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Jüdische Zeitung · 1909-12-17 · 51 (17.12.1909) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
51 (17.12.1909)
Date
1909-12-17
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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ty-. 5} JÜDISCHE 2E.ITUNG. Seite 5 bloß eine Vorstufe des Jenseits sei. In gewissem Sinne sei das jenseits wieder entschwunden durch Einführung der messianischen Hoffnungsidee, wodurch die alte „massive Irdischkeit“ des jüdischen Glaubens erhalten blieb. - Alle Segnungen Gottes spien Segnungen des irdischen Lebenswandels und der,.;Gehorsam gegen das Gesetz die spezifische Form der Hingabe an Gott- Das bilde das für die Wirkung der Religion entscheidende Moment, denn es schließe die Rationalisierung des gesamten Handelns und Denkens ein. Das gesamte Handeln von früh und spät solle unter dem Gesichtspunkte des Gottesgedankens geregelt werden, wodurch das unmittelbare Triebhafte unter eine unausgesetzte Ueberwachung, Beschränkung, Unterdrückung gestellt werde. So komme in das Dasein eine, wie Max Weber es ausdrückt, „innerweltliche Askese“ hinein, die nicht hinausführt aus dem Leben, sondern im Leben selbst sich betätigt. Das gelte vor allem für das ethische Gebiet und auf diesem namentlich für die Sexualempfindungen, die der strengsten Kontrolle unterworfen werden. Unkeuschheit sei eine der drei Todsünden — neben Götzendienst und Mord. Ein Teil dieser Ideen sei auch in das christliche Leben hineingekommen. Hierin liege die Verwandtschaft der jüdischen Religion mit dem Puritanismus. Ein so strenges Gesetz habe nun das Wirtschaftsleben zunächst dadurch beeinflußt, daß es die Tugenden entwickelte, die zu der bürgerlichen Wohlanständigkeit gerechnet werden, wie Ordnungsliebe, Fleiß, Nüchternheit, Sparsamkeit. Andererseits erzeugte es Verachtung gegen alle, die anderen Sinnes sind. Doch die genannten Tugenden seien nicht spezifisch jüdisch, wenn sie auch durch die jüdische Religion versteift würden. Sie fänden sich überall da, wo die ökonomischen Vorbedingungen vorhanden sind, bei den Zünften, hinter dem Ladentische. Sie seien die Moral des tugendhaften Gewürzkrämers. Eine größere Bedeutung gewinne die „innerweltliche Askese“ durch die Eindämmung der Erotik, wodurch Energien gebunden würden, die, wenn sie frei werden, Außerordentliches zu leisten imstande seien, und diese freigewordene Vitalität habe sich-beim Judentum im Wirtschaftsleben betätigt, weil ihr andere Gebiete verschlossen waren. So wurde denn das gesamte Wirtschaftsleben mit dem von der Religion hergehaltenen Rationalismus durchsetzt. Dazu kam, daß bei den frommen Juden durch die Formulierung des Segens Gottes die Vorstellung sich als selbstverständlich ergeben habe, daß das Streben nach Reichtum zu den gottgefälligen Handlungsweisen gehört. Die wenigen Stellen bei den Rabbinen, wo Armut gepredigt wird, kämen gegenüber der Thora nicht in Betracht. Die jüdische Religion heische im gewissen Sinne das Reichwerden, während das Christentum im Mittelalter immer wieder gepredigt habe, daß „eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher in den Himmel käme“. Noch das Luthertum schwankte zwischen der Verherrlichung des Reichtums und der Armut; erst Calvin machte der Lobpreisung der Armut ein Ende. Das Seltsamste aber sei, daß der Segen Gottes den Reichtum geradezu in kapitalistischer Form verheiße. Im Deuterononium Kap. 15, Vers l) heißt es: „Der Herr, Dein Gott, wird Dich segnen, wie er Dir geredet hat; so wirst Du vielen Völkern leihen und Du wirst von Niemanden leihen“. Und es sei eine höchst bemerkenswerte Tatsache, daß die Gewerbefreiheit „talmudoffiziös“ ist. Es gebe verschiedene Stellen im Talmud, die dann von der Gemara und dem Schulchan Aruch erläutert werden, in denen Stellung genommen wird gegen die damals im Erwerbsleben herrschende Idee der Nichtkonkurrenz. Im Talmud seien auch bereits die Keime von der Lehre des produktiven Zinses zu finden, ebenso die Grundzüge der modernen Währungslehre. Auch die gegensätzliche Stellung der Juden zu den Fremden im geschäftlichen Gebaren sei von der Religion direkt gefördert worden, denn unter Stammesgenossen sei das Zinsnehmen verboten, hingegen der Wucher und rationalistische Geschäftspraktik gegenüber Fremden durch die Religion geschärft worden. — Er