Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 52 (24.12.1909)
- Date
- 1909-12-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Vertrauensmännerversammlung. Am 19. d. fand über Einberufung des innere österreichischen Distriktskomitees eine Vertrauensmännerversammlung Wiener Zionisten statt. Der Distriktsobmann Herr Dr. Karl Pollak, berichtete eingehend über die Makkabäerfeier. Die Versammlung gab einhellig ihrer Befriedigung über den glänzenden Verlauf des Festes Ausdruck und dankte dem Obmann für seine nach dieser Richtung entfaltete Tätigkeit. Es wurde dem Wunsche Ausdruck gegeben, daß die drei westösterreichischen Distrikte eine gemeinsame Agitationskraft bestellen mögen.Dem innerösterreichischen Distrikte wurde die Anstellung eines Sekretärs empfohlen. Einen größeren Raum nahm die Debatte über die Stellungnahme zum Kongresse ein. Die durch den Briefwechsel Cowen-Warburg bekannt gewordene Unterlassung der Bankleitung in Angelegenheit des Phosphatkonzession von Es-Salt rief Konsternation hervor. Es wurde den Delegierten empfohlen, mit aller Energie für Warburgs Palästinapolitik einzutreten und zu fordern, daß die Bank sich an Syndikaten, welche die wirtschaftliche Erschließung Palästinas erstreben, beteilige, wenn es ihr nicht möglich sei, selbst solche Syndikate ins Leben zu rufen. * * ♦ Innerösterreichischer Distriktstag. Der innerösterreichische Distriktstag wird hiemit vom Distriktskomitee für Samstag, den 15. Jänner 1910, 7 Uhr abends, in das Zionistische Bureau, IX., Türkenstraße 9, einberufen. Eventuelle Fortsetzung: Sonntag, den 16. Jänner. Tagesordnung: 1. Rechenschaftsbericht des D.-K. 2. Kassabericht und Budget für das kommende Geschäftsjahr. 3. Organisationsstatut für das innerösterr. D.-K. 4. Neuwahlen. 5. Eventuaiia. Budapester Brief. (Von unserem Korrespondenten). (Offizieller Antisemitismus. — Assimilantenlogik. — Auch die „Täuflingsliste“. — Museumsprojekt). ■ Der durch die Koalitionsherrschaft großgezogene Klerikalismus hat nicht wenig dazu beigetragen, daß sich das Land enttäuscht von den „großen Führern“ der Nation abgewendet hat. Das ganze öffentliche Leben ist vom reaktionärem Geiste durchtränkt und natürlich sind es wieder die Juden, die am meisten darunter zu leiden haben. Wenn es noch früher hin und wieder vorkam, daß es einem Juden geglückt ist, eine Staatsstellung zu erlangen,- gilt dies heute fast für ausgeschlossen, ln einem jüdischmagyarischen Assimilantenblatte erzählt ein Mittelschulprofessor seine Leidensgeschichte. Nachdem er sein Diplom in den Händen hatte, wandte er sich an den Staat, doch wollte ihn die Regierung — obwohl eine ganze Reihe von Stellen frei war — nicht einmal als Elementarschullehrer anstellen. Schließlich begab er sich persönlich ins Kultusministerium, wo ihm der Referent Ministerialrat Nemenyi — ein Täufling und berüchtigter Antisemit — den Rat gab, er möge sich taufen. Nicht ohne Interesse war die jüngst vorgenommene Wahl des Präsidenten der Börse. Der Regierungsmann Ministerialrat H o r v i t h und der Jude Sändor standen einander gegenüber. Wie es bewußten jüdischen Kaufleuten ziemt, die sich stets darüber beklagen, daß die Interessen des Kaufmannsstandes nicht genügend vertreten sind, haben sie dem Ministerialrat ihre Stimme gegeben. Und doch heißt es, daß die Juden Ungarns sich gar zu unruhig gebärden. So sprach nämlich ein Jude Dr. Heinrich Marczali, ordentlicher Professor an der Budapester Universität, der vom hiesigen Vereine ungarisch-jüdischer Jünglinge eingeladen wurde, anläßlich des Chanukafestes den üblichen Trinkspruch über den Makkabi-Becher des Vereines auszubringen. Der ehrwürdige Herr Professor begann seine Festrede damit, daß er die Existenzberechtigung der jüdischen Vereine negierte. „Es ist traurig“, führte er aus, „daß sich die Menschen nach Konfessionen gliedern und gruppieren. Die Juden Ungarns sind ungeduldig und unzufrieden, weil das Emanzipationsgesetz noch nicht durchge- JÜDISCHE* ZEITUNG. führt worden ist. Ja, wäs haben den die ungarischen , Juden bisher geleistet,. ( daß sie auf die Emanzipa- § tion Recht erheben können? Nichts. Die Protestanten | haben