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Jüdische Zeitung · 1909-12-24 · 52 (24.12.1909) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
52 (24.12.1909)
Date
1909-12-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 52 Da gibt es dann freilich über Mittel und Wege verschiedene Anschauungen, welche sich durchringen wollen und müssen. Doch über diese Kämpfe wird das Bewußtsein führen, für eine große, heilige Sache zu streiten, und das eine, unverrückbare Ziel wird ein einigendes Band für alle Delegierte des jüdischen Volkes schlingen. Wir wünschen, daß der neunte Kongreß seine Aufgabe in einer Weise durchführen möge, welche unserer Bewegung zum Heile gereichen wird. Der allmächtige antisemitische Parlamentspräsident. Man hat es bereits längst verlernt, über Vorgänge und Abstimmungen im österreichischen Parlamente überrascht zu sein; man ist ja schon lange gewöhnt, von den österreichischen Volksvertretern alles eher zu erwarten, als Konsequenz und entschiedene Vertretung irgend eines Parteiprogrammes. Was sich aber das österreichische Abgeordnetenhaus in der vorigen Woche geleistet, hat das ist selbst in den Annalen dieses wundersamen Hauses ohne Beispiel. Nach einer 80 Vs Stunden dauernden Sitzung, nach einer Obstruktion, die an Sinnlosigkeit noch alle früheren übertraf, wurde auf Anregung der Urheber dieserObstruktionen, mit deren Unterstützung und der übrigen großen Parteien, des Polenklubs, der Christlichsozialen und Sozialdemokraten zur — Ausrottung dieser Obstruktion eine ul trareaktionäre, freilich provisorische, neue Geschäftsordnung für ein Jahr votiert. Nach dem Ausspruche des Abgeordneten Dr. Eugen Lewicky „kann man nur von der Einführung des Zarismus in einem freisinnigen Parlamente“ sprechen. Die Geschäftsordnung wurde in den wichtigsten Bestimmungen auf ungesetzliche, tückische und hinterlistige Weise geändert. . . . Die Minoritäten, in erster Linie die jüdische, sind nach dieser Geschäfsordnung wehrlos. Durch diese Reform wird tatsächlich eine Tyrannei der Majorität vorbereitet. Wir werden dem Absolutismus des Präsidenten hilflos ausgeliefert sein. Der Ausschluß der Abgeordneten ist eine drakonische Bestimmung. Durch diese Bestimmung wird das konstitutionelle Recht des Volkes verletzt. Schuldig aber sind alle jene Volksvertreter, die zuerst durch Jahre mittels wüster Obstruktion das Parlament schändeten und die arbeitswilligen Abgeordneten terrorisierten oder dies alles duldeten, nun aber zitternd für ihre Mandate ihre Stimmen „für dieses Ausnahmsgesetz“ abgaben. Abg. Dr. Strauch er, hat seine Pflicht und Schuldigkeit erfüllt und gegen diese famose Geschäftsordnung gesprochen und gestimmt. Bezeichnend für die reaktionäre Färbung des österreichischen Abgeordnetenhauses ist es, daß 2 Abänderungsanträge Dr. Strauchers, betreffend die Verpflichtung des Präsidenten zur Unparteilichkeit und das Unterbleiben der Disziplinirung eines Abgeordneten, der revoziert, abgelehnt wurden, Unsere Abgeordneten haben durch ihre Abstimmung nicht nur ihre jüdischnationale Pflicht in diesem antisemitischen Abgeordnetenhause erfüllt, sondern auch ihre Pflicht gegen die Demokratie, die in diesem Hause von den großen Parteien immer vom neuem mit Füßen getreten wird. Wir waren, sind und bleiben gewiß Gegner jeder Obstruktion von „links“ und „rechts“, wir erkennen gewiß die Notwendigkeit einer Geschäftsordnungsreform an. Aber angesichts dieser „Reform“ muß man ausrufen: Medicina peior morbo. (Das Heilmittel ist verderblicher als die Krankheit.) Ein „Volkshaus“, das zuerst 2'A> Jahre mit sinnlosem Geschwätze vergeudet, das Verbrechen auf Verbrechen gegen das Volk anhäuft, um dann am Totenbette zu seiner „Gesundung“ zu diesem Ausnahmsgesetz zu greifen, ist reif zur Auflösung. Die Furcht vor der Parlamentsauflösung und vor Verlustvon M’a n d a t e