habe, so beschloß Prof. Sombart, bei seinen Vorträgen mit bestem Wissen und Gewissen geforscht, Niemandem zu Liebe und Niemandem zu Leide sprechen wollen; von einer Ausschöpfung des riesengroßen Problems könne keine Rede sein, doch glaube er, die Fragen so gestellt zu haben, daß sie befruchtend weiter wirken würden. Es sei keine Einbildung von ihm, wenn er sage, daß von diesen seinen Untersuchungen her, die er in Buchform herauszugeben gedenkt, eine neue Epoche der jüdischen Wirtschaftsgeschichte datieren werde. * * * Ein Pionnier. Aaronsohn, der Entdecker des Urweizens, plant bekanntlich die Errichlung der von Warburg vorgeschlagenen landwirtschaftlichen Versuchsstation in Palästina. Zur Vorbereitung derselben hat er in letzter Zeit große Studienreisen in Nordafrika und Nordamerika gemacht. Nachdem die Entdeckung des Urweizens deshalb von so hoher Bedeutung ist, weil durch ihn bisher trockene, wasserlose Gegenden urbar gegemacht werden konnten, bot ihm die Universität von Kalifornien eine bedeutende Stellung in ihrer landwirtschaftlichen Abteilung an und stellte ihm nicht weniger als eine halbe Million Dollar, dass sind 2*/» Millionen Kronen zu Versuchszwecken zur Verfügung. (Der Boden Kaliforniens ist ienem von Palästina ähnlich.) Diese Proposition ist jewiß eine solche, wie sie noch kaum einem Manne der Wissenschaft gemacht wurde. Aber der Kolonistensohn aus Sichron Jakob schlug dies Anerbieten aus und erklärte, sein Herz und seine Arbeitskraft gehöre Palästina! Es gelang ihm, mehrere reiche Juden New-Yorks für das Projekt einer landwirtschaftlichen Versuchsstation zu interessieren. Daniel Guggenheim und Jakob H. Schiff sollen je 25.000 Dollars (125.000 Kronen) für die Errichtung der Station und ihre Erhaltung durch mehrere Jahre gespendet haben. Mit großer Freude verzeichnen wir diese Nachricht. An dem Beispiele Aaronsohn zeigt sich, wie der Zionismus nicht nur kulturfördernd im allgemeinen wirkt, sondern wie er auch nene jüdische Menschen schafft. Nirgends tritt dies so klar zu Tage, wie im Falle Aaronsohn. Seine Eltern zogen als begeisterte Pionniere der jüdischen Kolonisation nach Palästina, ihr Sohn, aufgewachsen auf ihrem Felde zu Sichron Jakob, widmet sich in Europa agronomischen Studien, bleibt aber nicht dort und flieht nicht aus dem Judentum, wie so viele Allianceschüler aus Palästina, sondern kehrt in die Heimat zurück, wo ihm eine Entdeckung von hoher wissenschaftlicher und hervorragender praktischer Bedeutung gelingt. Es werden ihm die glänzendsten Anerbietungen gemacht — er schlägt Gold und Ehren aus und verwertet den Nutzen seiner Entdeckung wieder für die Sache der Regenerierung Palästinas durch jüdische Kolonisation. Das Beispiel Aaronsohns wird machtvoll auf die Jugend wirken und in jedem jüdischen Herzen den zionistischen Idealismus aufs neue anfachen. Es zeigt nur, wie ein modern gebildeter Jude sowohl der Wissenschaft, als dem Judentum dienen kann, daß der Zionismus in zweifacher Weise durch Regenerierung eines Landes und durch Förderung der Wissenschaft dem Kulturfortschritt dient. Die landwirtschaftliche Versuchsstation wird in kurzem bei Haiffa errichtet werden, wo auch das jüdische Technikum und das jüdische Hygienische Institut ihren Platz finden werden. Was schon Herzl in seinem „Altneuland“ prophezeit, wird allmählich zur Wirklichkeit: Haiffa, die wundervolle Stadt am Fuße des Karmels mit den prächtigen Hafen, wird das Zentrum der jüdischen Renaissancebestrebungen in Palästina. Herr Myslivec verlangt die Rückkehr biblischer Einrichtungen. Der gute Herr von Myslivec — Wie jüngst zu lesen war — Wünscht nach mosaischem Gesetz Ein Juden-Jubel Jahr — Der gute Herr von Myslivec Ist cechisch-klerikal, Drum ist das leidige Geschwätz Begreiflich und normal. Du gute, alte Bibelzeit Mit Deinem Wunderglück, Wie liegst Du doch so weit, so weit 1 Auch i c h wünsch’ Dich zurück. Herr Mose schlüge mit dem Stab Aufs Haupt des poslanec,*) Und Wasser flösse reich herab Vom Felsen Myslivec. Und Simson mit dem langen Haar, Herr Myslivec, hätt’s fein! Er schlüge die Philisterschaar Mit Eurem Backenbein! Beda Prof. Boris Schatz in Prag Seit kurzer Zeit besteht nun auch in Prag ein Bezalelverein, der sich die Schaffung eines Absatzgebietes in Böhmen für die Erzeugnisse der Jerusalemer Kunstgewerbeschule, aber auch die Stärkung des