auch 250 Jahre gewartet, bis sie die ihnen i gebührenden Rechte erreicht haben, die Juden können j daher auch warten. In .Ungarn geht dies eben nicht j so schnell und die Juden müssen sich daran ge- J wohnen und für das Wohl des Landes und der Naj tion arbeiten“. Dies war der Inhalt der Rede des j Professors. Etwas verlegen blickten die Anwesenden : einander an, doch niemand fand sich, der ihm gebührend heimgeleuchtet hätte. j Die Interpellation in Angelegenheit der veri öffentlichten Listen der Ueberläufer hat auch in j Ungarn Nachklang gefunden. Ein orthodox-jüdisches Tagesblatt trat nämlich dafür ein, daß die Namen der Getauften auch in Budapest publiziert werden mögen. Darauf erwiedert in einem scharfen Artikel das Organ der Kultusgemeinde, indem es sich ausdrücklich gegen die Veröffentlichung ausspricht. Die zur Bekräftigung seines Standpunktes herbeigeholten Argumente sind mehr als erbärmlich. „Man möge von der Publizierung absehen, da nicht alle Täuflinge ihren Austritt beim Rabbinat anmelden und demzufolge , diese durch Nichtveröffentlichung ihres Namens einen Vorteil genießen würden“. Es muß bemerkt werden, daß auch Gg. Dr. 0 s z t e r n in einer Ausschußsitzung des Ung.-Isr. Landes-Kultusvereines 1 die Veröffentlichung dieser Listen forderte, jedoch ohne Erfolg. Uebrigens ist darum bereits vor Jahren der Redakteur eines hiesigen jüdischen Blattes eingekommen, die Leitung der Gemeinde war bereits dafür, nur das Rabbinat hat sich dagegen ausgesprochen. Es ist die Golusfurcht, welche all die repräsentierenden Kreise des Judentums charakterisiert. Schließlich soll über etwas Positives berichtet werden. In der letzten Sitzung des Ung.-Isr. Literaturvereines ist eine Kommission zur Errichtung eines Jüdischen Museums eingesetzt worden. Nach längerer Debatte, während welcher angeregt wurde, daß das Museum nur' jüdische Objekte, welche sich auf Ungarn beziehen, beherbergen mögen, ward beschlossen, bei der Beurteilung der einzelnen Objekte vom Ursprungsorte desselben abzusehen, also ein allgemein-jüdisches Museum zu schaffen. Die Idee kann nur mit Freuden begrüßt werden, es sei denn, die Herren wollen das Judentum selbst unter die Altertümer stellen. Czernowitzer Brief. (Von unserem Korrespondenten.) Das diesjährige Wintersemester steht im Zeichen der eifrigen' und ernsten Arbeit für die zionistische Idee. Trotz des ausgeprägten „jüdischen Nationalismus“ unter der Czernowitzer Judenschaft, herrschen über den Zionismus die merkwürdigsten Begriffe. Um diesem Uebel zu steuern, veranstaltete der jüdisch-akademische Verein „Emunah“ einen „zionistischen Vortragszyklus“. Es wurden Vorträge gehalten über die Themen: „Der Zionismus vor H6rzl“, „TheodorHerzl“ und „Der Zionismus nach Herzl“. Mit dem Vortragd„Der Zionismus vor Herzl“ nahm der Zyklus seinen Anfang. Der Vortragende Herr Salomon Schiller (Lemberg) ließ in einer überaus lichtvollen Weise die einzelnen Strömungen im Judentume seit dem 18. Jahrhundert vor dem geistigen Auge der Hörer vorbeigleiten. Nachdem er die einzelnen Probleme zur Lösung der Judenfrage in den einleitenden Worten erwähnt hatte, wandte er sich der Besprechung des Zionismus zu. Von den Ursachen der zionistischen Bewegung, der Assimilation und des, Antisemitismus, die er als spezielle Fälle der immer beim Zusammenleben von Volksgemeinschaften auftretenden Kohäsions- und Adhäsionskräfte bezeichnet, wies der Referent nach, daß diese im Laufe des 19. Jahrhunderts zusammenwirkten, um eine jüdisch-nationale Bewegung zu erzeugen, daß die Assimilation nicht nur den Zionismus als eine Reaktion hervorrief, sondern daß sie sogar selbst die Waffen zu ihrer Ueberwindung geboten habe. Der Assimilationsprozeß im 19. Jahrhundert selbst war durch die damaligen Ereignisse bedingt, wo die Schlagworte der französischen Revolution, die Lehre vom Weltbürgertum die Juden in einem Zustande traf, der durch ihre politische Minderwertigkeit für sie besonders unerträglich war und die Juden hoffenmußten, durch den Austritt Nr. 52 aus dem Judentume auch die politische Gleichberechtigung zu erlangen. Die Ausartungen der Romantik mußten wieder die Juden auf sich