n, sowie die Hoffnung auf Ministerportefeuilles Waren die Geburtshelfer der neuesten Herostratustat der „Volks“- vertreter. Einantisemitischer Präsident wird nun im österreichischen Abgeordnetenhaus unbeschränkterGebietersein und bald wird ein christlich soziales Regime aus den verschiedenen Nationalitäten das Staatsruder ergreifen. Die Chauvinisten, die Scheinliberalen und Pseudodemokraten waren wieder einmal die Schergen der Reaktion. Dr. K. Das macht, weil wir nicht ganz sind, nicht ganz sein können . . . Schließlich waren alle Lieder und Duette absolviert und der „Lumpensammler“ ging über die Szene. Das Stück ist der Titelfigur auf den Leib geschrieben. Um zu zeigen, was für ein Patentkerl dieser Lumpensammler ist, scheut der Autor vor Mord und Todschlag nicht zurück. Diebstahl, Kindesweglegung, Verläumdung, bodenlose Teufelei, engelsreine Unschuld und ritterlicher Anstand, all das zieht kaleidoskopartig vorüber und überall steht helfend und schirmend, ein Bild unwandelbaren Biedersinns der Lumpensammler. Oft mußten wir peinlich berührt unsere Häupter senken, so unglaublich und falsch-sentimental oder aufdringlich-bubenhaft erschienen uns die Vorgänge auf der Bühne. Und doch hat das Stück Schönheiten! Die eingestreuten Lieder, manche Dialoge, eine Szene, in welcher der Lumpensammler das fremde, ihm ins Haus förmlich geschneite Kind in den Armen hält und ein Wiegenlied singt — das versöhnte uns mit dem Stück und den Schauspielern und als nach der fröhlichen Schlußszene mit ihrer Lösung aller verzwickten Situationen des Stückes und der Verlobung der zwei Liebenden — die nun einmal unbedingt nötig sind — der Vorhang fiel, gehörten wir zu den am meisten Begeisterten. Nach dem Theater gingen wir zu den Künstlern, die sich in einem kleinen Kaffeehaus mit ihren Anhängern und Verehrern Rendez-vou<? geben. Nun da Schminke und Perücken' verschwunden waren, konnten wir die „Aktoren“ genau ansehen. Da ist der Leiter, ein junger Mann mit intelligenten, einnehmenden Zügen, da der Hausdichter, eine amerikanisch hergerichtete Figur, mit Yankee-doodle Manieren dort die Heroine, eine feine, zierliche Gestalt mit wunderbaren, eigentümlich sanften und tiefschwarzen Märchenaugen. Neben ihr sitzt ein junger Mann im Sammtrock, langgelockt, Dirigent und Orchester in eigener Person. Außerdem sind der dicke Sänger mit der kindischen Haltung und ein anderer Schauspieler mit eckigem knochigem Gesichte, der ein guter Charakterdarsteller sein soll, anwesend. In Gesellschaft der Künstler befinden sich die Mutter der Heroine, ein verhutzeltes altes Mütterchen, die sich scheu und hilflos an ihre Tochter lehnt, ein älterer Herr, der einst dem Chederund derjeschibah entsprungen, nun ein vollendeter und ungläubiger „Datsch“ ist und jüdische Anekdoten erzählt, ein jüngerer Herr mit langem Bart, der bedächtig sein Bier trinkt und wir, die neugierigen „wohlerfahrener Kunstkenner“. Wir sprechen mit dem Leiter. Der Mann hat künsüerischen Geschmack. Er erzählt uns, daß er in Czernowitz in Stücken von Pinski die Hauptrollen gespielt,- daß er im Sommer wieder hin zu ziehen gedenke und beklagt sich über das Wiener Publikum. „Man kann ja nichts dafür, daß das jüdische Theater in Wien zum Variete heruntersinkt; jeder hat vier, fünf Kinder; die wollen essen. Würden wir ernste gute Stücke spielen, dann hätten wir eine leere Bude und unsere Kinder einen leeren Magen. Da heißt’s also alle Ideale beiseitelegen und dem Publikum das hinwerfen, was ihm gefällt und uns Judeneinwanderung in der Türkei*). Von einem Christen. Die türkische Regierung gestattet den russischen, bulgarischen und rumänischen Juden unter denselben Bedingungen wie den Muselmanen die Einwanderung in die Türkei. Das Schicksal der Juden der in genannten Ländern ist sehr traurig und durchaus nicht beneidenswert. Sie sind Fremdlinge