Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 52 (24.12.1909)
- Date
- 1909-12-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 Chancen, die sie einem einwandernden Elemente bieten würden, nur die undeutlichsten Vorstellungen hatte; hauptsächlich aber war ein Hindernis das Verbot des alten Sultans. Nun eröffnet ein Irade der Regierung den Juden die Möglichkeit, im türkischen Reiche eine Zuflucht zu finden. In der Türkei gibt und gab es nie einen Antisemitismus. Es ist der einzige Staat, in dem es bis heute keine Judenmetzeleien oder Pogroms gegeben hat. Den Juden ist in der Türkei jederzeit Luft und Licht zu materieller Entfaltung gegönnt worden. Nicht zu den Juden, sondern zu den slavischen Christen, in deren Namen Europa die Türkei so sehr bedrängte, ist der Muselmann in einen harten Gegensatz getrieben worden. Die türkischen Juden in Saloniki, in Konstantinopel, in Smyrna sind gute Vorbilder, denen die jüdischen Einwanderer in Rußland nachstreben, an denen sie den festen Rückhalt der Blutsverwandtschaft gewinnen können. Ihrer Betriebsamkeit, ihrer Entwicklung zu Wohlstand und ihrer Ueberwindung der Lebensnot wird keine Schranke gesetzt sein. Ob die Menschlichkeit allein zur Entschließung des Sultans den entscheidenden Anstoß gegeben hat, darüber stellen wir keine Reflexionen an. Aber wir verkennen nicht, daß sie von großer Staatsklugheit eingegeben ist. Die Türkei braucht notwendig den Zufluß von betriebsamem Menschenmaterial, welches — ohne ein destruktives Element im Staate zu bilden — für diesen vielmehr ein ökonomisches, gütervermehrendes Element zu sein geeignet ist. Der Türke ist bieder, treuherzig, rechtschaffen, aber er ist nicht beweglich und rührig, wie Handel und Verkehr es erheischen. Je liberaler die Türkei die jüdische Einwanderung erleichtert, desto sicherer verstärkt sie gegenüber den separatistischen slawischen, armenischen und griechischen Elementen die Grundlagen ihres eigenen Bestandes. Einige Länder des weiten osmanischen Reiches liegen fast brach und unbearbeitet und harren der Pioniere, die sie bestellen, so insbesondere Palästina und Syrien. Die Türken haben in diesem Gebiete keine nationalen Interessen — es gibt ja dort keine türkische Bevölkerung —, sondern ausschließlich solche staatlicher Natur. Diese können nur durch die Wiedergeburt der betreffenden Länder gefördert werden. Und die Juden sind das geeignetste Werkzeug, die besten Sendboten der Kultur hiezu. Sie vertreten nicht das territoriale oder Machtinteresse eines anderen Staates. Mit ihrer beispiellosen Anpassungsfähigkeit, dem orientalischen Naturell und der okzidentalen Bildung sind sie dazu berufen, die Vermittler zwischen Orient und Okzident zu werden. Dieser Erkenntnis wird sich die Türkei nicht verschliessen, welche schon jetzt nach wenigen Jahren jüdischer Kolonisation sieht, wie sich der Bodenwert Palästinas hebt, wie Einfuhr und Ausfuhr steigen. Jetzt ist dieTürkei wieder sehr umworben, aber je mehr der Kampf der Mächte um den Einfluß am Bosporus sich kompliziert, desto wichtiger wird es für die Türkei, ihre eigenen Fundamente zu stärken. Sie hat sich vom schweren Albdrücken des Absolutismus befreit, aber die schwerere Aufgabe ist, sich rechtzeitig für den Kampf zu rüsten, der ihr auf dem Gebiete der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung nicht erspart bleiben wird. Zu diesem Kampfe wird sie andere Truppen brauchen, Bataillone, die friedliche Arbeit verrichten, indem sie Gewerbe und Handel, Industrie und Verkehr in Schwung bringen, die vernachlässigte Erdscholle wieder aufiockern und erntefähig machen, die