Interesses für jüdische Kunst und Kunstgewerbe zum Ziel gesetzt hat Der Verein hat eine Tätigkeit sofort in großartiger Weise durch eine Bezalelausstellung (im jüdischen Rathause) begonnen und hat das Glück gehabt, diese Ausstellung durch Prof. Boris Schatz selbst arrangieren und eröffnen lassen zu können. Prof. Schatz, der geniale Künstler und Organisator, an dessen Namen sich die schönste Tat der praktischen und kulturellen Palästinaarbeit knüpft, hat einige Tage — auf der Durchreise von Jerusalem nach Hamburg — in Prag zugebracht. Samstag sprach er :m Studentenverein „Bar-Kochba“ über die Prinzipien, die er bei seinem Werke durchgeführt hat, über die Organisation des Bezalel und über die glänzenden Erfolge, die seit dem Bestehen der Anstalt, seit anderthalb Jahren also, erzielt worden sind. Er sprach ausführlich von der Arbeitsweise, von dem Schülermaterial und besonders davon, wie die unmittelbare Anschauung der palästinensischen Natur im Zusammenhang mit der Verwertung jüdischer Formen, einen jüdischen Eigenstil schaffen. Sonntag wurde die Ausstellung eröffnet. Prof. Boris Schatz hatte sie mit einem Geschmack arrangiert, der alle einzelnen Kunstgegenstände zu einheitlicher und lebendiger Wirkung zusammenfaßte. Die Ausstellung umfaßte Teppiche, Silberfiligran-, getriebene Kupfer- und Messingarbeiten, sowie eingelegte Holzarbeiten in Damascenserart. Ganz besonders schön sind die Teppiche und die Metallarbeiten. Den ganzen Nachmittag war die Ausstellung stark besucht, besonders abends war der Festsaal drückend voll. Herr Dozent Dr J. P o 11 a k hielt eine Ansprache, in der er folgendes ausführte: „Wenn Boris Schatz, ein Mann, der nicht nur seine Kunst liebt, sondern auch von ihr wieder geliebt wird, wenn er hingeht und dieser seiner Kunst entsagt, trotzdem er Schöpferkraft in sich fühlt, dann muß es ein gewaltiges inneres Erlebnis sein, das ihn zu diesem Schritte veranlaßt hat. Doch — der echte Künstler kann gar nicht aufhören zu schaffen und Boris Schatz hat auch nicht aufgehört! Er wechselt nur das M aterial! Statt des kalten Steins bildet er jetzt J warme junge Menschenherzen.“ Redner führte dann weiter aus, welch ungeheure Bedeutung die Schöpfung des Professors Schatz für alle habe, die, besonders im Osten, vergeblich nach einer freien Zukunft ausschauen und wie revolutionierend auf das Chalukajudentum ein solches Unternehmen wirkt. Mit kaum zehn Schülern und Schülerinnen eröffnete Schatz eine kleine Spinnerei und Weberei; Knaben, die niemals einen Bleistift in der Hand gehalten hatten, unterrichtete er im Zeichnen und Modellieren, arabische Juden, die nur grobe Arbeit kannten, begannen zu hämmern und zu ziselieren und heute, nach dreieinhalb Jahren, arbeiten fast 200 Personen — darunter 50 Familienväter, die sich und die Ihrigen redlich ernähren — in sieben Abteilungen, 25 werdende Künstler in einer Kunstschule, Frauen und Mädchen im Alter von 12—50 Jahren in einer Teppichknüpferei, Männer ued Knaben in einer Abteilung für Silber- und Kupferarbeiten, Holzschnitzerei und einer Lithographieabteiiung und in nächster Zeit wird mit einer Schule für künstlerischen Messingguß begonnen werden. Das ist Anfang! — Redner betonte zum Schluß, daß es sich hier nicht um Politik handle, Prof. Schatz brachte keine Leitartikel, keine Projekte, sondern reale wirkliche Kulturarbeit, die nicht nur jeder Jude, sondern jeder menschlich Denkende fördern und unterstützen wird. Diesen Ausführungen folgte begeisterter Wiederhall. Unter stürmischem Jubel dankte in hebräischer Rede Prof. Boris Schatz, der von dem Geiste sprach, welcher an der Schule herrsche, von den Erfolgen, die er sich verspreche, von dem Interesse, das er in der ganzen Welt für den Bezalel finde. Nach einer nochmaligen Besichtigung der Ausstellung richtete Herr Dr. M a r g u 1 i e s im Namen des Proponentenkomitees an die Anwesenden die Aufforderung, dem neuen Bezalelverein als Mitglieder beizutreten. Prof. Schatz beantwortete noch ausführlich einige Fragen, die aus der Mitte des Publikums an ihn gestellt wurden. Die Ausstellung wurde auf allgemeines Verlangen auch noch Mittwoch geöffnet gehalten, da das Interesse und die Zahl der Besucher über alles Erwarten groß war. Der Verein Bezalel in Prag arbeitet auf frucht- *) cechischer Abgeordneter.

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