selbst besinnen lassen, es entstand eine Reaktion, welche zur Vertiefung des jüdischen Gemütslebens führte und diese Reaktion enthielt die ersten Ansätze des Nationaljudentums. In seinen weiteren Ausführungen zeigte der Vortragende, wie sich die Ansätze im Laufe der Zeit besonders in Rußland verdichtet haben, wie schließlich zum nationalen Bewußtsein auch die Liebe zu Palästina hinzukam und wie besonders die Judenhetzen in den 80er Jahren zu einer Entscheidung drängten, die sich jedoch infolge des Fehlens eines Führers und in einzelnen impulsiven bewußt nationalen Taten äußerten, bis schließlich in der Person Theodor Herzls der rechte Mann zur rechten Zeit auftrat. Ueber Theodor Herzl sprach Sonntag, den 21. November Universitätsprofessor Dr. Leon K e 11 n e r. Der Vortragende versuchte aus der Fülle der sich überstürzenden Ereignisse zu Ende des vorigen Jahrhunderts ein Charakterbild Theodor Herzls zu entrollen. Er entwuchs dem Milieu, dem er angehörte. Während seines unermüdlichen Strebens, ein berühmter Schriftsteller zu weiden, hatte er ursprünglich für seine Volksgenossen nur einige wegwerfende, manchmal sogar verächtliche Worte. Im Jahre 1891, da rüttelte die Judennot zum erstenmale so ungestüm an seinem Herzen, daß er diesem Drängen unwillkürlich Gehör schenkte und von diesem Augenblicke zeigte sich das Weltkind in seiner zweiten Gestalt, als Jude. Während er als Jude wuchs, während die zionistische Bewegung immer fort an ihm arbeitete, wie Ebbe und Flut regelmäßig wiederkehrend an den Kieselsteinen des Ufers, und Herzl sich immer mehr zu der gewaltigen Persönlichkeit des Volljuden erhob, auf den die ganze Welt mit staunender Bewunderung blickte, erreichte er seine schriftstellerische Vollendung und diese reiche Gabe stellte er ganz in den Dienst seines Volkes. Ungern übernahm er auf Drängen seiner vertrautesten Freunde die Ausführung seiner Ideen, wie sie in ihrer ganzen Vollkommenheit im „Judenstaate“ niedergelegt sind, und war vor allem vom Bestreben geleitet, durch Schaffung von Institutionen den Bestand der ganzen zionistischen Bewegung nicht .von seiner Person abhängig zu machen, sondern sie zu einer dauernden zu gestalten. Doch während ihn die Schwierigkeiten, die ihm von den Widersachern, des Zionismus in den Weg. gelegt wurden, nicht abschreckten, ja sogar seine Kräfte verdoppelten, so daß das Fluidum, welches von ihm ausging, alle begeisterte, ging die Spaltung unter den Zionisten in Ugandisten und Zionisten strengster Observanz durch des Führers Herz. Seit dem Tage hatte man es mit einem kranken Herzl zu tun, die Enttäuschungen rieben ihn auf und er starb, von der ganzen Welt betrauert, am 3. Juli 1904. An seinem Grabe gelobte Wolfsohn, minutenlang unterbrochen von dem Schluchzen der Freunde, ewige Treue seiner Idee und schloß tieferschüttert: „Es verdorre meine Rechte, wenn ich dein vergesse, Jerusalem!“ Das Publikum, das sich aus allen Gesellschaftskreisen zusammensetzte und den großen Festsaal des jüdischen Hauses bis auf das letzle Plätzchen füllte, — man bemerkte unter den Anwesenden Oberrabbiner Dr. Rosenfeld, Hofrat Kaluzniacki, viele jüdische Advokaten, Aerzte, Kultusräte, Kaufleute, Studenten, Arbeiter — folgte den nahezu zweistündigen Ausführungen des Referenten, der so vieles Neue brachte, mit atemloser, fast andächtiger Stille. Ueber „Zionismus nach Herzl“ sprach der Vizeobmann des Zentralkomitees der galizischen Zionisten, Herr Dr. Michael Ringel (Lemberg): Das Jahre 1904, führte der Redner aus, drohte der ganzen zionistischen Bewegung verhängnisvoll zu werden: zwei schwere Krisen erschütterten das moderne Judentum in seinen Grundfesten. Mit dem Tode Herzls war die ragende Mittelpunktsgestalt, in der sich das Denken und Fühlen der gesamten Judenheit konzentrierte, verschwunden und ebenso drohte das Danaergeschenk der englischen Regierung, das Ugandaprojekt, die gesamte zionistische Organisation zu zersetzen. Während sich nun die Zionsfreunde der Kleinkolonisation zuwandten und die chowewezionistische Idee aufzublühen begann, sagten sich einige Gruppen von der zionistischen Partei los, Gruppen, die nicht an der Erlangung