit großer Befriedigung „schallende Heiterkeit“. Ja, die Adler, Austerlitz, Ellenbogen und Konsorten freuen sich niemals so, wie wenn sie den Christlichsozialen beweisen können, daß die Luegerleute zuwenig antisemitisch sind . . . * * * Demonstrationen gegen das „Herbstmanöver“ in Czernowitz. Man berichtet aus Czernowitz: Der jüdische Reservekadett Wallerstein — die sattsam bekannte Figur aus der Operette „Herbstmanöver“ — hat in der jüdischen Stadt Czernowitz mit seinen Mätzchen ä la Eisenbach kein Glück gehabt. Die jüdisch-akademische Verbindung „Z ep h i r a“ gab nur der allgemeinen Stimmung Ausdruck, wenn sie anläßlich der Erstaufführung, die Samstag, den 18. d. M. stattfand, gegen die perfide Verhöhnung des Judentums in diesem Stücke ganz energisch protestierte. Die Studenten, denen es sich natürlich nur um die gute Sache, nicht um den öffentlichen Skandal handelte, suchten zunächst einige Tage vor der Erstaufführung auf gütlichem Wege den Theaterdirektor zur Ausmerzung aller verletzenden Stellen zu veranlassen. Vergebens. So kamen die Studenten gewissermaßen kriegsbereit zur Vorstellung. Schon während des ersten Aktes sahen sie sich gezwungen, gegen den Darsteller des Wallerstein heftig zu demonstrieren, worauf der Schauspieler die betreffende Stelle änderte. Diese Demonstrationen wiederholten sich im zweiten Akte, der bei voller Beleuchtung des Hauses gespielt wurde, bei verschiedenen Stellen und hatten mitunter lange Unterbrechungen und Skandalszenen zur Folge, so daß der Vorhang wiederholt fallen mußte. Ein Ende wurde der Sache dadurch gemacht, daß die Polizei Verhaftungen vornahm, die in einer Weise vor sich gingen, als ob es sich um die Festnahme von Verbrechern handelte. Die Studenten wurden aus dem Parkett gezerrt und mit einem Gefolge von Wachleuten auf die Wachstube „eskortiert“. Die „Zephira“ hat einen vollen Erfolg zu verzeichnen. Bei der Sonntagsaufführung war mit dem Kadetten Wallerstein bereits eine vollständige Wandlung vor sich gegangen. Man sah auf den Brettern keine jüdische Karrikatur mehr. Die Vorstellung verlief auch ohne jede Störung. * * * Kundgebung für die jüdische Sprache in Berlin. Der bekannte hebräische Schriftsteller und ehemaliger Herausgeber der seinerzeit in Warschau erschienenen Tageszeitung „Hazefirah“, Nahum Sokolow-Köln, hielt am Sonntag, den 19. d. M., vormittags 12 Uhr, in den Sophiensälen in Berlin einen Vortrag über „Die Bedeutung der hebräischen Sprache und Kultur“. „Die Sprache“, führte der Redner aus, „ist gleichsam der Spiegel der Volksseele. All die schwerfaßlichen, differenzierten geistigen und seelischen Momente, die in ihrer Gesamtheit erst das tiefernste Wesen des Volkscharakters, der Volkskultur, ausmachen, finden ln der Sprache ihren Ausdruck. Wahres Verständnis für ein Volk und für der Kultur ist nur möglich; auf Grund seiner Kenntnis seiner Sprache. Die beste Uebersetzung vermag nur den buchstäblichen Wortinhalt wiederzugeben, nicht aber den Geist, der dieses Wort schafft. Vorbedingung für eine gesunde jüdische Nationalkultur ist demnach in erster Reihe: Rückkehr zur hebräischen Sprache!