Produktion beleben, russischer Ein- und Ausfuhr eine Brücke bauen. Die Cadres dieser Friedensbataillone sind leicht zu beschaffen. Einen vielsprechenden Anfang dazu kann die Einwanderung und systematische Ansiedlung der Juden bilden. Das sind Heimatlose, die eine Heimat suchen um für sie zu arbeiten. N. Eine erfreuliche Entwicklung. (Einigung der jüdischen Arbeiterparteien.) Aus Amerika kommt die sehr erfreuliche Nachricht, daß sich die bisher gespaltenen bewußt-jüdischen Arbeiterparteien auf der IV. Jahreskonferenz der „Poale Zion“, die in New-York im „Hebrew Institute“ tagte, auf das zionistische Palästinaprogramm geeinigt haben. Ueber den Verlauf dieser bedeutsamen Konferenz liegt uns folgender Bericht vor: Nach der Eröffnungsrede des Vorsitzenden, Herrn A w r u n i n, sprachen Dr. S y r k i n und A. G o 1 d b e r g, bisherige Führer der Sozialisten-Territorialisten, über die Vereinigung der radikalen, nationaljüdischen Parteien (Sozialisten-Territorialisten und Sejmisten). Dr. Syrkins Rede gipfelte in der Erklärung, daß der von ihm selbst früher vertretene territorialistische Standpunkt Zangwills, die Juden müßten irgendwo in der Welt ein Kolonisationsgebiet suchen, auf einem Irrtum beruhe. Die historische Verknüpfung der Juden mit Palästina sei unzerstörbar. Goldberg sagte u.a.: „Die russische Revolution hat uns getrennt, die türkische Revolution aber hat uns wieder vereinigt. In den letzten Jahren sind europäische und asiatische Völker erwacht. Der Jude, der sowohl mit Europa wie auch mit Asien verbunden ist, handelt in bestem Sinne im Geiste der Zeit, wenn er seine wirkliche nationale Freiheit erstrebt“. Dr. Schit- 1 o w s k y, das geistige Haupt der sogenannten „Sejmisten“ (die eine politischkulturelle Autonomie für die Juden in ihren gegenwärtigen Wohnländern erstreben), erläuterte in wirkungsvoller Weise seine Entwicklung zur zionistischen Anschauung. Es sprachen dann noch die Herren Abersohn, Waldstein, der frühere Gehilfe des Prokureurs in Chicago, Leon Solotkow und das Kongreßmitglied A. Sabat. Nach Verlesung von mehreren Begrüßungen und Telegrammen (darunter auch von dem Präsidenten der zionistischen Organisation,’ David Wolffsohn, dem Leiter des Odessaer Palästinakomitees. M. Ussischkin, den Poale Zion in Oesterreich, Rußland, England und Palästina) wurde das Vereinigungsprogramm eingehend besprochen und angenommen. Es wurden dann folgende Resolutionen gefaßt:. 1. Die nationale Arbeit in den Exilländern bleibt eines der Hauptgebiete in der Parteitätigkeit. 2. Jiddisch (der deutsch-jüdische Jargon) und Hebräisch sind beide gleicherweise Sprachen des jüdischen Volkes. Ausserdem wurde beschlossen, den Namen Poale Zion in Jüdische Arbeiterpartei“ umzuwandeln und die Zentrale der Partei nach Palästina zu verlegen. Parteinachrichten. Mitteilungen des Bureaus des IX. Zionistenkongresses. Während der Dauer des Kongresses befindet sich im Kongreßgebäude ein unter der Aufsicht des Hamburger Oberrabbinats stehendes Restaurant. Im Interesse der Ordnung und prompten Bedienung werden für das Mittagessen Bons ausgegeben. Diese Bons sind in der Schalterhalle: Schifferhaus, Hamburg, Eckenförderstr. 32, sowie am Büffet des Restaurationssaales Wintergaten im Kongreßhaus erhältlich. Es wird höflichst gebeten, diese Bons möglichst vormittags zu lösen. Im übrigen sind Speisen ä la carte in reichhaltiger Auswahl vorrätig. Am Freitag den 24. Dezember findet im Anschluß an den Abendgottesdienst, vowie am Sonnabend den 23. Dezember, mittags l’/> Uhr, eine gemeinsame Tafel im Logenheim Hartungstr. 9/11 (in nächster Nähe der Synagoge Bornplatz) statt. (Preis pro Kuvert 3.