auf dem Boden, auf dem sie geboren, auch wenn sie auf Generationen von Vorfahren zurückblicken, die schon ansässig waren. Sie sind heimatlos und das heißt schutzlos sein. Ihr Besitz ist schwankend, ihre Erwerbsfähigkeit gefesselt, die persönliche Sicherheit unverbürgt. Indessen bereitet sich in A m e ri ka ein Stillstand der Einwanderung vor, der sich darin äußert, daß man eine Auswahl zu treffen bemüht ist, die nicht mehr ungeeignete Individuen, sondern mißliebige Kategorien zurückstoßen soll. Es ist bekannt, daß es sich dabei in allererster Linie um Verhinderung der jüdischen Einwanderung handelt, was sich übrigens in Aeußerungen amtlicher Steilen dokumentiert. Trotzdem diese Haltung der Vereinigten Staaten seit vielen Jahren feststeht, geht doch die Mehrzahl der jüdischen Auswanderung aus dem Osten Europas noch immer dorthin, und obwohl wir annehmen können, daß durch das ablehnende Verhalten des Landes der Zufluß ganz wesentlich eingedämmt worden ist, so zeigen uns nichtsdestoweniger die jährlichen Ausweise erschreckende Ziffern. Wenn man überlegt, was es heißt, daß Jahr für Jahr 50.000 bis 100.000 Juden nach einem Lande gehen, das sich seit einigen Jahren zu dieser Einwanderung nicht mehr mit der alten Sympathie verhält, so wird man sich sagen müssen, daß alles aufgeboten werden müßte, um baldigst. einen Ersatz für das bisherige Zufluchtsgebiet zu finden. Hier kann nur ein neues Amerika helfen, ein Land der Zukunft, ein großes Land, das die Hunderttausende aufnehmen kann, ohne daß — nach menschlicher Voraussicht — zu irgend einem künftigen Zeitpunkt auch hier die Tore geschlossen werden. Es will uns scheinen, daß, wie kein anderer Teil der Erde, der Orient berufen sei, diese Rolle zu spielen, aufs neue die Heimat der Juden zu werden wie im Altertum. Wenn diese Länder bisher so wenig zu ihrem Recht gekommen sind, so lag das daran, daß man über ihre Entwicklungsfähigkeit, über die *) Diese Ausführungen, die uns ein nichtjüdischer Autor einsandte, sind ein''neuerlicher, erfreulicher Beweis dafür, daß die zionistischen Bestrebungen von arischer Seite wohl verstanden und gewürdigt werden. Sie sind uns um so willkommener, als sie das hirnverbrannte Argument der Assimilanten, der Zionismus fördere den Antisemitismus, ad absurdum führen. (Anm. d. Red.) Brot gibt“. . . Er sagte das mit resignierter Stimme und blickte wie versonnen in die Ferne. Dann erzählte er von Bukarest, von seiner Mitwirkung bei zionistischen Feiern, von jüdischen Dramatikern, von Sängern, die er gehört, von Städten, die er gesehn. Wir lauschten aufmerksam. . . . Dann wandten wir uns dem Hausdichter zu. Nach einigen Fragen und Antworten entdeckte ich in ihm einen alten Bekannten. Vor Jahren trafen wir uns auf der Reise zum Wiznitzer Wunderrabbi. Inzwischen war er in Rumänien, Galizien und in Berlin gewesen. Er überreichte mir seine zwei neuen Schöpfungen, hilflose Gedichte über das Unglück des jüdischen Volkes. Tut nichts, daß sie vorläufig nicht gefeilt und schwerfällig sind! Wenn sie nur den Weg zum Volke finden werden, so feiern sie fröhliche Urständ: der ändert am Text, der an der Melodie und nach einigen Jahren sind aus solchen Gedichten Volkslieder geworden. Das eben ist das jüdische Theater der „Polnischen“. Ein Niederschlag der naiven Volkskunst. Wenn’s dem Volke besser gehen wird, so wird auch das Theater besser werden. Das Theater ist vorläufig ureigenstes Produkt des jüdischen Lebens: wenn’s auch nicht tadellos ist, man darf nicht murren. Auch das jüdische Leben läßt viel zu wünschen übrig. ... .... Spät gingen wir durch die kalte Winternacht nach Hause. Vom Himmel strahlten die Sterne, die kühle Nachtluft umfing uns und ließ uns die Schritte beschleunigen. Innerlich war’s uns wohl zu Mute.... Moses W a 1 d m a n n.

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