“ Herr Sokolow schloß seinen mit vielem Beifall aufgenommenen Vortrag — 700 bis 800 Personen waren anwesend — mit einem kurzen Bericht über die Fortschritte und die Erfolge, die die Versuche zur Neubelebung der hebräischen Sprache bisher gezeitigt haben. « Nachmittags um 5 Uhr begann in denselben Räumen der „Kongreß für hebräische Sprache und Kultur“, zu dem etwa 100 Teilnehmer aus den verschiedensten Ländern erschienen waren. Der Kongreß wird sich vor allem mit der Frage befassen, wie der hebräischen Sprache, die in Palästina bekanntlich die alltägliche Umgangssprache der jüdischen Kolonisten bildet, auch unter den Juden der anderen Länder wieder die größere Verbreitung geschaffen werden kann, die sie noch vor wenigen Jahrzehnten gehabt hat. Die Beratungen werden voraussichtlich drei Tage in Anspruch nehmen. * * * Allgemeiner russisch-jüdischer Kongreß. Dieser in K o w n o abgehaltene Kongreß, über welchen wir unseren Lesern bereits berichtet haben, wurde nach dreitägiger Verhandlung geschlossen. In seiner Schlußrede betonte der Vorsitzende, der bekannte Abgeordnete der ersten Duma, M. Winawer, die zutage getretene Einheitlichkeit in den Meinungen der Kongreßteilnehmer über die Grundfragen der russischen Judenheit, die Pflege und Hochhaltung des jüdischen Geistes, die zeitgemäße Fortentwickelung des jüdischen Erziehungswesens und die grundlegende Neugestaltung der Gemeindeorganisation. Seien die Wege der jüdischen Parteien früher zum Teil auseinandergegangen, so hätten sie die Zeitgeschehnisse wieder zusammengeführt. Der Kongreß bedeute ein wichtiges Ereignis in der neuzeitlichen Geschichte der russischen Judenheit. Er dokumentiere das Erwachen des einheitlichen jüdischen Bewußtseins. Die wichtigsten Beschlüsse des Kongresses sind folgende: 1. Die Licht- und Fleischakzise (Korobka) soll abgeschafft und durch eine progressive Einkommensteuer ersetzt werden. 2. Jeder Jude, der über zwei Jahre an einem Orte wohnt, ist verpflichtet, der betreffenden jüdischen Gemeinde anzugehören und den Gemeindebeitrag zu entrichten. Diese beiden Punkte bildeten die Hauptverhandlungsgegenstände des ganzen Kongresses. Die Meinungen darüber waren zuerst geteilt. Die Orthodoxen erkannten zwar die Ungerechtigkeit der Fleisch- und Lichtsteuer an, konnten sich jedoch anfänglich für eine grundlegende Aenderung, deren Folgen nicht abzusehen seien, nicht erwärmen. Ebenso war sie zuerst gegen die Zwangszugehörigkeit zur Gemeinde. Die Gegensätze waren jedoch nicht unüberbrückbar, die abweichenden Meinungen wurden ohne Schroffheit und mit ernster Würde vertreten. Der einheitliche Wille, der jüdischen Sache nach besten Kräften zu dienen, vereinigte alle Anwesenden. Die unmittelbare praktische Folge des Kongresses ist die bereits erfolgte Gründung eines allgemeinen jüdischen Komitees mit dem Sitze in Petersburg und mehreren Mitgliedern in verschiedenen Provinzstädten, den größeren Zentren der russischen Judenheit. Diesem Komitee obliegt es, die Beschlüsse des Kongresses zur Ausführung zu bringen und als Organ der jüdischen Bevölkerung den jüdischen Dumaabgeordneten bei der Lösung ihrer schwierigen Aufgaben mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Aus dem jüdischen Leben. Ermordung einer jüdischen Familie. In Mihowa, in einem Dorfe in der Nähe von Wiznitz, wurde vor zwei Wochen eine jüdische Familie ermordet. Die Czemowitzer „Volkswehr“, das Organ der jüdischnationalen Partei in der Bukowina, veröffentlicht mit Bezug auf diesen traurigen Fall folgende Zuschrift: „Der neueste Mord in Mihowa hat unter den jüdischen Dorfbewohnern eine schreckliche Panik hervorgerufen. Die Tatsache, daß im Wiznitzer Bezirke im Laufe von einigen Monaten sieben Morde verübt wurden und daß es gerade Juden waren, die den Mördern ihr Ziel abgaben, drängt einem jeden die Erkenntnis auf, daß diese Morde nicht als etwas Zufälliges zu betrachten sind. Nicht bloß Raublust ist es, die die Bauern zu solchen Schritten treibt. Andere Motive sind es, welche d.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.