— M). Damen und Herren, die daran teilzunehmen wünschen, wollen sich bei Herrn Dr. L. F r a n k, Altona (Elbe), Blücherstr. 17, melden. Von Sonntag den 19. Dezember ab werden Anmeldungen dazu auch am Schaltdr Schifferhaus, Eckenförderstr. 42, entgegengenommen. Wie auf den bisherigen Kongressen, wird für den Umtausch der Interimstribünenkarten, Ausgabe der Delegiertenkarten, der Karten für die anderen Veranstaltungen, der Abzeichen usw. ein Schalterdienst eröffnet. Dort werden auch das Wohnungskomitee und eine allgemeine Auskunftsstelle tätig sein. Am Sonntag denn 19. Dezember sind die Schalter von 12 Uhr mittags bis 6 Uhr auends geöffnet. Von Montag bis Donnerstag findet der Schalterdienst von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends, am Freitag bis 3'/i Uhr nachmittags und am Sonnabend den 25. Dezember, dem Vorabend der Kongreßeröffnung, von 5'/z bis 10 Uhr abends statt. Am Tage der Kongreßeröffnung sind die Schalter von 8 bis 9 Uhr vormittags geöffnet. Die Schalterhalle befindet sich im Schifferhause, Eckernförderstr. 42 I.. hinter dem Kongreßgebäude. Die Bahnhofskommission, die durch blauweiße Binden am linken Arm kenntlich sein wird, macht ausdrücklich darauf aufmerksam, daß sie, da die Eröffnungssitzung des Kongresses am Sonntag den 26. ds. Mts. bereits um 10 Uhr morgens stattfindet, ihre Tätigkeit am Bahnhofe am genannten Tage um 8 Uhr morgens einstellen wird. Später eintreffende Gäste können auf Abholung nicht mehr rechnen. Veranstaltungen bei Gelegenheit des IX. Zionistenkongresses. Kongreßgebäude: Konzerthaus, Hamburg (St. Pauli-Millerntorplatz), Freitag 24./12. 4 Uhr: Gottesdienst in der Gemeindesynagoge (Bornplatz). Gemeinschaftliches Abendessen im Logenheim, Hartungstr. 9/11. Anmeldungen dazu (KuverM,3—) an Herrn Dr. L. Frank, Altona, Blücherstr. 17. Sonnahend 25./12. 83/t Uhr: Gottesdienst in der Gemeindesynagoge (Bornplatz). 1 '/■< Uhr: Gemeinschaft!. Mittagessen im Logenheim (Anmeldung dazu siehe oben). Abends: Sitzungen sämtlicher Landsmannschaften usw. im Logenheim. Sonntag 26./12. 10 Uhr: Eröffnnng des Kongresses im Konzerthaus, Hamburg. 8 Uhr abds.: Schauturnen der Jüdischen Turnerschaft in der Emst-Merck- Halle des Zoologischen Gartens, Eingang Tiergartenstr. Karten dazu im Kongreßbureau und an den Schaltern, Eckernförderstr.42. Montag 27./12. 9 Uhr abds.: Konferenz der Nationalfondskommissäre im Kongreßgebäude. Dienstag 28./12. 9 Uhr abds.: Festkommers des Bundes jüdischer Korporationen und des Kartells Zionistischer Verbindungen in der Ernst-Merck-Halle des Zoologischen Gartens. Mittwoch 29./12. 9 Uhr abds.: Oeffentlicher Vortrag von Max N o r d a u: „Das Judentum im 19. und 20. Jahrhundert“ im Konventgarten, Fuhientwiete 29. (Karten zu M 4.—, 2.— und 1.— bei 1. A Böhme, Alterwall 44 und an der Abendkasse. Freitag 31,/12. 9'/j Uhr vormitt.: Hafenrundfahrt, Besichtigung der Auswandererhallen und eines Dampfers derHamburg- Amerika-Linie (auf Einladung der Hapag). Abfahrt von der St.- Pauli-Landungsbrücke. Vom 19./12. bis 30./12. findet im Kongreßgebäüde eine Ausstellung der Erzeugnisse der Kunstgewerbeschule „Bezalel“, sowie des Verbands jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina, vom 26./12. ab auch des Nationalfonds, statt. Restauration unter Aufsicht des Oberrabbinats im Wintergarten des Konzerthauses. Theestube der Frauen-Vereinigung der Zionistischen Ortsgruppe Hamburg-Altona auf der Gallerie des Wintergartens. Postamt „IX. Zionistenkongreß“ im Konzerthaus (Eingang auch Eckenförderstr.) Bureau des IX. Zionistenkongresses Hamburg, Gr. Bleichen 65 I.